Die verfolgte Unschuld

Josephine Tey
Die verfolgte Unschuld

(Alan-Grant-Serie, Bd. 3)

Originaltitel: The Franchise Affair (London : Peter Davies 1948)
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel: „Der große Verdacht“]: 1959 (Ullstein Verlag/Ullstein Kriminalroman 775)
Übersetzung: Karl-Otto von Czernicki
189 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1990 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminal-Bibliothek 1026)
Übersetzung: Manfred Allié
299 Seiten
ISBN-10: 3-7701-2066-3
Neuausgabe: 2002 (DuMont Verlag/DuMonts Kriminal-Bibliothek 1026)
Übersetzung: Manfred Allié
299 Seiten
ISBN-13: 978-3-8321-6706-6

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Das geschieht:

Milford ist eine englische Kleinstadt, wie sie im Bilderbuch zu stehen scheint. Der Anwalt Robert Blair führt hier ein geruhsames und ein wenig langweiliges Leben, aus dem ihn eines Tages der Hilferuf von Marion Sharpe reist: Mit ihrer Mutter lebt die alleinstehende Frau in einem alten, heruntergekommenen Haus vor den Toren der Stadt.

Die Bürger betrachten das Paar mit Misstrauen und grenzen es aus, weshalb eine bizarre Anschuldigung umso stärker wirkt: Die 15-jährige Schülerin Elizabeth Kane behauptet, von Mutter und Tochter Sharpe auf offener Straße entführt und in ihr Haus verschleppt worden zu sein, wo sie einen Monat als deren Haushaltssklavin schuften musste, bevor ihr die Flucht gelang – eine Anschuldigung, die von den Sharpes entschieden zurückgewiesen wird.

Da Inspektor Hallam von der örtlichen Polizei sich überfordert fühlt, zieht er Scotland Yard zu Rate. Inspektor Grant nimmt seine Ermittlung auf. Naturgemäß konzentriert sich die Polizei darauf, Beweise für eine mögliche Schuld der beiden Frauen zu finden. Anwalt Blair, der sich bald zu Marion Sharpe hingezogen fühlt, will Tochter und Mutter helfen, ihre Namen reinzuwaschen. Er versucht sich deshalb als Detektiv, der sich bemüht, Betty Kanes Geschichte als Lüge zu entlarven.

Dafür müsste er herausfinden, wo Betty in dem Monat ihrer angeblichen Gefangenschaft tatsächlich gewesen ist – eine schwere Herausforderung, denn das junge Mädchen hat seine Leidensgeschichte sehr geschickt konstruiert und alle Spuren verwischt. Oder sind die Sharpes tatsächlich schuldig? Die Indizien sprechen gegen sie.

Für die anständigen Menschen von Milford steht die Täterschaft der beiden Außenseiterinnen ohnehin fest. Mutter und Tochter werden beschimpft, in der Nacht wirft man die Fenster ihres Hauses ein und beschmiert die Wände. Zunehmend verzweifelt aber umso fester entschlossen sucht Anwalt Blair nach dem losen Fädchen in Betty Kanes Geschichte. Schon hat Inspektor Grant einen Haftbefehl für die beiden Sharpes ausgestellt, als sich endlich eine Wende abzeichnet …

Menschenkinder und Mob-Monster

Die Anonymität der Großstadt ist zum feststehenden Begriff geworden. Im Kontrast dazu steht angeblich die Dorfgemeinschaft, in der jede/r jede/n kennt und Solidarität großgeschrieben wird. Die Realität sieht anders aus: Wo man in überschaubarer Zahl dicht aufeinander hockt, wächst das Bedürfnis, die Gruppe über einen Kamm zu scheren. Ungeschriebene Regeln gelten mehr als das Gesetz, und es ist schwer auszuscheren, ohne von der „major majority“ drangsaliert oder ausgeschlossen zu werden.

Josephine Tey entwirft mit Milford ein Modell-Dorf, das die Ambivalenz des angeblich gesunden, geordneten, moralischen Landlebens perfekt widerspiegelt und dabei ironisch in Frage stellt. Tey gibt sich erfolgreich viel Mühe, das erste Handlungsdrittel der Schilderung eines Alltags zu widmen, das dem gestressten Stadtmenschen wie das Paradies vorkommt. Man kümmert sich – umeinander und um das Stadtbild, weshalb Milford angenehm altmodisch und blitzsauber wirkt.

Doch Tey beginnt schon früh damit, die Idylle zu entlarven. Beinahe unmerklich erkennt der Leser Aspekte des Dorflebens, die wenigen angenehm wirken. Tey hebt das Unterschwellige durch ebenso trockenen wie trügerischen Humor hervor – eine Herausforderung für den Übersetzer, der er glücklicherweise gewachsen ist. Immer deutlicher wird, dass mitspielen muss, wer in Milford integriert werden möchte. Wer sich dem widersetzt und dabei das dörfliche Establishment vor den Kopf stößt, muss nicht nur mit übler Nachrede rechnen: Im Schutz der Nacht nehmen die Bürger von Milford das Gesetz, wie sie es verstehen, in die eigenen Hände. Hexen darf man nicht mehr verbrennen. Terrorisieren kann man weibliche Außenseiter aber immer noch.

Lethargie und Erwachen

Obwohl „Die verfolgte Unschuld“ zu einer Serie gehört, in der Josephine Tey Inspektor Grant von Scotland Yard ermitteln lässt, bleibt dieser eine Nebenfigur. Grant beschränkt sich auf kriminalistische Routinearbeit und tritt zurück, um dem eigentlichen Helden Platz zu machen.

Cover der dt. Erstausgabe

Zwischen den Fronten in Milford steht Robert Blair. Er gehört zum Dorfadel der Alteingesessenen und führt ein geregeltes Leben. Dass sich Blair zu Tode langweilt, merkt er erst, als ihn seine Hilfsbereitschaft aus dem Alltagstrott reißt. Blair ist familienbedingt in seinen Job gerutscht. Die Frau im Haus ist seine wunderliche Tante. Ein Tag ist wie der andere. Blair ist unzufrieden, ohne dies artikulieren zu können. Anders ausgedrückt: Er ist reif für eine Veränderung.

Die ist mit der ersehnten Aufregung verbunden, bereitet Blair aber auch nicht den Himmel auf Erden. Tey ist in diesem Punkt ehrlich und realistisch. Mühsam und unter persönlichen Nöten muss sich Blair sich in der neuen Welt der selbstbestimmten Entscheidungen – und Konsequenzen – behaupten. Allerdings wünscht er sich die Grabesruhe seiner bisherigen Existenz nie zurück.

Einmal in Schwung geraten, holt Blair nach, was er, der sich bisher sanft und schwach dem Milford-Terror gebeugt hat, vermisst. Wie weit er gekommen ist, beschreibt Tey in einem wunderbaren Epilog, der dem üblichen Finale – der Fall wird im Rahmen einer spektakulär ablaufen Gerichtsverhandlung aufgelöst – folgt, ohne wie ein süßlicher Nachklapp als Kotau vor der harmoniesüchtigen Fraktion der Leserinnen zu wirken. Tey stand als Schriftstellerin und Frau mit beiden Beinen fest im Leben. Schwulst war ihre Sache nicht. Kein Wunder, dass ihre wenigen Werke sich trotz ihres Alters außerordentlich frischgehalten haben!

Historisches Drama als Vorlage

Josephine Tey griff mit ihrem Roman einen berühmten Kriminalfall der englischen Geschichte auf. Ende Januar 1753 war in London das im Vormonat spurlos verschwundene Dienstmädchen Elizabeth Canning aufgetaucht. Nach Auskunft der 18-jährigen hatte man sie entführt, gegen ihren Willen gefangen gehalten und mit Gewalt zu allerlei Hausarbeiten gezwungen. Nun identifizierte sie zwei Frauen als ihre Peinigerinnen. Sie wurden verhaftet und verurteilt.

Misstrauisch wurde zu ihrem Glück ausgerechnet Sir Crisp Gascoyne, Untersuchungsrichter sowie Lord Mayor of London und nach dem König oder der Königin höchster Würdenträger der Stadt. Er ließ eigene Ermittlungen anstellen, die nach und nach Cannings Gruselbericht als Märchen entlarvten. Nun wurde sie selbst vor Gericht gestellt und zur Deportation in die damals noch britische Kolonie Nordamerika verurteilt. Dort begann sie ein neues Leben, heiratete, gründete eine Familie und starb 1773 im Alter von 38 Jahren.

Wo Canning sich warum im Januar 1753 aufgehalten hatte, konnte sie geklärt werden. Das Rätsel beschäftigte bereits die Zeitgenossen. Auch später wurde es immer wieder und kontrovers aufgegriffen. Josephine Tey hielt sich an die Interpretation des Schriftstellers Arthur Machen (1863-1947), der 1925 sein Buch „The Canning Wonder“ veröffentlicht und Cannings Leidensgeschichte als Lügengespinst offengelegt hatte.

1951 ‚löste‘ Tey ein weiteres Rätsel der englischen Vergangenheit. In „Daughter of Time“ (dt. „Richard der Verleumdete“/„Alibi für einen König“) ließ sie Inspektor Grant die wahre Geschichte des Königs Richard III. Plantagenets (1452-1485) ermitteln, der nicht nur aber vor allem dank William Shakespeare lange als (zudem körperlich missgestalteter) Thronräuber und Mörder verfemt war. „Daughter of Time“ gilt als einer der besten Kriminalromane aller Zeiten.

„Die verfolgte Unschuld“ in bewegten Bildern

„The Franchise Affair“ war ein großer Publikumserfolg. Bereits drei Jahre nach der Erstveröffentlichung entstand sehr nahe an der Buchvorlage der gleichnamige Film. Regisseur Lawrence Huntington (1900-1968), der auch am Drehbuch mitarbeitete, inszenierte ihn mit Ann Stephens (1931-1966) als Betty Kane, Michael Denison (1915-1998) als Robert Blair und Dulcie Gray (1915-2011) als Marion Sharpe. Für das Fernsehen entstand 1988 eine weitere Verfilmung.

Autorin

Josephine Tey wurde 1897 als Elizabeth Mackintosh im schottischen Inverness geboren. Sie besuchte dort die Royal Academy sowie das Anstey Physical Training College in Birmingham, eine typische Frauenschule dieser Epoche, die ‚damengemäße‘ Grundkenntnisse in Medizin und Physik vermittelte sowie viel Wert auf Gymnastik und Tanz legte.

Mackintosh, die echtes Talent als Leichtathletin an den Tag legte, lehrte nach ihrem Abschluss 1918 Sport an diversen Colleges in England. Als 1926 ihre Mutter starb, kehrte sie nach Inverness zurück, um den invaliden Vater zu pflegen. In dieser Zeit begann Mackintosh, die schon immer gern geschrieben hatte, Kurzgeschichten und Gedichte in verschiedenen Zeitschriften zu veröffentlichen. Als der Verlag Methuen in London 1929 einen Wettbewerb ausschrieb, verfasste Mackintosh angeblich binnen zweier Wochen ihren Romanerstling „The Man in the Queue“, der unter dem Pseudonyme „Gordon Daviot“ erschien.

Es dauerte knapp acht Jahre, bis die Autorin einen weiteren Roman vorlegte: „A Shilling for Candles“, wieder ein Krimi mit Inspektor Grant, trug auf dem Titel den Verfassernamen „Josephine Tey“. Mackintosh, die stets die Öffentlichkeit mied, verwendete den Vornamen der Mutter und den Nachnamen der englischen Großmutter. Bei diesem Pseudonym blieb sie. „Gordon Daviot“ lebte aber weiter und verfasste seit den 1930er Jahren Theaterstücke. Mit „Richard of Bordeaux“ verhalf Mackintosh 1932 dem Schauspieler und Regisseur (Sir) John Gielgud (1904-2000) zum Durchbruch. Ihre späteren Werke konnten diesen Erfolg nicht wiederholen. Die intime Kenntnis des englischen Theaterlebens floss indessen positiv in Teys Kriminalromane ein.

Diese schrieb sie erst nach dem II. Weltkrieg regelmäßig. Kolportiert wird, dass sie dies als Brotarbeit betrachtete, mit der sie freilich außerordentlich gut verdiente: Die Romane der Autorin – die nicht nur Thriller verfasste – waren bei Kritikern und Lesern gleichermaßen beliebt. Tey komponierte nicht nur ausgeklügelte Plots, sondern verfügte über die Gabe einer vielschichtigen Figurenzeichnung. Alan Grant ist weit entfernt von der Eindimensionalität zahlreicher zeitgenössischer Krimi-Detektive.

Teys Werk blieb schmal. Anfang der 1950er Jahre erkrankte sie an Krebs. Sie, die niemals geheiratet hatte, verschwieg ihren Freunden die Krankheit und starb daher überraschend am 13. Februar 1952 in Streatham, London. An ihrem Grab trauerten viele Theaterfreunde, darunter auch Sir John Gielgud.

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