Mind Control

Stephen King
Mind Control
(Bill-Hodges-Trilogie, Bd. 3)

Originaltitel: End of Watch (New York : Scribner 2015)
Übersetzung: Bernhard Kleinschmidt
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): September 2016 (Heyne Verlag)
526 S.
ISBN-13: 978-3-453-27086-2
Neuausgabe (Paperback): Januar 2018 (Heyne Verlag)
526 S.
ISBN-13: 978-3-453-43907-8
eBook: September 2016 (Heyne Verlag)
2229 KB (Kindle)
ISBN-13: 978-3-6411-9558-8

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Das geschieht:

Vor fünf Jahren ist Psychopath Brady Hartsfield endgültig ausgerastet. Seit jeher fühlte er sich von seinen Mitmenschen unverstanden und missachtet, wofür er sich ‚rächte‘, indem er eine schwere Limousine stahl, um diese gezielt in eine Menschenmenge zu steuern. Als „Mercedes-Killer“ wurde Hartsfield so berühmt, wie er es sich gewünscht hatte. Doch bevor er sein ‚Werk‘ mit einem Massenmord an jugendlichen Konzertbesuchern krönen konnte, kamen ihm Ex-Polizist Kermit „Bill“ Hodges und seine Gefährten in die Quere. Schon länger waren sie Hartsfield auf der Fährte, weshalb Holly Gibney ihm in letzter Sekunde den Schädel einschlagen konnte.

Hartsfield überlebte, doch sein Gehirn war zerstört. In einer Pflegeeinrichtung vegetierte er vor sich hin – scheinbar, denn Arzt Babineaux nutzte die Gelegenheit, ein ungeprüftes, verbotenes Medikament zu testen. Unbemerkt gewann Hartsfield nicht nur das Bewusstsein zurück, sondern entwickelte auch übernatürliche Fähigkeiten. Kraft seines wiedererwachten Geistes vermag er kleinere Objekte zu bewegen. Zudem entdeckte Hartsfield, dass sein Geist quasi den Körper verlassen und in fremde Hirne ‚umsteigen‘ kann. Auf diese Weise erweitert sich sein Wirkungskreis beträchtlich. Hartsfield sieht sogar die Chance, seine Mordserie fortzusetzen. Außerdem will er sich an Hodges und dessen Freunden rächen. Lange völlig unbemerkt baut Hartsfield sein Spinnennetz auf. Nützlich ist ihm vor allem die Kontrolle über Dr. Babineaux, der über Geld und Macht verfügt. Hartsfield will möglichst viele Menschen zum Selbstmord verleiten. Über eine manipulierte Software schickt er eine hypnotische Botschaft auf den Weg, die speziell jugendliche Opfer sucht – und findet.

Hartsfield macht Fortschritte, weckt aber durch seine Rachsucht und Ungeduld den Argwohn seines Gegners. Bill Hodges kommt ihm auf die Schliche, doch wie verfolgt man jemand, der als unsichtbarer Geist umzugehen vermag …?

Kings Quadratur des Kreises

Nachträglich kann man sich durchaus fragen, was das sollte; gemeint ist die Trilogie um den Ex-Cop Bill Hodges, dessen dritter und letzter Teil nun hierzulande vorliegt. Stephen King hat längst bewiesen, dass er ein guter Erzähler ist, der keineswegs auf das Horror-Genre beschränkt bleibt, mit dem er allerdings weiterhin identifiziert wird. Dafür ist er selbst verantwortlich – und „Mind Control“ ist ein Paradebeispiel, weicht King doch von seiner in den ersten beiden Bänden gepflegte Erdung in der Realität ab und weicht wieder einmal in Dimension X aus.

Dass es so kommen würde, wusste man schon nach der Lektüre des Epilogs zu Band 2: Bill Hodges ‚besucht‘ Brady Hartsfield in dessen Krankenzimmer, um ihn zu beschimpfen, woraufhin dieser telekinetisch, d. h. kraft seines Geistes ein Bild umkippt. Dieser Handlungsschwung war eine Ankündigung, dass King zum „Mercedes-Killer“ zurückkehren würde, der als Mutant erwartungsgemäß an Bosheit, Irrsinn und krimineller Hartnäckigkeit noch zulegen kann.

War das eine gute Idee? Nein und ja, wie man als regelmäßiger Leser der weiterhin wie Pilze aus dem Waldboden schießenden King-Romane feststellt. Eigentlich sollte die Bill-Hodges-Trilogie von Kriminalfällen erzählen, die von der Polizei nicht als solche erkannt werden, weshalb es einer bunten, für diese Aufgabe eigentlich ungeeigneten Gruppe überlassen bleibt, privat für Gerechtigkeit zu sorgen. Nicht nur der zentrale Kriminalfall, sondern auch die Herausforderung, sich unkonventionell sowie ohne offizielle Berechtigung als Ermittler zu betätigen, sorgen für eine Spannung, die dadurch gesteigert wird, dass den kriminalistischen Quereinsteigern Fehler unterlaufen, die für Lebensgefahr sorgen.

King paddelt im luftleeren Raum

Das Ergebnis stellt im besten Fall ein Psycho-Thriller dar, der King mit „Mr. Mercedes“ und „Finderlohn“ zwar gelang, ohne dass der Autor damit punkten konnte. Der späte – ‚alt‘ möchte man ihn nicht nennen – Stephen King weist nicht mehr die Brillanz auf, die sein Frühwerk erreichte. Man muss es zur Kenntnis nehmen bzw. auf jene ‚Ausreißer‘ hoffen, mit denen er sein weiterhin lebendiges Talent unter Beweis stellen kann. Romane wie „Die Arena“ oder „Der Anschlag“ belegen es. Dem stehen freilich Werke wie „Puls“, „Wind“ oder „Joyland“ gegenüber, die müde bewährten, aber gealterten Mustern folgen.

„Finderlohn“ gehört in die Reihe der lesbaren, nicht mehr das alte Feuer auslösenden King-Romane. Der Verfasser hat es offensichtlich selbst bemerkt und deshalb das Steuer herumgerissen. Er kehrt in doppelter Hinsicht zurück – zum „Mercedes-Killer“ Hartsfield und zur Phantastik. Das Ergebnis bietet keine Offenbarung. Zwar ist King viel zu gerissen, um sich von der Tatsache, dass die Hodges-Trilogie ganz im Hier & Jetzt gestartet ist, aus dem erzählerischen Gleichgewicht reißen zu lassen: „Mind Control“ liest sich wieder einmal glatt und spannend. Dennoch lässt sich ein Gedanke nicht verdrängen: Das kennen wir doch!

In der Tat bietet „Mind Control“ eine Sammlung einschlägiger King-Highlights, ohne dem Neues anfügen zu können. Die Story funktioniert, aber wirklich aufregend ist sie nicht. King hat inzwischen eigentlich alles schon einmal erzählt. Das geht allen fleißigen Schriftstellern so, wenn sie es nicht schaffen, ihren Drang, Worte zu ‚Papier‘ zu bringen, unter Kontrolle zu bringen. King ist in dieser Hinsicht offenbar süchtig. Er wirft Roman um Roman auf den Buchmarkt. Dank seiner in Jahrzehnten erworbenen Reputation kann er es sich erlauben, auch Halbgares zu produzieren. „Mind Control“ gehört in diese Kategorie.

King findet zu ‚seinem‘ Dreh

Noch einmal sei gesagt: Das sorgt nicht für einen langweiligen, aber für einen nicht unbedingt mitreißenden Roman. Wer gern liest, erkennt das Problem: King schreibt auf Autopilot, was u. a. ein Finale verdeutlicht, das eher abrupt als überraschend ist. Angesichts der Tatsache, dass Hartsfield von Hirn zu Hirn springen kann, erwischt es ihn recht zufällig. Möglicherweise will King damit andeuten, dass Pläne nun einmal scheitern, doch es steht zu befürchten, dass er vor allem zu Ende kommen wollte.

Interessant ist weniger die eigentliche Handlung, die sich um die Problematik rankt, dass Hartsfields Tücken erst erkannt, dann akzeptiert und schließlich verhindert werden müssen. Auch hier bleibt „Mind Control“ ohne Originalität. King hat das Durchhängen des Spannungsfadens durchaus erkannt. Für ausgleichende Dramatik soll Bill Hodges schwere Krankheit sorgen, die ihm zunehmend zu schaffen macht – ein abgegriffener Dreh, der den nicht nur an Seiten langen Mittelteil nicht wirklich in Schwung bringt.

Bill Hodges und Holly Gibney bleiben erstaunlich blasse Hauptfiguren. Ganz offenkundig findet King Hartsfield interessanter. Ausgiebige Rückblenden beschreiben sein Wiedererwachen, die Erkenntnis gänzlich neuer Möglichkeiten und das Einfädeln mitmenschenfeindlicher Machenschaften. Einmal mehr erweckt King eine abscheuliche Persönlichkeit zu glaubhaftem Leben, wobei Hartsfield nie zum Verbrecher-Genie oder Supermutanten aufsteigt, sondern ein mittelmäßiger, in kruden Gewaltfantasien gefangener Psychopath bleibt. Nicht die vom Verfasser postulierten Einschränkungen, die Hartsfield die völlige Bewegungsfreiheit verbieten, sondern sein enger Horizont beschwört sein Scheitern herauf. Hier hält King das Steuer zwar fest in der Hand. Nichtsdestotrotz endet dieser Roman so, wie er begonnen und sich entwickelt hat: lauwarm. Das Ende der Hodges-Trilogie ist klug und konsequent; ihr Potenzial hat sich nie wirklich entfaltet.

„Mr. Mercedes“ – die Fernsehserie

Wenn Stephen King etwas veröffentlicht, wird es in der Regel verfilmt, wobei die Qualität der Vorlage unwichtig ist; es geht um das King-„Branding“, denn es sorgt für Zuschauer, obwohl diese oft genug durch Kino- oder Fernseh-Bockmist aufs Glatteis geführt wurden.

Die Bill-Hodges-Trilogie wurde für den US-amerikanischen Privatsender „Audience“ umgesetzt, der dafür einen Profi engagierte: David E. Kelley ist u. a. für TV-Erfolge wie „Picket Fences – Tatort Gartenzaun“, „Ally McBeal“ oder „Boston Legal“ verantwortlich. Er war auch in diesem Fall erfolgreich, obwohl der ursprünglich für die Rolle des Brady Hartsfield vorgesehene Anton Yelchin 2016 durch einen Unfall starb. Er wurde durch den Briten Harry Treadaway ersetzt. Als Bill Hodges trat Brendan Gleason, als Holly Gibney Justine Lupe vor die Kamera.

Die 2016 gefilmte und 2017 ausgestrahlte Staffel umfasste zehn Episoden und fand so viele Zuschauer, dass „Mr. Mercedes“ fortgesetzt wurde.

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. Der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt; sie  bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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Mr. Mercedes

Finderlohn

Doctor Sleep

Revival

sfbentry

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