Der rote Stier

Rex Stout
Der rote Stier
(Nero-Wolfe-Serie, Bd. 6)

Originaltitel: Some Buried Caesar (New York : Farrar & Rinehart 1939)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Der rote Bulle“): 1955 (Nest Verlag)
Übersetzung: Peter Fischer
365 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der rote Bulle“): 1957 (Ullstein Verlag/TB-Nr. 167 = Ullstein Krimi 735)
Übersetzung: Peter Fischer
190 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der rote Bulle“): 1967 (Goldmann Verlag/Goldmann-Krimi 2269)
Übersetzung: Peter Fischer
197 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Der rote Bulle“): 1987 (Goldmann Verlag/Goldmann-Krimi 6236)
Übersetzung: Peter Fischer
249 S.
ISBN-13: 978-3-442-06236-8
Neuausgabe (geb.): April 2018 (Verlag Klett-Cotta)
Übersetzung: Conny Lösch
352 S.
ISBN-13: 978-3-608-98112-4
eBook: April 2018 (Verlag Klett-Cotta)
Übersetzung: Conny Lösch
1802 KB (Kindle)
ISBN-13: 978-3-608-11030-2

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Das geschieht
:

Privatdetektiv Nero Wolfe verlässt sein Heim in Manhattan normalerweise nie. Aktuell gilt es jedoch, seine voller Stolz gezüchteten Orchideen auf einer Ausstellung zu präsentieren, die außerhalb von New York City im Städtchen Crowfield stattfindet. Die Autofahrt dorthin wird kurz vor dem Ziel abrupt unterbrochen, als ein Reifen platzt. Wolfe und Assistent/Chauffeur Archie Goodwin stranden scheinbar in der Wildnis, tatsächlich aber nahe der Farm des exzentrischen Thomas Pratt, der ein enormes Vermögen mit Schnellrestaurants gemacht hat.

Der Geschäftsmann ist nicht zimperlich, wenn es gilt die Werbetrommel zu rühren. Aktuell bringt ihn das in beträchtliche Schwierigkeiten: Pratt hat Hickory Caesar Grindon, einen der derzeit wertvollsten Guernsey-Stiere der USA, für spektakuläre 45000 Dollar erworben – um ihn schlachten und im Rahmen eines Barbecues für einhundert reiche und mächtige Feinschmecker verspeisen zu lassen!

Dieser Frevelplan ruft die Viehzüchter der Umgebung auf den Plan. Der bedrängte Pratt weigert sich störrisch von seinem Tun abzulassen. Wolfe will die in seiner Anwesenheit fortgesetzten Streitereien eigentlich ignorieren. Dann bietet Clyde, Sohn des reichen und verhassten Nachbarn Fred Osgood, Pratt eine Wette an und setzt 10000 Dollar darauf, dass man Caesar nicht planmäßig braten wird!

Pratt schlägt ein – und in der folgenden Nacht wird Clyde durchbohrt unter Caesars Hufen gefunden. Offenbar hat der junge Mann versucht den Stier zu ‚entführen‘. So lautet das schnelle ‚Ermittlungsergebnis‘ der überforderten Lokal-Polizei, dem sich der trauernde Vater nicht anschließen will. Wolfe soll die wahren Umstände dieses Todes klären. Nicht nur das exorbitant hohe Honorar lässt den Detektiv aktiv werden: Wolfe ist zudem sicher, dass Clyde ermordet wurde …

Frische Landluft mit einem Hauch von Mord

Nachdem Nero Wolfe sein gewohntes Umfeld bereits für seinen fünften Fall verlassen hat („Zu viele Köche“), muss er zu seinem Leidwesen schon wieder außerhalb von New York City bzw. außerhalb sein Heims – das einer Festung gleicht, in der sich Wolfe vor den Profanitäten des Alltagslebens verbirgt – ermitteln. Nur seine beiden Lieblingsbeschäftigungen können ihn herauslocken: gutes Essen und Orchideen.

Dieses Mal sind es die edlen Blumen. Wolfe ist sowohl eitel als auch stolz auf seine Leistungen als Züchter, weshalb er sich dem Stress einer öffentlichen Ausstellung aussetzt. Zudem hat ihn ein Konkurrent herausgefordert, und Wolfe will den Frechling in seine Schranken weisen. Dafür nimmt er die Strapazen einer Überlandfahrt in Kauf. Wenn wir ihn das erste Mal ‚sehen‘, hockt er auf dem Sitz einer eigentlich komfortablen Limousine, wo er sich an diversen Haltegriffen festklammert und ständig eine Reduzierung des Tempos fordert: Nero Wolfe hasst das Reisen wirklich!

Dabei ist er früher oft als Ermittler und Agent unterwegs gewesen. Sogar ein „Athlet“ sei er gewesen, erklärt er Archie Goodwin, doch diese Zeiten hat Wolfe weit und endgültig hinter sich gelassen. Nun setzt er sein kriminalistisches Wissen am liebsten ein, ohne sich aus seinem bequemen (und riesigen) Sessel zu erheben. Für die Laufarbeit ist Goodwin zuständig, der sich trotz aller offensiv zur Schau gestellten Dreistigkeiten in sein Schicksal fügt, was in dieser Geschichte u. a dazu führt, dass er eine unbequeme Nacht in Beugehaft verbringen muss; eine sicherlich schon in den 1930er Jahren seltene Arbeitnehmerpflicht.

Vierbeiniges Mordinstrument

Die Landluft bekommt dem Duo prächtig. Autor Stout kennt sich sichtlich aus im Milieu. Lebendig schildert er eine Landwirtschaftsausstellung, die Aussteller und Besucher, wobei er mit witzigen Beschreibungen nicht sparsam ist. Inmitten des bunten Treibens entdecken wir Wolfe und Goodwin, wobei das Unbehagen des bewegungsfaulen Detektivs für zusätzliche Heiterkeit sorgt.

Ohnehin prägt ein leichter Ton diese Geschichte. Der Umgebung angepasste Morde (durch Stierhörner oder eine Mistgabel) sorgen nur kurzfristig für Dämpfer. Das mag auch daran liegen, dass es niemanden trifft, den wir ins Herz geschlossen haben. Der selbstbewusste Wolfe denkt ohnehin nicht daran, sich mitleidig oder gar unterwürfig zu verhalten. Als er nach langem Zieren entscheidet, den Fall zu übernehmen, stellt er Bedingungen und fordert ein beträchtliches Honorar. Auf diese Weise macht Wolfe deutlich, dass er seinen Platz unter dem Geldadel von Crowfield behauptet.

Wolfe zeigt sich als Meister der Manipulation. Mal ist er schroff, dann gibt er scheinbar nach. Er stellt Behauptungen auf, von denen er nicht weiß, ob er sie belegen kann, und spielt mit den Erwartungen seines Klienten, von Zeugen und Verdächtigen, mit der Polizei sowie mit der Justiz. Letztere hinterlassen wie so oft bei Stout keinen guten Eindruck. Sowohl der Sheriff als auch der Staatsanwalt wollen wiedergewählt werden. Ein komplizierter und womöglich ungeklärter Fall könnte dies verhindern. Deshalb ziehen beide einen „Tod durch Unfall“ vor und sind bereit, verdächtige Indizien zu ‚übersehen‘.

Bunte Schar merkwürdiger Gestalten

„Der rote Stier“ ist ein typischer Rätselkrimi, wobei dieses Genre US-typisch actionintensiver ist als das britische Gegenstück. Das gilt erst recht dort, wo die Nachfahren echter Cowboys ihr hartes Brot verdienen. Die Realität des 20. Jahrhunderts hat freilich jeder entsprechenden Romantik den Garaus gemacht. Die Viehzucht ist ein reines Geschäft, und die Züchter zittern nicht mehr vor Banditen und Indianern, sondern vor Seuchen und der daraus resultierenden Pleite.

Obwohl sich das Geschehen auf zwei Farmen und in Crowfield abspielt, legt Stout großen Wert darauf, den Täter jener Personengruppe zu entlehnen, die er uns vorgestellt hat. Mit ein wenig Geschick und Glück ist es deshalb möglich, den Mörder vor dem großen Finale zu entlarven. Allerdings ist Stout sehr gut darin, entsprechende Hinweise zu verwischen. Er lenkt ab und unterhält dabei prächtig, weshalb dem Leser Verdachtsmomente wieder entfallen. Zudem präsentiert Stout uns eine wahrlich bunte und deshalb verdächtige Truppe.

So läuft die Handlung zügig und wendungsreich (und routiniert) dem großen Finale entgegen: Nero Wolfe lädt alle ereignisrelevanten Figuren vor und entschlüsselt, was sich nachträglich als tatsächlich möglicher Tatablauf entpuppt. Wie so oft fungiert Wolfe als Ermittler und Richter, der dem Mörder die Gelegenheit bietet, sich selbst zu richten, um hässliches Aufsehen und Rufschäden zu verhindern.

Die Neuausgabe dieses Romans bereitet ihren Lesern erneut großes Vergnügen. Der alte Krimi wurde neu und ausgezeichnet übersetzt, früher gekürzte Passagen sind nun enthalten. So könnte und sollte es weitergehen mit dieser Nero-Wolfe-Reihe!

Autor

Rex Todhunter Stout wurde am 1. Dezember 1886 in Noblesville (US-Staat Indiana) geboren. Er besuchte die High School in Kansas und studierte bevor er eine lange, meist erfolglose Berufslaufbahn einschlug. Ab 1910 besserte Stout sein Einkommen auf, indem er Artikel und Geschichten an Magazine verkaufte. Diese Geldquelle wurde wichtig, als er 1916 heiratet, und existenziell, als er 1929 in der Weltwirtschaftskrise Job und Ersparnisse (sowie 1932 seine Ehefrau) einbüßte.

1934 glückte ihm in „Fer-de-Lance“ (dt. „Die Lanzenschlange“) der Durchbruch mit der Figur des Meisterdetektivs Nero Wolfe. Stout veröffentlichte durchschnittlich einen neuen Wolfe-Roman pro Jahr. Er unterbrach dies in den Jahren des II. Weltkriegs, in denen er Propagandatexte schrieb und Radiosendungen wie „Speaking of Liberty“ und „Voice of Freedom“ moderierte.

1946 nahm Stout seine Schriftstellerkarriere dank Nero Wolfe mühelos wieder auf. Sein Publikum blieb ihm treu bis zum letzten Nero-Wolfe-Roman, der 1975 erschien. Die „Mystery Writers of America“ hatten ihn schon 1959 mit einem „Grand Master Award“ ausgezeichnet. Am 27. Oktober 1975 starb Rex Stout im Alter von 88 Jahren. So groß war der Wunsch seiner Leser nach ‚Nachschub‘, dass Robert Goldsborough zwischen 1986 und 1993 sieben neue Wolfe-Romane schrieb.

Rex Stout (und Nero Wolfe) im Internet

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