Eine Messe für all die Toten

Colin Dexter
Eine Messe für all die Toten
(Inspector-Morse-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Service of All the Dead (London : MacMillan 1979)
Übersetzung: Ute Tanner
Deutsche Erstausgabe: 1986 (Rowohlt-Verlag/RoRoRo-Thriller 2764)
220 Seiten
ISBN-10: 3-499-43173-4
Neuausgabe: Januar 2001 (Rowohlt-Verlag/RoRoRo-Thriller 22845)
220 Seiten
ISBN-13: 978-3-499-22845-2
Neuausgabe: Juli 2018 (Unionsverlag/UT metro 807)
256 Seiten
ISBN-13: 978-3-293-20807-0
eBook: Juli 2018 (Unionsverlag)
ISBN-13: 978-3-293-31027-8 (EPUB)/978-3-293-41027-5 (Kindle)/978-3-293-61027-9 (Apple)

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Das geschieht:

Cornmarket ist ein kleiner Ort in der Nähe der englischen Universitätsstadt Oxford. Im Alltagsleben spielt die Kirche von St. Frideswide’s noch eine größere Rolle als heutzutage üblich, was sich auch in der Kollekte niederschlägt. Allerdings wird genau dies zum Auslöser einer ganzen Serie von Tragödien.

Pfarrer Lionel Lawson vermisst Geld aus dem Klingelbeutel und verdächtigt den spielsüchtigen Küster Harry Josephs – oder greift Organist Paul Morris zu? Der Küster findet heraus, dass ihn Gattin Brenda mit dem Organisten betrügt. Der Pfarrer hat einen kriminellen Bruder, der ihn erpresst. Kirchen-Putzfrau Ruth Rawlinson – die ein Verhältnis mit dem Küster hat – bekommt davon Wind. Der Organist erfährt von den Gelddiebstählen und verdächtigt den Pfarrer oder den Küster. Der Pfarrer stellt womöglich den Chorknaben und/oder Sohn des Organisten nach. Dieser betrügt seine Geliebte mit einer minderjährigen Schülerin. Plötzlich liegt der Küster sowohl vergiftet als auch erstochen in der Kirche, und wenig später springt der Pfarrer vom Turm oder hat man ihn gestoßen?

Es ist ein Fall nach seinem Geschmack: Chief Inspector Morse von der Mordkommission der Thames Valley Police im kleinstädtischen Kidlington – gelegen ebenfalls nahe Oxford – wollte eigentlich einen Griechenlandurlaub antreten. Einem kriminalistischen Rätsel kann er jedoch nie widerstehen. Begleitet vom geduldigen, ob seines eigenwilligen Vorgesetzten Kummer gewöhnten Sergeanten Lewis setzt sich Morse auf die Fährte des Täters.

Der legt allerdings ein kriminelles Format an den Tag, das auch Morse überrascht. Was wirklich in und um St. Frideswide’s geschah, soll unter allen Umständen geheim bleiben. Um dies zu gewährleisten, schreckt der Täter vor weiteren Morden nicht zurück. Bald stolpert Morse förmlich über alte und neue Leichen, was seinen Vorgesetzten wenig und die Presse umso mehr begeistert …

Die Sucht der Suche

1975 löste er seinen ersten Fall, der bärbeißige, unkonventionelle und höchst erfolgreiche Inspektor Morse, dessen Vorname Autor Colin Dexter fast zwei Jahrzehnte sorgfältig geheim hielt. Erst im zwölften Fall erfuhren die Leser – und der viel geprüfte Sergeant Lewis -, dass seine Eltern Morse „Endeavour“, d. h. „Entdecker“ oder „Suchender“ getauft haben – und ein Suchender ist er tatsächlich, dieser Endeavour Morse, der so gar nichts von einem ‚typischen‘ Polizisten an sich hat.

Morse stammt aus kleinbürgerlichem Haus, konnte aber studieren und hat auf der Universität eine umfangreiche humanistische Bildung erworben, mit der er nicht hinter dem Berg hält dies besonders, wenn man ihn langweilt oder reizt. Beides geschieht rasch, denn Morse ist ungeduldig bis überheblich, kann Dummheit nicht ausstehen und lässt seinen oft schwer nachzuvollziehenden Gedankengängen mit erstaunlichen Ergebnissen freien Lauf: „Aber da bekamen seine Gedanken schon wieder Flügel und erhoben sich mühelos wie eine Möwe, die über den Klippen schwebt.“ Widerspenstigen Verdächtigen und Vorgesetzten begegnet er gleichermaßen mit sorgfältig gewählten und deshalb zweideutigen Unverschämtheiten. Seinen Respekt kann man nicht erzwingen, sondern muss ihn sich verdienen, wie es Sergeant Lewis gelungen ist, der ihm im Laufe der Jahre zum echten und wohl einzigen Freund geworden ist, auch wenn beide dies lange nicht zu bemerken scheinen.

Zur Polizei ist Morse gekommen, weil ihn die Lösung eines realen, möglichst verwickelten Kriminalfalls mehr reizte als eine Karriere als Wissenschaftler oder Universitätsdozent. Er stochert gern im Privatleben anderer Menschen; dies vielleicht auch deshalb, weil es ihm schwer fällt, persönliche Kontakte zu knüpfen. Morse ist Junggeselle – nicht so freiwillig, wie er gern behauptet – und muss sich oft seiner Einsamkeit stellen.

Das Haus des Herrn als Schlangengrube

„Eine Messe für all die Toten“ ist das vierte Morse Abenteuer. In vier Großkapiteln – „Chroniken“ genannt – entwirft Dexter ein höchst kompliziertes Geflecht persönlicher Beziehungen und Verwirrungen, legt falsche Spuren und präsentiert immer neue Verdächtige. Bis zum Schluss bleiben der wahre Täter und sein Motiv im Dunkeln, wie es sich für einen gelungenen englischen Krimi der etwas altmodischen Art gehört.

Mindestens ebenso vergnüglich ist es, Morse bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Mit trockenem – britischem! – Humor begleitet Dexter seinen Helden, dem er so manche bissige Bemerkung in den Mund legt, bei der Mörderjagd. Trotz der beinahe übertrieben verrätselten Handlung und der leicht verschrobenen Charaktere gelingen Dexter realistische Beschreibungen, in denen er deutlich werden lässt, wie die Banalitäten des Alltags leben sich plötzlich zu einer Tragödie aufschaukeln können. Hinzu kommt der jederzeit moderne, nüchterne oder gar unbarmherzige Blick auf ein Dorfleben, das keine Agatha-Christie-Schnurren mehr aufweist.

Altmodisch mag das Konzept sein, nach dem dieser Krimi gestrickt ist: Es geht ungemein klassisch um die Suche nach einem Täter. Auch die Kulisse beugt sich diesem Zweck. Der Schauplatz der ‚zentralen‘ Verbrechen ist die Kirche St. Frideswide’s, eine übersichtliche Bühne mit wenigen Zu- oder Ausgängen. Wer während jener Messe, die zum Auslöser der Mordserie wurde, anwesend war, ist bekannt. Morse benötigt keine faulen Tricks und zieht nicht etwa im Finale einen Schurken aus dem Hut, der sich durch einen Geheimgang hinter dem Altar Zugang verschafft hat. Dass Dexter uns trotzdem narrt, indem er mit den Identitäten dieser Verdächtigen-Schar spielt und uns mit diversen Lügen konfrontiert, ist nicht nur sein Recht, sondern seine Pflicht: Wir wollen schließlich überrascht werden – und das gelingt dem Verfasser in diesem rundum gelungenen Lesevergnügen, das endlich wieder (und in der weiterhin vorzüglichen Übersetzung der Erstausgabe) aufgelegt wurde!

„Ein Messe für all die Toten“ im Fernsehen

Zwischen 1987 und 2000 entstand die TV-Serie „Inspector Morse“. In 33 spielfilmlangen Folgen ermittelte John Thaw als Endeavour Morse in der Rolle seines Lebens – dies buchstäblich, denn der Schauspieler hielt, obwohl schwer krebskrank, bis zur letzten Episode durch: „The Remorseful Day“, entstanden 2000, ist auch der Titel des Abschlussbandes der Morse-Krimi-Serie, in dem der Chief Inspector stirbt. (Schon an seiner Seite stand übrigens Kevin Whately als Sergeant Lewis, der – natürlich befördert – ab 2006 die Hauptrolle in der ebenfalls 33 Episoden zählenden, sehr erfolgreichen und bis 2015 laufenden Serie „Inspector Lewis“ übernahm.) „Service to All the Dead“ kam Ende Januar 1987 als dritte Folge der ersten Staffel ins britische Fernsehen.

Autor

Norman Colin Dexter, geboren am 29. September 1930 in Stamford in der englischen Grafschaft Lincolnshire, studierte klassische Sprachen und Literatur in der Universitätsstadt Cambridge. Nach dem Abschluss lehrte er zunächst an einer Oberschule. Mitte der 1960er Jahre begann Dexter sein Gehör zu verlieren, was ihn für den Schuldienst disqualifizierte. Er wechselte an ein philologisches College in Oxford, wo er vor allem für die Ausarbeitung der Prüfungsangaben zuständig war.

Als Schriftsteller wurde Dexter Anfang der 1970er Jahre aktiv. Sein Werk blieb schmal und beschränkt sich auf 13 Romane und diverse Kurzgeschichten um das Polizeigespann (Chief) Inspector Morse und Sergeant Lewis, die deutlich in der Tradition von Sherlock Holmes und Dr. Watson stehen, denen Dexter jedoch sehr eigenständige Wesenszüge verleiht, die sie zu einem der beliebtesten Detektiv-Duos der Neuzeit werden ließen. Verzwickte und wunderbar ziselierte Plots und ein trockener, sehr britischer Humor trugen zum Erfolg bei, den eine ganze Flut von Buchpreisen auch faktisch belegte. Zwischen 1987 und 2000 entstanden 33 Folgen einer Inspector-Morse-TV-Serie, die als ein Höhepunkt der britischen Fernsehgeschichte gilt.

Ungeachtet der sich erhebenden Proteste brach Dexter seine Serie 1999 ab, weil ihm die Ideen ausgingen. Inspector Morse gehört zu den seltenen prominenten Gestalten der Kriminalliteratur, die definitiv sterben. Dabei ist es bis zum Tod des Autors am 21. März 2017 tatsächlich geblieben.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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