Zerbrechliche Dinge

Neil Gaiman:
Zerbrechliche Dinge

Originaltitel: Fragile Things (2006).
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Eichborn/Lübbe Verlag
Übersetzung: Ruggero Leó, Hannes und Sara Riffel, Dietmar Schmidt, Karsten Singelmann.
Cover: Guter Punkt, München (Einband-/Umschlagmotiv: Markus Weber/Guter Punkt unter Verwendung von © PLANET365/Thinkstock)
412 Seiten
ISBN 978-3-8479-0655-1

von Gunther Barnewald

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Diese Kurzgeschichtensammlung enthält Prosa und Lyrik von Neil Gaiman aus den Jahren 1995 bis 2006. Im Gegensatz zur deutschen Erstveröffentlichung (bei Klett-Cotta 2010), die nur 14 Prosaerzählungen enthielt, sind hier 23 Geschichten, acht Gedichte und das längere Vorwort der Originalausgabe enthalten. Neu übersetzte Texte stammen dabei immer von Ruggero Leó. Zudem wurde die Story „Wie man sich auf Partys mit Mädchen unterhält“ von Dietmar Schmidt eingedeutscht, während alle anderen Erzählungen von Hannes und Sara Riffel übersetzt wurden (mit Ausnahme der Novelle „Der Herr des Tals“, die Carsten Singelmann übertrug) und aus der früheren Ausgabe stammen.

Die Texte schwanken zwischen einer und knapp 60 Seiten Länge und zeigen den Autor als feinen Stilisten, der außerdem wunderbar erzählen kann, was dank der hervorragenden Übersetzer voll zur Geltung kommt.

Leider kann der Inhalt oft mit dem stilistischen Niveau des Autors nicht mithalten. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Stephen King, der oft weniger durch seinen Stil, dafür aber durch Kreativität im Erfinden ausgefallener Situationen glänzt und hervorragende Ideen entwickelt, besticht Gaiman eher durch brillanten Stil und die traumhafte Atmosphäre. Die Plots können da nicht immer mithalten.

Nur selten kommen Idee und Stil so erstklassig zusammen wie in der Story „Eine Studie in Smaragdgrün“, die Meisterdetektiv Sherlock Holmes bei Ermittlungen in einer lovecraftartigen Parallelwelt zeigt, in der vor 700 Jahren die „Alten Götter“ die Macht an sich gerissen haben. England heißt Neu-Albion, die Herrschenden haben grünes Blut und sind keine Menschen. Auf bestialische Weise ist ein ‚böhmischer‘ Thronfolger ermordet worden; sein grünes Blut verunziert die Wand, und das deutsche Wort Rache steht dort geschrieben. Natürlich gelingt es Holmes, die Täter zu entlarven, die hier nicht verraten werden.

Grandios sind auch die in die Erzählung eingeflochtenen Werbetexte, die fast ausschließlich gelungene Verbeugungen des Autors vor berühmten literarischen Vorbildern des Genres sind. Zu Recht erhielt Gaiman für diese Geschichte den Hugo Gernsback Award der US-amerikanischen SF-Leserschaft.

Ebenfalls gelungen ist die Kurzgeschichte vom schüchternen Pubertierenden, der sich plötzlich auf einer seltsamen Party wiederfindet, auf der die Mädchen allesamt von fernen Welten zu stammen scheinen („Wie man sich auf Partys mit Mädchen unterhält“). Leider muss er von der Party fliehen, ohne nähere Bekanntschaften machen zu können, da sein Begleiter eine große Dummheit begeht.

Während sich in „Herr des Tals“ die Protagonisten nach und nach als Fabelwesen entpuppen und ein Kampf auf ungewöhnliche Weise endet, erzählt „Bitterer Kaffeesatz“ von einem Mann, der in die Rolle eines verschwundenen Forschers schlüpft, um auf einem Anthropologenkongress einen Vortrag über Zombies zu halten.

Von den neu übersetzten Texten überzeugt (neben dem tollen Gedicht „Der Tag an dem die Untertassen kamen“) leider nur die brutal-derbe, aber eindringliche Erzählung „Andenken und Schätze“, die einem ob ihrer psychopathischen Kälte schon die Nerven rauben kann. Sie zeigt, welche Klasse der Autor hat, wenn er eine Geschichte zu erzählen hat. Die übrigen erstmals übersetzten Texte sind dann eher mäßig, aber immer gut zu lesen. Wie andere kürzere Texte Gaimans leiden sie darunter, dass sie Klischees aufwärmen. Dazu zählen folgende Geschichten: „Die wahren Umstände im Fall des Verschwindens von Miss Finch“, in der ein unheimlicher Zirkus einlädt, „Oktober hat den Vorsitz“, in der ein vernachlässigter Junge von Zuhause abhaut, um sein Schicksal zu finden, „Fressen und gefressen werden“, in der ein Mann einem unheimlichen Wesen verfällt, das ihn lebendigen Leibes auffrisst, oder „Sonnenvogel“, in der ein Gourmetclub sich an einem Fabelwesen vergreift, was böse Folgen für die Mitglieder hat: hier hat der Autor nochmals eine wunderbare Idee umgesetzt, die sich erst am Ende der allzu langen Erzählung zeigt.

Während vor allem die kürzeren Texte meist und allein atmosphärische Schilderungen ohne konkrete Handlungsstränge sind, stellt „Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ wohl eine unausgegorene Parodie auf die Konventionen des Genres dar.

Insgesamt ist „Zerbrechliche Dinge“ keine schlechte Kollektion, aber rundweg empfehlenswert ist sie auch nicht geraten; dafür sind zu wenige Ideen vorhanden, auch wenn die stilistischen Fertigkeiten des Autors diesen Mangel scheinbar überdecken. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass kaum überragende Kurzgeschichten veröffentlicht sind, d. h. Details (Grundidee, stilistisches Niveau und Ausführung) wirklich zu überzeugen vermögen.

Copyright © 2019 by Gunther Barnewald

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