Das Haus in Cold Hill

Peter James
Das Haus in Cold Hill

Originaltitel: The House on Cold Hill (London : Macmillan/Pan Macmillan 2015)
Übersetzung: Christine Blum
Deutsche Erstausgabe: Mai 2017 (Fischer Verlag/TB Nr. 29774)
366 S.
ISBN-13: 978-3-596-29774-0
eBook: Mai 2017 (Fischer e-Books)
1378 KB
ISBN-13: 978-3-1049-0308-8

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Das geschieht:

Cold Hill ist ein Dorf in den Cold Hills der südenglischen Grafschaft East Sussex. Hier steht ein altes Haus, in das sich Oliver und Caroline Harcourt, die bisher mit Tochter Jade in der Großstadt Brighton lebten, umgehend verlieben. Dass der Kaufpreis trotz des beklagenswerten Zustands der Immobilie verdächtig niedrig ist, wird im Überschwang der Gefühle verdrängt.

Auch über die Geschichte des Hauses weiß Familie Harcourt zur Erleichterung des Maklers nichts. Mit wem sie ihre neue Bleibe teilen, macht sich nur allmählich bemerkbar. Ollies zweitgesichtige Schwiegermutter bemerkt eine alte Frau mit bösartigem Gesichtsausdruck, die aus der einen Wand tritt und in einer anderen verschwindet. Auch die übrigen Familienmitglieder meinen etwas zu sehen, beruhigen sich aber im Gedenken daran, dass man das 21. Jahrhundert schreibt und Geister nicht existieren.

Dummerweise ist man im Jenseits anderer Meinung. Ein kerniger Geister-Greis meldet sich warnend bei Oliver, meidet aber klare Worte und begnügt sich stattdessen mit düsteren Unkereien, die den Hausherrn ratlos zurücklassen. Das lässt dem Spuk die Gelegenheit, sich allmählich warmzulaufen. Im Haus mehren sich die Anzeichen für übernatürliches Geschehen, und bald darauf verliert die schon genannte Geisterfrau ihre Scheu und zeigt sich den Harcourts, die darauf ohne Freude reagieren.

Stattdessen stellt sich Angst ein, denn dieser Geist wünscht keine Erlösung, sondern ist auf der Suche nach neuen Opfern! Ollie findet auf seinem Handy immer wieder SMS-Nachrichten, die ihm und der Familie einen baldigen Tod prophezeien. Auch in Ollies Mailbox hackt sich die Geisterfrau kundig ein. Gleich mehrere hilfsbereite Pfarrer rafft es dahin, während die Zeit der Harcourts abläuft …

Salvenschüsse gegen gute Unterhaltung

Peter James genießt als Verfasser einer Serie um Detective Superintendent Roy Grace hohe Anerkennung als Krimi-Autor. Darüber ist ein wenig in Vergessenheit geraten, dass er ursprünglich auch ‚modernen‘ Horror schrieb. Über dessen Qualität lässt sich streiten, über den Erfolg offenbar nicht; wieso sonst hätte James sich nach einer längeren Pause wieder im Grusel-Genre versucht?

Es würde zumindest diesen Rezensenten wundern, sollten formale oder gar inhaltliche Wertvorstellungen im Vordergrund gestanden haben, als das hier vorgestellte Werk mit jenem Tamtam, das die Buchindustrie um Autoren mit erklecklichen Verkaufszahlen veranstaltet, in die Ladenketten gepresst wurde: „Das Haus in Cold Hill“ ist – übrigens nicht nur als Horrorroman – ein fürchterliches Buch, wobei jedoch keineswegs jener Schrecken gemeint ist, der unterhaltsam hervorgerufen werden soll. Der bleibt aus und wird durch Ärger ersetzt, der bei fortschreitender Lektüre ungeachtet des Titels wie heiße Lava emporquillt.

War dieses Buch als lehrreich-warnende Sammlung sämtlicher Klischees geplant, die mit der „Ghost Story“ in Verbindung gebracht werden können? In diesem Fall hätte James ausgezeichnete Arbeit geleistet: Hier ist auf keiner Seite und in keiner Zeile so etwas wie eine Idee zu entdecken. Die Story ist derartig ausgeleiert, dass es der Leser eine ganze Weile nicht glauben kann bzw. mag: Dahinter muss doch ein Trick stecken, dem ein Feuerwerk an Originalität oder wenigstens solides Handwerk folgt? Weit gefehlt: Es geht inspirationsfrei weiter und wird nur schlechter.

Langweilig im Leben …

Schon der Auftakt ist ein alter, schimmeliger Hut: Eine plump inszenierte Tragödie – hinter der selbstverständlich der böse Geist steckt – soll auf das angeblich gruselige Geschehen einstimmen und Cold Hill House als Stätte des Bösen präsentieren, bevor die eigentlichen Hauptfiguren es beziehen. Schon hier arbeitet James kontraproduktiv, denn die ‚Opfer‘ hasst man in ihrer Nulldimensionalität schon nach wenigen Zeilen so sehr, dass man dem Geist dankbar ist, als er (bzw. sie) diese Plage unter einem Berg vom Dach rutschender Ziegel begräbt.

Allerdings sind die Harcourts keinen Deut sympathischer. Ollie, Cora, Jade keine Familie. Sie sollen höchstens eine darstellen. Sämtlich sind sie langweilig und lästig. Ollie wird als naiver Optimist eingeführt, weshalb seine Gattin den ‚realistischen‘ Gegenpart übernehmen muss. Damit gerinnt Cora zur stimmungsschwankenden Spaßbremse, was nur dann in den Hintergrund rückt, wenn Jade die Leser-Nerven zu sägen beginnt. James versucht – im Bund mit der Übersetzerin, deren Mitschuld an dieser Stelle nicht ermittelt werden kann – eine Zwölfjährige denken und vor allem sprechen zu lassen. Das Ergebnis ist abermals grausig in einer Weise, die der Lektüre nachhaltig Schäden zufügt.

Aufwändig eingeführt werden Nebenfiguren, von denen man daraufhin eine Handlungsrelevanz erwartet, die meist ausbleibt. Was interessieren uns Coras Eltern und ihre Probleme, die der Autor uns lang und breit unter die Nase reibt, wenn diese früh und endgültig aus dem Geschehen verschwinden? Solche Non-Figuren gibt es reichlich. Wenn sie etwas Konkretes über Cold Hill House sagen könnten, drücken sie sich um klare Worte und flüchten sich in Plattitüden, wie wir sie aus unzähligen schlechten Geistergeschichten kennen.

… hirnlos im Tod

Wen wundert’s dass sich die (Un-) Toten im Umfeld von Cold Hill House ebenso bescheuert benehmen wie die Lebenden? Der wortkarge Warn-Geist wurde bereits erwähnt. James entblödet sich nicht, ihn im vorgeblich dramatischen Finale noch einmal auftauchen zu lassen, damit er dies verkünden kann: „Sie hätten auf mich hören sollen. Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen verschwinden, solange Sie noch können. Dämlicher Knilch.“ (S. 352).

Deutlich höhere Gipfel des Schwachsinns erklimmt James freilich mit der Figur der Cold-Hill-Geisterfrau Matilda. Die kam vor zweieinhalb Jahrhunderten zu Tode, was sie keineswegs davon abhält, sich ausschließlich per SMS mit Ollie Harcourt zu ‚unterhalten‘. Hauptfigur und Geist begegnen sich niemals ‚persönlich‘. Stattdessen blendet James immer wieder dümmliche Digital-Drohungen ein. (Als echtes Kind des 18. Jahrhunderts bereitet es Matilda übrigens keine Schwierigkeiten, Ollies E-Mail-Account zu hacken.) Ansonsten überschwemmt Matilda gern Innenräume, verrückt die Möbel oder baut sich hinter Jade auf, wenn die mit ihren pubertierenden Freundinnen skypt. Warum sie sich derartig mit solchen Kindereien ins Zeug legt, obwohl sie sogar über die Macht verfügt, Ollie in Zeitfalten (!) zu versetzen, bleibt unbeantwortet. Faktisch ergibt dieser Spuk generell keinen Sinn. Schlimmer noch: Er macht keinen Spaß und wird auf dem ‚Niveau‘ eines Groschenromans dargeboten.

Dazu passt ein willkürliches Finale, das der Handlung angeflanscht wird, als Autor James offensichtlich keine Lust mehr hat, sein böses Werk weiterzutreiben. Selbstverständlich folgt ein Epilog, der eine neue (Dumm-) Familie ahnungslos in die Falle Cold Hill House tappen lässt. Damit schließt sich der Kreis – und endlich ein Roman, dessen gruselkonterkarierender Flachsinn von einer Lektüre weiterer Werke dieses Verfassers Abstand nehmen lässt!

Autor

Peter James wurde am 22. August 1948 im südenglischen Brighton als Sohn eines Hilfsbuchhalters und einer für das Königshaus arbeitenden Handschuhmacherin – so etwas macht sich stets gut in einer Schriftsteller-Biografie – geboren. Er studierte am Ravensbourne College of Design and Communication in North Greenwich/London und ging später in die USA und dort nach Hollywood, wo er sich Anfang der 1970er Jahre als Filmproduzent etablierte. Darüber hinaus schrieb James Drehbücher und trat manchmal selbst vor die Kamera.

Schon in dieser Zeit konzentrierte sich James auf Horrorfilme und war mitverantwortlich für einige interessante („Dead of Night“, 1974), aber meist obskure („The Corpse Grinders“, 1971; dt. „Die Leichenmühle“; „Blood Orgy of the She-Devils“, 1973, dt. „Die Blutorgie der Satanstöchter“) Werke. 2001 war James Mitbegründer und bis 2005 Geschäftsführer der britischen Produktionsgesellschaft Movision Entertainment Limited.

Als Schriftsteller debütierte James 1994 mit dem Agententhriller „Dead Letter Drop“. „Possession“ war 1988 der erste Horror-Roman des Verfassers. Obwohl als Autor durchaus erfolgreich, wurde James erst 2005 hauptberuflicher Schriftsteller. In diesem Jahr begann er mit einer Krimi-Serie um den Polizeibeamten Roy Grace („Dead Simple“, dt. „Stirb ewig“), die überaus gut angenommen wurde und bis heute fortgesetzt wird.

Peter James wohnt in Ditchling, Sussex, und Notting Hill, London. Über seine Aktivitäten informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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