Der Ursprung der Welt

Ulrich Tukur
Der Ursprung der Welt

Originalausgabe = dt. Erstausgabe [geb.]: Oktober 2019 (Verlag S. Fischer)
Cover: Andreas Heilmann und Gundula Hißmann, Hamburg
304 Seiten
ISBN 978-3-10-397273-3

von Gunther Barnewald


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„Der Ursprung der Welt“ ist nicht die erste Publikation des bekannten Schauspielers Ulrich Tukur, aber es scheint seine erste im Bereich der phantastischen Literatur zu sein. Tukur erzählt die Geschichte eines Mannes aus den 30er Jahren des 21. Jahrhunderts, einer unsicheren Zeit voller Anschläge, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Schwierigkeiten, in der Europa von vielen Krisen geschüttelt wird.

Ausgerechnet das einst lebhafte und unstrukturiert wirkende Frankreich scheint im Gegensatz zum früher ‚disziplinierten‘ Deutschland durch neue Gesetze und eine konsequent eingesetzte Sicherheitstechnologie (Stichwort: Überwachungsstaat) recht stabil in der Krisenlage zu agieren, sodass der junge deutsche Protagonist Paul Goullet hierher bereist, um etwas zur Ruhe zu kommen.

Eines Tages entdeckt er auf dem Pariser Bücherflohmarkt ein altes Fotoalbum aus den 20er/30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es zeigt scheinbar ihn in der Kleidung der damaligen Zeit bei verschiedenen Aktivitäten. Hatte Paul einen Doppelgänger oder einen Vorfahren, der ihm so ähnlich sah, dass man sie für eineiige Zwillinge gehalten hätte? Oder gibt es Zeitreisen?

Paul ist fasziniert. Er kauft das Album und sucht die abgebildeten Orte in der französischen Provinz auf, die er schnell ausfindig machen kann. Dabei passiert etwas Unvorhergesehenes: Paul beginnt mit seinem Doppelgänger geistig zu verschmelzen. Er erfährt immer mehr über dessen vor allem während der Besatzungszeit der 1940er Jahre spektakuläres Leben und entdeckt ein grausames Geheimnis …

(Achtung: Ab hier folgt – notgedrungen – ein kleiner Spoiler, der aber notwendig erscheint, um eine stichhaltige Besprechung zu ermöglichen!)

Die Stärke der Erzählung liegt eindeutig in den ersten knapp 100 Seiten, welche atmosphärisch dicht, romantisch, unheimlich und mitreißend geraten sind. Vor allem die Vergangenheit wird wie von Zauberhand lebendig. Wäre es so weitergegangen, dem Autor wäre ein Meisterwerk gelungen.

Leider verlässt Tukur diesen Pfad aber bald wieder und widmet sich hauptsächlich der Beschreibung der Untaten eines Arztes, der (angelehnt an einen wahren historischen Fall, wie der Autor im Nachwort schildert) einerseits für die Résistance arbeitet und Flüchtlingen vor den Nazis zu entkommen hilft, andererseits aber viele dieser Fliehenden heimlich tötet und beraubt.

Die Figur des Serienkillers wird immer dominanter und erstickt die interessante Erzählung zugunsten unmotivierter Grausamkeiten. Dem Verfasser gelingt es nicht einmal ansatzweise, die Motivation des Arztes für seine Untaten glaubhaft zu machen. Vielleicht war Tukur daran gar nicht interessiert, jedenfalls unternimmt er keinerlei Anstrengungen, die Untaten des Arztes plausibel oder intellektuell nachvollziehbar zu gestalten. Psychose, antisoziale Persönlichkeit, Raffgier, Machtgeilheit, Narzissmus oder etwas anderes? Stattdessen werden Untaten ausgewalzt und lassen die Geschichte und vor allem die Atmosphäre immer mehr verblassen.

Dies ist sehr schade, denn gute Ansätze sind unübersehbar, der Auftakt der Geschichte einfach wunderbar. Später stellt sich beim Leser zunehmend eine Mischung aus Ekel und Langeweile ein. Es ist schwer die Erzählung zu Ende zu lesen, die den positiven Eindruck des Anfangs völlig verwischt.

Hätte der Autor sich mehr auf den Zauber seiner phantastischen Idee verlassen oder würde er wenigstens die Motivation des Arztes plausibel machen, wäre man als Leser deutlich zufriedener. So ist das Buch weder Fisch noch Fleisch, weder gute Phantastik noch psychologisch glaubwürdige Studie, sondern einfach nur eine große, verschenkte Möglichkeit.

Auch die schlussendliche Verknüpfung der beiden Leben durch familiäre Bande – Pauls Vorfahre hatte als hoher Nazifunktionär damals Kontakt zu dem mörderischen Arzt – rettet die Geschichte leider nicht mehr. Festzuhalten bleibt: Tukur ist ein guter und fähiger Erzähler, dem aber dieser Roman ziemlich misslungen ist. Schade drum!

Copyright © 2020 by Gunther Barnewald

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