Die Mitternachtsbibliothek

Matt Haig
Die Mitternachtsbibliothek

Originaltitel: The Midnight Library (2020)
Deutsche Erstausgabe: Februar 2021 (Droemersche Verlagsanstalt/Droemer Hardcover)
Übersetzung: Sabine Hübner
Cover: Rafaela Romaya/semper smile, München
318 Seiten
ISBN 978-3-426-28256-4

von Gunther Barnewald


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Die nicht mehr ganz junge Nora Seed hat nicht nur ihren Job und ihren Nebenjob verloren, sondern auch ihre geliebte Katze Voltaire. Deshalb erfasst sie ein tiefer Blues, der sie mit ihrem bisherigen Leben hadern lässt.

Als sie beim Nachdenken auch den Eindruck gewinnt, dass kein Mensch auf der Welt Wert auf ihre Anwesenheit legt oder sie braucht (kein Partner, beste Freundin nach Australien verzogen, kaum Kontakt zu Bruder, Eltern beide verstorben, einziger Klavierschüler abgesprungen, wie gesagt arbeitslos und der ältere Nachbar, dem sie geholfen hatte, kommt wohl wieder allein klar), beschließt sie sich umzubringen.

Nora schluckt eine große Menge ihres Antidepressivums – und findet sich plötzlich in der sogenannten „Mitternachtsbibliothek“ wieder. Hier wartet Mrs Elm, die ältliche Bibliothekarin, die sie schon in ihrer Kindheit kannte, und erklärt ihr, dass die Bücher der Bibliothek aus Noras nicht gelebten Leben bestehen, also jenen Alternativen, gegen die Nora sich einst entschied. In einem dieser Leben wurde sie zur Leistungsschwimmerin und nahm an der Olympiade teil, in einem anderen ist sie eine bekannte und beliebte Musikerin, in weiteren glücklich verheiratet oder hat sogar eine kleine Tochter.

Nora kann nun all diese Leben ausprobieren, um das idealste für sich zu finden und glücklich zu werden. Doch sie merkt bald, dass jedes Leben auch einen Pferdefuß hat und keines davon perfekt ist. Zudem gibt es das Handicap, dass sie in jedem neuen Leben wichtige Details aus dem Leben der jeweils ‚anderen‘ Nora nicht kennt. Das hat Folgen: Auf der Bühne vor Tausenden von Fans zu stehen und die ‚eigenen‘ Lieder nicht zu kennen, ist ein peinliches Problem (das Autor und Protagonistin aber gewitzt lösen!). Und je länger Nora sucht, desto mehr gerät die Mitternachtsbibliothek, in die sie nach jedem Fehlschlag zurückkehrt, ins Wanken, beginnt einzustürzen und in Flammen aufzugehen. Wird Nora dennoch rechtzeitig das geeignete Leben für sich finden …?

Matt Haig gelingt trotz des anfänglich deprimierenden Themas ein nicht nur unterhaltsames, sondern auch vergnügliches Buch. Wenn Nora ihre alternativen Leben bereist, hat dies hohen Unterhaltungswert, besitzt aber leider keinen größeren Tiefgang. Noras Leben bleiben sehr flüchtig und oberflächlich; so jedenfalls der Eindruck beim Leser. Hier arbeitet der Autor sich nicht wirklich in die alternativen Schicksale seiner Protagonistin ein. Vergleicht man dieses Buch mit einem absoluten, thematisch ähnlichen Meisterwerk – Ken Grimwoods Klassiker „Replay – Das zweite Spiel“ – wird deutlich, wieviel Potenzial Matt Haig verschenkt.

Festzuhalten bleibt aber, dass Haigs Roman ungeachtet seiner Schwächen überaus unterhaltsam und kurzweilig ist und beim Rezipienten für hohes Lesevergnügen sorgt, wenn man sich auf die Prämisse der alternativen Leben einlassen kann (in denen Nora übrigens zweimal überaus erfolgreich und berühmt wird, denn die Alternativen – gescheiterte Schwimmerin oder erfolglose Musikerin – probiert sie gar nicht erst aus, was nur zu logisch ist!)

Natürlich ist es nicht einfach, die Geschichte in ein lebensbejahendes und optimistisches Werk zu wenden, wenn man die anfängliche Handlung mit einem Suizidversuch startet, doch dem Autor gelingt dieses Kunststück recht gut.

„Die Mitternachtsbibliothek“ ist kein wirkliches Meisterwerk, sondern gut geschriebene (und übersetzte), passable Unterhaltungsliteratur mit einem guten Schuss Phantasie. Wenn man keine größeren Ansprüche hat, ist dieser Roman durchaus empfehlenswert.

Copyright © 2021 by Gunther Barnewald

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