Der kalte Glanz der Newa

Ben Creed
Der kalte Glanz der Newa

Originaltitel: City of Ghosts (2020).
Deutsche Erstausgabe: 2021 (Knaur Taschenbuch 52662)
Übersetzung: Peter Hammans.
Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München
Coverabbildung: PixxWerk, München (unter Verwendung von Motiven von Shutterstock und Arcangel Images Collaboration JS.)
430 Seiten
ISBN 978-3-426-52662-0

von Gunther Barnewald


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Erst einmal kein großes Lob für die Schöpfer des Covers, die einen klassischen US-amerikanischen Hard-Boiled-Detektiv in dessen typischer Kleidung stecken und in eine dick von Schnee bedeckten Landschaft vor einer städtischen Kulisse (Leningrad bzw. heute St. Petersburg) montieren. (Schon der Anblick lässt den verstörten Leser frieren!). Statt eines sowjetischen Polizisten in typischer, wintergerechter Tracht (dickem Mantel und Pelzmütze), sieht man einen Mann mit offenem Regenmantel und dünnem Hut!

Ben Creed erweist sich als Pseudonym zweier britischer Autoren, die hier im Themen-Revier des genialen Autors Martin Cruz-Smith wildern, aber leider nicht annähernd an die wunderprächtige Arkadi-Renko-Romane heran kommen
.
Schon der Name „Revol“ (für Revolution) Rossel lässt Schlimmes befürchten. Dies tritt aber zum Glück nicht ein, die Autoren schlagen sich vor allem zu Beginn der Geschichte noch recht wacker. Die Beschreibungen des sowjetrussischen Alltags der Stalinzeit mit seinen Gemeinschaftsküchen und -toiletten geraten zwar manchmal derb, sind aber auch recht erhellend für den Leser.

Leider tritt der Kriminalfall, in dem der desillusionierte Rossel im Leningrader Winter Ende des Jahres 1951 (also während der paranoiden Endphase der Stalinzeit, als Unschuldige beim geringsten Verdacht oder nach Anschwärzung durch missgünstige ‚Informanten‘ verfolgt und verschleppt wurden) ermitteln soll, lange auf der Stelle.

Wie soll man ermitteln, wenn einem jederzeit die Abholung droht? Und warum sollte man ermitteln, wenn doch die Wahrheit keinen Wert hat? Rossel, der vor der Belagerung durch die Nazis Musiker war und selbst vom Geheimdienstapparat dermaßen durch den Wolf gedreht wurde, dass er nie wieder ein Instrument spielen wird, hat sein Leben nur zufällig durch Heldentaten im „Großen Vaterländischen Krieg“ bewahrt.

Sind die fünf schlimm zugerichteten und auf Bahnschienen drapierten Toten auch Opfer der Staatssicherheit? Rossel merkt bald, dass dies nicht sein kann, zumal ihm die Erkenntnis blüht, dass er die Toten alle kennt, sind es doch ehemalige Musikerkollegen.

Wer hegt so gewaltigen Hass auf sie, dass er sie grausig verstümmelt und so arrangiert hat, dass die Leichen eine Botschaft ergeben (was der Leser leider schneller begreift als der begriffstutzige Detektiv)? Je näher Rossel der Lösung kommt, desto mehr wird sein eigenes Leben von verschiedenen Seiten bedroht …

Der vorliegende Roman ist ein echter Hard-Boiled-Roman. Derbe Figuren agieren unter derben Umständen um ihr derbes Leben. Dies ergibt keine ‚niedliche‘ Lektüre, denn es gibt keine Harmonie unter den (Sowjet-) Menschen: kein Groß-Guslar weit und breit (Anspielung für alle Fans von Kyrill Bulytschow).

Leider lassen die Autoren gegen Ende sowohl den Spannungsbogen als auch jedwede Logik fahren. Vieles wirkt (wie das Titelbild) an den Haaren herbeigezogen und unglaubwürdig. Neben der kalten Atmosphäre und der Fachkenntnis von Musik – einer der Autoren ist ausgebildeter klassischer Musiker – gibt es relativ wenig, das am dem vorliegenden Buch fasziniert oder überzeugt.

Kein Vergleich mit Arkadi Renko; aber zumindest ein Ansatzpunkt für weitere Abenteuer, in denen der Hintergrund vielleicht besser herausgearbeitet und der Kriminalfall glaubwürdiger, seine Konstruktion geschickter sein könnte. Kein Grund also, den armen Revol Rossel jetzt schon in die Schnee- und Eiswüste zu jagen! Vielleicht kommt noch Faszinierendes und Unterhaltsames! Potenzial hat die Geschichte allemal.

Copyright © 2021 by Gunther Barnewald

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