Die weiße Spinne

Louis Weinert-Wilton
Die weiße Spinne

Originalausgabe = dt. Erstausgabe: 1929 (Leipzig : Wilhelm Goldmann Verlag/Die blauen Goldmann-Bücher)
355 S.
[keine ISBN]
Dt. Taschenbuch-Erstausgabe: 1952 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 2)
218 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1988 (Wilhelm Goldmann Verlag/Meisterwerke der Kriminalliteratur 6250)
215 S.
ISBN-13: 978-3-442-06250-8
Sonderausgabe: 1992 (Wilhelm Goldmann Verlag/40 Jahre Goldmann-Krimi 3)
215 S.
ISBN-13: 978-3-442-00002-9

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Das geschieht:

Zwölf kleine gläserne Spinnen wurden dem Geschäftsmann Richard Irvine vor einem Jahr ins Haus geschickt. Kurze Zeit darauf war er tot, vor einen U-Bahnwaggon gestürzt, eine der besagten Spinnen krampfhaft umklammernd. Die anderen elf waren verschwunden, tauchen aber nach und nach wieder auf: Jedes Mal hält sie ein anderes Mordopfer in der Hand.

Scotland Yard setzt Inspektor Dawson, seinen besten Mann, auf den Fall an. Verbissen geht der alte Haudegen den schwachen Spuren nach. Seine Hauptverdächtige ist Muriel Irvine, Richards Witwe, die nach dem Tod des Gatten eine hohe Versicherungssumme einstrich. Dass sie leugnet, von den Spinnen zu wissen, wird ihr Verhängnis, denn Dawson weist ihr dies als Lüge nach. Bevor er seine Fahndung intensivieren kann, wird er allerdings umgebracht. In seiner Hand: eine der Spinnen!

Sir James Gaskill, Chef des Yard, übergibt den Fall nun einem echten Troubleshooter. Captain Raymond Conway liebt konspirative Fahnungs-Methoden. Er hält sich vor den Kollegen verborgen und führt den Kampf gegen die „Spinner-Mörder“ aus dem Verborgenen. Dabei hilft ihm der angebliche Lebemann und Kleinkriminelle Ralph Hubble. Er lässt sich als Sekretär im Kaufhaus von Muriel Irvine anstellen.

Dort häufen sich bald die Hinweise auf dunkle Machenschaften. Dahinter steckt der Gangster Strongbridge, ein Meister der Maske, dessen wahres Gesicht niemand kennt und der in einer düsteren Burg außerhalb der Stadt haust. Strongbridge und seine Schergen, der einäugige John Corner und der glatzköpfige Edward Phelips, planen mit Mrs. Irvines erpresster Unterstützung einen großen Fischzug. Das Opfer baut auf die Unterstützung von Captain Conway, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Strongbridge zur Strecke zu bringen. Allerdings ist dieser kein Dummkopf, und so gehen sowohl Hubbles als auch Conways kriminalistische Schüsse nach hinten los …

Mehr Nebel als Logik

Wer hätte gedacht, dass sich das 19. Jahrhundert in gewissen Bezirken Londons so hartnäckig halten könnte? Diesen Eindruck kann man jedenfalls während der Lektüre dieses heute seltsam anmutenden Kriminalromans bekommen. Er wirkt doppelt anachronistisch: Entstanden ist er im Jahre 1929, aber selbst dem historischen Laien fällt sofort auf, dass er schon damals nicht ganz von dieser Welt war bzw. mit der zeitgenössischen Realität nur beiläufig zu tun hatte.

Kein Wunder, denn „Die weiße Spinne“ ist ein von der ersten bis zur letzten Zeile kopiertes Werk. Es entstand nicht in England, sondern in Prag und mag die dortigen Verhältnisse wesentlich besser widerspiegeln als das London der „Roaring Twenties“. Selbst darauf würde Ihr Rezensent nicht tippen, denn „Die weiße Spinne“ ist darüber hinaus das Quasi-Plagiat eines Edgar Wallace-Thrillers – und dieser Autor ist wahrlich nicht für Krimi-Kunst bekannt, die sich an der Realität orientiert!

Stattdessen legt Weinert-Wilton seine Geschichte als triviales Gut-Böse-Spektakel an. Plakativ bedient er sich vieler auch in Deutschland beliebter Klischees wie nebelige London-Gassen, mysteriöse Gangsterbanden oder betont unerschrockene Kriminalisten –, die er mit kräftigen Anleihen beim Schauerroman zum gemütlichen Märchenkrimi aufpeppt.

Charaktere: ins Gesicht geschrieben

Nun betreten wir das Reich der Eindimensionalität. Ob Wallace oder Weinert-Wilton: Der Rätselkrimi der unterhaltsamen aber literarisch mittelmäßigen Art arbeitet ausschließlich mit Reißbrett-Figuren. Die Guten sind bis zum Erbrechen redlich und folglich ausgesprochen langweilig. Der Versuch, sie durch exzentrische Macken interessanter wirken zu lassen, ist aus heutiger Sicht ziemlich kindisch. Hubble, der jugendliche ‚Held‘, hinterlässt (stets korrekt im Anzug plus Monokel) ebenfalls einen eher lächerlichen Eindruck.

Die Bösen schaffen es leider nicht, den Ausgleich herzustellen. Dazu sind sie schlicht zu blöd. ‚Böse‘ bedeutet nach Weinert-Wilton stets auch „hässlich“, „feige“ und „unterlegen“. Die Gerechtigkeit muss siegen, auch wenn sie kaum intelligenter ist als der finstere Gegner. Weinert-Wiltons Schurken sind der Theater- und Stummfilmschmiere entlehnte Pappkameraden, die nicht einmal mit viel Wohlwollen seitens des nostalgisch gestimmten Lesers der Jetztzeit ernstgenommen werden können. Strongbridge ist der Herrscher über ein Reich spukiger Schlösser, staubiger Geheimgänge und Falltüren. Selbst 1929 dürfte ein Großgangster, der sich auf solche theatralischen Tricks verlässt, keine lange Karriere vor sich gehabt haben.

Was Weinert-Wiltons Frauenfiguren betrifft, ist ungläubiges Kopfschütteln noch die beste Entscheidung. In seinem London gibt es nur tragische Heldinnen, die aus Schurkenhand gerettet (und geheiratet) werden müssen, dümmlich-mannstolle Sekretärinnen und Verkäuferinnen (die sich dies ebenfalls wünschen) sowie schlampige Barmädchen, die sich Geld erpressen, um Hüte und Schmuck zu kaufen und prompt deshalb umgebracht werden.

Man muss diese triviale Betulichkeit einer sehr lange vergangenen Epoche schätzen. Da Weinert-Wilton ein deutschsprachiger Autor war, können die Form und Ausdruck seiner Romane nicht durch eine ‚modernisierte‘ Übersetzung ausgeglichen werden. Die inhaltlichen Schwächen mögen den Hardcore-Nostalgiker, der Stimmung über Krimi-Logik stellt, erst recht anziehen. In der Tat haben auch die ganz Großen des Genres in dieser Hinsicht oft gepfuscht. Allerdings waren sie in der Lage, dies deutlich besser in Vergessenheit geraten zu lassen als Louis Weinert-Wilton.

„Die weiße Spinne“ im Film

Die bereits erwähnte Affinität der Weinert-Wiltonschen Krimis zu den Edgar-Wallace-Reißern ließ erstere im Zuge der Wallace-Filmwelle im deutschen Kino der 1960er Jahre zu idealen Drehbuch-Vorlagen werden, die den ‚Meister‘ dreist kopierten. „Die weisse Spinne“ wurde 1963 unter der Regie des Unterhaltungsroutiniers Harald Reinl nach einem Drehbuch von Albert Tanner mit Joachim Fuchsberger und Karin Dor verfilmt.

Autor

Louis Weinert-Wilton wurde als Alois Weinert 1875 in einem kleinen Ort nahe dem nordböhmischen Marienbad in der österreichisch-ungarischen k.u.k-Monarchie als Sohn einer gutbürgerlichen Familie geboren. Er besuchte die Militärschule in Pola (Istrien) und wurde Offizier, bis er aus gesundheitlichen Gründen als Oberleutnant seinen Abschied nehmen musste. Ab 1901 arbeitete Weinert als hauptberuflicher Redakteur beim „Prager Tageblatt“. Nebenher schrieb er einige Dramen. Später wurde er Chefredakteur des „Prager Abendblattes“. 1921 ging er als kaufmännischer Leiter an das „Neue deutsche Theater“ in Prag.

Ab 1929 veröffentlichte Weinert als „Louis Weinert-Wilton“ mechanisch konstruierte Rätsel- und Geheimniskrimis à la Edgar Wallace im Londoner Milieu. (Das Pseudonym klang wohl deshalb so ‚britisch‘.) Diese waren so erfolgreich, dass er 1936 am Theater kündigte und als freier Schriftsteller in Prag lebte. Zwischen 1929 und 1939 erschienen elf Kriminalromane von ihm im Goldmann-Verlag zu Leipzig.

Louis Weinert-Wilton starb im September 1945 in einem tschechischen Lager für Deutsche in Prag. Die erstaunliche Renaissance seiner Krimis fand somit ohne ihn statt. Mit den Romanen von Edgar Wallace begründete der nun in München ansässige Goldmann-Verlag nach 1950 seine legendäre Krimi-Reihe. Die deutschen Leser gierten nach diesen simpel gestrickten Rätsel-Thrillern. In diesem Umfeld konnte sich Weinert-Wilton erwartungsgemäß gut behaupten. Bis in die späten 1980er Jahre wurden seine Romane immer wieder aufgelegt.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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