Das erste Buch des Blutes

Clive Barker
Das erste Buch des Blutes

Originaltitel: Clive Barker’s Books of Blood Volume 1 (London : Sphere 1984)
Übersetzung: Peter Kobbe
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1987 (Droemer Knaur)
287 S.
ISBN-10: 3-426-19185-7
Neuausgabe: September 2005 (Knaur Verlag/TB Nr. 62920)
301 S.
ISBN-13: 978-3-426-62920-8

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Inhalt:

Das Buch des Blutes (The Book of Blood): Ein betrügerisches Medium ist zur falschen Zeit am falschen Ort und fällt den zornigen Seelen der Toten zum Opfer, die es buchstäblich mit Haut & Haar vereinnahmen, um ihre Schicksalsgeschichten aufzuschreiben.

Der Mitternachts-Fleischzug (The Midnight Meat Train): Unter den Straßen von New York trifft ein allzu neugieriger Bürger auf die wahren Herren der Stadt und wird von ihnen als Fleischlieferant zwangsverpflichtet.

Das Geyatter und Jack (The Yattering and Jack): In einem einsamen Haus belauern sich Mann und Dämon. Wer dieses Duell verliert, muss sich dem Gegner unterwerfen. Erheblich erschwert wird der Kampf durch die Bedingung, dass sich die Kontrahenten einander nicht zu erkennen geben dürfen.

Schweineblut-Blues (Pig Blood Blues): Der Geist eines jugendlichen Straftäters fährt in einen Körper, dem es nach ganz besonderer Nahrung gelüstet.

Sex, Tod und Starglanz (Sex, Death and Starshine): Das Theater war ihr Leben und auch der Tod kann sie nicht daran hindern weiter zu spielen – vor einem Saal begeisterter Zombies führen sie ein unvergessliches Schauspiel auf.

Im Bergland: Agonie der Städte (In the Hills, the Cities): In einem von der Zivilisation verschonten Landstrich des europäischen Balkans werden zwei Männer in ein archaisches Ritual verwickelt, das die Bevölkerung zweier Dörfer als bizarres und mörderisches Duell austragen.

(Es fehlt das ursprüngliche Vorwort von Ramsey Campbell aus der gebundenen deutschen Erstausgabe bzw. das Vorwort „Horror als subversive Kunst“ von Joachim Körber aus der bibliophilen Ausgabe der „Edition Phantasia“, beide erschienen 1987.)

Rot und tot aber erschreckend lebendig

Schon die erste Geschichte belegt, dass es Barker nicht darauf anlegt, dem Horror-Genre neue Motive zu erschließen. Das Konzept des Menschen als „Buch des Blutes“ erinnert gezielt an Ray Bradburys klassische Kurzgeschichtensammlung „The Illustrated Man“ (1951; dt. „Der illustrierte Mann“). Hier tritt in einer Rahmenhandlung ein über und über tätowierter Mann auf, dessen Hautbilder Geschichten erzählen, welche die folgenden Buchseiten füllen. Drei Jahrzehnte später geht Barker mit dem ihm eigenen Ungestüm mehr als einen Schritt weiter und entwickelt aus seiner Ausgangsidee einen buchstäblich roten Faden, der durch das 1500 Seiten starke Pandämonium der insgesamt sechs „Bücher des Blutes“ führt.

Sex und Gewalt, Leben und Tod: Gerade in der phantastischen Literatur war diese Kombination bereits vor Clive Barker kein Novum; die Verbindung liegt schließlich nahe. Allerdings arbeiteten die Autoren der Vergangenheit den Konventionen ihrer Zeit gemäß eher mit Andeutungen, wobei die Gewalt wesentlich unverhüllter daherkam als der Sex, welcher (durchaus reizvoll weil oft innovativ) bildhaft chiffriert wurde.

Clive Barker schert sich nicht um entsprechende Tabus bzw. unausgesprochene aber Regeln, die zur Zurückhaltung mahnen. Mit gerade 30 Jahren konnte er 1984 bereits auf einen reichen Erfahrungsschatz als Bühnenautor und Theaterproduzent zurückgreifen (wovon die Erzählung „Sex, Tod und Starglanz“ eindrucksvoll kündet). Seine „Dog Company“ führte Stücke in der Tradition des „Grand Guignol“ auf, wobei die spielerische Beschäftigung mit existenziellen menschlichen Fragen im Rahmen schräger bis absurder, mit Theaterblut und -Gewalt großzügig angereicherter Geschichten stattfand.

Horror mit Hintergedanken

Der Horror stand dabei nicht spekulativ im Vordergrund, wie viele ablehnend eingestellte Kritiker es Barker vorwarfen, sondern stellte nur ein Transportmittel dar, mit dessen Hilfe ansonsten eher trockene Themen den Zuschauern trügerisch unterhaltsam nahe gebracht werden konnten. Zudem wirkten die „Grand Guignol“-Effekte aufrüttelnd; der frühe Clive Barker war das typische Beispiel eines „zornigen jungen Mannes“, der die faule, verkrustete, selbstzufriedene Gesellschaft schockieren und zum Nachdenken anregen wollte.

Im Theater erreichte er nur ein beschränktes Publikum. In den frühen 1980er Jahren versuchte es Barker deshalb mit anderen Medien. Als Schriftsteller, Filmemacher, Maler, Grafiker usw. bewies er sein breit gefächertes künstlerisches Talent. Sein Durchbruch als Autor von Kurzgeschichten und bald auch Romanen fiel zudem in die kurze Blütezeit des „Splatterpunks“, der alte erzählerische Traditionen mit modernem Blut- und Gekrösespritzereien verband und unbekümmert die Grenzen des Machbaren & Tolerierten auf die Probe stellte.

Das war harter Stoff für Kritiker und Leser und ist es eigentlich geblieben. Dennoch hat sich der Schock-Effekt abgenutzt; zu viele oft minderbegabte Schreiberlinge haben den Splatterpunk aufgegriffen, verwässert, verbraucht, bis er aus der Mode kam bzw. vom Mainstream (den es auch im Horrorgenre gibt) vereinnahmt wurde. Deshalb ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass Clive Barker mit den Geschichten in seinen „Büchern des Blutes“ zu den Pionieren gehörte und für seinen Mut und seinen bizarren Einfallsreichtum zu bewundern ist.

Die blutigen Details

„Der Mitternachts-Fleischzug“ ist eine ironische aber durchaus ernst gemeinte Hommage an das kosmische Grauen des H. P. Lovecraft (1890-1937). Der Zivilisation der Menschen gingen vorgeblich unmenschliche Kulturen voraus, die längst nicht ausgestorben, sondern in den Untergrund gegangen sind, wo sie präsent und tödlich bleiben und ihren Tribut fordern. Dabei verstecken sich diese uralten Wesen nicht in der Wildnis, sondern folgen den Menschen, ihren Dienern und Opfern, in die Großstädte, die nur scheinbar Manifestationen einer modernen Menschheit, tatsächlich jedoch tief in der Vergangenheit verwurzelt sind.

Die enge Bindung zwischen Grauen und Humor zeigt „Das Geyatter und Jack“. Das Duell zwischen Mensch und Dämon wird von Barker atemberaubend spannend in Szene gesetzt. Gleichzeitig kommt man aus dem Lachen kaum heraus: über das abgrundtief böse, aber recht beschränkte Geyatter, das Ärger auf der Arbeit und mit seinem Vorgesetzten Beelzebub hat, und über Jack, der ebenfalls nicht helle aber schlau ist und zuletzt lacht, was eine ungewöhnliche Auflösung für eine solche Geschichte ist, zumal Barkers Sympathie normalerweise dem „Monster“ gilt. (Zur Story gibt es übrigens einen genialen Comic: „Ein höllischer Gast“, umgesetzt 1991 von John Bolton, in Deutschland erschienen 1994 im Thomas Tilsner Verlag.)

„Schweineblut-Blues“ erzählt die alte Geschichte vom tückischen Kreis verborgener Teufelsanbeter effektvoll neu. Während Henry James 1898 in „The Turn of the Screw“ (dt. „Die Drehung der Schraube“) noch auf den Schock durch „unschuldige“ Kinder, die von Dämonen besessen werden, setzen konnte, verlegt der ungleich zynischere Barker das Geschehen in eine heruntergekommene Anstalt zur Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher. (Dass Barkers „Gouvernante“ nicht um das Leben und das Seelenheil der ihr anvertrauten Kinder kämpft, sondern mit einem von ihnen schläft und sich mit den anderen blutigen Riten hingibt, hätte James vermutlich ebenfalls überrascht )

„Sex, Tod und Starglanz“ fügt den Komponenten Sex und Gewalt noch die Verwesung hinzu. Auch hier erreicht Barker ungeahnte Höhen Ekel erregender Drastik, was indes niemals stört, sondern wunderbar zum Tenor dieser seltsamen Geschichte passt, welche allen Splatter-Effekten zum Trotz eine sehr anrührende ist und primär von der Magie des und der Liebe zum Theater bzw. dem seltenen Sieg der wahren Kunst erzählt.

Ganz sicher keine Horrorstory im eigentlichen Sinn ist „Im Bergland: Agonie der Städte“. Was geschieht, wird so fabelhaft beschrieben, dass man auf eine Klärung durchaus verzichten kann. Wer einmal gelesen hat, wie die beiden aus Menschen geformten Giganten aufeinander losgehen, wird dieses Bild sicherlich nicht mehr vergessen. Auf der anderen Seite ist die Deutung der Geschichte als Allegorie möglich. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass Barker seine beiden Hauptfiguren als männliches Paar schildert, das nicht nur mit eigenen Schwierigkeiten, sondern auch mit Vorurteilen kämpft. Die entmenschten Giganten repräsentieren die Gesellschaft, die Homosexualität immer noch verurteilt und verfolgt. Es überlebt der Partner, der sich dem Druck der Masse ergibt, mit ihr zieht und seine Individualität aufgibt; ein bitteres Resümee, das der Verfasser hier zieht, und eine großartige Geschichte zum Ausklang einer noch immer außergewöhnlichen Sammlung.

Autor

Clive Barker wurde am 5. Oktober 1952 in der Beatles-Stadt Liverpool geboren – ein Wunderkind, das seinen bürgerlichen Eltern Rätsel aufgab ob seiner Vorliebe für das Theater und die Abgründe der menschlichen Existenz. Schon in jungen Jahren schrieb und inszenierte Barker düstere, surrealistische, überspitzt blutige Stücke im Stil des „Grand Guignol“ – eine Arbeit, die er nach seinem Studium (Englische Literatur und Philosophie) professionell fortsetzte.

Noch vor der Literatur entdeckte Barker den Film. Zwischen 1975 und 1978 drehte er als Student den schwarzweißen Kurzfilm „The Forbidden“, der 1987 erneut unter seiner Regie als „The Hellbound Heart“ (dt. „Hellraiser – Das Tor zur Hölle“) ein Remake in Spielfilmlänge erfuhr. 1984 veröffentlichte Barker die sechs legendären „Books of Blood“, die ihm schlagartig den Durchbruch brachten. Klassische Themen (Geister, Vampire, Werwölfe, Spukhäuser etc.) wurden modern und höchst unkonventionell durchgespielt. An Drastik sparte der Verfasser nicht, wofür er als einer der Gründerväter des (kurzlebigen) Splatterpunks gefeiert wurde. Mit eindrucksvollen Romanen wie „The Damnation Game“ (1985, dt. „Spiel der Verdammnis“) oder „Cabal“ (1988, dt. „Cabal – Brut der Nacht“) festigte er seinen Ruf.

Barker ließ sich nicht in eine Schublade zwingen. Geschichten wie „The Great and Secret Show“ (1989, dt. „Jenseits des Bösen“), „Weaveworld“ (1987, dt. „Gyre“), „Imajica“ (1991, dt. „Imagica“) oder „Galilee – a Romance“ (1998, dt. „Galileo“) spielen auf einer parallelen Erde, die der unseren zwar sehr ähnelt, aber gleichzeitig über „Tore“ in eine magisch-mythologische Überwelt verfügt: moderne Fantasy, die überquillt vor faszinierenden Ideen, jedoch leider ein Grundübel des Genres, die auswalzende Geschwätzigkeit, übernimmt und in ganz neue Dimensionen trägt. Mit „The Thief of Always“ (1994, dt. „Das Haus der verschwundenen Jahre“) schrieb der weiterhin erfreulich unberechenbare Barker freilich ein hervorragendes Fantasy-Buch für Kinder (aber auch für neugierig gebliebene Erwachsene), dem er ab 2004 das „Abarat“-Quartett folgen ließ.

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