Commissaire Le Floche und das Geheimnis der Weißmäntel

Jean-François Parot
Commissaire Le Floche und das Geheimnis der Weißmäntel
(Commissaire-Nicolas-Le-Floch-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: L’énigme des Blancs-Manteux (Paris : JC Lattès 2000)
Übersetzung: Michael von Killisch-Horn
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Oktober 2017 (Blessing Verlag)
479 S.
ISBN-13: 978-3-8966-7573-6
eBook: Oktober 2017 (Blessing Verlag)
6130 KB (Kindle)
ISBN-13: 978-3-641-19161-0

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Das geschieht:

1759 schickt Stiftsherr Le Floch sein Mündel, das Findelkind Nicolas, aus der französischen Bretagne in die Hauptstadt Paris. Der junge Mann soll in den Dienst des Präfekten Gabriel de Sortine treten, der just auch eingesetzt wurde, um die allgegenwärtige Korruption in den Reihen der Polizei zumindest einzudämmen. De Sortine teilt Le Floch dem Kommissar Guillaume Lardin zu, der als erfahrener Kriminalist dem Neuling in den nächsten beiden Jahren ein guter Lehrmeister ist.

De Sortine ist auch ein Rad im Getriebe einer zeitgenössischen Diplomatie, die stark auf Spione und Verräter setzt. Europa befindet sich seit 1756 im Siebenjährigen Krieg, der auch in den überseeischen Kolonien ausgefochten wird. Wer über politisches Geheimwissen verfügt, kann viel Geld damit machen.

Im Frühjahr 1761 verschwindet Kommissar Lardin spurlos. Er ist entweder einigen korrupten Kollegen zu nahe gekommen oder wurde das Opfer seiner außer Kontrolle geratenen Spielsucht; zudem war Lardin mit einer Frau verheiratet, die gleich mehrere Geliebte hat. De Sortine überträgt den Fall Le Floch, der sich einerseits überfordert fühlt, während er andererseits über ein kriminalistisches Talent verfügt, das er rasch unter Beweis stellt.

Die Spur führt nicht nur in die Unterwelt von Paris, sondern auch in die Kreise des hohen Adels, ja bis zum Königshof. Aus einem verwickelten Kriminalfall droht eine Staatsaffäre zu werden, die das labile politische Gleichgewicht zerstören könnte. Auf Le Flochs Schultern lastet eine schwere Last, die nicht leichter wiegt, nachdem gleich mehrere Mordanschläge belegen, dass der junge Polizist auf der richtigen Fährte ist …

Historie und Geschichte

Krimi und Historie: Die Kombination bringt frisches Blut für beide Genres, wenn es korrekt übertragen wird. Jean-François Parot gehört zweifellos zu denen, die ihr Handwerk verstehen, das nur prinzipiell ganz einfach ist: Ein gutes Garn muss gut erzählt werden, wobei die Unterhaltung im Vordergrund steht.

Vor allem dieser Punkt ist im Historien-Roman alles andere als selbstverständlich. Viele Autoren recherchieren und arbeiten sich so tief in die in Visier genommene Epoche ein, dass sie vom dabei erworbenen Wissen nicht mehr lassen können: Sie bürden es ihrer Geschichte auf, bis diese unter einer Flut grundsätzlich interessanter Fakten, die hier jedoch fehl am Platze sind, ins Straucheln gerät.

Parot kann einen entsprechenden Übereifer zügeln. Er kannte sich bereits aus in der französischen Geschichte, als er 2000 „Le Floche und das Geheimnis der Weißmäntel“ veröffentlichte. Zudem verrät die rasche Folge der Nachfolgebände, dass Parot schon früh eine Serie plante, weshalb er mit besagten Fakten knausert bzw. sie dort einsetzt, wo sie dramaturgische Wirkung entfalten.

Recht zwischen Rache und Gerechtigkeit

Parot vermeidet den Versuch, das Rad neu zu erfinden. Dieser erste Le-Floch-Band folgt bekannten und bewährten Vorbildern: Ein junger, zwar kluger, aber unerfahrener, ja naiver Mann kommt in die große Stadt, die der Verfasser als Zentrum und Mahlstrom schildert. Damals wie heute stellte Paris das Herz Frankreichs dar. Hier war der Sitz einer überaus zentralistischen Regierung, hier kamen Wissenschaftler und Künstler zusammen und sorgten für ein kulturelles Niveau, das im übrigen Frankreich unerreicht blieb.

Allerdings war Paris auch eine Hauptstadt des Verbrechens. Eine gesellschaftliche Hierarchie, die einer schmalen Oberschicht gestattete, auf Kosten von Untertanen zu leben, die rechtlos und nur einen Schritt vom Elend entfernt hausten, sorgte für den ständigen Nachschub ‚ausrangierter‘ Bauern, Arbeiter oder Soldaten, die in die Hauptstadt zogen, wo vergeblich auf eine Beschäftigung hofften und in die Kriminalität abrutschten.

Zwar gab es bereits Justiz und Polizei, doch von ‚Gerechtigkeit‘ konnte man nicht sprechen. Die oberen Stände wurden für begangene Verbrechen selten zur Rechenschaft gezogen. Umso größer war ‚oben‘ die (berechtigte) Angst vor denen ganz ‚unten‘, die sich womöglich solidarisierten und aufbegehrten, wie es keine drei Jahrzehnte später tatsächlich geschah. Deshalb waren Kontrolle und Unterdrückung ein beträchtliches Element des ‚Rechts‘. Dies sorgte für jenen Balanceakt, den Autor Parot eindringlich darzustellen weiß: Gesetzeshüter wie de Sortine oder Floss müssen auf oft ungeschriebene, aber dennoch bindende Privilegien Rücksicht nehmen. Wer die Schuld an einem Verbrechen trägt, ist oft eine politische Entscheidung. Wenn ein Kopf rollt, ist es nicht zwingend der des tatsächlich Schuldigen.

Noch unterhalb des Bauches von Paris

Während das Zeitalter der „Aufklärung“ für Wissenschaft, Technik und Kultur einen wahren Panthersprung mit sich bringt, hinkt die Justiz weit hinterher. ‚Ermittelt‘ wird weiterhin wie im Mittelalter. Die Folter gehört ganz selbstverständlich dazu. Eine Hinrichtung kann in ein bizarres Gemetzel ausarten; an einer Stelle lässt Parot den Henker von Paris vom grausigen Ende eines gescheiterten Königsmörders erzählen. (Die zahlreichen historischen Figuren, die der Verfasser auftreten lässt, stellt er uns übrigens in einem separaten Verzeichnis vor; dem folgt ein Glossar, das über im Text angesprochene Orte, Ereignisse oder Objekte informiert.)

Demgegenüber bleibt echte Kriminalistik eine Forderung, die selten erfüllt wird. Zwar werden Mordopfer untersucht und die Leichen geöffnet, doch was hilft dies, wenn die Medizin u. a. davon überzeugt ist, dass Patienten erst einmal zur Ader gelassen werden müssen? Die Suche nach und die Deutung von Indizien ersetzen die meisten Polizisten durch ‚Lebenserfahrung‘ und Vorurteile. Der ‚Schuldige‘ gilt als gefasst, wenn er oder sie sich gegen vorgebrachte Vorwürfe nicht wehren können.

Selbstverständlich gab es kluge Ausnahme-Gestalten. Ebenso selbstverständlich wählt Parot keinen verbohrten Hohlkopf als Hauptfigur seiner Geschichte. Le Floch ist zwar ein Landei, das es in die Großstadt verschlägt, wo ihm die üblichen Missgeschicke zustoßen. Diese Erfahrungen lassen ihn reifen, was gleichzeitig seine intellektuellen Fähigkeiten schärft, über die ein Detektiv auch deshalb verfügen muss, um eine möglichst große Leserschar zu fesseln. Womöglich übertreibt es Parot ein wenig, wenn er Le Floch, der kaum zwanzig Lenze zählt, binnen weniger Seiten vom Lehrling zum Meister-Kriminalisten befördert, der sogar den König beeindruckt; andererseits lebt Le Floch in einer Zeit, in der man schnell erwachsen werden musste und meist nicht sehr alt wurde. (Ansonsten ist zu kritisieren, dass der Zufall Le Floch mehrfach ein wenig zu offensichtlich zur Seite tritt.)

Ein Lichtblick namens Le Floch

Parot gelingt die überzeugende Darstellung einer Polizei, die gleichzeitig Ordnungsmacht, Ermittlungsorgan und Regierungsinstrument ist, was die Arbeit zum Tanz auf einem Seil macht, das gut geschmiert über einem gähnenden Abgrund hängt. Ein Absturz bedeutet auf jeden Fall das gesellschaftliche Aus, was im zeitgenössischen Paris als Schicksal schlimmer als der Tod ist.

An Le Flochs Seite lernt der Leser das Paris der vorrevolutionären Ära kennen. Zur sozialen Ungerechtigkeit tritt der im Historienroman stets beliebte Schmutz, der in einer Großstadt ohne Abwassersystem für anrüchige Anekdoten sorgt. Persönliche Hygiene wird durch den großzügigen Einsatz von Parfüm und Puder ‚ersetzt‘, was natürlich auch ein Gleichnis dafür ist, dass gerade die Großen dieser Welt keine reinen Westen haben. Grusel-romantisch sind allgegenwärtige Geheimgänge, in denen in der Regel Grässliches zum Vorschein kommt: Parot kennt seine ‚Kundschaft‘, die nichts gegen gelegentliche Schauer- und Splatter-Effekte einwendet.

Die Auflösung macht Parot von den zeitgenössischen Umständen abhängig: Sie würde in der Gegenwart nicht funktionieren. Da der Verfasser informativ vorgesorgt hat, kann man ihm die holprig wirkende Ermittlung nur bedingt zum Vorwurf machen. Abschließend wird als Sahnehäubchen das Geheimnis von Le Flochs mysteriöser Herkunft gelüftet. Dann liegen viele spannende Lektüreseiten hinter uns, die (nur) aus Sicht der Seifenoper-Fans unter dem weitgehenden Verzicht auf eine dramatische Liebesgeschichte leiden; damit müssen sie hoffentlich auch weiterhin abfinden, wenn es mit Le Floch in neuen Bänden weitergeht: eher publikumswirksam als originell, aber als Lesefutter sehr nahrhaft.

Autor

Jean-François Parot wurde am 27. Juni 1946 in Paris geboren. Er studierte Anthropologie und Geschichte, wobei er sich auf das 18. Jahrhundert und hier auf die Historie der Stadt Paris spezialisierte. Nach Abschluss und Militärdienst trat Parot in den diplomatischen Dienst ein. U. a. war er 1974 Vizekonsul in Kinshasa (Demokratische Republik Kongo), 1982 Generalkonsul in Saigon/Ho-Chi-Minh-Stadt (Süd-Vietnam), Athen (Griechenland), Sofia (Bulgarien) sowie in diversen afrikanischen Ländern. Ab 2006 war Parot Botschafter in Bissau (Guinea-Bissau).

Als Schriftsteller wurde Parot Ende der 1990er Jahren erstmals aktiv. Er nutzte seine historischen Kenntnisse und erschuf die Figur des Polizeikommissars Nicolas Le Floch, der im Paris des 18. Jahrhunderts Kriminalfälle löst, dabei immer wieder in politische Intrigen verwickelt wird und auf (reale) Prominenz seiner Ära trifft. Bis 2015 schrieb Parot 13 Bände um Le Floch. Kritikerlob und Publikumsresonanz sorgten nicht nur für hohe Auflagen, sondern auch für eine Verfilmung: Für den TV-Sender France 2 entstanden zwischen 2008 und 2015 zehn Episoden der Serie „Nicolas de Floch“.

Im Alter von 71 Jahren ist Jean-François Parot am 23. Mai 2018 in Missillac, einem Dorf nahe der westfranzösischen Atlantikküste, nach schwerer Krankheit gestorben.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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