Der Mann, der Liberty Valance erschoss

James Warner Bellah
Der Mann, der Liberty Valance erschoss

Originaltitel: The Man Who Shot Liberty Valance (New York : Perma Books 1962)
Übersetzung: Rolf O. Becker
Deutsche Erstausgabe: 1963 (Erich Pabel Verlag/Pabel-TB 121)
174 Seiten
[keine ISBN]

Anmerkung: Denselben Titel trägt ein im Heyne-Verlag 1983 erschienenes Taschenbuch (Nr. 05/2679), das jedoch nicht den Roman zum Film, sondern eine Sammlung von Kurzgeschichten der Autorin Dorothy M. Johnson enthält, die 1953 die Titelstory schrieb.

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Das geschieht:

Wie viele andere Männer folgt Jung-Anwalt Ransom Stoddard den Lockrufen, die ein erfolgreiches und abenteuerliches Leben im mittleren Westen der noch jungen USA versprechen. Sein Ziel ist die Kleinstadt Shinbone, doch bevor er sein Ziel erreichen kann, erhält Stoddard einen Vorgeschmack auf die raue Wirklichkeit seiner neuen Heimat: Die Kutsche wird überfallen, und als sich Stoddard widersetzt, schlägt ihn der Anführer der Banditen brutal zusammen.

Halbtot liest ihn später Rancher Tom Doniphan auf, der ihn nach Shinbone und zum Doktor schafft sowie aufklärt: Stoddard ist an Liberty Valance geraten, einen Sadisten und Mörder, der ‚hauptberuflich‘ lokale Farmer terrorisiert, die sich dagegen wehren, dass die großen Rancher immer mehr Land an sich reißen. Marshal Appleyard ist nur für Shinbone zuständig und außerdem ein Feigling, der Sheriff weit weg. Valance kann unbehelligt sein Unwesen treiben.

Stoddard will ihm das Handwerk legen. Er lebt sich in Shinbone ein, arbeitet als Journalist und eröffnet eine Kanzlei. Damit erregt er erst recht den Unwillen von Valance, denn Stoddard macht sich dafür stark, dass Shinbone Teil der Vereinigten Staaten wird, was dem Gesetz endlich Kraft verleihen würde.

In seinem Ringen ist Stoddard abgelenkt, denn er hat sich in Hallie verliebt, um die ausgerechnet Tom Doniphan freit – der einzige ‚Freund‘ mit echter Feuerkraft, auf den Stoddard zählen kann. Doniphan bemerkt die unerwartete Konkurrenz bald, muss aber feststellen, dass er den dummen, mutigen, ehrlichen Anwalt schätzt und eine schwere Entscheidung treffen: Da sich abzeichnet, dass Stoddard die Bürger auf seine Seite ziehen kann, reitet Valance nach Shinbone, um den lästigen Anwalt ein für alle Mal zum Schweigen zu bringen …

„When Liberty Valance rode to town the women folk would hide,
when Liberty Valance walked around the men would step aside …“

„Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ gilt als einer der besten Filme, die im ‚alten‘, noch von den großen Studios dominierten Hollywood entstanden sind. Wichtig ist dabei, dass sich dieses Urteil nicht auf „Der Mann …“ als Western beschränkt: Die Geschichte von Ransom Stoddard, Tom Doniphan und Liberty Valance beinhaltet mehr als das typische Garn vom tapferen Gesetzeshüter gegen eine Überzahl feiger Strolche oder den Kampf landhungriger Siedler gegen einheimische Indianer. Hier wird Grundsätzliches zur Sprache gebracht und innerhalb der Kulissen eines trügerisch simpel strukturierten Genres thematisiert.

Wobei „Kulissen“ präzise die Qualität der wenigen Schauplätze beschreibt. „Der Mann …“ wirkt wie ein Theaterstück. Die betont kostengünstige Produktion des (schwarz-weißen) Films, in den das finanzierende Studio wenig Hoffnungen setzte, sorgte dafür, dass Shinbone stilisiert und ‚künstlich‘ wirkte. Obwohl Regisseur John Ford ein Meister seines Handwerks war, konnte (oder wollte) er 1962 nicht verbergen, dass viele Szenen nicht unter freiem Himmel entstanden waren.

Die ‚artifizielle‘ Atmosphäre schadete dem Film nicht, sondern sorgte dafür, dass er gut alterte. Authentisch sollte er nicht sein, sondern eine Aussage vertreten. Obwohl „Der Mann …“ dabei aus heutiger Sicht oft (zu) didaktisch wird, gelingt es, Anspruch und Unterhaltung so harmonisch und überzeugend miteinander zu kombinieren.

„… ‘cause the point of a gun was the only law that Liberty understood;
when it came to shootin‘ straight and fast, he was mighty good.”

Bereits der Titel spielt darauf an, dass hier die Geschichte einer großen Lüge erzählt wird: „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, hat diese ‚Heldentat‘ gar nicht begangen. Überhaupt ist Valance, obwohl schon im Titel und auch sonst scheinbar ständig präsent, eine Nebenfigur. Er dient dem Geschehen als Katalysator und symbolisiert, was im realen Westen als echtes Problem galt: Den Pionieren folgten die Siedler, die nicht nur die Errungenschaften der Zivilisation – u. a. Recht und Gesetz – schätzten, sondern diese in ihren neuen Heimatstädten verankert sehen wollten. Der Westen sollte ‚erwachsen‘ werden, Streitigkeiten sollten nicht mehr mit der Waffe ‚geregelt‘ werden und Frauen nicht mehr gezwungen sein sich zu verstecken, weil ein Liberty Valance in die Stadt ritt.

Schon der Name „Liberty“ ist ein Affront gegen solche Vorstellungen. Valance steht für eine Freiheit, die außerhalb gesetzlicher und moralischer Normen existiert, so wie Shinbone noch nicht zum Territorium der USA gehört. Deshalb ist es kein Wunder, dass Valance sich keinen Deut um Vorschriften schert. Stattdessen verdingt er sich als Schläger und Mörder für die reichen Rancher: Männer, die nur vorgeblich das Gesetz achten und aus dem Hintergrund = besonders hinterhältig die Wünsche der bürgerlichen Mehrheit verachten.

Da Liberty Valance von Lee Marvin gespielt wird, gesellt sich eine ‚moderne‘, ungute Komponente hinzu: Valance ist kein ‚normaler‘ Verbrecher, sondern ein Sadist und Psychopath, der es liebt, Menschen mit seiner schweren Peitsche zu schlagen oder zu erschießen. Autor Bellah betont diesen Charakterzug, der Valance unberechenbar und erst recht gefährlich macht: Er ist zu verrückt, um Angst zu spüren, aber schlau genug, sich nicht mit Tom Doniphan anzulegen.

„From out of the East a stranger came, a law book in his hand;
the kind of a man the West would need to tame a troubled land.“

Ransom Stoddard: Der Name deutet absichtlich umständliche Weltfremdheit an. Stärker noch als im Film lässt Bellah Stoddard als personifiziertes Recht und moralische Identifikationsfigur antreten. Als solche Symbolgestalt muss er schwer einstecken. Valance bringt ihn anfangs beinahe um, die Bürger von Shinbone – eine Parade von Archetypen (der feige Marshal, der zynische Arzt, der ehrliche, versoffene Zeitungsmann, der verlogene Lobbyist, diverse mutige, aber hilflose Frauen – klopfen ihm zwar auf die Schulter, stehen ihm aber nicht in seinem Kampf bei.

Es ist Tom Doniphan, der Stoddards ‚Erziehung‘ übernimmt. Dieser lässt sich zwar nicht verbiegen, begreift aber endlich die ungeschriebenen Regeln und hat im Dienst der guten Sache letztlich keine Skrupel, den Tod von Liberty Valance als Startschuss für eine berufliche Karriere zu nutzen. Darüber hinaus muss Doniphan erleben, dass Hallie Stoddards Lebensgefährtin wird, was er hilflos geschehen lässt und zu einer Wahnsinnstat treibt. Während „Ranse“ und Hallie ein gemeinsames, erfolgreiches, glückliches Leben beginnen, bleibt Doniphan in Shinbone zurück und gibt auf. In einer viele Jahre später spielenden Rahmenhandlung blickt Stoddard in Doniphans Sarg und sieht dort die Leiche eines heruntergekommenen, alten Mannes – ein Niedergang, der im Film noch drastischer wirkt, weil der jüngere Tom Doniphan von John Wayne gemimt wird.

Die Moral von dieser Geschichte lautet, dass sich auch ein ehrenhafter Mann die Hände schmutzig machen kann oder muss, wenn es eine Krisensituation, wie sie Liberty Valance heraufbeschwört, erfordert: „When the final showdown came at last, a law book was no good: When two men go out to face each other only one returns.“

„Everyone heard two shots ring out, a shot made Liberty fall;
the man who shot Liberty Valance, he shot Liberty Valance – he was the bravest of them all!“

Am Ende kommt alles auf den Tisch. Ransom Stoddard, aufgestiegen vom Tellerwäscher, Lehrer und Kleinstadt-Juristen, hat die Nase voll von einem Ruhm, der auf einem Schuss basiert, den nicht er abfeuerte. Er erzählt, was wirklich geschah, und das im vollen Wissen um die Anwesenheit eines Journalisten. Falls er glaubt, sich auf diese Weise endlich von den Gespenstern der Vergangenheit zu befreien, irrt er sich: Stoddard steckt viel zu tief im Gespinst eines Mythos‘, der nach Ansicht sämtlicher Anwesender wichtiger als die Wahrheit ist: „This is the West, Sir. When the legend becomes fact, print the legend.“ Mit Liberty Valance verschwand der alte, ungezähmte Westen, und der Aufstieg begann. So will man erinnern: „Das ist der Westen, Sir. Immer noch der Westen. Und er hat immer noch seine eigenen Gesetze. Manchmal sind unsere Legenden hier groß. Und wenn das so ist, sind sie wahrer als die Wahrheit. Sie sind unsere Wahrheit, Sir.“ (S. 172)

Da James Stewart Ranse Stoddard spielt (und obwohl er viel zu alt für seine Rolle ist), glaubt man, dass Stoddard seine Lektion nicht nur gelernt, sondern umgesetzt hat, was ihm der Mythos als Auftrag aufbürdete, aber auch ermöglichte: „Ranse Stoddard schauderte unmerklich. Er begriff plötzlich mit ganzer Klarheit und Endgültigkeit, dass er für die Leute dieses Staates zuerst immer der Mann sein würde, der Liberty Valance erschoss, einerlei, was er sonst tat und solange er auch leben würde.“ (S. 172).

Dies zeigt den Mythos als Notwendigkeit und Bürde, und dies ungeachtet der manchmal allzu klischeehaften, dem zeitgenössischen Geschmack und Verständnis geschuldeten Einschübe in aller Deutlichkeit. Von solcher Prägnanz war die simple Story, die Dorothy M. Johnson 1953 veröffentlichte, weit entfernt. „Der Mann …“ verdient seinen Ruf erst in der Filmversion, was Autor James Warner Bellah drehbuchnah und mit Gespür für die Mehrschichtigkeit des Geschehens in den Roman zum Film übertrug.

(Anmerkung: Die Kapitelüberschriften zitieren Zeilen aus dem Song „When Liberty Valance Rode to Town“; Text und Musik: Burt Bacharach u. Hal David, gesungen von Gene Pitney.)

Autor

James Warner Bellah wurde am 14. September 1899 in New York City geboren. An der Georgetown University in Washington, D. C. studierte er Geschichte. Als Pilot diente Bellah im I. Weltkrieg in der kanadischen Luftwaffe. Anschließend arbeitete er als Sprachlehrer (Englisch) und in der Werbung, blieb aber auch der Luftfahrt treu und schrieb u. a. als Auslandskorrespondent für den „Aero Digest“ in Europa und China. Im II. Weltkrieg diente Bellah an der Pazifikfront in Burma. Er wurde mehrfach ausgezeichnet und verließ den Militärdienst im Rang eines Colonels.

Kurzgeschichten veröffentliche Bellah seit 1919. Es wurden mehr als 100, meist spielten sie im Western- und Militär-Milieu und erschienen in den zeitgenössischen Pulp-Magazinen. 1927 folgte ein erster Roman, dem bis 1961 18 weitere folgten. Hinzu kam 1948 die Autobiografie „Irregular Gentleman“.

Mehrere seiner Kurzgeschichten wurden verfilmt, so 1949 „She Wore a Yellow Ribbin“ (dt. „Der Teufelshauptmann“) oder „Rio Grande“ (1959), beide mit John Wayne in der Hauptrolle. Umgekehrt adaptierte Bellah mehrere Drehbücher für den Roman: „Target Zero“ (1955; „Sperrfeuer auf Quadrat 7“), „Sergeant Rutledge“ (1960; „Der schwarze Sergeant“) oder „The Man Who Shot Liberty Valance“ (1962; „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“).

Mit seiner Familie lebte Bellah zuletzt in Pacific Palisades, Los Angeles. Gestorben ist er am 22. September 1976 nach einem Herzanfall.

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