Wachen! Wachen!

wachen-wachenTerry Pratchett
Wachen! Wachen!
Ein Scheibenwelt-Roman

(sfbentry)
Piper
Fantasy
ISBN: 978-3-492-28507-0
Umfang: 423 Seiten
Originaltitel: Guards! Guards! (1989)
Erschienen: 6. Auflage (2009)
Übersetzer: Andreas Brandhorst

www.piper.de

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Wieder ein „Roman von der bizarren Scheibenwelt“ – der sechste bei Heyne erschienene, der siebente insgesamt. Und von Langeweile oder Verflachung keine Spur. Also Pratchett again! Diesmal sind die Helden vier völlig verrückte Stadtwachen von Ankh-Morpork, der berühmten Scheibenweltstadt. Sie müssen sich mit einem, von bösartigen Intriganten herbei gezauberten Drachen auseinandersetzen und auch sonst etliche Probleme meistern. Im Laufe der Handlung bringt sie das neue Mitglied der Truppe, Karotte, dazu, aus einer total verkommenen Gruppe überflüssiger Nachtwächter wieder zu dem zu werden, was seinem Gerechtigkeitsempfinden zufolge Stadtwachen ausmacht. Dieser Karotte ist ein von Zwergen aufgezogener Mensch, der erst jetzt erfahren hat, dass er kein Zwerg ist. Bei einem Körperbau, der olle Arnold Ehre gemacht hätte, durchaus bemerkenswert. Bewaffnet mit einem uralten Gesetzbuch und einem mysteriös unmagischen Schwert war er aufgebrochen, um in der Stadt in die Wache einzutreten.

Aber Karotte ist nicht der alleinige Held. Sowohl die anderen Mitglieder der Wache, vor allem ihr Hauptmann Mumm, als auch der Orang-Utan – Bibliothekar spielen wichtige Rollen. Sie alle versuchen die Folgen der Drachenbeschwörung zu bekämpfen. Ursprünglich wollte der Sekretär des Stadtoberhauptes nur mit seiner Hilfe einen (ihm gehorsamen) König einsetzen, doch dann entschloss sich der Drache, die Macht selbst zu übernehmen. Mit Hilfe eines kleinen Moordrachens, der sein feuriges Verdauungssystem so umwandelt, dass er eine Art Überschalldrachen wird, gelingt es schließlich, den großen Drachen aus der Stadt zu vertreiben. Die Wachen verhalten sich dabei wie echte Helden.

Soweit so gut. Bis das nach über 400 Seiten geschafft war, habe ich mich durch diverse Lachanfälle gekämpft, die Pratchetts einzigartiger Humor immer wieder hervorzurufen weiß. Was macht nun eigentlich seinen Humor aus, fragte ich mich irgendwann. Ich glaube, es ist die Komik des absolut Absurden, die das Ganze im wesentlichen trägt. Dazu kommen einfallsreiche und witzige Wortspiele, mit denen er in englisch-trockener Weise den Leser verblüfft. Aber andererseits sind Pratchetts Geschichten nie so blödsinnig, dass man über sie den Kopf schüttelt und das Buch achselzuckend beiseite legt. Manchmal merkt man es nicht gleich, aber dann kommt es wie ein Hammer gegen die Stirn des Lesers, der sich eben noch vor Lachen ausschüttete. Hinter dem Humor steckt oft – und gerade in diesem Buch – ein gehöriges Maß an böser Satire. Die Szene, wo der Drache einen Familienvater verdampft, der als einziger gegen die Opferung von Jungfrauen auftrat, war für mich nicht gerade zum Lachen. Und wenn der Patrizier am Schluss Mumm sein Weltbild erklärt: „Es gab und gibt immer nur die Bösen, aber einige von ihnen gehören zu unterschiedlichen Lagern“ und „Dort unten … gibt es Menschen, die jedem Drachen folgen, jeden Gott verehren und jede Greueltat bejubeln. Und das alles nur aus stumpfsinniger, alltäglicher Verderbtheit.“ dann ist das keineswegs eine aufgesetzte moralisierende Geste. Man erkennt, dass Pratchetts Gedanken tiefer gehen als nur bis zu oberflächlichem Spaß.

Natürlich nimmt er auch in diesem Werk wieder eine Reihe von Dingen auf die Schippe, die manchem lieb und teuer sein dürften. Die Stadtwache zum Beispiel, mit dem einen, gesetzestreuen Polizisten, der die verkommenen Typen dann doch umkrempelt, ist eine sehr deutliche Anspielung auf gewisse, im Polizeimilieu spielende Werke aus Buch und Film. Zum Schluss noch eine Bemerkung, die mir angebracht erscheint, weil diesem Umstand oft von Rezensenten wenig Beachtung geschenkt wird, oder wenn, dann in negativer Form. Das Buch ist nämlich ausgezeichnet übersetzt worden. Andreas Brandhorst leistete sicher enormes, denn es ist sehr schwer, englische Wortspielereien wie bei Pratchett adäquat ins Deutsche zu übertragen. Außerdem benutzt der Autor manchmal Verzerrungen der Schreibweise (wie bei „Ämpfindlichkeit“ oder in meiner Überschrift), die passend zu übersetzen, bestimmt nicht einfach war. Aber diese Aufgabe wurde wie immer mit Bravour gelöst.

Das Ende des Buches könnte verschlüsselt andeuten, dass der Scheibenweltzyklus nun auch endet. „Vielleicht hielt der Zauber an. Vielleicht auch nicht. Aber was währt schon ewig?“ Bei Heyne wird noch „MacBest“ erscheinen, doch das ist – soviel ich weiß – eigentlich „Weird Sisters“, ein älterer Band des Zyklus, den der Verlag aus unbekanntem Grund erst jetzt bringt. Ich zumindest könnte durchaus noch weitere Abenteuer auf der Scheibenwelt ertragen.

Copyright © 2009 by Wilko Müller jr
 
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