Wie weit ist es nach Babylon?

Donald A. Wollheim
Wie weit ist es nach Babylon?

Originaltitel: Two Dozen Dragon Eggs (Reseda/Kalifornien : Powell Books 1969)
Deutsche Erstausgabe: 1972 (Goldmann Verlag/Goldmanns Weltraum Taschenbuch 0135)
Übersetzung: Tony Westermayr
160 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-23135-5

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Inhalt:

24 kurze Geschichten erzählen von Menschen (u. a. Wesen), die auf ihrem Alltagsweg dorthin geraten, wo Zeit & Raum nach verrückten Regeln funktionieren und ihnen das Universum im Bund mit dem Zufall irrwitzige Streiche spielt:

Wie weit ist es nach Babylon? (How Many Miles to Babylon?, 1963), S. 5-12: Ein uraltes Lämpchen weist dem Historiker einen Weg in die Vorzeit; er hätte allerdings die Gebrauchsanweisung genauer lesen sollen.

Mimik (Mimic, 1942), S. 13-19: Wenn sich harmlose Motten als wehrhafte Wespen tarnen, könnte es nicht auch Wesen geben, die nur vorgeben, Menschen zu sein?

Erweiterung des Lebensraumes (Extending the Holdings, 1951), S. 20-24: Der Mensch wäre schon im 19. Jahrhunderts auf dem Mond gelandet, hätte man dem kühnen Reisenden nicht wichtige Informationen vorsätzlich vorenthalten.

Sturmwarnung (Storm Warning, 1942), S. 25-36: Gaswesen aus einer anderen Welt gehen auf die Erde nieder, doch Stürme tragen hier nicht grundlos Namen und reagieren ungastlich.

Besuch aus der Konservenwelt (The Poetess and the 21 Gray-Haired Cadavers, 1969), S. 37-42: Die Invasoren aus einem parallelen Universum sind perfekt vorbereitet, aber niemand kann mit allem rechnen.

Mit Vorbedacht (Malice Aforethought, 1952), S. 43-48: Ein Schriftsteller findet einen unorthodoxen aber effektiven Weg, sich eines Gedankenvampirs zu entledigen.

Der Weihnachtsmann vom anderen Stern (Santa Rides a Saucer, 1969), S. 49-54: Welche Tarnung könnte für Aliens, die unsere Erde besuchen, besser sein als die des guten, alten Weihnachtsmanns?

Das Souvenir (Ganymede House, 1953), S. 55-58: New York ist eine Weltstadt, in der exotische Anbieter gern Erzeugnisse aus der Heimat präsentieren; gerade  eröffnet hat das Ganymed-Haus.

Lieferung für Rom (Road to Rome, 1953), S. 59-62: Das Geschäft geht schlecht, weshalb es lockt, Rohstoffe für einen Weltraumkrieg zu verkaufen.

Der lebende Lumpen (The Rag Thing, 1951), S. 63-67: Wer sie kennt, wundert sich nicht, dass in der schmuddeligen Pension der Witwe Larch Leben aus dem Urschleim entsteht.

Der weibliche Teil (The Feminine Fraction, 1964), S. 68-72: Eine bestimmte Geheimwaffe der Nazis blieb aus einleuchtenden Gründen bisher top secret.

Ein Blick in die Zukunft (Ein Blick in Die Zukunft, 1969), S. 73-77: Was die berühmte Okkultistin dabei erfährt, verändert das Leben ihrer Gäste nachhaltig.

Top Secret (Top Secret, 1948), S. 78/79: Könnte es möglich sein, dass die Regierung über die Außerirdischen besser Bescheid weiß, als sie dies die Bürger wissen lässt?

Die Fliegenklappe (Shoo, Fly!, 1953), S. 80-85: An einem friedlichen Sommerabend beginnt ein erbitterter Kampf zwischen einem Bankkassierer und einem ganz besonderen Insekt.

Die blaue Maus (The Lysenko Maze, 1954), S. 86-98, steht nur kurze Zeit an der Spitze eines Invasionsheers, das der Mensch selbst geschaffen hat.

Der Großdrache von Landragon (Landragon, 1969), S. 99-109, zeigt einen Sammler von Zinnfiguren, der seinem Hobby wahrlich fantastische Seiten abgewinnt.

Zur Hölle mit ihr! (Give Her Hell, 1969), S. 110-115 belegt eindringlich, dass eine Mahlzeit mit dem Teufel selbst mit langem Löffel ein Risiko bleibt.

Der verkleidete Besucher (Disguise, 1953), S. 116-120, verkörpert den Traum des  belächelten Science Fiction-Autoren, wenigstens von den Aliens ernst genommen zu werden.

Die Festung (The Garrison, 1965), S. 121-127, liegt tief unter der Stadt New York, wo sie die Erde seit Jahrmillionen vor Invasoren aus dem Weltall beschützt.

Das Mädchen vom Lande (Doorslammer, 1963), S. 128-133, war zu ihren Lebzeiten einfach zu gut für diese Welt – und auch danach ein wenig abwesend.

Das Ei von Alpha Centauri (The Egg from Alpha Centauri, 1969), S. 134-138, beherbergt zwei außerirdische Gäste von besonderer Hinterlist.

Auftrag für die Weltraumgrenadiere (Last Stand of a Space Grenadier, 1954), S. 139-147: Wieso selbst in den Ring steigen, wenn sich für den Weltraumkrieg ahnungslose Erdlings-Kinder rekrutieren lassen?

Kampf der Geschlechter (An Advance in the War Between the Sexes, 1969), S. 148-153: Der Besuch bei einem weiblichen Psychiater ermöglicht dem Patienten den Blick auf einen geheimen Krieg der unerwarteten Art.

Verirrt im Unendlichen (Web Sixty Four, 1969), S. 154-158, zeigt das Leben als ewigen Kreislauf.

Das Universum als Irrenhaus

Mit „Wie weit ist es nach Babylon?“ legt Donald A. Wollheim zwei Dutzend recht kurze, aber sehr dichte Geschichten voller Überraschungen vor; echte Dracheneier eben, die ihren wahren Inhalt erst beim Zerbrechen der Schale offenbaren. „Mimik“, die zweite Story, gibt den Ton vor: Ahnungslose Durchschnittsmenschen werden zufällig darauf aufmerksam, dass die scheinbar überschaubare Welt, in der sie sich als gute (amerikanische) Bürger eingerichtet haben, längst vom Fremden, meist Außerirdischen, unterwandert wurde. Nach dem kurzen Blick in eine ganz andere Realität fällt rasch wieder der tarnende Schleier, aber für die nun Wissenden ist der Schaden angerichtet; für sie wird die Welt nie mehr die Heimat von früher sein.

Donald A. Wollheim gehört zu den Pioniergestalten der (US-amerikanischen) Science Fiction. Ab 1935 wurde er zu einer bekannten Persönlichkeit des gerade aufblühenden Fandoms. In dieser frühen Phase, in der sich ein harter Kern der SF-Autoren und ihre Leser als Keimzelle einer vereinten, (technologisch) fortschrittlichen, „kosmischen“ Menschheit sah, gehörte Wollheim in prominenter Position diversen Clubs wie den „Futurians“ an, in denen er sich sehr aktiv für die Science Fiction einsetzte. („Der verkleidete Besucher“ sowie besonders „Auftrag für die Weltraumgrenadiere“ dürften leicht chiffrierte Erinnerungen an diese Jahre sein.)

Die aus heutiger Sicht etwas naiv anmutende Fandom-Szene dieser Jahre ist keineswegs mit jener Realitätsflucht gleichzusetzen, die gerade den SF-Fans lange fälschlich unterstellt wurde. 1969 (zufällig auch das Jahr, in dem „Wie weit ist es nach Babylon?“ im Original erschien) fasste Wollheim in einem Interview seine Weltsicht so zusammen:

„Ich bin fest davon überzeugt, dass alles, was in der Gegenwart von Bedeutung ist, verschwinden wird und nichts auf dieser Welt perfekt ist; ich gehe außerdem davon aus, das niemand die vollständige Antwort auf irgendeine Frage kennt, und alle Dinge sich einem stetigen Fluss befinden, dessen Verlauf niemand genau oder auch nur annähernd kennt. Kurz gesagt – ich bin ein Zyniker …“

Gesteigerter Irrwitz als logische Konsequenz

Die vierundzwanzig Dracheneier, die Wollheim uns hier ins Nest legt, veranschaulichen sein Credo auf beispielhafte Weise. Zwar kann man ihn nicht zu den prägenden Autoren des „Golden Age of Science Fiction“ zählen. Wollheims schriftstellerisches Werk blieb zudem schmal, denn er wechselte noch während des II. Weltkriegs auf die andere Seite des Schreibtisches, nutzte die Kontakte, die er zu praktisch allen amerikanischen Autoren geknüpft hatte, und entwickelte sich zu einem der fleißigsten und besten Herausgeber von Kurzgeschichten.

Als Autor ist Wollheim demgegenüber stets auf dem inhaltlichen und formalen Niveau seiner frühen Schriftstellerjahre geblieben. Die meisten „Babylon“-Geschichten dürften schon altmodisch gewirkt haben, als sie zum ersten Mal in diversen Magazinen erschienen, und die Storys, die Wollheim 1969 exklusiv für diese Sammlung schrieb, sind geradezu anachronistisch. Während die jungen Rebellen des „New World“-Umfelds das Genre aus den Angeln hoben und praktisch neu definierten, beschwor Wollheim unverdrossen den „Sense of Wonder“ der Gernsback/Campbell-Ära.

Dennoch oder vielleicht gerade deshalb strahlen Wollheims Geschichten, die sich wohl besser mit dem (ebenfalls angenehm altmodischen) Terminus „Schnurren“ beschreiben lassen, eine nostalgische Zeitlosigkeit aus, die derjenigen der klassischen „Star Trek“-Serie gleicht: Die Zukunft der Vergangenheit wurde so radikal von der Gegenwart eingeholt, dass sie im Rückblick surreale Züge angenommen und dadurch einen Unterhaltungswert gewonnen hat, der ursprünglich gar nicht in ihr angelegt war.

Zwischen Komik und Finsternis

Nur ganz selten zeigt Wollheim, dass er mehr kann. „Zur Hölle mit ihr!“ ist beispielsweise ungewöhnlich grimmig geraten und fällt aus dem Rahmen sonst harmloser oder aus heutiger Sicht sogar (mild) chauvinistischer Scherze („Kampf der Geschlechter“), die nicht selten in reine Kalauer verflachen. „Verirrt im Unendlichen“ ist eine ruhige, aber überzeugende Variation zum Thema Tod und Wiedergeburt.

Durchweg positiv fällt Wollheims Hang auf, sich und seine Geschichten nicht sonderlich ernst zu nehmen. Stories wie „Der lebende Lumpen“ oder „Die Fliegenklappe“ leben durch ihren trockenen Humor, den der kritikerseits einst viel gescholtene, weil hyperaktive Übersetzer Tony Westermayr erstaunlich gut ins Deutsche retten konnte.

Die Ähnlichkeit der „Grauen“, die aus der „Konservenwelt“ die Menschheit überfallen wollen, mit den „Star-Trek“-Borg ist trotz des heiteren Grundtons (und des von H. G. Wells geklauten Plots) geradezu unheimlich, zumal sie dauernd mit der „Assimilation“ ihrer Opfer drohen. Ob hier eine bisher noch unbekannte Quelle der Inspiration für die meist im SF-Genre bewanderten „Star-Trek“-Autoren sprudelte?

Schutz für empfindsame Leser inklusive …

Der Originaltitel der Story „Ein Blick in die Zukunft“ lässt übrigens vermuten, dass bei Wollheim die angekündigte Bedrohung beileibe nicht aus dem sowjetischen Reich des Bösen, sondern aus einem „Vierten Reich“ der Zukunft über die Vereinigten Staaten kommt; im Deutschland des Jahres 1972 und in einem eher konservativ ausgerichteten Verlag wurde dieser (zugegeben wenig originelle) Gag natürlich sogleich entschärft.

Gesichert ist dagegen die auch in der Übersetzung kaum sechsseitige Story als Katalysator eines Mini-Franchises, das erst nach Wollheims Tod entstand: „Mimic“ wurde 1997 zur Vorlage des modernen B-Film-Klassikers „Mimic – Angriff der Killerinsekten“, mit dem Guillermo del Toro als Regisseur in Hollywood Fuß fassen konnte. (Über die beiden ‚Fortsetzungen‘ von 2001 und 2003 sei der Mantel des Schweigens gebreitet.)

Ob freundlicher Witzbold oder Zyniker: Mit „Wie weit ist es nach Babylon?“ präsentierte Donald A. Wollheim ein kleines Juwel der Science Fiction, dessen Lektüre über die gesamte Distanz einfach nur Freude bereitet. Dies sei den Lesern dieser Zeilen ermutigend ans Herz gelegt, denen womöglich keine einfache Aufgabe bevorsteht, sollten sie nach dieser offenbar nur einmal aufgelegten Sammlung fahnden.

Autor

Donald Allen Wollheim wurde am 1. Oktober 1914 in New York als Sohn eines Arztes geboren. Er gehört zu den Gründergestalten der modernen Science Fiction, war seit 1935 Mitherausgeber erster Fanzines und Mitorganisator der ersten SF-Convention überhaupt, die am 22. Oktober 1936 in Philadelphia stattfand.

Daneben fand Wollheim die Zeit, eigene SF-Geschichten zu schreiben. Er debütierte 1934 mit der Story „The Man from Ariel“, doch regelmäßig veröffentlichte er erst seit den 1940er Jahren. Obwohl Wollheim sich selbst weniger als Autor denn als Herausgeber sah, wurde er in den 1950er und 60er Jahren als Verfasser zahlreicher SF-Romane für jugendliche Leser bekannt und erfolgreich. So ersann er zwischen 1961 und 1966 acht Romane der „Mike-Mars“-Serie, von denen immerhin sieben auch in Deutschland erschienen.

Ab 1952 zeichnete Wollheim für die SF-Reihe von Ace Books verantwortlich. Zwanzig Jahre gab er klassische und moderne, bekannte und unbekannte Werke heraus und prägte den US-Buchmarkt für Science Fiction und Fantasy entscheidend mit. Gegen den Willen von J. R. R. Tolkien veröffentlichte Wollheim 1964 die „Herr-der-Ringe“-Trilogie im Paperback-Format und riskierte damit einen Rechtsstreit, den er für sich bzw. Ace Books entscheiden konnte.

1971 verließ Wollheim Ace Books. Mit DAW, seinen eigenen Verlag, war er erneut mit einem Programm erfolgreich, das renommierte neben unbekannte Namen stellte. 1985 übergab Wollheim die Verlagsleitung an seine Tochter. 1988 erlitt er einen Schlaganfall. Zwar blieb er als Anthologist und DAW-Berater weiter aktiv, erholte sich aber nicht mehr vollständig. Vier Wochen nach seinem 76. Geburtstag starb Donald A. Wollheim am 2. November 1990 in New York.

Copyright © 2011/2016 by Michael Drewniok (md)

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