Worldshaker

Richard Harland
Worldshaker

(sfbentry)

Jacoby & Stuart, Hardcover (2010)
Aus dem australischen Englisch übersetzt von Werner Leonhard
Titelillustration von Hans Baltzer
397 Seiten, ab 13 Jahren
ISBN 978-3-941787-07-0

http://jacobystuart.de
http://www.richardharland.net/

In einer alternativen Gegenwart haben sich die großen Nationen der alten Welt in sogenannte Juggernauts geflüchtet. Diese Weltenschiffe befahren unaufhörlich die Erde. Einer dieser Juggernauts ist der britische Worldshaker, der seit Generationen von der Familie Porpentine kommandiert wird. An Bord herrscht eine strenge viktotorianisch imperialistische Weltordnung. Dieser von Dampfkraft angetriebene mobile Staat folgt seiner eigenen Gesellschaftsnorm. Oben lebt die Elite, unten hausen die Arbeiter, sogenannte Dreckige, denen ein Recht auf Leben und Entscheidungsfreiheit genommen wird.

Col ist der Enkel des amtierenden Kommandanten und sieht einer aufregenden Zukunft entgegen. Er ist mit seinen sechzehn Jahren jung und idealistisch, glaubt an hehre Grundsätze, Moral und Ethik. Da poltert eines Nachts die Dreckige Riff in sein Zimmer, gerade mal vierzehn Jahre alt, aber wild, entschlossen und um vieles reifer als Col. Der versteckt Riff wider besseren Wissens und so beginnt eine merkwürdige und gefährliche Bekanntschaft, die vor allem Cols Leben radikal verändert. Durch die Pläne seiner Familie, seine Ausbildung und schlussendlich auch Riff, blickt er hinter den Spiegel der herrschenden Gesellschaft und erkennt die bittere Wahrheit, die den Juggernaut antreibt …

Mit „Worldshaker“ hat der in England geborene und in Australien lebende Autor Richard Harland 2009 einen Jugendroman geschrieben, der bereits von der ersten Seite an die Leser in seinen Bann zieht. Bereits 2010 präsentiert der Berliner Verlag Jacoby & Stuart eine gelungene Übersetzung des Buchs.

Im Zentrum der Geschichte stehen Col und Riff, zwei junge Leute. Es handelt sich um sehr gegensätzliche Persönlichkeiten, die sich trotzdem zueinander hingezogen fühlen. Das sind natürlich klassische Elemente der Literatur. Und ebenso klassisch sind auch die grundlegenden Probleme der beiden Jugendlichen. Col ist älter als Riff und auf dem Sprung ins Erwachsenwerden. Zuerst ist das für ihn sehr verführerisch, doch dann sieht und fürchtet er die dunklen Geheimnisse, die damit verbunden sind. Er kommt aus einer heilen Welt, ist wohlbehütet und muss nun die Erwartungen erfüllen, die mit ihm verbunden sind. Auf der anderen Seite steht nun Riff, rebellisch, verführerisch – um einiges erwachsener – und mit dem Apfel der Erkenntnis in der Hand. Ja, denn schlussendlich präsentiert Harland hier die Geschichte von Adam und Eva, nur sehr geschickt verpackt.

Wie Adam seiner Eva, so unterliegt Col seiner Riff, nascht vom Apfel und zieht den Zorn Gottes auf sich – mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Die grundlegenden Züge der Geschichte sind also bekannt, elementar und beschäftigen Heranwachsende seit Menschengedenken. So ist es nachvollziehbar, dass sich die Leserschaft in den Helden wiedererkennt. Die Jugend steckt mitten in einem solchen Wandel, die Älteren werden sich erinnern. So ist „Worldshaker“ zwar ein Jugendbuch, funktioniert aber generationsübergreifend.

Die eher altbackene Geschichte von Col und Riff wäre an sich langweilig, doch Richard Harland steckt seine Protagonisten in eine äußerst ansprechende Kulisse, die der ganzen Sache die richtige Würze gibt und selbst zum Spannungsträger wird. So sorgen die gesellschaftlichen Normen an Bord der Worldshaker bereits für Konfliktpotenzial. Sehr authentisch beschreibt Harland die Vorgänge auf dem Juggernaut, das Denken, Handeln und die Motivation seiner Figuren. Das Ganze ist sehr schlüssig umgesetzt und läuft erst zum Ende hin ein wenig aus dem Ruder.

Neben den Figuren punktet der Autor auch mit der Umgebung. Seine Alternativwelt steckt voller Geheimnisse, dunkler Ecken und Merkwürdigkeiten. Überall dampft und zischt es, betont Harland aber auch den Kontrast zwischen Oben und Unten, zwischen Sauber und Dreckig. Eine der Nebenfiguren hat gar eine Obsession gegen das Dreckige in der Welt. Auch die Vorstellung von solch gigantischen Weltenschiffen ist ebenso atemberaubend wie aberwitzig. Vor allem der gereifte Leser wird die Unmöglichkeit der Existenz solcher Juggernauts rasch erkennen, doch zuliebe der wunderbaren Geschichte beiseite schieben.

Der Stil Harlands ist sehr gelungen. Der Text liest sich mit ernstem, aber trotzdem jugendlichen Ton. Die Handlung ist äußerst spannend und hervorragend konstruiert. Sämtliche Krisen der beiden Hauptfiguren sind gut pointiert und es gibt einen hervorragenden Wechsel in der Dramatik, die sich zum Ende hin natürlich zuspitzt. Im Finale beginnt Harland ein wenig zu schwächeln, jedenfalls auf der literarischen Seite. Zum großen Ende hin überzeichnet er einige seiner Figuren, nimmt ihnen gar den subtilen Horror ihrer Handlungen. Das ist sicherlich ebenfalls im Aufbau der Geschichte begründet, der sehr durchdacht ist und sich hervorragend für eine spätere Verfilmung eignet – inklusive dem furiosen Abgang, der leider schwächelt und – nach Reflektion der Ereignisse – Col als unreifen Helfershelfer dastehen lässt. Schrieb Harland bis zum Finale vorausschauend und nachhaltig, so verschob er den Fokus zum Ende hin.

Dennoch ist „Woldshaker“ ein spannender und unterhaltsamer Jugendroman, der eine sehr eindringliche und atemberaubende Atmosphäre besitzt. Die deutsche Übersetzung von Werner Leonhard ist hervorragend und wird dem Stoff gerecht. Vor allem in Anbetracht einiger kniffligen Stellen wie dem Leseunterricht. Die Aufmachung des Hardcovers ist ebenfalls gelungen, was vor allem an der Titelillustration von Hans Baltzer liegt, und neben dem Inneren des düsteren Juggernauts auch die beiden Helden als Schattenriss zeigt. Sehr schick!

Jacoby & Stuart gibt für den Romane eine Altersempfehlung ab dreizehn Jahren an. Lesbar ist „Worldshaker“ damit allemal, doch das Verständnis der gesellschaftlichen Stellungen – und der sexuellen Anspielungen in diesem Kontext -, entfaltet sich erst ein wenig später. Ab fünfzehn Jahren wäre angemessen, um die Geschichte in ihrer ganzen Bedeutung zu verstehen, zumal in diesem Alter auch eine entsprechende historische Vorbildung durch die Schule stattfand. Auch die Altersproblematik der beiden Hauptfiguren wird dann verständlicher.

Schlussendlich ist „Worldshaker“ ein gelungener Roman mit nur kleinen Schwächen, über die getrost hinweggelesen werden kann. Eine klare Empfehlung!

Copyright © 2010 by Günther Lietz

Titel bei Buch24.de

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