Meister Lampe

Svend Fleuron
Meister Lampe

Originaltitel: Haren den grå. Roman fra de danske agre (Kopenhagen : Gyldendal 1918)
Übersetzung: Thyra Jakstein-Dohrenburg
Deutsche Erstausgabe: 1923 (Eugen Diederichs-Verlag)
170 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1976 (Goldmann Verlag/Goldmann-Jugend-Taschenbücher 170)
186 S.
ISBN-13: 978-3-442-20170-9

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Das geschieht:

Auf einem Acker irgendwo in Dänemark werden drei Hasenkinder geboren: Seppel, der schlaue Draufgänger, Huppel, seine vorsichtig-bedächtige Schwester, und der Raufbold Patt. Die Welt ist hart für kleine und große Hasen, das muss unser Trio von Anfang an lernen; Füchse, Wiesel und Krähen wollen ihnen ans schmackhafte Leder. Können sie ihnen entkommen, gibt es da noch beutegierige Hofhunde, flintenbewehrte Menschen und natürlich Autos, Traktoren und Mähdrescher, denen so mancher Hase nicht entkommen kann. Selbst die Familie ist keine Stütze; Vater Lepidus ist ein harter Einzelgänger, der keine männliche Konkurrenz, nicht einmal die eigenen Söhne, um sich duldet.

Kein Wunder, dass es Patt und Huppel nicht schaffen. Nur Seppel wächst zu einem kräftigen Hasenkerl heran, was eigentlich wundert, denn er ist überaus wissbegierig für seine Art. Bei Tag und bei Nacht stöbert er durch Feld und Flur, wagt sich sogar auf die Bauernhöfe des Menschen. Das beschert ihm neben nützlichem Wissen viele unerwartete, nicht immer ungefährliche Begegnungen, die ihren Höhepunkt im Mann-zu-Hase-Kampf mit einem menschlichen Möchtegern-Jäger finden.

Seppel überlebt, oft mit mehr Glück als Verstand, und tritt schließlich sogar die Nachfolge von Lepidus an, der alt und langsam geworden in der unerbittlichen Mühle von Mutter Natur zerrieben wird.

Reiche Natur, arm an Gnade

Hart ist das Leben nicht nur an der Küste, sondern auch auf binnenländischen Äckern;  diese Lehre dürfen und sollen wir aus diesem Werk ziehen. Die Natur ist nichts für Weicheier, nur die wirklich Harten können ihr auf Zeit widerstehen. Bei Fleuron geht diese Einsicht allerdings mit einer sentimentalen Handlung einher. Gern wälzt er sich geradezu in endlosen Stimmungsbildern, die manchmal durchaus eindrucksvoll geraten, oft aber zum Selbstzweck gerinnen und nicht davon ablenken können, dass Seppel und die Seinen kein wirklich abwechslungsreiches Leben führen. Sie hoppeln durch die Landschaft und werden in regelmäßigen Abständen von allerlei Raubwild gejagt und manchmal sogar gefangen. So geht’s in der Tat zu im realen Hasendasein, das daher ein wenig Dramatik gut gebrauchen könnte. (Wie man es besser macht, zeigte 1972 Richard Adams im Kaninchen-Epos „Unten am Fluss – Watership Down“).

Trotzdem wohnt diesem „Meister Lampe“ eine gewisse rohe Ursprünglichkeit inne, die den Leser bei der Lektüre hält. Ein hartes Stück Arbeit ist das manchmal, denn der blumige Stil, der die Literatur der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts prägte, ist heute schwer zu ertragen. Ob Fleuron selbst so extrem in ebenso süßlicher wie verdächtiger „Blut-und-Boden“-Romantik schwelgte, muss unbeantwortet bleiben. Die deutsche Übersetzung von Thyra Jakstein-Dohrenburg ist jedenfalls dem heutigen Leser im Grunde nicht mehr zuzumuten; vielleicht ist dies der Grund, wieso „Meister Lampe“, der über Jahrzehnte auf dem Buchmarkt präsent war, dort schon länger ausgestorben ist. Alte Ausgabe sind aber auch heute keineswegs selten und tauchen besonders als Nachdruck der 1950er und 1960er Jahre in Antiquariaten sowie natürlich im Internet oft und preisgünstig auf.

Wissen ist Macht und Risiko

„Er war ein neugieriger, eigensinniger kleiner Bursche – ein Philosoph, dem es an guter Laune nie gebrach.“ Mit diesem einen Satz – Fleuron stellt ihn seinem Werk auf dem Vorsatzblatt voran – ist „Meister Lampe“ oder Seppel, Titelheld dieses Tierromans, bereits treffend und sympathisch charakterisiert. Wir, die Leser, sehen, dass es dramaturgisch im Wald und auf der Heide nicht anders zugeht als in der Menschenwelt: Die Hauptfigur muss sich von der Masse abheben, sonst mag man an ihrem Geschick keinen Anteil nehmen.

Seppel – für den dämlichen Namen, den ihm die Übersetzerin gab, kann er nichts – ist also ein Sucher, der sich Gedanken macht über die Welt, in der er lebt. Diese lernt er stellvertretend für die Leser kennen, und da dieser Hase wie gesagt einen klugen Kopf unter den Löffelohren trägt, wissen wir anschließend eine ganze Menge über den Alltag auf einem dänischen Acker.

Seppels Leben ist hart. Die Räuber sind zahlreich und immer hungrig, ein Dach über dem Kopf kennen Hasen nicht, die Fräuleins sind anspruchsvoll. Da bleibt für Sentimentalitäten wenig Platz. Aber Seppel ist neugierig, legt gern ein Tänzchen hin oder liefert sich Wettrennen mit dummen Hofhunden. Eingeholt wird er höchstens von der Moral; die Natur ist für Svend Fleuron letztlich nur eine „Mühle“, die unbarmherzig jene, die schwach sind oder im Lebenskampf fehlen, zermalmt und den Stärkeren zum Fraß vorwirft – eine Haltung, die Fleuron durchaus auf den Menschen übertrug, weshalb er sich während des II. Weltkriegs offen zustimmend über die ‚Auslese‘ durch Kampf ausließ.

Cover der dt. Erstausgabe

Kein Entrinnen vor der „Mühle“

Mit der weiblichen Hauptfigur, der Häsin Huppel dürfte sich Fleuron unter den Leserinnen heutzutage kaum Freundinnen machen. Sie ist ein bisschen langsam auf den Beinen und im Kopf und verkriecht sich gern, aber das ist in Ordnung so, denn schließlich soll sie in erster Linie viele kleine Hasen zur Welt bringen. Dass es so nicht kommen wird, ist Pech (besonders für Huppel), aber es wird genug andere Hasenmütter geben, die für sie in die Bresche springen.

Patt bleibt wenig Zeit, um Profil zu zeigen. Dabei bringt er eigentlich die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Hasenleben mit sich, setzt die Ellenbogen (bzw. Hinterläufe) ein, stößt seine Mithasen gern vor den Kopf, hat es nicht mit fruchtlosem Gegrübel und würde als Mensch vermutlich mit Aktien oder im Internet viel Geld verdienen. Auf dem Acker zahlt sich dreistes Blendertum jedoch nicht aus, und so geht Patt irgendwann den Weg alles Irdischen – eine Warnung für den Leser, hübsch beim eigenen Leisten zu bleiben und sich gefälligst anzustrengen, denn nur dann hat man Darwin auf seiner Seite und kann darauf hoffen, ein gesegnetes Alter zu erreichen.

Ausgerechnet die beste Passage wirkt fremd im Erzählfluss. Für die große Hasenjagd im letzten Drittel wechselt Fleuron die Perspektive. Der Blick hebt sich über Löffelohrenhöhe und konzentriert sich auf die menschlichen Jäger. Die kommen bei Fleuron gar nicht gut davon in ihrer Mischung aus Blutgier, Ungeschick und Bauernschläue. Satirische Spitzen schleichen sich ein, die zwar wenig Mitgefühl mit den ‚kleinen Leuten‘ verraten, aber ausgesprochen unterhaltsam sind.

Verfasser

Die Leiden, aber auch Freuden des jungen S. erzählt dieser Roman des dänischen Schriftstellers Svend Fleuron (1874-1966), der zu den ‚Erfindern‘ der modernen Tiergeschichte gezählt wird. Da war er natürlich nicht der Einzige – ein weiterer Pionier, Hermann Löns, stammt z. B. aus Deutschland (und auch er hat – schon 1909 – einen Hasen unsterblich gemacht: „Mümmelmann“) -, aber im Gedächtnis blieb er auch aufgrund des Umfang seines Werkes: Fleuron hat in den langen Jahren seiner Karriere quasi jeder Kreatur, die da draußen kreucht und fleucht, ein literarisches Denkmal gesetzt – Ameisen und Schlangen eingeschlossen.

Copyright © 2014/2016 by Michael Drewniok (md)

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Unten am Fluss – Watership Down

Tänzer im Frost

sfbentry

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