Peking – Zehn Gesichter einer Stadt

pekingJi’an, Liang Yi, Liu Wei, Nie Jun, Cheng Cheng, Jian Yi, Zou Jian, Lu Ming, Song Yng, Wang Huan
Peking – Zehn Gesichter einer Stadt

(sfbentry)
Peking, China/Frankreich, 2008
Tokyopop, Hamburg, 11/2009
PB mit Klappbroschur, vollfarbiger Manhua, Drama
ISBN 978-3-86719-738-0
Aus dem Französischen von Thomas Schöner, ursprüngliche
Übersetzung aus dem Chinesischen von N. N.
Titelbild und einige Illustrationen von Benjamin, Zeichnungen und
weitere Illustrationen von den oben genannten Künstlern
Mit einem Vorwort der China-Expertin Francoise Hauser und einem Nachwort von Benjamin

www.tokyopop.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Im Jahr 2008 fanden die Olympischen Sommerspiele in Peking statt. Das gab China die Möglichkeit, seinen schlechten Ruf in der Weltöffentlichkeit ein wenig zu verbessern und dem Westen zu beweisen, dass man in der Moderne angekommen und nicht länger ein Entwicklungsland war. Aus diesem Grund sorgte man an den Sportstätten, vor allem aber in Peking, dafür, dass sich diese Orte in ihrem besten Licht präsentierten. Dass dafür über Jahrhunderte und Jahrzehnte gewachsene Strukturen zerstört wurden und viele arme Einwohner darunter leiden mussten, nahm man in Kauf. Zwar gelang es China, sich wunschgemäß zu präsentieren, aber nicht nur die Journalisten aus aller Herren Ländern stellten fest, das vieles davon nur Fassade war, und äußerten sich kritisch; auch junge Künstler zeigten in anrührenden und dramatischen Geschichten, dass hinter den Kulissen ganz andere Dinge geschehen sind

Eine solche Sammlung ist „Peking – Zehn Gesichter einer Stadt“, die das in Bildern festhalten, was in den Jahren zwischen der Ernennung von Peking zum nächsten Austragungsort der Olympischen Spiele und der Ausführung geschehen ist, welche Veränderungen vor allem die Millionenstadt und ihre Bewohner in Kauf nehmen mussten. „Nicht sehr zivilisierte Pekinger“ leben traditionsgemäß in den Hutongs, den bereits seit Hunderten von Jahren bestehenden Vierteln mit den Wohnhöfen, die zwar eine Anbindung an die Straßen besitzen, aber den Menschen auch ein wenig Privatsphäre gönnen. Vor allem die Alten möchten die Freiheiten nicht aufgeben, die sie dadurch besitzen – wie etwa nur mit einer Hose bekleidet durch die Gegend zu laufen, gerade wenn die Sommer wieder besonders heiß sind, während die Jungen nichts dagegen haben, in ein Appartement in einem modernen Wohnsilo umgesiedelt zu werden, wo sie fließend Wasser, warm und kalt, und endlich auch Strom haben werden. Doch was ist wirklich erstrebenswerter? Die Geschichte wirft einen Blick in die kleinen beschaulichen Welten, die fast alle Wolkenkratzern und Einkaufzentren weichen mussten.

„Der Wunschkasten“ erinnert einen dicklichen Jungen daran, dass er vor zehn Jahren selbst an den olympischen Spielen teilnehmen wollte. Doch leider hat er diesen Vorsatz vergessen. Aber ist es wirklich zu spät, damit noch anzufangen, wenigstens um sich selbst etwas zu beweisen? „Ha, ha, ha”, erinnert an einen Zeitvertreib, dem die Pekinger jetzt wieder nachgehen, nachdem ihnen dieser unter Mao verboten worden waren: sich frühmorgens im Park zu treffen und das zu tun, was ihnen Spaß macht, angefangen von dem Chor, der eine Weise zum besten gibt, bis hin zu denen, die ungerührt ihre Tai Chi-Übungen durchführen oder einfach nur miteinander plaudern – eine lebendige Geselligkeit, die den Tag noch ein wenig lebenswerter macht. Weil ihm das Wasser nicht gefällt und die Teilnahmegebühren zu teuer sind, findet ein Großvater einen anderen Weg, um seiner Enkelin das Schwimmen beizubringen. Und schon bald bekommt die Phantasie beider Flügel.

Auch wenn man es nicht vermutet, sind Tischtennis, Kampfsport und ganz normale Leibesübungen die Sportarten, die von den meisten Chinesen ausgeführt werden. Aus diesem Grund schildert die Geschichte auch den Weg eines jungen Talents, das hofft, in nicht all zu ferner Zukunft auch an internationalen Wettkämpfen und vielleicht sogar den Olympischen Spielen teilnehmen zu können. Dann zerstört ein Unfall all seine Hoffnungen. Der junge Mann verzweifelt immer mehr und glaubt, er sei nutzlos, bis ihm ein alter Mann, der sein Haus und seinen Laden verliert, erinnert, dass es immer eine Möglichkeit gibt, um weiter zu machen. Denn hat er je daran gedacht, auch einmal seinen anderen Arm auszuprobieren? Die „Beijing Pistols“ stehen für eine Musikszene, die man in der Öffentlichkeit nicht gerne sieht, die sich aber gerade deswegen nicht unterkriegen lässt. So verliert die junge Band zwar alles, was sie hat – Anstellung und am Ende die Instrumente –, aber nicht ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

„Die Liebe unter dem Mond des Herbstfestes“ erzählt von den vielen Millionen von Wanderarbeitern, die für einen geringen Lohn die Hochhäuser, Stadien und Einkaufszentren erbauten, die China später der Welt präsentierten. Welches Leid aber hinter den prachtvollen Bauten steckt, welchen Repressalien und noch viel Schlimmeres sich die Arbeiter aussetzen mussten und wie wenig sie selbst von dem Aufschwung haben, das verrät die Geschichte in melancholischen Bildern. Andere Beiträge thematisieren die Umweltverschmutzung durch die wachsende Anzahl von Autos in der Stadt, die Vermischung der traditionellen mit der westlichen Kultur und den Verlusten von Heimat und Identität, die viele Menschen hinnehmen mussten. Auch die beigefügten Illustrationen besitzen eine stille klagende Melancholie, die zeigen will, was alles verloren ging und so nicht wiederkehren kann.

Die Sammlung klagt nicht an, sie macht nur darauf aufmerksam, dass nicht alle Entwicklungen gut sind, auch wenn sich die Menschen den Gegebenheiten angepasst haben und einfach weiterleben. Wenn, dann stecken Kritik und Protest zwischen den Zeilen und in den Zeichnungen. Die Künstler überlassen es aber auch jedem Leser selbst, was er davon annehmen will. All diese Einblicke findet man wohl nicht in offiziellen Quellen, sie vermitteln aber auch dem westlichen Betrachter einen Eindruck von den tiefen Einschnitten, die gerade Peking und seine ‚kleinen Leute’ erlebten. Und das ist im Anbetracht der wachsenden Bedeutung von China umso interessanter, denn sie vertiefen den differenzierten Blick auf die Veränderungen und Entwicklungen, da sie aus dem Land selbst kommen.

„Peking – Gesichter einer Stadt“ ist eine gelungene und sehr anrührende Sammlung von Geschichten im Schatten eines von langer Hand vorbereiteten Ereignisses, die zeigen, wie das die kleinen Leute in der großen Hauptstadt miterlebt haben, bevor und während die Weltöffentlichkeit auf sie blickte.

Copyright © 2010 by Christel Scheja (CS)
 
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