Ein Sommernachtsmord

Robin Paige
Ein Sommernachtsmord

(Sir-Charles-Sheridan/Kate-Ardleigh-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: Death at Gallow’s Green (New York : Berkley Prime Crime 1995)
Übersetzung: Wolfgang Thon
Dt. Erstausgabe: Januar 1999 (Econ & List Verlag/TB Nr. 27584)
352 Seiten
ISBN-13: 978-3-612-27584-4

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Das geschieht:

Seit einem halben Jahr residiert Kathryn Ardleigh im Landhaus Bishop‘s Keep in Gallow‘s Green, einem verträumten Dörflein in der englischen Grafschaft Essex. Wir schreiben das Jahr 1895, und das gesellschaftliche Leben der Reichen und Schönen ist streng reglementiert. Im Sommer zieht die feine Gesellschaft heuschreckenartig von Landsitz zu Landsitz, ergeht sich in mehr oder weniger geistvoller Konversation, vertreibt sich die Zeit mit Reiten und Jagen (Männer) oder Picknicks und Rasenspielen (Frauen) und ist bestrebt, herangewachsene Töchter möglichst erfolgreich unter die Haube zu bringen.

Kate, die Amerikanerin, die sich in New York ihren Lebensunterhalt als Autorin sensationsgespickter Groschenromane zwar mühsam aber glücklich und vor allem selbstständig verdient hat, ödet der stets gleiche Ablauf ihrer Tage, die sie als Gast oder Gastgeberin verbringt, längst an. Schlimmer noch: Ihre Arbeit als Schriftstellerin leidet unter der Eintönigkeit. Deshalb hält sich Kates Entsetzen in gerade noch schicklichen Grenzen, als im Garten des unweit von Bishop’s Keep gelegenen Marsden Manor Arthur Oliver, Sergeant der Polizeistation Essex, mausetot und mit einer Kugel in der Brust gefunden wird.

Polizeikonstabler Edward Laken, zuständig für Gallows Green und Umgebung, will den Mord an seinem alten Kinderfreund aufklären. Ihm zur Seite steht der Hobby-Detektiv Sir Charles Sheridan, der in kriminalistischen Angelegenheiten stets auf dem neuesten Stand ist. Offiziell leitet der aufgeblasene Chefkonstabler Dudley Pell die Ermittlungen. Er hat zu allem Überfluss den überforderten Inspektor Wainwright mit dem Fall betraut.

Kate ist mit ihrer neuen Freundin, der Kinderbuchautorin Beatrix Potter, einem Verbrecherring auf die Spur gekommen, der in Gallow‘s Green und Umgebung offensichtlich gestohlenes Getreide verkauft, was dem ermordeten Arthur Oliver aufgefallen war. Letztlich liegt der Fall jedoch so einfach nicht, dem ein weiterer Mord und eine Kindsentführung eine neue und dramatische Wende geben …

Mörderisch gute, alte Zeit

Was macht der Krimifreund – vorzugsweise in seiner weiblichen Inkarnation -, möchte er (oder eben sie) sich nach einem langen Arbeitstag bei einem guten Buch entspannen, aber nicht aufregen? Die Wahl wird oft auf einen „Landhauskrimi“ fallen, der nicht nur eine ökologische Nische des Genres Kriminalroman darstellt, sondern auch und vor allem die Flucht in ein meist ländliches oder kleinstädtisches Fantasie-England ermöglicht, das von klugen, alten Damen, beschränkten Polizisten, vornehmen Lords und Ladys, verschrobenen Gelehrten, knorrigen Soldaten, vertrottelten Geistlichen, kichernden Dienstmädchen und steifen Butlern bevölkert ist. Die Zeit bildet eine Endlosschleife zwischen der alten Queen Victoria und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ab, und das Schlimmste, das geschehen kann, tritt ein, wenn dem Opfer keine Zeit geblieben ist, sich vor dem Fünf-Uhr-Tee umzuziehen.

Selbst ein Mord bedeutet in dieser kleinen, in sich ruhenden Welt nur eine mäßige Erschütterung. Der Schrecken ist stets vordergründig, die Tat höchstens Auslöser für den Auftritt des genialen/exzentrischen/täuschend unscheinbaren (Amateur-) Detektivs, der gern auch weiblichen Geschlechts sein darf, besagte kleine Welt mit ihren pittoresken Bewohner gemächlich auf der Suche nach dem Übeltäter durchstreift und sich vom Leser dabei quasi über die Schultern schauen lässt, ohne ihm dabei Indizien vorzuenthalten. Den Fall löst er in einem großen Finale und in Anwesenheit aller Verdächtigen trotzdem allein und stiftet womöglich nebenbei noch ein paar Ehen.

Wie man sich denken kann, ist die eigentliche Zeit des Landhauskrimis, der im angelsächsischen Sprachraum ebenso treffend wie drollig „cozy“ (eher boshaft übersetzt als „Häkelkrimi“) genannt wird, schon lange vorbei. Agatha Christie ist eine typische Vertreterin dieser Schule, die Zeitgenosse Raymond Chandler als Repräsentant des „Noir“ aus tiefem Herzen gehasst hat. Der „schwarze“ Krimi geht von der Schlechtigkeit der Welt und des Menschen aus. Lüge, Niedertracht und (großstädtische) Gewalt bestimmen die Szene. Morde werden aus niederen Motiven begangen und sind hässliche, blutige Angelegenheiten. Lebensnäher als der Cozy ist der Noir zwar in der Regel auch nicht, auf jeden Fall aber beunruhigender.

Kein Wunder also, dass es in der hektischen Realität der Gegenwart genug Leser gibt, die sich lieber einlullen als erschrecken lassen wollen. Damit dies zuverlässiger funktioniert, schmieren moderne Krimi-Häkler das Handlungsgetriebe gern mit Seifenschaum. Die Suche nach Mr. Right nimmt mindestens ebenso viel Raum ein wie das kriminelle Geschehen, das nicht selten zum Vorwand verkommt: eine Sünde, die Agatha Christie selten beging.

Idyllen am Fließband

So biegen sich in den Buchläden die Regalblätter unter (nur scheinbar) modernen Landhauskrimis, die nach den oben skizzierten Regeln konstruiert wurden. Diese sind längst zur Formel erstarrt und verwässert, was ihre Anhänger aber nicht zu stören scheint. Robin Paige ist nur eine aus einer schier unendlichen Schar von Autoren (bzw. meist Autorinnen), die neue Häkelthriller stricken und damit so erfolgreich sind, dass sie hierzulande die Noirs in die Ecke gedrängt haben.

Paige ist etwa im Mittelfeld anzusiedeln. Bezeichnenderweise ist nicht einmal der Name echt: Hinter dem Pseudonym verbirgt sich das Autoren-Ehepaar Susan W. und William J. Alberts, das seine Krimis etwa mit derselben Liebe auf dem Kuschel-Reißbrett entwirft wie die Automobilindustrie ihre neuen Modelle. Aus England stammen die Alberts auch nicht, was schon daraus ersichtlich wird, dass ihre Heldin aus den Vereinigten Staaten stammt, weil es die US-amerikanische Leserschaft offensichtlich nicht ertragen kann, wenn nicht einer ‚ihrer‘ Jungs oder wenigstens ein Mädchen im Mittelpunkt der Handlung steht.

Ohne besondere Ironie wird das uralte Kontrastprogramm Alte Welt – Neue Welt abgespult, wobei selbstverständlich die progressive (aber nicht zu selbstständige) Amerikanerin das beste Bild abgibt. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) ist Kate Ardleigh eine recht langweilige Figur. Mit Überraschungen irgendwelcher Art können die Alberts generell nicht aufwarten; es wäre im Landhauskrimi auch nicht gern gesehen.

Leichte Abweichungen von der Norm

Man muss die Masche mögen, dann leisten die Autoren im Rahmen des Genres anständige Arbeit. Objektiv bleibt allerdings festzustellen, dass sie sich der Cozy-Klischees außerordentlich platt bedienen. Das wird besonders in der Schilderung jener Figuren deutlich, die sich unter den Begriff „Unterschicht“ fassen lassen: Bedienstete, Bauern und Tagelöhner, aber auch Polizisten. Ohne in den pseudo-klassenkämpferischen Sozio-Schwurbel vergangener Jahre zurückzufallen, muss doch festgestellt werden, dass die verzerrte, das Niveau der Karikatur eindeutig überschreitende Darstellung schon im klassischen Landhauskrimi ein oft trauriges Kapitel darstellte. Leider beleben die Alberts gerade diesen weniger erfreulichen Zug des Cozys korrekturfrei wieder.

Sie gehen noch weiter: Die Tatsache schlicht ignorierend, dass Intelligenz nicht zwangsläufig Bildung voraussetzt, denkt und handelt der Alberts-Plebs nur knapp oberhalb der Hirntod-Kurve. Dumm aber glücklich ist er, oder besser: bauernschlau, dabei leicht durchschaubar; dienstbeflissen bis servil und zufrieden mit der von Gott, dem König, dem Adel & der Kirche gegebenen Gesellschaftsordnung, wenn ihm hin und wieder ein guter Schluck ausgegeben und ein glänzender Schilling, vom gnädigen Herrn in die schwielige Hand gedrückt wird.

Zwar kommen im „Sommernachtsmord“ auch diverse Respektspersonen nicht ungeschoren davon. Doch gilt Gleichbehandlung im Unerträglichen etwa als literarisches Qualitätsmerkmal? Aber halt: Schleicht sich hier und da nicht doch Gesellschaftskritik ein? Die Gefahr der sozialen Ächtung beim Verstoß gegen eine der zahllosen Regeln ist tatsächlich präsent. Noch besser: Die Alberts widmen sich diesem Thema nicht annähernd mit der Besessenheit einer Anne Perry. Auch Edward Laken ist – obwohl ‚nur‘ Polizist – als mehrschichtiger Charakter angelegt – mit dem Effekt, dass er unter seinen Standesgenossen höchst unpassend heraussticht und diese erst recht der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Der schmale Grat zwischen charmant und fade

Primär „Namedropping“ bleibt der Auftritt von Beatrix Potter. Die berühmte Künstlerin, der es in der Realität gelang, dem Würgegriff des strengen Elternhauses zu entfliehen, mutiert bei den Alberts zur scheuen, niedlichen Elfe, die bunte Pilze malt und mit Kaninchen spricht. (Einen prominenten ‚Gaststar‘ – u. a. Rudyard Kipling, Winston Churchill oder die Automobil-Pioniere Rolls & Royce – gibt es in allen Episoden der Sheridan/Ardleigh-Serie geben.

Die deutsche Übersetzung mehrt die Unerfreulichkeiten beträchtlich. Das beginnt mit dem Titel, der plump auf William Shakespeares „Mittsommernachtstraum“ anspielt, was gar nicht in der Intention der Autoren lag. Beinahe körperliche Schmerzen verursacht der grobschlächtige Versuch, die Dialekte des einfachen Landvolkes ins Deutsche zu übertragen. Zwar geht der Übersetzer nicht bis zum Äußersten und lässt die braven englischen Bauern z. B. Bayrisch radebrechen. Aber ‚volkstümlich‘ sprechen mussten sie offensichtlich. Weil er leider keinen Respekt nich‘ haben tut vor die ihn anvertrauten Figuren (oder wenigstens vor der eigenen Muttersprache), legt ihnen der Übersetzung dasselbe grässliche Pidgin-Plattdeutsch in den Mund, mit dem auch das deutsche Fernsehen seine Zuschauer piesackt. So schließt sich der Kreis zum für ein einschlägiges Publikum lesenswerten aber jederzeit durchschnittlichen Lesevergnügen.

Autoren

„Robin Paige“ ist das Pseudonym des Ehepaares William und Susan Wittig Albert. Gemeinsam haben sie nicht nur zwölf Romane um das Amateurdetektiv-Ehepaar Sir Charles Sheridan und Kate-Ardleigh (1994-2006), sondern zahlreiche Jugendromane verfasst. Die ehemalige Universitätsdozentin Susan Wittig Albert schreibt solo seit 1992 die weiterhin laufende Krimi-Serie um die Kräuterhändlerin und Amateur-Detektivin China Bayles.

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