Von der Natur des Menschen

Ryuichiro Utsumi (Autor) & Jiro Taniguchi (Zeichner)
Von der Natur des Menschen

(sfbentry)
Keyaki no Ki, Japan, 1993
Carlsen Manga, Hamburg, 11/2009
PB mit Klappbroschur
Graphic-Novel im Manga-Format, Drama
ISBN 978-3-551-78976-1
Aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand
7 Farbseiten

www.carlsenmanga.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Jiro Taniguchi setzte acht Erzählungen von Ryuichiro Utsumi um:
„Der Keyaki-Baum“ ist das einzige Objekt, das die Vorbesitzer des Hauses im Garten beließen. Eigentlich hatten sich die Haradas für das Anwesen vor allem wegen des schönen Gartens entschieden, und nun sollen sie ihn neu anlegen – und den Baum fällen lassen, weil sich die Nachbarn über die vielen Blätter beschweren, die sie von den Wegen kehren müssen und die die Regenrinnen verstopfen. Um des lieben Friedens Willens will das Paar nachgeben und bestellt den Gärtner, doch dann erhalten sie Besuch vom früheren Besitzer des Hauses, der an dem Baum hängt …

Die kleine Hiromi fürchtet sich vor den Fahrgeschäften des Vergnügungsparks und mag bloß „Das weiße Holzpferd“. Warum das so ist, erfahren die Großeltern schließlich von ihrer Tochter, Hiromis allein erziehender Mutter, die das Kind zu ihnen abschob, weil sie einen neuen Mann kennengelernt hat. „Das Wiedersehen“ mit seiner erwachsenen Tochter lässt einen Mann über sich hinauswachsen. Ursprünglich wollte er sich der jungen Frau, die er nach der Scheidung nicht mehr sehen durfte, zu erkennen geben, doch wird ihm klar, dass sie sich etwas aufgebaut hat, das er vielleicht zerstören würde. „Das Leben meines Bruders“ beschäftigt einen Angestellten, der gerade pensioniert wurde. Er lebt mit seiner Frau bei einem der gemeinsamen Söhne und dessen Familie. Der ältere Bruder hingegen ist aus diesem fragwürdigen Familienidyll ausgebrochen und wohnt in einer Pension, arbeitet sogar noch als Dachdecker – und seine Tage sind sehr viel erfüllter.

Eine junge Frau freut sich darauf, nach mehreren Jahren ihren jüngeren Bruder wiederzusehen. Sie lässt Revue passieren, wie ihre Familie auseinanderbrach, wie die Mutter sie zu Vater, Bruder und der neuen Frau zurückschickte, wie sie rebellierte und nur mit Mühe ‚die Kurve kriegte‘, so dass sie nun ein solides, glückliches Leben führt. Nach einem Streit trennten sich die Wege der Geschwister bei strömendem Regen. Auch diesmal regnet es, und sie will ihn abholen – „Der Regenschirm“ ist dabei. „An der Gemäldegalerie“ lernen sich zwei Senioren kennen. Frau Otani erzählt ihrem neuen Freund, dass die Kinder sie drängen, ihr Haus zu verkaufen, weil sie das Geld für eine größere Wohnung benötigen, in der auch Platz für die ältere Frau sei. Aber da sie so viele Erinnerungen mit ihrem Heim verknüpft und noch sehr rüstig ist, weigert sie sich beharrlich. Schließlich gibt die Familie auf und will sie nach Hause schicken. Frau Otani möchte sich verabschieden, aber ihr Bekannter taucht einfach nicht mehr auf …

„Durch den Wald“ laufen zwei Jungen, die nach ihrem Hund suchen, den sie beim Umzug zurücklassen mussten. Sie finden ihn, scheinbar. Aber nur der ältere Bruder ahnt die Wahrheit. „Seine Heimat“ versucht eine französische Künstlerin nach dem Tod ihres japanischen Mannes darzustellen. Sie macht eine harte Zeit durch – und kämpft, indem sie Japanisch lernt und sich mit den Traditionen ihrer neuen Heimat vertraut macht. Schließlich wird sie unverhofft belohnt.

„Von der Natur des Menschen“ ist eine Sammlung kurzer Geschichten, die Szenen aus dem japanischen Alltag wiedergeben und Situationen schildern, die Menschen aller Altersgruppen treffen können, darunter der Rentner, der sich geistig und körperlich fit hält, indem er weiterhin seinen Beruf ausübt und sich nicht in die Abhängigkeit seiner Angehörigen begibt (ein Thema, das von der Realität überholt wurde, denn trotz des späteren Renteneintritts gibt es für Senioren keine Arbeitsplätze), und die ältere Frau, die sich mit einer Zufallsbekanntschaft im selben Alter anfreundet, die beide Freude an den gemeinsamen Gesprächen haben und auf ein spätes Glück hoffen.

Die meisten Erzählungen sind für den westlichen Leser nachvollziehbar, doch gibt es auch solche, die typisch japanisch sind, wie die der Französin, die erst Akzeptanz erfährt, nachdem sie ihre eigenen Traditionen aufgab und die ihrer Wahlheimat annahm – gleichbedeutend mit dem Verlust der Individualität zugunsten der Gleichschaltung. Die Diskriminierung der Fremden, die Intoleranz ihnen gegenüber, der Glaube an die Überlegenheit der japanischen Kultur werden nicht beschönigt und als Gang und Gäbe geschildert.

Es sind die kleinen Details, der Realismus und die hohe Qualität der Zeichnungen, die sich zu einer gelungenen Einheit zusammenfügen. Die Storys sind eindringlich und erlauben einen Blick in das Denken und Handeln der Japaner. Ein faszinierender Manga für die reifere Leserschaft.

Copyright © 2012 by Irene Salzmann (IS)

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