Ein Mann verfolgt sich selbst

Paulus Schotte
Ein Mann verfolgt sich selbst

Originalausgabe = dt. Erstausgabe (geb.): 1934 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal Romane)
211 S.
[kein ISBN]
Diese Ausgabe: 1953 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 32)
183 S.
[kein ISBN]

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Das geschieht:

Dr. Karl Jeß, ein noch junger aber erfolgreicher Historiker, den sein aktueller Forschungsauftrag in eine (nicht genannte) Stadt führte, wo er in der Pension Nintschitsch logiert, hat in der vergangenen Nacht so ausgiebig getrunken, dass er sich an gar nichts mehr erinnern kann. Er erwacht mit schwerem Kopf, ist voll bekleidet und von Kopf bis Fuß mit Schmutz und Blut bedeckt. In seiner Hosentasche entdeckt Je einen faustgroßen, ebenfalls blutverschmierten Stein.

Was ist geschehen – und was hat er womöglich getan? Ist er zum Mörder geworden? Voller Angst reinigt sich Jeß, wobei er in Kauf nimmt, Spuren zu verwischen, die er der Polizei offenbaren müsste. Stattdessen beschließt er, sich in eigener Sache detektivisch zu betätigen. Gern würde die Medizinstudentin Erna Thaller ihm dabei helfen, denn sie ist heimlich in den stattlichen Wissenschaftler verliebt, der allerdings der schönen Helen Barthelmeß verfallen ist. Die ist verheiratet – wenn auch unglücklich – und leidet sehr unter ihrem Gatten Robert, der manisch-depressive Züge zeigt und sehr gewalttätig werden kann.

Damit hat es freilich jetzt ein Ende, denn Barthelmeß wurde tot am Ufer eines Flusses  aufgefunden; die Polizei geht von Selbstmord aus. Jeß fühlt sich in seiner Schuld bestätigt, will aber den endgültigen Beweis, bevor er sich den Konsequenzen seiner Tat stellt. Vor allem ist er sich der Rollen seiner Trinkkumpane nicht sicher. Farkas, der Bildhauer, Arslanian, der Kunsthändler, und Betzow, der Schriftsteller, wissen eindeutig mehr, als sie sagen wollen. Wie kann Jeß sie jedoch aushorchen, ohne über ihr Handeln in der fraglichen Nacht auch nur ansatzweise Bescheid zu wissen?

Erna Thaller, die Jeß in seiner Not endlich ins Vertrauen zieht, beginnt ihrerseits mit einer Rekonstruktion der Ereignisse. Ihre Nachforschungen bleiben nicht unbemerkt, was jene, die sehr gut wissen, was geschah, erst nervös und dann aktiv werden lässt …

Täter, Opfer, Mitwisser?

„Ein Mann sucht sich selbst“ ist kein „Whodunit“. Wir kennen – möglicherweise – den Täter. Die Schwierigkeit liegt in der Ergründung, ob und wessen er sich denn eigentlich schuldig gemacht hat. Der beliebte ‚Filmriss‘ nach durchzechter Nacht hat Karl Jeß das Gedächtnis an die vergangene Nacht geraubt. Was ist geschehen? Das Blut und der Stein deuten auf ein Verbrechen hin, doch ist Jeß Täter oder Zeuge? Der Gang zur Polizei wäre der logische nächste Schritt. Jeß ist freilich ein Mensch, der sich um seine Freiheit, seinen Ruf, seine Karriere sorgt. Er wählt deshalb einen vermeintlichen Ausweg und will selbst ermitteln, was in der besagten Nacht geschah.

Wir, die Leser, wissen nicht mehr als Jeß. Genau wie er werden wir in das Geschehen geworfen. Stück für Stück enthüllt sich uns die Geschichte. Zwischendurch erhalten wir einen gewissen ‚Vorsprung‘, nachdem Erna Thaller sich einmischt und auf eigenen detektivischen Pfaden wandelt.

Im Stil einer definitiv vergangenen Zeit

Der Stil verrät es: „Ein Mann …“ ist vor langer Zeit niedergeschrieben worden. Die Sprache ist deutsch, doch viele Wörter und Redewendungen sind so altmodisch, dass sie nicht nur ungewöhnlich wirken oder irritieren, sondern sogar unverständlich geworden sind. Dass dies im Grunde auf sämtliche wirklich alten (Kriminal-) Romane dieser Welt zutrifft, wird durch Übersetzungen verschleiert, die oft viele Jahre oder Jahrzehnte nach dem Originaltext entstehen. „Ein Mann …“ bietet dagegen (durch das Verfasserhirn gefilterten) O-Ton des Jahre 1934, was auf der anderen Seite natürlich reizvoll ist: So haben die Menschen früher also gesprochen.

Die Hast im Tonfall ist wie der Wechsel vom Präteritum ins Präsens natürlich auch Stilmittel. Wenn Karl Jeß sich selbst verfolgt, tickt die Uhr, denn es ist in der Tat etwas geschehen, das die Polizei auf den Plan ruft. Er muss sich sputen und stets in Sorge sein, dass jemand – der wahre Täter? – seine Gedächtnisstörung ausnutzt und die Indizien fälscht, um ihn endgültig in die Falle zu treiben.

Quasi von historischem Interesse ist der Blick auf den deutschen Alltag der frühen 1930er Jahre. Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten ist in diesem Roman kein Thema. Noch geht das Leben seinen gewohnten Gang. Gleichermaßen vertraut und fremdartig wirkt das Leben jener Stadt, die der Geschichte als Kulisse dient. Fasziniert erkennen wir, wie ‚modern‘ es trotz der Abwesenheit von PC, Handy oder Fernsehen erscheint.

Lieber deutlich als subtil

Schotte bevölkert seinen Roman mit scharf konturierten Gestalten. Allesamt sind sie mehr oder weniger überzeichnet. Aus heutiger Sicht geht der Autor dabei nicht sehr subtil vor, wenn er z. B. zwischen kultivierter, feingeistiger Oberschicht und ‚proletarischer‘ Unterschicht trennt. Helen Barthelmeß wirkt ätherisch und kaum von dieser Welt; wie ihr Gatte gibt sie sich vornehm degeneriert und dünkt sich der ‚normalen‘ Welt enthoben. Am unteren Ende der Skala stehen plumpe, dumme, gewöhnliche Dienstmänner, Arbeiter und Frauen oder besser Weiber wie Frau Nintschitsch, das Hausmädchen Mathilde oder die Geschäftsfrauen Schmeidler, Bilinsky und Meyerzack.

Noch nicht ganz nach ‚oben‘ haben es Karl Jeß und Erna Thaller geschafft. Sie sind jung, stehen beruflich am Anfang und sind deshalb gezwungen, Umgang mit dem gemeinen Volk zu pflegen, das ihren zukünftigen Status aber schon kennt und achtet. Als Wissenschaftler und Medizinstudentin können sie sich frei zwischen den Ständen bewegen, was für die hier erzählte Geschichte unbedingt erforderlich ist.

Als Detektiv sind Jeß und Thaller dagegen Anfänger. Vor allem Jeß wirkt als Geisteswissenschaftler weltfremd. (Dieses Klischee ist vermutlich so alt wie die Forschung selbst.) Um das zu unterstreichen, lässt ihn Schotte an einer „Geschichte der Schokolade“ arbeiten. Zudem zappelt Jeß im Netz der Helen Barthelmeß. Ein verliebter Narr ist bekanntlich ein doppelter Narr, und so bringt sich unser Doktor, der von der Angebeteten nicht lassen kann, erst recht in Schwierigkeiten. Ohne echten Plan tappt Jeß durch die Straßen, spricht wahllos verschiedene Leute an; er benimmt sich verdächtig und erregt allmählich Misstrauen – die Zeit läuft gegen ihn. Diese Entwicklung, die zur Spannung beiträgt, hat der Verfasser gut im Griff.

Neugierige Privatleute und energische Profis

Als ‚patentes Mädel‘, das ihm nebenbei noch einbläuen wird, in wen er sich gefälligst zu verlieben hat, agiert Erna Thaller. Die Medizinstudentin, die definitiv nicht nur die Zeit bis zur Heirat totschlägt, demonstriert den Stand der Emanzipation, die in Deutschland um 1930 deutlich vorangeschritten war, bevor die Nazis diese Fortschritte wieder zunichte machten.

Folgerichtig steht Erna ihrem Karl zur Seite, statt auf die Rolle des „love interest“ eingeschränkt zu werden. Thaller hat ihren eigenen Kopf, den sie auch benutzt, um in Sachen Jeß zu recherchieren. Tatkräftig und im Alleingang macht sie sich an die Arbeit, auch wenn sie ihrerseits ihrer Unerfahrenheit Tribut zollen muss, denn ihr Stochern und Fischen im Trüben wühlt mehr auf, als sie und Jeß verkraften können.

So übernimmt schließlich doch die Polizei die Initiative. Fachleute wie Kommissar Gluck oder Untersuchungsrichter Dr. Bächle nehmen menschlich nicht für sich ein. Zudem kleben sie enervierend an ihren Vorschriften. Als Jeß in die Mühlen der Justiz gerät, wird er von der aktiv handelnden zur passiven Person: ein ungeschickter Zug des Verfassers, der ‚gut‘ i. S. von schlecht zur fantastischen, melodramatisch aus dem Hut gezauberten Auflösung passt.

Die zunächst verheißungsvolle Handlung und plastisch gezeichnete Figuren – seinem Jugendfreund Billy Wilder, der später einer der größten Hollywood-Regisseure aller Zeiten wurde, gönnt Schotte einen ‚Gastauftritt‘ als pfiffiger Reporter „Billie“ – halten den Leser letztlich bei der Stange, bis dem Plot im letzten Drittel die Luft ausgeht und der Verfasser sich allzu stark auf Klischees stützt, die wohl schon damals als solche erkannt wurden. Klassisch ist dieses Werk höchstens als Beispiel für einen deutschen Kriminalroman vor dem II. Weltkrieg, der primär und anspruchsfrei unterhielt. Nur unter dieser Voraussetzung sowie als literaturgeschichtliches Kuriosum funktioniert „Ein Mann …“ heute noch.

Autor

Paulus Schotte ist das Pseudonym des Schriftstellers und Herausgebers Paul Elbogen (1894-1987). In Wien wurde er in eine großbürgerliche jüdische Familie geboren, besuchte das (katholische) Schottengymnasium und pflegte ausgiebigen Umgang mit Schauspielern, Schriftstellern und Künstlern. Nach dem I. Weltkrieg wurde Elbogen als Kritiker und Publizist tätig, wobei ihm seine zahlreichen Kontakte in der Szene dienlich waren. Während er als Romanschriftsteller „Paulus Schotte“ eher erfolglos blieb, wurden die Essays und biografischen Porträts berühmter Abenteurer, Frauen oder Großindustrieller gern gelesen.

Elbogens erste Karriere endete mit der Annexion Österreichs durch Nazideutschland. Inzwischen verheiratet, floh er mit seiner Frau aus Wien nach Italien, dann weiter nach Frankreich und schließlich in die USA. Das Paar ließ sich in Hollywood nieder, wo Elbogen zeitweise für die Columbia-Studios tätig war. Auch nach dem Krieg blieben die Elbogens in den USA. Auf einer ihrer vielen Reisen durch das Land starben sie 1987 im hohen Alter gemeinsam bei einem Verkehrsunfall. Elbogens Autobiografie eines langen und bewegten Lebens wurde erst 2002 unter dem Titel „Der Flug auf dem Fleckerlteppich“ veröffentlicht.

Copyright © 2011/2016 by Michael Drewniok (md)

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