Marlowe

Volker Kutscher
Marlow
(Gereon-Rath-Serie, Bd. 7)

Deutsche Erstausgabe (geb.): 2018 (Piper Verlag)
Umschlaggestaltung: zero-media.net
Cover: Roman Vishniac (Interior of the Anhalter Bahnhof railway terminus near Potsdamer Platz, Berlin) 1929-early 1930s © Mara Vishniac Kohn, courtesy International Center of Photography
Autorenfoto: Andreas Chudowski
522 Seiten
ISBN 978-3-492-05594-9

von Gunther Barnewald

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1935 soll der Kölner Kriminalpolizist Gereon Rath in einen tödlichen Verkehrsunfall ermitteln; scheinbar reine Routine, doch der allzu pflichtbewusste Beamte gewinnt unfreiwillig einen tiefen – und lebensgefährlichen – Blick in die lokale Unterwelt, die eng mit den nationalsozialistischen Machthabern verbandelt ist … – Band 7 der Gereon-Rath-Serie verknüpft abermals gekonnt historisches Lokalkolorit mit einem spannenden Kriminalfall.

Der vorliegende Roman ist der siebente Band um den Kölner Polizisten Gereon Rath, der in Berlin lebt und ermittelt und dabei oft von seiner Frau Charlotte, genannt Charly, unterstützt wird. Nach dieser Reihe entstand inzwischen die TV-Serie „Babylon Berlin“ (wenn auch mit starken Abweichungen, die vor allem die Charakterisierungen der Hauptpersonen betreffen).

Man schreibt das Jahr 1935. (Der erste Band unter dem Titel „Der nasse Fisch“ spielte 1929.) Die Nazis sitzen in Deutschland fester im Sattel als je zuvor, nachdem 1934 angebliche Partei-Putschisten, darunter SA-Chef Ernst Röhm mitsamt vielen seiner schwulen „Kameraden“, aus dem Weg geräumt wurden. Auch andere Konkurrenten wurden Hitler und Konsorten los. Seitdem bauen sie Staat und Gesellschaft nach ihrem Gutdünken um.

Während nach außen Verbrechen gegeißelt und bekämpft werden, sitzen die kriminelle Nutznießer in hohen Parteiämtern und bereichern sich vor allem an „arisiertem“ Besitz. Einer dieser ‚Kriegsgewinnler‘ ist der ehemalige Verbrecherkönig Johann Marlow, neuerdings SS-Gruppenführer und noch in anderer Hinsicht wichtig. Ihn kennt Rath noch gut, hatte er sich von ihm dereinst bestechen und helfen lassen, wenn es um Ermittlungen ging.

Nun begegnet er Marlow wieder, als er einem seltsamen Unfalltod nachgeht. Ein Berliner Taxifahrer ist mit seinem Taxi mit voller Geschwindigkeit und ungebremst gegen eine Mauer gedonnert, hat dabei sich und einen Fahrgast getötet, der sich bald als SS-Mann vom Sicherheitsdienst mit einem ganz besonderen Auftrag entpuppt.

Zuerst scheint alles auf einen unglücklichen Unfall hinzudeuten, zumal der Unglücksfahrer an einem unheilbaren Gehirntumor litt. Als Rath dem Fall jedoch intensiver nachgeht, entdeckt er mehr und mehr Ungereimtheiten, darunter sogar solche, die einst zum Tod des Vaters seiner Frau führten; ein Fall, den sein ehemaliger Kollege und heutiger Privatdetektiv Wilhelm Böhm noch immer verfolgt, da er ihn nie losgelassen hat. Rath stolpert noch über etwas anderes; etwas so Brisantes, dass es sein und Charlys Leben massiv gefährdet …

Erneut gelingt Volker Kutscher ein grandioser Roman, der nicht nur kriminalistisch unglaublich spannend und toll erdacht, sondern auch bis in die Kommata glaubwürdig erzählt und authentisch recherchiert ist. Der Autor macht einfach alles richtig: wunderbar plastische Charaktere, viel Zeit- und Lokalkolorit, eine dichte Atmosphäre und zudem eine dermaßen packende Ermittlungsarbeit, dass man das Buch keine Sekunde aus der Hand legen will. Wenn Kutscher vom Reichsparteitag in Nürnberg 1935 erzählt, sieht der Leser alle Details vor seinem inneren Auge. Kino im Kopf vom Allerfeinsten!

Wer sich für die Zeit interessiert und trotzdem nicht begeistert ist, dem ist wirklich nicht zu helfen. Neben Philip Kerrs genialer dreizehnbändiger Serie um den Berliner Polizisten Bernhard Gunther – die nach dem überraschenden Tod des Autors wohl beendet ist -, die ebenfalls in den 1920er und 30er Jahren spielt, ist Kutschers Werk eine absolute Meisterleistung. Niemand beschreibt die Zeit so authentisch, niemand erzeugt dermaßen viel Spannung und Faszination. Kutscher hat sogar den Vorteil, dass seine Figuren sympathisch wirken, was bei Bernhard Gunther nur noch bedingt der Fall ist, der seine ‚weiße Weste‘ in schmutzigen Zeiten nicht wirklich wahren konnte.

Also identifiziert man sich gern wieder mit dem etwas naiven Gereon, den widerborstig-intelligenten Charly mit seinem historischen Weitblick oder dem ehemaligen Straßenjungen Fritze, den die Raths in Pflegschaft genommen haben und der sich in seinem kindlichen Gemüt zuerst völlig für die Hitlerjugend begeistert, bis auch er merkt, aus welcher Richtung der faulige braune Wind weht.

Endlich erfährt der treue Leser der Serie auch, wer Johann Marlow wirklich ist, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, wo er herkommt und wie sein asiatischer Diener mit ihm verbunden ist.

Aus all diesen Gründen ist „Marlow“ einer der besten Romane dieser großartigen Serie. Alle, die fürchten, dass der Autor im siebenten Band nachlassen würde, werden freudig (oder neidisch) überrascht sein! Auch wenn es für Rath, der von Gennats Morddezernat zu Arthur Nebes Landeskriminalamt gewechselt ist, langsam eng wird – wer braucht in gesetzlosen Zeiten, in denen die Nazis Recht und Ordnung auslegen wie es ihnen beliebt, und Verbrecher an den Hebeln der Macht sitzen, noch Menschen, die Verbrechen aufklären oder Mörder und sonstige Delinquenten enttarnen?

Es bleibt interessant, wie die Figuren sich verhalten, wenn keiner mehr möchte, dass Verbrechen als solche benannt und ihre Verursacher ermittelt werden. Hier wird die Karriere des Berliner Polizisten auf Klippen stoßen. Es wird sich zeigen, ob er denselben schmutzigen Weg gehen muss wie sein ‚Kollege‘ Bernhard Gunther, ob er den Absprung schafft oder sich beteiligt an den Gräueln des „Tausendjährigen Reichs“. Man gespannt sein – auch darauf, ob Autor Volker Kutscher sein unglaublich hohes Niveau wahren kann!

Copyright © 2018 by Gunther Barnewald

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