Das Verbrechen

David Grann
Das Verbrechen
Die Osage-Morde und das FBI. Ein True-Crime-Thriller

Originaltitel: Killers of the Flower Moon: The Osage Murders and the Birth of the FBI (New York : Doubleday/Penguin Random House LLC 2017)
Übersetzung: Henning Dedekind
Deutsche Erstausgabe (geb): April 2017 (btb Verlag)
416 S.
ISBN-13: 978-3-442-75726-8
Neuausgabe: November 2018 (btb Verlag/TB-Nr. 71727)
416 S.
ISBN-13: 978-3-442-71727-9
eBook: April 2017 (btb Verlag)
22169 KB (Kindle)
ISBN-13: 978-3-641-23936-7

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Auf Elend folgen Reichtum – und Tod

Offenbar verfügt das Schicksal über einen ausgeprägten Sinn für schwarzen Humor. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die (Automobil-) Industrie (auch) in den USA immer größere Mengen Erdöl benötigte, sprudelten reiche Quellen ausgerechnet im Osage County. Dort lebten die Osage-Indianer, die weiße Siedler Ende des 19. Jahrhunderts aus ihren Jagdgründen vertrieben hatten. An der Nordgrenze des US-Staates Oklahoma ‚durften‘ sie karges Land kaufen, an dem sonst niemand Interesse zeigte. Dort führten die entwurzelten Osage ein ärmliches Leben, bis die Ölsucher kamen. Zum Ärger von Politikern und Geschäftsleuten konnte man die Osage nicht wie noch vor wenigen Jahrzehnten davonjagen oder ausrotten: Ihnen GEHÖRTE das Land, und an ihren Rechten konnte man nicht rütteln.

Das stachelte jene, die sich ein Stück vom Kuchen sichern wollten, zu verwerflichen bis ungesetzlichen Maßnahmen an. Korruption und Seilschaften reichten bis in die Regierung, sodass ein absurdes Gesetz verabschiedet wurde, das die „kindlichen“, vom Reichtum „überforderten“ und deshalb „verschwenderischen“ Osage unter Aufsicht stellte: Selbstverständlich weiße „Vormünder“ ‚verwalteten‘ ihr Geld und zahlten nur kleine Summen aus. Diese Praxis öffnete dem Betrug Tür und Tor. Die „Vormünder“ bereicherten sich, weshalb diese Position begehrt war. Außerdem konnten Vormünder über Förderlizenzen entscheiden, wenn der Eigentümer gestorben war.

Da nicht genug Osage auf natürliche Weise starben, halfen gut vernetzte Verbrecher nach. Ab 1920 ging der Tod im Osage County um. Männer und Frauen, die weder alt noch krank waren, starben plötzlich an ominösen Leiden oder ‚Trunksucht‘. Bald kam es offen zu Morden. Die Täter wurden immer dreister, denn die Öffentlichkeit war mehrheitlich neidisch auf die „reichen Rothäute“, und das Gesetz saß gut geschmiert mit im Boot der Mörder. Selbst das gerade erst gegründete FBI griff nur ungern ein. Vor Ort standen die Ermittler vor einer Mauer des Schweigens. Sie mussten sich tarnen und in die Reihen der Verschwörer einsickern. Dort erkannten sie erschrocken, wie zahl- und einflussreich ihre Gegner waren.

Ist das tatsächlich geschehen?

Das alte Sprichwort klingt wie eine Plattitüde, wenn man Geschichten wie diese liest: Die Realität übertrifft jede Fiktion! In der Tat ist man oft fassungslos, wenn Autor David Grann aufdeckt, was sich in den 1920er Jahren in Oklahoma ereignet hat. Dabei wurde im Rahmen der zeitgenössischen Ermittlungen wohl nur der Zipfel einer Decke umgeschlagen, unter der weit mehr kriminelle Nutznießer hockten, die ihrer gerechten Strafe aber entkommen konnten.

Wobei „gerecht“ ein Wort ist, das man mit den geschilderten Ereignissen ungern in Verbindung bringen möchte. Zu sehr haben sich jene, die dem Gesetz gehorchen bzw. ihm Genüge verschaffen sollten, mit Schande bedeckt. Ohne didaktisch zu werden, lässt sich feststellen, dass die Geschehnisse im Osage County unverhüllt das hässliche Gesicht des Kapitalismus‘ zeigten.

Grann stand bei seinen Recherchen vor einem Problem, das die zeitgenössischen Ermittler gut kannten: Das in Betrug und Mord verstrickte Establishment missbrauchte seine Macht, um Spuren zu verwischen. Zwar existiert eine wahre Papierflut, da man durchaus festhielt, was man herausfand, doch viel zu oft beinhalten diese Aufzeichnungen nicht die Wahrheit, sondern fixierten manipulierte ‚Fakten‘, die von der Wahrheit ablenken sollten. Darüber hinaus gerieten die Ermittler immer wieder in Sackgassen, verfielen in Irrtümer oder wurden angelogen, wenn sich überhaupt jemand fand, der Auskunft geben wollte, denn ‚Verräter‘ gerieten umgehend selbst auf die Todesliste der Verschwörer.

Amerikanischer Traum: Nimm dir, was du kriegen kannst!

Unermüdlich grub sich Grann durch die Unterlagen. Manchmal stieß er auf Faktengold, denn nicht immer gelang es den Verschwörern, sämtliche Beweise zu vernichten. Ursprünglich gesperrte Akten wurden inzwischen freigegeben. Mancher Strolch verplapperte sich. Handlanger wurden ‚umgedreht‘ und arbeiteten für das FBI. Grann schildert spannend schwierige, lebensgefährliche Ermittlungen, die in erster Linie der Presse gefielen, die mit gepfefferten Schlagzeilen genüsslich von einem geheimen ‚Krieg‘ gegen einen ‚Feind‘ berichteten, der auf Unterstützung oder gar Mitleid nur bedingt hoffen durfte: Grann beschreibt auch eine Gesellschaft, in der die Ureinwohner Nordamerikas längst nicht angekommen waren – dies auch deshalb, weil sie jene, die das Sagen beanspruchten, sie zurückstießen.

Dass es dem FBI gelang, das Komplott zu sprengen, war deshalb nur bedingt ein Verdient. Grann stellt eine junge Organisation vor, deren Leiter den möglichen Misserfolg einer ohnehin unpopulären Ermittlung unbedingt vermeiden wollte. J. Edgar Hoover, der dem FBI 48 Jahre vorstand (und sich mit allen möglichen, auch illegalen Tricks gegen einen Rücktritt wehrte), war ein reaktionärer Machtmensch, der allerdings in seiner Anfangszeit mit ‚Ermittlern‘ geschlagen war, für die im Osage County die Ära des Wilden Westens andauerte. Indizien zu entdecken, zu sichern und auszuwerten war ihre Sache nicht. ‚Recht‘ wurde gern mit einem gezielten Schuss gesprochen, was einen umständlichen Prozess vermied. Korruption war allgegenwärtig; schlecht bezahlte Ordnungshüter und Juristen hielten auf allen Ebenen die Hände auf.

Grann rekonstruiert ein teuflisch perfektes Netz, in denen die Osage zappelten, während mehr als eine (weiße) Spinne ihnen das Blut aussaugte. Da ‚Indianer‘ als Menschen (höchstens) zweiter Klasse galten, gab es kein Unrechtsbewusstsein. Der „Amerikanische Traum“ basiert auf dem Glück des Tüchtigen. Er schließt Erfolg nicht aus, wenn dieser auf den Leichen der weniger tatkräftigen Konkurrenz errungen wird; man darf sich nur nicht erwischen lassen. Daraus entsteht Hochmut; irgendwann fühlen sich Täter unangreifbar und werden nachlässig. Dies war die Lücke, die den FBI-Ermittlern die Chance bot, den Schutzwall der Verschwörer aufzubrechen.

Eine nie verheilte Wunde

Viel zu früh scheint Grann die Katze aus dem Sack zu lassen. Das Komplott wird aufgedeckt. Es schließt sich eine aufreibende, Jahre währende Fortsetzung vor zahlreichen Gerichten an: Mit den an sich gerafften Vermögen konnten sich die Schuldigen gute = skrupelarme Anwälte leisten. Zu guter Letzt kamen viele Strippenzieher und Mörder zwar hinter Gitter, doch die Strafen waren offensichtlich viel zu niedrig, und die Schuldigen wurden erstaunlich zeitig begnadigt oder wegen „guter Führung“ entlassen.

Die Osage mussten sich abfinden. Dabei war schon damals klar, dass längst nicht alle faulen Äpfel im Gefängnis gelandet waren. Entsprechende Nachermittlungen mussten jedoch abgebrochen werden: Das System hatte seine Sündenböcke gefunden. Dass die Osage wenig später ihre Ölquellen endlich besaßen, nutzte ihnen nicht mehr lange: Die Felder waren erschöpft und wurden aufgegeben. Gewaltige Vermögen hatten Männer an sich gebracht, deren Familien viel Geld ausgaben, um den (Grab-) Staub der frühen Jahre abzustreifen sowie sicherzustellen, dass niemand ihn wieder aufwirbelte.

Im 21. Jahrhundert erinnern sich viele Nutznießer-Nachkommen nicht mehr an die schmutzigen Quellen ihrer Vermögen. Die Osage haben nicht vergessen. Ihre Kultur basiert auf dem gesprochenen Wort, das sorgfältig überliefert und weitergegeben wird. Obwohl die Osage im Hier und Jetzt leben, haben sie ihr kollektives Gedächtnis bewahren können. Die Nachfahren der damals zu Tode gekommenen Osage kennen ihre Familiengeschichten, und sie leiden unter einem Unrecht, das nie gänzlich enthüllt oder gar gesühnt wurde. Dass sie damit richtig liegen, fand Grann heraus, der auch Akten der Zeit nach der Verschwörung auswertete. Er stieß auf große Lücken, manipulierte Unterlagen – und Spuren, die nicht gründlich genug verwischt wurden, sodass Grann feststellte, dass die nicht entdeckten Täter das erwähnte Spinnennetz reparierten. Mit sensationellen Entdeckungen kann Grann nicht dienen. Durch die allgemeinverständliche Schilderung eines organisierten, komplizierten, vielfach bemäntelten Verbrechens macht er das mehr als wett.

Autor

David Grann wurde am 10. März 1967 in New York City geboren. Er studierte Politikwissenschaften und arbeitete bereits als Journalist. Schon nach seinem Abschluss (1993) wollte Grann Schriftsteller werden, entschloss sich aber, seine journalistische Tätigkeit fortzusetzen. Parallel dazu schloss er ein Studium in Kreativem Schreiben ab und lehrte dieses Fach an der Boston University. Ab 2003 schrieb Grann für den „New Yorker“. In den folgenden Jahren wurde er für seine Beiträge immer wieder mit Preisen ausgezeichnet. Grann gelang es mehrfach, offiziell begangenes und/oder geduldetes Unrecht aufzudecken.

Sein erstes Buch veröffentlichte Grann 2009. „The Lost City of Z: A Tale of Deadly Obsession in the Amazon“ (dt. „Die versunkene Stadt Z: Expedition ohne Wiederkehr – das Geheimnis des Amazonas“) erzählt die Geschichte des britischen Entdeckers Percy Fawcett, der behauptete, am Amazonas auf die Relikte einer unbekannten südamerikanischen Hochkultur gestoßen zu sein. Mit seinem Sohn verschwand Fawcett 1925 spurlos, als er nach ‚seiner‘ „Stadt Z“ suchte. Der Fall konnte nicht geklärt werden, und auch Z hat man nie entdeckt.

Mit diesem Buch glückte Grann ein Bestseller, der 2016 verfilmt wurde. 2010 veröffentlichte Grann eine Sammlung zuvor als Artikel erschienener Essays („The Devil and Sherlock Holmes: Tales of Murder, Madness, and Obsession“), bevor er sich ab 2014 den Recherchen für ein Buch widmete („Killers of the Flower Moon“, dt. „Das Verbrechen“), das sich mit einer Mordserie in der US-Provinz der 1920er Jahre beschäftigt.

Copyright © 2018 by Michael Drewniok (md)

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