Die Letzte macht das Licht aus

Bethany Clift
Die Letzte macht das Licht aus

Originaltitel: Last out at the party (2021)
Deutsche Erstausgabe [Paperback]: September 2021 (Heyne Verlag)
Übersetzung: Lilith Winter
Cover: Favoritbuero, München, unter Verwendung von Motiven von Getty Images (Fu Yi Lee, EyeEm), shutterstock.com (Eric Isselee, IR Stone, VH-studio)
463 Seiten
ISBN 978-3-453-27342-9

von Gunther Barnewald


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Die Autorin schildert im Nachwort glaubhaft, ihr sei die Idee zu dieser Geschichte 2018 während einer Reise durch England gekommen sei. In nächtlicher Einsamkeit war sie mit dem Auto angehalten und hatte sich vorgestellt, der letzte (lebende) Mensch auf Erden zu sein.

Diese Geschichte hatte sie zu schreiben begonnen und war irgendwann von der Ausbreitung der aktuellen Pandemie des Corona-Virus eingeholt worden, was sie nach und nach in die Vorgeschichte der Erzählung integrierte.

Die ‚Buch-Pandemie‘ nennt sich 6DM, was für „six days maximum“ steht und die höchste Anzahl von Tagen nennt, die man als Infizierter zu leben hat. Sie tritt erstmals 2023 in den USA auf und bedingt eine Sterbequote von nahezu 100%.

Die mittelalte (und namenlose) Protagonistin aus London findet sich bald allein in der riesigen City wieder und weiß nicht, wie ihr geschieht. Geschockt und überfordert flüchtet sie sich in die Drogensucht und taumelt tagelang durch die nahezu ausgestorbene Stadt.

Erst nach und nach kommt sie zu sich, rettet einen Golden Retriever, der sich ihr anschließt (oder ist es umgekehrt?), versucht andere Überlebende zu finden und kommt zu einer erschreckenden Erkenntnis (die hier aber nicht verraten werden soll).

Clifts Roman ist eine erzählerische Wucht, was umso erstaunlicher ist, handelt es sich hier doch um einen Debütroman. (Allerdings ist die Autorin schon etwas ‚reifer‘, was sich wohltuend bemerkbar macht.). Vor allem die bildhaften, oft auch olfaktorischen Beschreibungen zeigen, dass Clift eine Meisterin der Sinne ist, wobei sie nicht nur visuell und stilistisch überragend erzählt (Dank auch an die tolle Übersetzung von Lilith Winter), sondern auch – trotz des ausgelutschten Themas vom Untergang der menschlichen Zivilisation – eine packende Geschichte erzählt.

Die schwache/starke, sozial unbeholfene Protagonistin, deren Leben vor der Katastrophe eine Dauerkrise war – was im Verlauf der Geschichte und fast im Stil eines Kriminalromans enthüllt wird -, wächst mit ihren Aufgaben immer mehr über sich hinaus. Einzelne Grenzerfahrungen- beinahe erfriert sie in schottischen Schneewehen oder bleibt ohne Benzin im Eissturm auf einer einsamen Autobahn liegen – lassen die Frau psychisch wachsen und reifen, wobei der Leser Zeuge dieser Veränderungen wird.

Bethany Clifts Erstling gehört meiner Meinung nach zu den besten Post-Doomsday-Romanen, die ich jemals gelesen habe (siehe hierzu meine Best-of-Liste im Anhang der Besprechungen von Adrain J. Walkers Roman „Am Ende aller Zeiten“ oder Simon Stalenhags „The Electric State“).

Dies ist ein umwerfendes Buch, beängstigend, erschreckend, fulminant erzählt und nichts für schwache Nerven, ein krasser ‚Runterzieher‘, aber eine wunderprächtige Lektüre. Wer sich nicht vor deprimierenden Eindrücken fürchtet, sei „Die Letzte macht das Licht aus“ – endlich mal ein deutscher Titel, der viel besser ist als der Originaltitel ist – ans Herz gelegt. Möglicherweise ein Meisterwerk, vergleichbar zum Beispiel mit Emily St. John Mandels grandiosem Roman „Das Licht der letzten Tage“, weil ähnlich bitter-süß und melancholisch.

Copyright © 2021 by Gunther Barnewald

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Das Licht der letzten Tage

Things from the Flood

The Last Day

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