Todessehnsucht

Nancy Kilpatrick
Todessehnsucht
(Power of the Blood-Serie, Bd. 2)

Originalausgabe: Near Death (New York : Pocket Books 1994)
Übersetzung: Dietrich Arlart
Deutsche Erstausgabe: August 2003 (Festa-Verlag/Nosferatu 1405)
256 S.
ISBN-13: 978-3-93582 -259-6

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Das geschieht:

Kathleen „Zero“ Stevens, rauschgiftsüchtig und verzweifelt, wird vom geheimnisvollen „Schlangenpriester“ nach England geschickt, um dort einen angeblichen Vampir umzubringen. Obwohl völlig am Ende, würde Zero dem normalerweise niemals Folge leisten, aber der Schurke hat Bobby, ihren kleinen Bruder und den einzigen Menschen, der ihr etwas bedeutet, entführt. So macht sich Zero auf den Weg.

David Lyle Hardwick, ihr potenzielles Opfer, ist tatsächlich ein Vampir – ein ziemlich erfahrener sogar, der sich niemals von einer Amateurin erwischen ließe. Außerdem ist er ein Dichter und trotz seines Blutsauger-SDseins recht menschenfreundlich; nicht ohne Grund nennen ihn seine Vampirfreunde „Soul“. David lässt Zero daher am Leben. Sie dauert und erinnert ihn an seine unglückliche Liebe zur schönen aber kaltherzigen Vampirfrau Ariel. Zudem will er über sie jenen Bösling erreichen, der es offenkundig auf ihn abgesehen hat.

David mutet Zero einen qualvollen Entzug zu. Als sie halbwegs clean ist, reist er mit ihr nach New York. Zero, inzwischen seine Geliebte, hilft dem Vampir, sich in der Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts zurechtzufinden. Das ist nützlich, als sich der Schlangenpriester als Strohmann einer mysteriösen Macht erweist, die es nicht nur auf David, sondern auf seine Blutsauger-Sippschaft abgesehen hat.

Seine Feinde erwischen ihn schließlich, aber es zeigt sich, dass David aus hartem Holz geschnitzt. Seine Artgenossen lassen ihn nicht im Stich. Außerdem ist da Zero, die sich in der Krise durchaus schussfest zeigt und so manchen wankelmütigen Vampir durch ihre Entschlossenheit in Verlegenheit bringt …

Als Vampire noch böse sein durften

Die Niederschrift nicht nur eines einzigen Romans, sondern einer ganzen Saga um einen Vampir, dessen langes Leben ausreichend Stoff bietet, ist keine Idee von Patricia Kilpatrick. Zeitglich schickten u. a. Anne Rice (Lestat & seine pseudodekadenten Genoss/inn/en), Laura K. Hamilton (Anita Blake), Nancy A. Collins (Sonja Blue) oder Patricia N. Elrod (Jack Fleming, Jonathan Barrett) ihre Blutsauger auf eine Jagd, die ein Jahrzehnt später zum „Urban-Fantasy“-Trampelpfad ausgetreten wurde.

Der erste Teil der „Power of the Blood“-Serie ist übrigens eigentlich der zweite. Die Vorgeschichte des Vampir-Dichters David Hardwick hat Patricia Kilpatrick zwei Jahre nach ihrem Debütroman als Prequel niedergeschrieben; vier Teile umfasst der Zyklus insgesamt.

Die Story stützt sich klug auf einen nicht allzu komplexen Plot, der routiniert umgesetzt und dessen Auflösung durch eine Reihe von Rätseln hinausgezögert wird. Mindestens ebenso wichtig wie das eigentliche Gruselkrimi-Abenteuer ist jener Erzählstrang, der sich um die Beziehung zwischen David und Zero rankt. Kilpatrick gelingt es unterhaltsam und spannend, manchmal sogar überraschend, die Eigenheiten und Probleme zu beschreiben, die Vampir und Mensch sowohl trennen als auch einen.

Als Vampire noch geil sein durften

Diesen Teil der Handlung mit Schlafzimmereinlagen zu würzen ist ebenfalls keine Originalidee von Kilpatrick. Schon Bram Stoker war vor mehr als einem Jahrhundert die sexuelle Komponente der Vampirfigur aufgefallen. Die Kinder Draculas gehen heute natürlich wesentlich aktiver zur Sache und die Zimmertür schließt sich längst nicht mehr, bevor es allzu unzüchtig zur Sache geht. Autoren testen, wie weit sie in Richtung literarisch verbrämter Pornografie gehen können, ohne dass sie die Zensur unter die Ladentheke verbannt.

Für nordamerikanische Verhältnisse mag Kilpatrick ja recht weit gehen, aber hierzulande gilt dies nicht. Besonders erotisch sind diese Sexszenen nicht geraten. Kilpatrick setzt allerlei Folterungen & Fetischismen in Szene – ohne Wörter wie „schwarz“ oder „Leder“ hätte dieser Roman gar nicht geschrieben werden können –, die der Non-Fan solcher Spielereien eher mit Verdruss und Heiterkeit zur Kenntnis nimmt. Später ändert sich dies teilweise. Zumindest der Sex zwischen David und Zero wird nun ‚schön‘, was mit der in der (Trivial-) Literatur für solche Gelegenheiten vorgesehenen Mischung aus ulkiger Inbrunst, anatomisch präziser Protokollierung und Schwulst präsentiert wird.

Als Vampire noch – Vampire sein durften

Mit Vampiren ist das so eine Sache: Da gibt es den tumben Sauger, der ebenso liederlich wie blutversoffen, geil und irgendwie ‚böse‘ ist. Am anderen Ende des Spektrums steht der Nosferatu – stark, ansehnlich, gefährlich, erotisch und von kleidsamem Weltschmerz zerfressen. Dazwischen gibt es alle Abstufungen, die sich irgendwo in der Mitte treffen. Wenige Jahre vor einer Flut genitalfreier, dümmlich um sich und ihre Null-Problemchen kreisender „Edwards“ und Bellas“, schuhfetischistischer „Betsys“ oder einfach allgemein lästiger „Sookies“ balanciert Kilpatrick leidlich geschickt zwischen Gipfel und Abgrund.

David Lyle Hardwick ist für das weibliche Publikum ein Traumprinz der Nacht, der halten kann, was der normalsterbliche Mann offenbar nur verspricht. Andererseits vermeidet es die Autorin, ihn zu einem von den Geheimnissen des Grabes umwitterten, tragisch-attraktiven Helden zu stilisieren. David ist mehr als einhundert Jahre als Vampir unterwegs und hat gefährliche Abenteuer erlebt. Trotzdem ist er erstaunlich ‚menschlich‘ geblieben. Als ihm die labile Zero ins baufällige Haus schneit, ist er zunächst ratlos, was er mit ihr anstellen soll. Beißen will er sie nämlich nicht: David ist ein „zivilisierter“ Nosferatu, für den der Akt des Blutsaugens mit viel Brimborium verbunden ist. Das ist – so lautet der Codex Kilpatrick, der bereits auf die oben skizzierten, zukünftigen Niedergang des Vampir-Genres verweist – erforderlich, weil ihn sonst die wilde Blutlust seiner besonderen Art übermannt und er Hälse wie Ährenstängel durchtrennt.

Ansonsten ist David gern zu Hause und darüber in den letzten Jahrzehnten ein wenig weltfremd geworden. Den Wundern einer Weltstadt wie New York an der Schwelle zum 21. Jahrhundert steht er staunend und kopfschüttelnd gegenüber. Da er über die Anpassungsfähigkeit seiner Spezies (und über schier unerschöpfliche Finanzreserven) verfügt, ist er aber bald wieder auf dem aktuellen Stand.

Modische Morbiditäten

„Zero“ ist ihm dabei – zunächst unfreiwillig – eine große Hilfe. Äußerlich mischt sie Stilelemente von Punk, New Wave und Gothic, sie liebt es düster & dramatisch, was angesichts ihres Lebenslaufs kaum verwundert. Als Kathleen Stevens hat Zero alles durchmachen müssen, was eine Figur literatur-, bühnen- oder filmtauglich werden lässt. Die saufende, spurlos verschwindende Mutter und den prügelnden, tochterschändenden Vater hat sie ertragen, ist aus jedem unterbezahlten Job geflogen, dem Heroin verfallen, zur Straßennutte heruntergekommen & dabei unter miese Freier, Dealer und anderes Gesindel geraten. Der nome de plume „Zero“ = Null/Nichts besitzt also eine Doppelbedeutung.

Dieses Leben hat Zeros Gefühlsleben beinahe ausgebrannt, was sie trotz ihrer körperlichen Schwächen dem vampirischen Begleiter gleichstellt; der zunächst deutlich naiver und emotionaler als sie ist. Zero hält Zuneigung für Lüge und Schwäche, die sie für eigenen Zwecke ausnutzen kann. Ihre ‚Erziehung‘ zum ‚vollwertigen Menschen‘ durch David ist für sie und den Leser gleichermaßen (und nicht nur wegen der Unzahl der dabei beschworenen Klischees) eine Nervenprobe.

Vampire der Gegenwart

Davids untote Mitbrüder und -schwestern sind weniger vielschichtig und vor allem als Katalysatoren für diverse Handlungssequenzen notwendig. Da gibt es den traditionsbewussten Alt-Vampir, der den Kopf schüttelt über die undisziplinierte Saugjugend, dann den notorischen Menschenfeind, der Zero am liebsten zum Abendbrot verspeisen würde, oder die solidarische Vampir-Schwester, die sogar Mutter geworden ist.

Und es gibt Ariel, die böse, irre Uralt-Vampirfürstin, die unbedingt zur „Daywalkerin“ mutieren möchte. (Hier haben die „Blade“-Autoren also diese Idee her) Dazu ist ihr jedes Mittel recht. In ihrer Gnadenlosigkeit ist diese Ariel freilich so übertrieben, dass man sie keinen Moment ernstnehmen kann. Als erotisches Überweib ist sie gar eine Totalversagerin. Der finale Schlusskampf zwischen David und Ariel (um Kathy/Zero) fällt deshalb stark ab.

Selbstverständlich taucht abschließend noch ein größerer, gefährlicherer Feind aus der Versenkung auf, der unsere Helden mit einem Fluch belegt, damit sie in der Fortsetzung etwas zu tun haben. Spätestens jetzt wird klar, was die „Power of the Blood“-Serie wirklich ist: leicht erotisch gewürztes Lesefutter, das gut bekommt aber rasch verdaut ist.

Autorin

Nancy Kilpatrick (geb. 1946) lebt und arbeitet im kanadischen Montreal. Sie ist nicht nur Horrorschriftstellerin, sondern fungiert auch als Herausgeberin. Darüber hinaus ist sie ein prominentes und sehr aktives Mitglied der nordamerikanischen „Gothic“-Szene. Über ein Dutzend Bücher und mehr als 200 Kurzgeschichten hat sie veröffentlicht, seit sie 1972 als Kolumnistin für eine kleine Musikzeitschrift in Montreal startete. Außerdem verfasste sie Exposés für die „VampErotica“-Serie von Brainstorm Comics sowie (mit Benoit Bisson) ein Schauspiel namens „Ghost Rails“/„Les Fantomes Deraillent!“.

Unter dem Pseudonym Amarantha Knight schrieb Kilpatrick in der Serie „The Darker Passions“ (1993-1998) Klassiker der Horrorliteratur neu, wobei sie Dracula, Frankenstein, Roderick Usher oder Dorian Gray lüsterne Leidenschaften gönnte, an die Bram Stoker, Mary W. Shelley, Edgar Allan Poe oder Oscar Wilde nicht einmal zu denken gewagt hätten. Als „Desirée Knight“ geht sie noch einen Schritt weiter und lässt die Monster zugunsten des Fetisch-Sexes fallen.

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