Shirker

Chad Taylor
Shirker

Originaltitel: Shirker (Edinburgh : Canongate Books Ltd. 2000)
Übersetzung: Chris Hirte
Deutsche Erstausgabe: Januar 2002 (Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv premium 24289)
272 S.
SBN-10: 3-423-24289-2
Neuausgabe: Juni 2003 (Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv 20632)
272 S.
ISBN-13: 978-3-423-20632-7

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Das geschieht:

Im Beruf ziemlich erfolglos, privat einsam und vom Leben ziemlich gelangweilt: Der freiberufliche Anlageberater Ellerslie Penrose aus der neuseeländischen Großstadt Auckland greift auf der Suche nach einem Grund, morgens das Bett zu verlassen, nach jedem Strohhalm, weshalb er sich quasi zwangsläufig von einem Rätsel faszinieren lässt. Als Penrose eines Morgens zufällig Zeuge eines Mordes wird, kann er sich des zwanghaften Impulses, sich an den Tatort zu schleichen, nicht erwehren. Er wird erwischt und gilt nun als verdächtig.

Die Polizei – hier verkörpert vom misstrauischen Detective Tangiers – wäre noch weitaus unfreundlicher, wüsste sie, dass Penrose die Brieftasche des Opfers an sich genommen hat. Er ist zunehmend fasziniert von diesem fremden, so gewaltsam geendeten Leben des Antiquitätenhändlers Tad Ash, und beginnt dessen letzte Tage zu rekonstruieren.

Dabei trifft er zu seinem Schrecken auf das exakte Ebenbild des Toten: Dede Ash war der Geschäftspartner seines Zwillingsbruders und weiß von dessen letzter Neuerwerbung. Das Tagebuch des Engländers Parker ist ein verstörendes Werk, beschreibt es doch den Lebensgang eines Mannes, der von sich behauptet, vor mehr als einem Jahrhundert dem Tod ein Schnippchen geschlagen zu haben. Seither zieht er als ewig Achtzehnjähriger durch die Welt. Dabei bringt er jene um, die ihm seiner Meinung nach Unrecht tun oder ihn verfolgen.

Penrose begreift nicht, dass ihn sein Eifer auf die Spur eines vielleicht wahnsinnigen, auf jeden Fall aber gefährlichen Mannes bringt, dem es gar nicht gefällt entlarvt zu werden. Während Parker ein Mysterium bleibt, ist seine Mordlust überaus real. Penrose erfährt, wieso das Objekt seines Interesses so lange leben konnte, aber dieses Wissen wird er wahrscheinlich mit in sein Grab nehmen …

Reiz des Flüchtigen

Die Kombination zweier Genres – hier Krimi und Phantastik – ist in der Trivialliteratur nicht so selten, wie man eventuell vermutet. „Shirker“ ist aber eindeutig mehr als reine Unterhaltung. Bereits der Titel verrät – dazu Näheres weiter unten -, dass es hier weniger um den Serienmörder Parker als um den orientierungslosen Penrose geht.

Deutliche Hinweise auf ‚richtige‘ Literatur sind auch: die nonchalante Ignorierung einer ‚logischen‘ Erklärung für Parkers Unsterblichkeit – sie wird schlicht als Kraftakt eines in die Enge getriebenen Geistes interpretiert; die ausführliche Schilderung alltäglicher Verrichtungen; der (manchmal leicht holzhammerhafte) Einsatz symbolhafter Schauplätze und Ereignisse; der Verzicht auf eine Auflösung, die alle Handlungsfäden zu einem Finalknoten schürzt.

Penrose ist als Detektiv ein Dilettant, der mehr durch Zufall als durch Planung seinem Ziel entgegentaumelt. Auch die Polizei glänzt in Sachen kriminalistischer Aufklärungsarbeit durch Abwesenheit. Gerade diese Unfähigkeit ergibt Sinn, denn sie passt zu einer Geschichte, die sich nie wirklich realistisch wirkt – oder wirken möchte.

Leben und Tod als traurige Einheit

Davon sollte man sich von der Lektüre nicht abhalten lassen. „Shirker“ entwickelt schon nach wenigen Seiten einen ganz eigenen Sog. Penroses Einsamkeit, seine Neugier, als sich eine Chance bietet, aus einem hohlen Leben auszubrechen, die fatalen Folgen seiner Jagd nach dem mysteriösen Parker, der nur einmal persönlich auftritt, durch seine kryptischen Tagebucheintragungen aber ständig über der Handlung schwebt, weshalb der Leser ebenso gespannt auf ihn wartet wie der arme Penrose: Alles das wird in knappen Sätzen und kargen Worten eindringlich beschrieben.

Wobei Auckland als Schauplatz keine Rolle spielt; diese Geschichte könnte sich in jeder anderen größeren Stadt dieser Welt ereignen. Taylor kommt es primär auf den Aspekt der urbanen Entfremdung an, die sich auf dieser globalisierten Erde als überall bekanntes Phänomen erwiesen hat. Verloren zu sein unter unzähligen Menschen – das ist sicherlich ein Bild, das seine erschreckende Anziehungskraft nie verlieren wird.

Ellerslie Penrose ist der „shirker“ – ein Mann, der sich Stück für Stück aus seinem alten Leben stiehlt, sich vor ihm verbirgt, weil er es nicht mehr ertragen kann. Seine Existenz als Vermittler gut bezahlten, aber eigentlich unwichtigen Wissens füllt ihn nicht aus, er haust in seinem Büro, das wiederum in einem fast verlassenen Hochhaus in einem abgelegenen Winkel von Auckland steht. Privat sieht es kaum besser aus; es gibt eine Gelegenheitsgeliebte namens Wilhelmina, die aber bereits signalisiert, dass sie das Land und Penrose zu verlassen gedenkt.

Das Böse ist manchmal besser als der Alltag

Eine Alternative zu dieser trüben Existenz kennt Penrose nicht. Das ist der Grund, wieso er sich fast erleichtert auf das Parker-Rätsel stürzt: Wieder einmal drückt er sich vor einer Entscheidung und lässt sich treiben. Dieses Mal hat er sich freilich einer Strömung anvertraut, die ihn direkt in den Abgrund werfen, doch immerhin wieder loslassen wird.

Parker, der unheimliche Verfasser des ominösen Tagebuchs, ist objektiv betrachtet mindestens ebenso Opfer wie Täter, von seiner verständnislosen und grausamen Umwelt zum Verbrecher quasi erzogen. Dass er sich als ausnehmend guter Schüler erweist, mindert nicht wirklich seine inneren Qualen. Das Ergebnis: ein monströser, wirklich Angst einjagender Charakter, den Verfasser Taylor vorzüglich zu vermitteln weiß, indem er Parker wie schon erwähnt bis auf kurzen ‚Gastauftritt‘ nie persönlich auftreten, sondern nur durch sein Tagebuch sprechen lässt.

„Shirker“ ist kein Lesefutter, sondern – wenn man sich denn darauf einlassen mag – etwas Besseres: eine starke Geschichte, die zügig, spannend und stimmungsstark über die Gesamtdistanz erzählt wird und eine angenehme Abwechslung zum Psychothriller-Einerlei bietet, das allmonatlich über die Verkaufstische deutscher Kettenbuchhandlungen erbrochen wird.

Autor

Chad Taylor wurde 1964 in Auckland geboren, wo er auch aufgewachsen ist und heute weiterhin lebt. In der „heimlichen Hauptstadt“ Neuseelands spielen auch die meisten seiner Kurzgeschichten und Romane.

Taylor studierte Kunst an der Elam Fine Ars University of Auckland, was sicherlich seine symbolstarke Bildsprache erklärt, die u. a. an die Filme von David Lynch erinnert. Außerdem mischt der Verfasser gern diverse Genres und siedelt seine Erzählungen, die um die Brüchigkeit der modernen Realität und menschlichen Identität kreisen, im Krimi, in der Science Fiction oder im Liebesroman an, um dann freilich mit diesen Formen zu arbeiten, sie in den Dienst der Handlung zu zwingen statt umgekehrt, wie es den ‚richtigen‘ Genreautoren allzu oft unterläuft.

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