The Electric State

Simon Stålenhag
The Electric State
Ein illustrierter Roman

Originaltitel: Passagen (2017).
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2019 (FISCHER/Tor Verlag)
Übersetzung: Stefan Pluschkat
Cover: Guter Punkt, München (unter Verwendung von Illustrationen des Verfassers)
141 Seiten
ISBN 978-3-596-70379-1

von Gunther Barnewald


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Der sogenannte „Post-Doomsday“-Roman ist ein klassisches Sujets der Science Fiction (siehe die Liste der ‚subjektiven‘ Literaturempfehlungen am Ende dieser Besprechung). Weil der „doomsday“ (= Weltuntergang) meist als Untergang der modernen Zivilisation definiert wird, beschreiben diese Geschichten die Zeit nach dem Zusammenbruch, wobei die Existenz der menschlichen Zivilisation unter erschwerten Bedingungen im Mittelpunkt steht.

Simon Stålenhag hat seiner Version der Apokalypse vor allem grafisch gestaltet. Zahlreiche Bilder begleiten eine Geschichte, die sich auf 40-50 Buchseiten beschränkt. Wer gern länger am Text verweilt, dürfte enttäuscht sein, denn mehr als 1-2 Stunden Lesevergnügen sind nicht drin.

Ungeachtet solcher Kürze erzählt Stålenhag atmosphärisch ungemein dicht und unter Verzicht auf die chronologische Reihenfolge der Ereignisse. Das macht es schwer zu verstehen, was eigentlich geschieht. Erst das Ende klärt den Leser auf. So will es Stålenhag (weshalb es schade ist, dass der Klappentext so viel verrät).

Reichen die zarten Andeutungen einer Jesusgeschichte wirklich aus, um den Plot zu begreifen? Sehr dezent spricht es der Autor nur einmal und kurz an, aber Michelles Bruder ist… nun, ich will hier nicht noch mehr spoilern; sondern jenen Lesern auf die Sprünge helfen, denen es entgangen ist. Vielleicht muss man noch einmal nachlesen, wer der „Vater“ des Jungen ist! (Warum spielt die Handlung 1997? Die Originalausgabe wurde 2017 in Schweden veröffentlicht. Befremdlich wirkt die Technik einer vermeintlichen Parallelwelt mit ihren an riesige VR-Brillen erinnernden ‚Helmen‘.)

Absolutes Highlight sind jedoch die frappierenden, in wunderbares Licht getauchten Bilder des Autors, die der zerfallenden Zivilisation dieser Alternativwelt ein schaurig-schönes Image geben. Allein für sie lohnt sich die Anschaffung dieses Bandes, der ein gelungenes Gesamtkunstwerk darstellt.

Insgesamt ist dieses Buch ein Gesamtkunstwerk; eine Einheit aus tollen Bildern und einer erschütternden Erzählung, die den Leser trotz ihrer Vieldeutigkeit in den Bann zu schlagen vermag. Wer Philip E. Highs Klassiker „Reality Forbidden“ (dt. „Verbotene Wirklichkeit“, siehe unten) mochte, wird auch diese Welt schätzen. Auch wenn das Ende offen bleibt, dürften alle Fans morbider Endzeitstimmungen begeistert sein.

30 empfehlenswerte „Post-Doomsday“-Romane (in alphabetischer Reihenfolge)

01) James Graham Ballard: Welt in Flammen (auch: Die Dürre)
02) James Graham Ballard: Karneval der Alligatoren
03) James Graham Ballard: Kristallwelt
(alle zusammen auch als: James Graham Ballard: Zeit endet)
04) Algis Budrys: Einige werden überleben
05) Jeff Carlson: Nano
06) Jeff Carlson: Plasma
(Der letzte Band der Trilogie unter dem Titel Infekt ist allerdings so grottenschlecht, dass er hier nicht empfohlen werden kann!)
07) David Chippers: Zeit der Wanderungen
08) John Christopher: Das Tal des Lebens
09) John Christopher: Leere Welt
10) Michael G. Coney: Eiskinder
11) Arnold Federbush: Eis
12) Dmitry Glukhovsky: Metro 2033
13) Philip E. High: Verbotene Wirklichkeit
14) Sterling E. Lanier: Hieros Reise
15) Sterling E. Lanier: Der unvergessene Hiero
16) Emily St. John Mandel: Das Licht der letzten Tage
17) Richard Matheson: Ich bin Legende
18) Cormac McCarthy: Die Straße
19) Jack McDevitt: Die ewige Straße
20) Harold Mead: Marys Land
21) Walter M. Miller: Lobgesang auf Leibowitz
22) Sterling Noel: Die fünfte Eiszeit
23) Friedrich Scholz: Nach dem Ende
24) Arthur Sellings: Schrottwelt
25) Robert Silverberg: Die Stadt unter dem Eis
26) George R. Stewart: Leben ohne Ende
27) Hans Wörner: Wir fanden Menschen
28) John Wyndham: Die Triffids
29) Georg Zauner: Die Enkel der Raketenbauer
30) Georg Zauner: Der verbotene Kontinent

Die Auswahl ist subjektiv, weshalb Klassiker (von Ward Moore oder Carl Amery) hier fehlen, weil sie dem Rezensenten allzu unzugänglich erschienen. Dennoch dürfte diese Auswahl die Mehrheit der großen Klassiker des „Post-Doomsday“-Genres. (Natürlich gibt es noch andere lesenswerte Romane, u. a. von Zelazny, Dick, McIntosh oder Yancey.)

Ein besonderer Hinweis an dieser Stelle noch auf Mordecai Roshwalds „Das Ultimatum“. Die Handlung spielt allerdings komplett in einem Bunker, weshalb dieses Werk abweicht von den oben gelisteten Titeln. Es gehört jedoch zu den empfehlenswerten Büchern gehört – ähnlich wie der (wohl nicht zu verfilmende) Roman „Dunkles Universum“ von Daniel F. Galouye, der über eine Menschheit schreibt, die sich nach einer Katastrophe in lichtlose unterirdische Höhlen geflüchtet hat und deren Mitglieder sich inzwischen wie Fledermäuse akustisch orientieren können. In beiden Romanen entfällt die Erkundung einer zerstörten Welt, die anderen „Post-Doomsday“-Geschichten ihren morbid-romantischen Charme verleiht.

Copyright © 2019 by Gunther Barnewald

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