Sandman 7: Kurze Leben

Neil Gaiman
Sandman 7: Kurze Leben

The Sandman: Fables and Reflections 41 – 49, DC, USA, 1991 – 95
Panini Comics, Stuttgart, 2/2009
PB, vollfarbige Graphic Novel mit Klappbroschur im Comicformat auf Kunstdruckpapier
Fantasy, Mystery
ISBN 9783866077829
Aus dem Amerikanischen von Gerlinde Althoff
Titelillustration und Zeichnungen von Jill Thompson, Vince Locke, Dick Giordano, Farbe von Danny Vozzo
www.paninicomics.de
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www.neverwear.net/
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www.lambiek.net/artists/l/locke_vince.htm

Immer wieder durchbricht die „Sandman”-Serie von Neil Gaiman in grafischer wie in inhaltlicher Hinsicht Traditionen und Tabus, ohne dabei jedoch die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Sie präsentiert eigenwillige Geschichten mit Tiefgang von literarischer Qualität, die nicht ohne Grund prämiert wurden und Comics auch für ein intellektuelleres Publikum interessant machten. Die insgesamt zehn Sammelbände der Reihe sind zwar bereits in den 1990er Jahren bei der Ehapa Comic Collection erschienenen, Panini legt sie aber nun im originalen Format und auf besserem Papier gedruckt noch einmal auf.

Kernstück von „Kurze Leben“ ist die Reise von Dream an der Seite seiner Schwester Delirium, die unbedingt den schon seit längerem verschollenen Bruder Destruction wieder finden will, weil er ihr gegenüber immer am freundlichsten war. Aber wie bei Gaiman üblich sind mit der Hauptgeschichte immer wieder kleine Szenen und Erzählungen verbunden, die durchaus mit dem Thema zu haben, wenn auch nicht mit dem Hauptstrang.

So endet das Leben eines Anwalts, der nicht unbedingt eine saubere Weste hat, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Damit zeigt sich einmal wieder, dass man dem Schicksal nicht immer ein Schnippchen schlagen kann – vor allem nicht, wenn es in Gestalt von Death daher kommt.

Delirium gelangt auf ihren Streifzügen durch die Welten der Ewigen auch in das Reich von Despair. Hier, im Schatten ihrer Schwester, bekommt sie Sehnsucht nach ihrem verschollenen Bruder und beschließt, nach ihm zu suchen.

Als Verbündeten sucht sie sich Dream aus, der sich überraschend schnell zur Mithilfe überreden lässt. Allerdings sucht der Herr der Träume bewusst das Vergessen und ist froh über jede Ablenkung, selbst wenn seine Schwester durch ihr sprunghaftes Benehmen und ihre Respektlosigkeit eine anstrengende und manchmal auch etwas nervige Reisebegleiterin ist.
Beider Suche in der Wachwelt führt sie über die verschiedenen Kontinente, aber auch an Orte jenseits der Realität. Immer wieder streifen sie dabei das Leben verschiedener Sterblicher und beeinflussen so unbewusst deren Schicksal, auch wenn das gar nicht beabsichtigt war. Vor allem Dream ist mehr mit sich und seiner Schwester beschäftigt, so dass er gar nicht merkt, was er da eigentlich tut.

Die Reise sorgt schließlich dafür, dass Dream auch noch an etwas anderes erinnert wird, das er schon sehr lange vor sich her schiebt. Denn da ist immerhin noch sein Sohn Orpheus, der ebenfalls Frieden finden möchte.

Anders als sein Vorgänger „Fabeln und Reflexionen“ erzählt „Kurze Leben“ wieder eine zusammenhängende Geschichte, die nur von Erinnerungen und Nebenhandlungen durchbrochen wird. Die so genannten „kurzen Leben“ führen vor allem die Sterblichen, und nicht immer ist es nur Dream, die sie abholt, manchmal setzen auch die Götter und Schatten der Vergangenheit ihnen ein jähes Ende. Glücklich kann sich der schätzen, der die Gefahr rechtzeitig erkennt und vor dem Untergang flieht, so wie die Tänzerin eines Nachtclubs, die spürt, das die neue Kollegin mehr ist, als sie zu sein vorgibt.

Im Vordergrund stehen allerdings Dream und seine Geschwister. Waren sie zuvor nur sporadisch aufgetaucht, so widmen sich die einzelnen Kapiteln nun Death, Despair, Delirium, Destiny und Destruction, so dass man deren Aufgaben und Lebensphilosophie besser kennen lernen kann, auch wenn man gerade bei Letzterem eine Überraschung erlebt. Interessant ist auch das Verhältnis der Geschwister untereinander, vor allem zu Dream, der sich lieber abseits von den anderen zu halten scheint. Doch nicht Delirium tadelt ihn dafür, es ist eher Destiny, der seinem Bruder klar macht, dass auch er sich an bestimmte Regeln zu halten hat.

Trotz des durchweg melancholischen und manchmal etwas zynischen Untertons entwickelt sich wieder eine abwechslungsreiche Geschichte in der sich Beobachtungen des alltäglichen Lebens mit mythischen und historischen Begebenheiten zu einer dichten Erzählung verweben. Gaiman braucht keine Action und Bedrohungen, um den Leser zu fesseln. Das geschieht allein durch die hintergründigen Dialoge, die geschickt eingebauten Andeutungen und das Ungesagte, das der Leser mit seinen eigenen Gedanken füllen muss.
Dabei bleibt er für alle verständlich, auch wenn man aufmerksam lesen sollte, denn Realität und Traumebene fließen immer wieder ineinander über, vermischen und verkehren sich in der Wahrnehmung der Protagonisten, und Szenen wechseln urplötzlich. Aber all das macht den besonderen Reiz der „Sandman“-Reihe aus.

In „Sandman – Kurze Leben” vereinen sich Unterhaltung und Anspruch. Die hintergründigen Szenarien sind frei von oberflächlichen Klischees und sinnfreier Action und beweisen so, dass graphische Geschichten auch ein intellektuelleres Publikum ansprechen können, das zwischen den Zeilen und in den Bildern zu lesen vermag. (CS)

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Sandman, Bd. 7, Kurze Leben

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