Die Berechnung der Sterne

Mary Robinette Kowal
Die Berechnung der Sterne

Originaltitel: The Calculating Stars (2018).
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2021 (Piper Verlag)
Übersetzung: Judith C. Vogt
Cover: Guter Punkt, München/Anke Koopmann (unter Verwendung einer Vorlage von Jamie Stafford-Hill; Gregory Manchess [Silhouetten]).
512 Seiten
ISBN 978-3-492-70597-4

von Gunther Barnewald


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Bereits auf der Coverwerbung wird der Bezug zum wunderbaren Film „Hidden Figures“ hergestellt. Es hat durchaus seine Berechtigung, da Zuschauer, die ihn gesehen haben, sicherlich auch mit Kowals Buch etwas anfangen können (und hier inhaltlich viele Parallelen finden werden).

Für ihr Werk hat die Autorin die bekanntesten SF-Preise abgesahnt – den „Hugo“ (vergeben von Lesern), den „Nebula Award“ (vergeben von SF-Schriftstellerkollegen in den USA) und den „Locus Award“ (vergeben von Lesern des gleichnamigen SF-Magazins). Eine hohe Verantwortung, denn wie könnte man ein dermaßen dekoriertes Werk ablehnen?

Zur Beruhigung aller SF-Leser gibt es kaum einen Grund dafür. Kowal macht eigentlich alles richtig. Sie griff zum richtigen Zeitpunkt wichtige Themen auf (Gleichberechtigung sowohl beim Geschlecht als auch bei der Hautfarbe) und erzählt mit viel Geschick und Verve die Geschichte einer Alternativwelt, in der die Menschheit weniger ‚vernagelt‘ ist.

Nicht nur, dass der Sputnik-Schock in den USA ausblieb – Präsident Dewey gewann die Wahl gegen Truman und förderte die Raumfahrt massiv – gewannen die USA den Wettlauf ins All. Der sich anschließende Weg zum Mond gelang auch, weil Frauen und „People of Color“ am Programm beteiligt waren.

Als 1952 ein Meteorit Washington trifft und Millionen Menschen tötet – hiermit beginnt die Geschichte -, werden die US-amerikanischen Raumfahrtanstrengungen durch die Kooperation mit anderen Nationen inklusive Sowjetunion und China ergänzt. Die Katastrophe wird nach einer kurzen Kälteperiode für eine bedrohliche Klimaerwärmung sorgen. Die Menschheit plant Kolonien außerhalb der Erde …

Erzählt wird diese Geschichte von der jungen Dr. Elma York. Sie ist nicht nur eine begnadete Mathematikerin, sondern auch eine begeisterte Pilotin (sowie Jüdin, die immer wieder mit Vorurteilen zu kämpfen hat). York will ins All zu reisen, wird aber ausgeschlossen: Um Frauen zu ‚schützen‘, dürfen sie gefährliche Aufgaben nicht übernehmen. Auch aus Angst vor schlechter Publicity, sollte einmal etwas schief gehen, spielt eine Rolle. Ebenfalls auf der Erde müssen schwarze Mitmenschen bleiben.

Die Weigerung der Raumfahrtbehörde (hier „International Aerospace Coalition“ genannt) wird erfolgreich bekämpft. Elma und ihre fliegenden Kolleginnen sorgen dafür, dass die öffentliche Meinung kippt. Bald wollen alle jungen Mädchen nicht mehr brave Ehefrau, sondern Raumfahrerin werden …

Der Autorin gelingt der Kunstgriff, ihre ‚starke‘ Protagonistin als menschliches Wesen mit Schwächen darzustellen. Dr. York leidet an Sozialphobien und kotzt sich vor und nach öffentlichen Auftritten oft die Seele aus dem Leib.

Doch die Menschheit ist vernünftiger und ‚weiser‘ als in der Realität Die Protagonistin erfährt Unterstützung nicht nur vom Ehemann, der die Flüge als Ingenieur leitet, sondern auch von den Kolleginnen und den männlichen Raumfahrern.

Man muss dieses Buch einfach lieben, denn das heraufbeschworene Menschenbild ist dermaßen positiv und erquickend, dass man sich ihm nicht verschließen kann. Auch dass Kowal kaum auf die Klimawandelleugner oder andere Ewiggestrige eingeht, ist wohltuend, da sie hier einfach den fortschrittlichen, toleranten Menschen ihre Aufmerksamkeit widmet.

Auch wenn die Geschichte nicht bis in jede kleinste Ecke realistisch wirkt, ist Kowal doch eine berührende und mitreißenden Erzählung geglückt, der völlig zurecht die erwähnten Preise verliehen wurden.

Auf eine angekündigte Fortsetzung (im Original bereits erschienen) darf man gespannt sein. Diese wunderbare Geschichte lesen zu dürfen, war (gemessen an dem, was in Deutschland an SF publiziert wird) ein absolutes Privileg und ein seltener Hochgenuss.

Copyright © 2022 by Gunther Barnewald

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