Beethovens Locke

Russell Martin
Beethovens Locke
Eine wahre Geschichte

Originaltitel: Beethoven’s Hair: An Extraordinary Historical Odyssey and a Scientific Mystery Solved (New York : Broadway Books 2000)
Übersetzung: Inge Leipold
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2000 (Piper Verlag)
300 S.
EUR 18,90
ISBN-10: 3-492-04276-7
Neuausgabe: April 2002 (Piper Verlag/Serie Piper 3555)
300 S.
ISBN-13: 978-3-492-23555-6

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Vom Andenken zum Beweismittel

Zwischen zwei historischen Daten spannt sich der Bogen dieser wahren Geschichte: An einem Abend im März 1827 erliegt in Wien der geniale Komponist Ludwig van Beethoven einem schweren Leberleiden. Vor seinem Ende hat er noch mehrfach Besuch empfangen. Unter seinen Gästen: der15-jährige Ferdinand Hiller, ein hoffnungsvolles musikalisches Talent, und dessen Lehrer Johann Nepomuk Hummel. Sie dürfen von der im Schlafzimmer aufgebahrten Leiche Abschied von Beethoven nehmen.

Bei dieser Gelegenheit nimmt der junge Hiller ein Andenken an sich. Von Beethovens Haar schneidet er sich, wie es Brauch ist zu jener Zeit, eine Locke ab, die er in einem Medaillon birgt, zeit seines Lebens hoch in Ehren hält und seinen Nachkommen vererbt, die das gute Stück ebenfalls schätzen. Doch in den turbulenten Jahren des Zweiten Weltkriegs verschwindet die Reliquie, bis sie 1995 plötzlich auf einer großen Versteigerung angeboten wird.

Noch immer steckt Magie im Namen Ludwig van Beethoven. Ein erfolgreicher Unternehmer und ein Arzt aus den USA, beide erklärte Jünger des Meisters, können ihr Glück kaum fassen und ersteigern das Relikt. Die Medien bekommen Wind von der Sache; Beethovens Locke wird öffentlichkeitstauglich, zumal ihre neuen Besitzer Großes planen: Die Haare werden wissenschaftlich untersucht. Endlich soll geklärt werden, woran Beethoven wirklich starb.

Irrwege einer Locke

Ein historisches Rätsel mit kriminalistischen Zügen zeichnet sich ab. Unter den interessierten Journalisten befindet sich Russell Martin aus Colorado. Er beschließt die Geschichte von Beethovens Locke zu rekonstruieren bzw. die Bemühungen jener zu schildern, die sich auf zwei Kontinenten an die schwierige, fast unmögliche Aufgabe begeben, die bruchstückhaften Quellen und wenigen Zeitzeugen zu befragen.

Während in Europa kleinste Informationsfragmente entdeckt und zusammengesetzt werden, unterziehen Wissenschaftler an verschiedenen Orten der USA die Locke komplizierter Untersuchungen. Sie müssen Jahre forschen, bis feststeht: Die Haare stammen in der Tat von Beethovens Schädel – und sein Besitzer ist offensichtlich einer langjährigen Bleivergiftung erlegen!

Wissenschaftlich ergiebige Haarspalterei

Auf einer Glatze kann man manchmal tatsächlich Locken drehen, um einen alten Aphorismus von Karl Kraus zu bemühen. Oder anders ausgedrückt: Wer hätte gedacht, dass eine kleine Haarsträhne eine Heerschar von Fachleuten, Geschäftsmännern und Zeitzeugen auf Trab halten und Grundlage für ein 300-seitiges Buch werden kann?

Russell Martin beweist, wie es geht. Er sah die Geschichte hinter der Locke und hat sie gründlich recherchiert. Jetzt erzählt er sie in einfachen Worten als „Geschichte zum Anfassen“, wobei seine Begeisterung hier und da ein wenig zu deutlich durchklingt bzw. von Hollywood inspiriert wird; dieses Buch soll sich schließlich verkaufen.

„Beethovens Locke“ ist keine Chronik. Martin springt zwischen den Zeiten umher. Er folgt zwar dem Weg der kostbaren Haarsträhne durch die Jahrzehnte, greift aber kapitelweise immer wieder auf die Biografie Ludwig van Beethovens zurück. Das ist vor allem für den Laien wichtig: Die Bedeutung Beethovens für die Musikgeschichte wird nicht in Zweifel gestellt, aber selten wirklich verstanden. Das ist aber die Voraussetzung um zu verstehen, wieso ein paar Haare solche Bedeutung erlangen können. Beethoven ist eine historische Gestalt von Format – zudem eine, die nicht durch Kriegszüge oder ähnliche ‚Heldentaten‘, sondern als Künstler ihre prominente Stellung erlangte.

An den Haaren aufgehängt

Die Geschichte der Locke wird bei Martin zur Historie Mitteleuropas. Immer wieder geraten ihre jeweiligen Besitzer in den Strudel zeitgenössischer Entwicklungen. Dramatisch wird es 1943, als Beethovens Haare unter ungeklärten Umständen ihren Besitzer wechseln: In Gilleleje, einem kleinen dänischen Fischerdorf an der Nordspitze Seelands, geschieht es, als nazideutsche Besatzer dänische Juden zusammentreiben. Unter den Verfolgten befinden sich auch Nachfahren von Ferdinand Hiller. Haben sie sich mit der Locke ihre Flucht und damit ihr Leben erkaufen können?

Der Versuch der Rekonstruktion dieser Ereignisse gewinnt unter Martins Feder Thriller-Qualitäten. Weniger die Locke steht dabei im Mittelpunkt, sondern das Schicksal von Menschen, die zum Spielball des Schicksals werden. Vieles bleibt ungeklärt, gleichzeitig kommt Erstaunliches zum Vorschein. Der möglicherweise letzte Besitzer der Locke aus dem Hiller-Clan begann in den USA ein neues Leben – unter dem Namen Marcel Hillaire ließ er sich in Los Angeles nieder und wurde Schauspieler, der bis zu seinem Tode 1988 in zahlreichen Kinofilmen (wie „Sabrina“ mit Humphrey Bogart und Audrey Hepburn) und TV-Shows mitwirkte.

Die eigentliche Untersuchung der Locke inszeniert Martin als uramerikanische Erfolgsstory: Zwei Selfmade-Geschäftsmänner wie aus Uncle Sams Bilderbuch setzen ihr Vermögen selbstlos zum Wohle der Menschheit (bzw. ihrer Landsleute) ein. Sie kaufen Beethovens Locke und gründen ein eigenes Forschungsinstitut. Weihevoll und pathetisch werden ihre Aktivitäten verklärt, unschöne Reibereien oder die Tatsache, dass die beteiligten Fachleute nach der Pfeife ihrer Geldgeber zu tanzen haben, nur angedeutet. Martin hat seine Helden gefunden, und vielleicht hat er sogar Recht: Wenigstens dieses Mal ist die schwierige Vereinigung von Begeisterung, Wissenschaft und Kommerz gelungen.

Beethovens Locke, das macht Martin deutlich, ist eben nicht nur Reliquie, sondern als solche auch Katalysator. Noch heute kann sie die Menschen begeistern und bewegen. Nachzulesen wieso dies so ist bereitet Vergnügen. Eine Bildstrecke gibt den an dieser historischen Episode Beteiligten ein Gesicht. Der Fachmann vermisst einen Anmerkungsapparat, der womöglich aus Ersparnisgründen verlagsseitig unterschlagen wurde. Die Übersetzung ist gediegen; bei der Lektüre stutzt und stolpert man nicht, was heutzutage durchaus eine lobende Erwähnung wert ist.

Autor

Russell Martin, 1952 in Durango/ Colorado geboren, studierte am Colorado College und arbeitete als Reporter und Redakteur. Heute gibt er Kurse über kreatives Schreiben und unterrichtet Englisch am Colorado College. Er lebt als freier Autor in Salt Lake City und Denver und hat mehrere Sachbücher und Romane sowie zahlreiche Artikel veröffentlicht.

Copyright © 2019 by Michael Drewniok (md)

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