Die Vögel. Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock

Camille Paglia
Die Vögel. Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock

Originaltitel: The Birds (British Film Institute Film Classics/London : BFI Publishing 1998)
Übersetzung: Karlheinz Dürr
Deutsche Erstausgabe: August 2000 (Europa Verlag/Reihe „Filmbibliothek“)
144 Seiten
ISBN-13: 978-3-203-84107-6

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de [Autorenname „Paglia“ angeben]


Wer will da was ans Tageslicht fördern?

Alfred Hitchcocks im Jahre 1962 entstandener Thriller „The Birds“ (dt. „Die Vögel“) gehört zu den Klassikern der Filmgeschichte. Als solcher ist er schon oft und ausführlich untersucht und interpretiert worden. Deshalb ist es nicht einfach, noch neue Gesichtspunkte zu entdecken. Natürlich versuchte man es trotzdem. Solange die Darsteller und viele der hinter der Kamera tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch unter uns weilten, konnte man sie befragen und dabei das eine oder andere bisher unbekannte Detail zu Tage fördern. Eine völlige Neubewertung dessen, was „Die Vögel“ zu einem anerkannten Meisterwerk macht, ist allerdings kaum mehr möglich.

Was geschieht, wenn man es dennoch versucht und dabei die gerade beschriebenen Grenzen um jeden Preis ignorieren möchte, belegt ebenso eindrucksvoll wie abschreckend das vorliegende Buch. Camille Paglia (*1947), Professorin für Klassische Literatur an der „University of the Arts“ in Philadelphia (USA), forscht und lehrt über die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kultur. In zahlreichen Aufsätzen und Büchern ging sie diesem Thema sowohl streng wissenschaftlich als auch populär durch diverse Jahrhunderte und in seinen vielfältigen Aspekten nach.

Besonderes Aufsehen erregte sie als gemäßigte ‚Anti-Feministin‘, die sich mutig, entschieden und sachlich-kompetent gegen die Auswüchse einer angeblichen „Sexual Correctness“ ausspricht, die in den Vereinigten Staaten längst zu einem Rückfall in puritanische Zeiten geführt hat. Auch als Filmkritikerin trat sie auf; sie hat sich beispielsweise im Online-Magazin „salon.com“ mit dem lesbischen (und längst wieder getrennten) Schauspielerinnen-Paar Elles DeGeneres und Anne Heche beschäftigt (und sich in ihrer Kolumne „Ask Camille“ auch zu Fragen wie „Is Anne Heche Another Vampirish Yoko Ono?“ geäußert …)

Generell informativ, Neues im Detail

Beginnen wir mit dem Positiven: Paglia zeichnet die Entstehungsgeschichte von „Die Vögel“ knapp, aber minuziös nach. Dabei geht sie wohltuend über die stets gleichen, uralten Anekdoten hinaus, die seit Jahren besonders von der Presse nachgebetet werden, wenn die Sprache auf diesen Film kommt. (Tippi Hedren wird mit lebenden Vögeln beworfen, bis sie einen Nervenzusammenbruch erleidet; Hitchcock schenkt Hedren einen Sarg, in dem eine Puppe mit ihren Gesichtszügen liegt; Der liebeskranke Hitchcock verfolgt und bedrängt seine Hauptdarstellerin, usw. usf.)

Zum ersten Mal erfährt man dank Paglia zum Beispiel Einzelheiten darüber, dass „Die Vögel“ nicht allein auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Daphne DuMaurier basiert. Hitchcock wurde mindestens ebenso stark inspiriert durch eine Invasion verwirrter Seevögel, die im August 1961 in ein kalifornisches Küstenstädtchen unweit seines eigenen Wohnortes eingefallen waren.

Auch Paglias Schilderung der enormen technischen Probleme, vor denen Hitchcock, seine Darsteller und seine Crew standen, weiß zu überzeugen. Dass die Detailversessenheit des Meisterregisseurs auf private Obsessionen und Ängste zurückgingen, ist allgemein bekannt, aber Paglia weiß dieses Bild durch einige interessante Anmerkungen abzurunden.

Interpretation mit vielen Fragezeichen

Die Probleme beginnen, sobald Paglia mit der Interpretation von „Die Vögel“ beginnt. Ihre Eingangsthese lautet: „In seinem technisch aufwendigsten Film … beschäftigt sich Alfred Hitchcock direkt mit dem Thema der Natur als einer zerstörerischen und räuberischen Kraft, das seiner Faszination für das Verbrechen schon immer zugrunde lag.“ (S. 7) Statt dem nun nachzugehen und zu bestätigen oder zu widerlegen, ignoriert Paglia ihre Theorie auf den folgenden einhundert Seiten weitgehend.

Stattdessen reitet sie ihr Lieblings-Steckenpferd und bemüht sich, Melanie Daniels, die weibliche Hauptfigur von „Die Vögel“, sowie Tippi Hedren, ihre Darstellerin, in ihren Positionen innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft um 1960 darzustellen. Dafür gibt es Ansatzpunkte, und viele der von Paglia gezogenen Schlüsse sind einleuchtend. Leider verrennt sie sich mindestens ebenso häufig in manchmal geradezu aberwitzige logische Sackgassen – und mehr als einmal brennt ihr eine Sicherung durch: [Melanie] erreicht den Anlegesteg und wirft das mit einer Schlinge versehene Tau über den Pfahl, was in einem Hitchcock-Film … aussieht, als würde die Galgenschlinge wie ein Lasso über einen Penis geworfen.“ (S. 54) Das ist als blühender Blödsinn unmittelbar erkennbar und immerhin erheiternd.

Zu kritisieren ist weiterhin auch Paglias fast zwanghaftes Bemühen, einen Argumentationsstrang um jeden Preis und solange zu zwirnen, bis sich ein Schlachtschiff daran vor Anker legen ließe. Ein gutes Beispiel ist Paglias schier endlose Liste von Vögeln und Vogelmotiven, die in Hitchcocks Filmen auftauchen. Hitchcock mochte diese Tiere nicht, das ist richtig, aber dennoch: Selbst bei ihm war ein Vogel manchmal nur ein Vogel – nicht mehr!

Wissen bricht sich in Unfug

Doch Paglia ist primär nicht Filmkritikerin, sondern Wissenschaftlerin. Daher ist es ihr Bestreben, eine Feststellung durch möglichst viele Belege zu untermauern und abzusichern. Der anerkennenswerte Hang zur Genauigkeit verkehrt sich aber ins Groteske, wenn Paglia den Film buchstäblich Bild für Bild auseinandernimmt und dabei Zusammenhänge konstruiert, an die Hitchcock nicht einmal im Traum gedacht haben dürfte. Melanie Daniels’ Antlitz wurde inspiriert von den olympischen Gesichtern auf dem klassisch griechischem Parthenon-Fries? Also bitte! Aber mit scheinbarem Gelehrtenwissen dieser Art füllt bei Paglia viele Seiten, statt sich auf die simple Tatsache einzulassen, dass Alfred Hitchcocks Gedanken nicht darum kreisten, in jeder Filmsekunde eine weitere sexuelle Anspielung einzubauen, sondern um das Drehen eines möglichst spannenden Films.

Wenig amüsant sind geistige Fehlzündungen dort, wo die Autorin es besser wissen müsste. Das Bestreben, sich prägnant, populär und damit auch für sachfremde Laien verständlich auszudrücken, in allen Ehren, doch Aussagen wie „Als sich die Nomaden vor zehntausend Jahren an festen Wohnsitzen niederließen, zähmten sie Tiere … zu dienstbaren Lebewesen. Aber gezähmt wurde auch der Nomadenmann, denn er fiel unter die durch den Hausbau verstärkte Kontrolle der Frau.“ sind in ihrer groben Vereinfachung wissenschaftlich schlichtweg unhaltbar.

Solche Kristall-und-Sandelholz-Soziologie kennt man von einschlägigen ‚Experten‘ = Dummschwätzern in TV-Diskussionsrunden; allerdings ist Camille Paglia genau dort ein oft und gern gesehener Gast. (Nebenbei bemerkt: Was hat ein Kapitel wie „Melanie Daniels‘ Kalender“, S. 134/135, in diesem Buch verloren? Dies dürfte ursprünglich eine simple Liste gewesen sein, mit deren Hilfe Paglia sich den chronologischen Ablauf der Filmhandlung vor Augen führen wollte. Für den Leser ist der „Kalender“ völlig nutzlos.)

Fehl- und überinterpretierter Klassiker

Der Ehrgeiz, nicht wie sonst im Genre der Filmbücher üblich aktuelle Stars und Sternchen profitabel zu präsentieren, sondern sich kundig und faktenreich den wirklichen Brennpunkten der Filmgeschichte zu nähern, ist in diesem Fall missglückt. Camille Paglias Beschäftigung mit dem gewählten Thema ist wahrlich unkonventionell; das kann man ihr zugutehalten. Der Versuch, neue Wege zu beschreiten und dabei zu scheitern, ist durchaus ehrenvoll. Auch aus Fehlschlägen lassen sich wertvolle Erkenntnisse gewinnen, und wer nicht wagt, der nicht gewinnt – Dieses Sprichwort besitzt auch in der Forschung seine Geltung!

Doch Paglia ist bestenfalls ein Beispiel für ausgesprochene Betriebsblindheit. Sie scheint bereits vorab ‚gewusst‘ zu haben, was sie eigentlich erst entwickeln und belegen sollte. So konnte sie „Die Vögel“ ideologisch problemlos in ihr Gesamtwerk und in ihr Weltbild einpassen – und dabei kommt sie so oft auf hanebüchene Abwege, dass man ihr trotz zahlreicher kluger Ideen bald nicht mehr folgen mag.

Leidlich versöhnt wird der Leser bei seiner Lektüre durch das spärliche, aber sorgfältig ausgesuchte und in guter Qualität wiedergegebene Bildmaterial, das sich nicht nur auf die obligatorischen Standfotos beschränkt, sondern auch den immer interessanten Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

Copyright © 2019 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de [Autorenname „Paglia“ angeben]

Hitchcock und die Geschichte von Psycho

Wer hat denn den gedreht?

Horror Cinema. Die besten Gruselfilme aller Zeiten

Zwölf Uhr mittags. Mythos und Geschichte eines Filmklassikers

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.