Ein glücklicher Zufall

Arthur W. Upfield
Ein glücklicher Zufall

(Bony-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Sands of Windee (London : Hutchinson 1931)
Übersetzung: Heinz Otto
Deutsche Erstausgabe: 1958 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Krimi K 215)
181 S.
[keine ISBN]
Aktuelle Ausgabe: 2004 (Wilhelm Goldmann Verlag/TB Nr. Nr. 1044)
211 S.
ISBN-13: 978-3-442-01044-8

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Das geschieht:

Windee Station, eine Farm im Südwesten des australischen Bundesstaates Neusüdwales; mehr als eine halbe Million Hektar von der Sonne verbranntes, ausgedörrtes Land, das nichtsdestotrotz 70.000 Schafe ernährt und den Besitzer Jeffrey Stanton zu einem reichen Mann gemacht haben. Jeff, wie ihn sogar seine Arbeiter zu nennen pflegen, ist ein harter, aber gerechter Selfmade-Mann, ein Witwer, mit einer tüchtigen Tochter gesegnet und mit einem trinkfesten Sohn geschlagen.

Vor etwa zwei Monaten hat sich auf Windee Station Seltsame zugetragen. Ein Mann, der sich Luke Marks nannte, hatte Stanton, angeblich ein alter Freund, besucht. Einige Tage später fand man seinen Wagen in einem öden Landstrich – leer, vom Fahrer keine Spur. Eine ausgedehnte Suche blieb erfolglos, Marks verschwunden.

Dem aufmerksamen Inspektor Napoleon Bonaparte von der Polizei in Queensland ist dieser Fall zu Ohren gekommen. Der Sohn eines weißen Vaters und einer Aborigines-Mutter ist ein ausgezeichneter Kriminalist und Spurenleser, der auch dort seinen Fall zu lösen pflegt, wo seine Kollegen – in diesem Fall der eifrige aber überlastete Sergeant Morris – aufgeben müssen. „Bony“, wie der eigenwillige Bonaparte genannt wird, reist nach Windee Station. Er entdeckt, dass Marks ein korrupter Beamte der Gewerbepolizei von Neusüdwales mit Namen Green war, der sich davongemacht hatte, weil der Boden zu heiß für ihn wurde.

Dass Green nicht mehr lebt, ist Bony rasch klar. Dort, wo sein Wagen gefunden wurde, haben Eingeborene ein Zeichen hinterlassen: „Hütet Euch vor bösen Geistern; hier wurde ein weißer Mann getötet.“ Bony lässt sich vom ahnunglosen Stanton als Farmarbeiter anstellen. So lernt er Windee Station und seine Bewohner kennen. Die Spur wird heiß, als ihm am Tatort eine Ameise einen Diamanten vor die Füße wirft. Dann bekommt Bony es plötzlich mit drei Mördern, einer verzweifelten Braut und einer heißblütigen Erpresserin zu tun und ist fast dankbar, mit einem Buschfeuer auf den Fersen in die Wüste fliehen zu können …

Die von allen Ablenkungen befreite Kulisse

Eine sehr einfache Kriminalgeschichte, eingebettet in ein fremdes Land mit einer exotischen Kultur, das Ganze kenntnisreich und gekonnt erzählt: Dies ist das Geheimnis des Erfolgs, der die „Bony“-Romane des Arthur W. Upfield unsterblich werden ließ. „Ein glücklicher Zufall“ bildet keine Ausnahme. Lakonisch und unsentimental, dabei genau beobachtend, schreibt jemand über eine Welt, die er versteht. Genretypische Effekte wie Verfolgungsjagden und Schießereien fehlen gänzlich, die Bluttat ist längst geschehen, als die Handlung einsetzt. Den Hintergrund des Finales bildet stattdessen ein gewaltiges Buschfeuer, das einen wahrlich eindrucksvollen Rahmen für die sehr versöhnliche Auflösung dieses Falles liefert.

Dass Windee Station und die winzige Ortschaft Mount Lion auch im Wilden Westen der Vereinigten Staaten stehen könnten, ist natürlich auch dem Verfasser aufgefallen. Er treibt seine Späße damit, dass hier Schafe statt Rinder getrieben und nicht Bisons, sondern Kängurus gejagt werden. Die Stantonschen Arbeiter geben sich wie Cowboys, nur dass sie auf ihrer nachmittäglichen Teestunde bestehen. Sogar Indianer gibt es in dieser Geschichte: Sie werden von den Aborigines vertreten, die mit den weißen Herren ihres Heimatlandes immerhin in friedlicher Koexistenz leben.

Die ruhige, aber niemals betuliche Handlung lässt Raum für schnurrige Episoden mit handfesten Gottesleuten oder unkonventionellen Gastwirten, erzählt vom geheimen oder geheimnisvollen Leben der Aborigines und lässt bei so viel Staub und Hitze die Kehle schon beim Lesen trocken werden.

Polizist zwischen zwei Welten

„Von seiner Mutter hatte er das Nomadenblut, die scharfen Augen und die Jagdleidenschaft geerbt, seinem Vater verdankte er die Beherrschtheit seines Wesens und die Fähigkeit, logisch zu denken.“

Cover der dt. Erstausgabe

So wird uns Napoleon Bonaparte, kurz „Bony“ genannt, vom Verfasser vorgestellt. Ein wenig verunglückt ist ihm dies aus heutiger Sicht, da inzwischen nur mehr Rassisten und Dummköpfe in Frage stellen, dass auch ‚reinblütige‘ Aborigines über die Gabe des logischen Denkens verfügen. Dabei war Upfield sicherlich kein verkappter Kolonialherr, der die „Nigger“ Australiens – als solche bezeichnet sie der honorige Stanton, ohne sich groß etwas dabei zu denken – als Menschen zweiter Klasse betrachtete, sondern kann nach den Maßstäben seines Zeitalters durchaus als aufgeklärt gelten.

Bony ist ein selbstbewusster Mann, der sich nicht in die „Ja, Massa!“-Ecke abdrängen lässt. Er hat sich trotz seiner unkonventionellen Vorgehensweisen als Kriminalist einen Namen bei Weiß und Schwarz gemacht, beauftragt sich notfalls selbst mit einer Ermittlung und ist mit sich und seiner Herkunft im Reinen; Sergeant Morris springt jedenfalls rasch vom Pferd als er merkt, wer da vor ihm steht, und auch Bony lässt keine Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hat. So war es ein kluger Schachzug Upfields, Bony in beiden australischen Welten zu verankern. Es erweitert den Spielraum möglicher Handlungen beträchtlich und fügt dem Krimi eine buchstäblich menschliche Komponente bei.

Die Zeiten ändern sich – hoffentlich

Wenn die Schilderung der Aborigines trotzdem hier und da unangenehm aufstößt, so liegt das primär an der Übersetzung. Sie liest sich nicht nur unter politisch korrekten Aspekten anachronistisch, sondern klingt auch dem nicht moralisch zwangserregten Zeitgenossen heute beleidigend im Ohr. Pidgin-Englisch lässt Aborigines nicht so radebrechen: „Nein, nein Boß. Schwarzer all right. Guter Kerl. Du Mehl geben, ja?“ (S. 46) Aber so klang es halt, wenn im deutschen Unterhaltungsroman der 1950er Jahre „Neger“ und andere „Wilde“ zu Wort kamen.

Ob oder in welchem Maße die übrigen Bewohner von Windee Station oder Mount Lion überzeichnet sind, ist heute schwer zu entscheiden, nachdem sich im Gefolge von Crocodile Dundee eine Flut grausiger Aussie-Klamotten über die Bewohner der nördlichen Erdhemisphäre ergossen hat. Es müssen jedenfalls außergewöhnliche bzw. außergewöhnlich verschrobene Zeitgenossen sein, die sich – nicht immer freiwillig, wie Upfield deutlich zu machen versteht – in ein solches Leben voll Hitze, Einsamkeit und Öde fügen.

Autor

Arthur William Upfield wurde 1888 im südenglischen Gosport geboren. Das schwarze Schaf seiner Familie wurde von dieser 1902 Jahren nach Australien geschickt. Dort streifte Upfield als Gelegenheitsarbeiter durch das Outback. Pelztierjäger war er, Schafzüchter, Goldsucher und Opalschürfer – ohne besonderen Erfolg dies alles, aber reich an Erfahrungen geworden, die Upfield ab 1929 in 28 Kriminalromanen um Inspektor Napoleon „Bony“ Bonaparte nutzen konnte.

Zu seinen Lebzeiten war Upfield erfolgreich, aber bei der Kritik nicht gut angesehen. Das hat sich grundlegend und zu Recht geändert. Heute zählen Upfields Bony-Romane mit ihren grandiosen Landschaftsschilderungen und dem sichtlichen Hintergrundwissen über die Kultur der australischen Ureinwohner zu den Klassikern des ‚ethnologischen‘ Kriminalromans. Das mag zu der in Deutschland ansonsten seltenen, für den Leser aber erfreulichen Tatsache beitragen, dass die „Bony“-Romane immer wieder aufgelegt werden.

An seinen zweiten Bony-Roman sollte Upfield übrigens noch lange denken. Er hatte Ende der 1920er Jahre auf einer Farm gearbeitet und dabei mit den Arbeitern des Feierabends ausgiebig über den perfekten Mord diskutiert. Die Lösung entsprach dem späteren Ende des Luke Marks. Als einer der Farmarbeiter 1932 in die Tat umsetzte, was er gelernt hatte (ohne freilich gründlich genug zu sein), wurde Upfield vor Gericht gestellt. Man versuchte ihn wegen Beihilfe dranzukriegen, was jedoch nicht misslang. (Der eigentliche Schurke musste trotzdem hängen.)

Arthur W. Upfield starb 1964. Im Internet ist der Verfasser u. a. hier vertreten.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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