Selkirks Insel

Diana Souhami
Selkirks Insel
Die wahre Geschichte von Robinson Crusoe

Originaltitel: Selkirk’s Island (London : Orion Publishing Group Ltd. 2001)
Übersetzung: Giovanni u. Ditta Bandini
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2002 (Goldmann Verlag)
252 S.
ISBN 3-442-30885-2
Neuausgabe: Januar 2004 (Goldmann Verlag/TB-Nr. 15262)
252 S.
ISBN-13: 978-3-442-15262-9

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Inhalt

Im frühen 18. Jahrhundert herrscht Krieg zwischen England und Spanien. Auch auf den Weltmeeren wird gekämpft. Mittel- und Südamerika sowie die Südsee und die Karibik befinden sich fest in spanischer Hand. Der katholische König lässt gewaltige Gold- und Silbermengen aus seinen Kolonien pressen. Die schwer beladenen Schatzschiffe stechen den Engländern begehrlich ins Auge. Mit königlicher Billigung werden Kaperschiffe ausgerüstet, die den dickbäuchigen Galeonen entlang der südamerikanischen Küsten auflauern.

Zu ihnen gehört im Jahre 1704 die „Cinque Ports“. Sie gehört zu einem Verbund von zwei Schiffen unter dem Kommando des Abenteurers William Dampier. Steuermann Alexander Selkirk, ein junger Schotte und ein grober, jähzorniger Mensch, gerät hart mit Thomas Stradling, dem Kapitän der „Cinque Ports“, aneinander, als sich die schlecht vorbereitete Kaperfahrt als Desaster erweist. Stradling macht kurzen Prozess mit dem Meuterer. Er setzt Selkirk im September 1704 auf einer einsamen Insel aus – ein seinerzeit nicht ungebräuchliches Verfahren. San Fernando liegt mehr als 600 km vor der chilenischen Westküste im Pazifik.

Selkirk erlebt seine erste Zeit auf San Fernando im Schockzustand. Mit bescheidener Ausrüstung ist er völlig auf sich gestellt. Bald setzt sich der Lebenshaltungstrieb durch. Der einsame Mann stellt sich der wilden, aber nicht lebensfeindlichen Umfeld, indem er sich ihr nach und nach anpasst, statt sich gegen sie zu stellen. Vier Jahre und vier Monate überlebt Selkirk auf seiner Insel. Im Februar 1709 wird er vom Segler „Duke“ entdeckt und gerettet.

Erst 1711 kehrt Selkirk zurück nach England und nimmt sein Leben wieder auf. Seine niedergeschriebene Geschichte sichert ihm eine gewisse Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Seefahrt bleibt er verbunden; trotz seiner Leiden zieht es ihn weiterhin in ferne Länder, wo er sein Glück sucht. Als er 1721 stirbt, geschieht dies auf einer Reise vor der afrikanischen Küste.

Selkirk und Robinson

Immerhin kann Selkirk noch erleben, wie seine Geschichte sich in unsterbliche Literatur verwandelt: Sie dient dem Schriftsteller Daniel Defoe (1660-1731) als Vorlage für seinen Roman „Robinson Crusoe“ (1719). Ob sich Verfasser und Vorbild jemals persönlich getroffen haben, wird angenommen, ist aber nicht belegt.

Selkirks Biografie, die sich verständlicherweise auf jene vier Jahre und vier Monate konzentriert, die er auf ‚seiner‘ Insel hauste, ist hinter Defoes Roman lange verschwunden. Diana Souhami ist nicht die erste, die sich bemüht, die Wahrheit hinter der Legende zu rekonstruieren. Die Autorin ist aber tiefer als ihre Vorgänger in die Archive der seefahrenden Welt hinabgestiegen und hat alte Logbücher, Berichte, Akten usw. gelesen und ausgewertet.

Wiedererstanden ist auf diese Weise nicht nur die wahre Geschichte des Alexander Selkirk. Souhami entwirft ein Panorama des Seelebens um 1700, das wiederum einen wichtigen Aspekt des historischen Alltags mit seinen heute exotisch, ja barbarisch anmutenden Gesetzen und Regeln, Sitten und Bräuchen darstellt.

Die Schrecken der Einsamkeit

Diese versunkene Welt wird nicht in sämtlichen angelesenen Details vor uns ausgebreitet (oder breitgetreten). Souhami hat ihren Stoff im Griff und verfügt über die Selbstdisziplin mit den Fakten zu arbeiten. Sie wählt aus, interpretiert, wertet, führt ihre Leser straff durch die Geschichte. Die Chronologie ist eine grobe, Zeitsprünge kommen vor. Kurze Kapitel werfen Schlaglichter auf manchmal fremd wirkende Aspekte. Insgesamt fügen sie sich zum Gesamtbild: Selkirks Welt.

Das Kernstück der Darstellung bilden natürlich Selkirks Inseljahre. Ein Leben als ‚Aussteiger‘ direkt am Busen der Natur hatte für den Zeitgenossen rein gar nichts Lockenswertes an sich. Die Wildnis hieß nicht umsonst so; sie galt als erschreckender Ort, den es zu „zähmen“ und zu „kultivieren“ galt, bevor er menschenwürdig wurde. Dabei ermöglichten ein mildes Klima, Wasser, essbare Pflanzen und Tiere Selkirk durchaus ein erträgliches Auskommen. Souhami beschreibt die Insel und ihre Bewohner und vermittelt uns ein anschauliches Bild dieser exotischen Pazifikwelt.

Über die Jahrhunderte problemlos nachvollziehbar sind Selkirks Einsamkeit und Ängste. Ein Mensch wird buchstäblich mutterseelenallein ausgesetzt und muss mit seiner fremden Umwelt, aber auch mit sich selbst leben. Diesen schwierigen Prozess fasst Souhami in Worte, die den Rahmen eines Sachbuches sicherlich verlassen und ins Romanhafte spielen. Selkirk selbst hat sich über sein Innenlebens während des Exils nur ansatzweise bzw. mit dem Pathos seiner Zeit geäußert, so dass hier Vermutungen wohl statthaft sind.

Kein Held, sondern ein Überlebender

Auf jeden Fall ist Souhami zuzustimmen, die in Selkirk einen rauen, schurkenhaften und dadurch auch unempfindlichen und lebenstüchtigen Zeitgenossen sieht, der ganz sicher nicht wie sein geistvolles Spiegelbild Robinson Crusoe hochmoralischen Gedanken nachhängt. Er verfügt nicht über den entsprechenden Intellekt und es bleibt ihm schlicht auch keine Zeit dafür in seinem Überlebenskampf. (Außerdem fällt Robinson nicht sexuell ausgehungert über die Ziegen seiner Insel her, wie Souhami es Selkirk unterstellt …)

Die Autorin rekonstruiert auch Selkirks Leben nach dem Inselaufenthalt. Die Rückkehr in die Zivilisation ist gleichzeitig das Aufleben alter Schwierigkeiten. Seine Charakterfehler hat Selkirk keineswegs überwunden. Rasch verwandelt er sich zurück in einen rauen, rücksichtslosen Gesellen, der alles vergisst, was er auf seiner Insel gelernt haben könnte. Sein Ende ist ebenso zeittypisch wie banal; ein Happy-End gibt es nicht.

Ein letztes Kapitel beschreibt den Souhamis Besuch auf der heutigen Insel San Fernando, die aus touristischen Gründen in „Robinson-Insel“ umgetauft wurde. Viel gibt es nicht mehr zu sehen von Selkirks Insel, die sich in drei Jahrhunderten stark verändert hat. Nie siedelten viele Menschen auf der Insel, doch sie haben diese nach Menschenart ‚kultiviert‘, d. h. die einzigartige Fauna und Flora nach Kräften ausgebeutet und zerstört. Erst seit wenigen Jahren ist Selkirks Insel, die zu einem wirklich ungastlichen Ort geworden war, naturgeschützt, was der Autorin Gelegenheit zu allerlei philosophischen Exkursen über die menschliche Natur gibt, die sich aber überspringen lassen, was wodurch sich der positive Eindruck, den die Lektüre bisher hinterlassen hat, gewahrt bleibt..

Autorin

Die 1940 geborene Britin Diana Souhami ist eine überaus aktive Schriftstellerin, die Theaterstücke und Drehbücher für Radio und Fernsehen verfasst. Darüber hinaus wurde sie durch zahlreiche, von der Kritik hoch gelobten Bücher bekannt. Männliche und weibliche Homosexualität ist das Kernthema ihres Schaffens. „The Trials of Radclyffe Hall“ wurde für den „James Tait Black Prize for Biography“ vorgeschlagen und gewann in den USA einen „Lambda Literary Award“.Auch „Mrs. Keppel and Her Daughter“, „Greta and Cecil““ „Gluck: Her Biography“ sowie das auch auf deutsch erschienene „Gertrude Stein und Alice B. Toklas. Zwei Leben – eine Biografie“ wurden Erfolge. Für „Selkirks Insel“ erhielt Diana Souhami 2001 den renommierten britischen „Whitbread“-Preis in der Kategorie „beste Biografie“. Zu ihren jüngeren Werken gehört ein „True-Crime“-Bericht über Dagmar Petrzywalsi, die am Halloweentag 1946 in der Grafschaft Kent ermordet wurde.

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