Es bleibt unter uns

Richard Hull
Es bleibt unter uns

Originaltitel: Keep It Quiet (London : Faber & Faber 1935/New York : G. P. Putnam’s Sons 1936)
Übersetzung: N. N.
Deutsche Erstausgabe: Juli 1962 (Rowohlt Verlag/RoRoRo Kriminalroman 2012)
173 S.
[keine ISBN]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Der Whitehall-Club in London gehört nicht zu den vornehmen Einrichtungen seiner Art. Zwar bietet man seinen Mitgliedern ein zweites Heim und eine Zufluchtsstätte, möchte dafür jedoch so wenig Geld wie möglich ausgeben. Das Ergebnis ist eine Atmosphäre latenter Unzufriedenheit, die sich irgendwann zuverlässig gegen Leonard Ford, den wankelmütigen Club-Sekretär, zu richten pflegt.

Vor allem die Mitglieder Pargiter und Morrison scheinen sich gegen ihn verschworen zu haben. Sie nutzen Fords berufliche und persönliche Schwächen geschickt und erbarmungslos aus, um ihn zu piesacken. Eines winterlichen Morgens sitzt Morrison tot in der Bibliothek. Küchenchef Benson ist offenbar ein Missgeschick mit dem Quecksilberchlorid unterlaufen, das er auf seine Furunkel streicht.

Um den Ruf des Clubs besorgt, überredet Ford Dr. Anstruther, der ebenfalls Mitglied ist, Herzschlag als Todesursache zu bescheinigen, worauf dieser sich tatsächlich einlässt. Wenig später bekommen beide Männer anonyme Briefe. Der Verfasser war unbemerkt Zeuge der Vertuschungsaktion. Nun beginnt er, der offenbar selbst dem Club angehört, Ford und Anstruther zu erpressen. Ford soll eine lange Liste von Schäden und Versäumnissen abarbeiten, die er sich als Sekretär angeblich zuschulden kommen ließ, Anstruther dem Erpresser Gift verschaffen, dass dieser diversen verhassten Clubangehörigen ins Essen mischen und sich an ihren Qualen weiden will.

Die Angst vor Bestrafung und Schande lässt die beiden Männer gehorchen. Ihre Lage wird kritisch, als sich der Anwalt Cardonnel einmischt. Er will eigentlich nur den lästigen Bücherdieb fangen, der sich seit Monaten in der Bibliothek des Clubs bedient, findet im Laufe seiner unkonventionellen Ermittlungen jedoch heraus, dass noch wesentlich kriminellere Umtriebe den Club-Alltag prägen …

Mein Club ist meine Burg

Weil mir daheim die Decke auf den Kopf fällt oder es mir umgekehrt daheim zu turbulent wird, habe ich mir ein Versteck geschaffen: den Club, wo ich Freunde treffen kann aber nicht muss, essen, meine Zeitung lesen und sogar schlafen kann, wo mir Kellner, Diener und Pagen bringen, was ich mir wünsche und wo ich mich wichtig fühle. Dafür zahle ich gern eine bestimmte Geldsumme, die mir diese Oase des Friedens wert ist.

Clubs gibt es zwar auch außerhalb Englands, doch vor allem dort sind sie zum Synonym für eine bestimmte Lebensart geworden. Dass sie zum festen Bestandteil viel gelesener Kriminalromane gehören, hat zweifellos seinen Teil dazu beigetragen. Der englische Club besitzt als Institution eine quasi mythische Kraft. Auf seine ironische Weise geht Richard Hull in „Es bleibt unter uns“ immer wieder darauf ein. Vor allem richtet sich sein feiner Spott gegen die Fassade bemühter Ehrwürdigkeit, die nach außen um jeden Preis aufrechterhalten werden muss, während dahinter die vorgeblich vornehmen Mitglieder ihren menschlichen Schwächen ungehemmt nachgeben.

Dabei ist ihnen die Clubordnung ungemein hilfreich. Zwar gibt es für die unmittelbar anstehende Alltagsarbeit ein Netz von Bediensteten, die hinter den Kulissen wirken. Doch da die Mitglieder die Kosten für den Club letztlich selbst tragen, wollen sie mitreden, wie ihr Geld ausgegeben wird. Hull schildert dies als kafkaesken Albtraum zahlloser Ausschüsse und Sub-Komitees, die intelligenten aber gelangweilten und im Lebensalltag machtlosen Männern die Gelegenheit geben, sich über Nichtigkeiten zu ereifern.

Mein Club ist mein Grab

Ohnehin sind Clubmitglieder chronisch unzufrieden: mit dem Essen, dem Wein, der Einrichtung, dem Service, der Raumtemperatur … Sie streiten sich, führen törichte Kleinkriege miteinander und verwandeln den Club, der doch ihre Zuflucht sein soll, in einen Kriegsschauplatz, für dessen Unterhalt sie selbst aufkommen.

Nun sieht ein Mitglied die Chance, seine Attacken auf ein bisher niemals gekanntes Niveau zu heben. Erneut gibt ihm der Club selbst das notwendige Instrument zur Hand: Er hängt nicht nur von den Gebühren seiner Angehörigen, sondern mindestens ebenso von seinem Ruf ab. Gerät ein Club in Misskredit, treten seine Mitglieder aus. Die Toleranzgrenzen sind eng. Schon der unfallbedingte Tod des Mr. Morrison hätte sie sprengen können.

Diese Tatsache macht sich der anonyme Erpresser ebenso zunutze wie den aus verständlicher Not  geborenen Einfall des Clubsekretärs, Morrisons Ende als bedauerlichen aber natürlichen Tod zu tarnen. Sollte dies an Licht kommen, wären die Folgen für Ford und Dr. Anstruther, der sein Komplize wurde, sowie für den Whitehall-Club erst recht existenzbedrohend.

Mein Club ist mein Kerker

So lassen sich Ford und Anstruther auf das böse Spiel des Erpressers ein. Das Mitleid des Lesers hält sich indes in Grenzen. Beide Figuren sind von Hull nur bedingt als Opfer gezeichnet. Überhaupt haben erst charakterliche Schwächen sie in Schwierigkeiten geraten lassen. Vor allem Ford ist denkbar weit entfernt von einer ‚typischen‘ Krimi-Figur. Gerade dies nimmt wider Erwarten für ihn ein. Fords Bemühen, sich möglichst problemfrei durch den Club-Alltag zu manövrieren, zeigt ihn als Laokoon im Kampf gegen die Schlangen von Whitehall. Grundsätzlich kann er seiner Aufgabe so, wie Hull sie definiert, nicht gerecht werden.

Auf der anderen Seite ist er als Opfer eines Erpresser denkbar untauglich, weil er dessen Anweisungen jedes Mal prompt falsch versteht, denn „er war schließlich ein Meister in der Kunst, den springenden Punkt zu übersehen“ (S. 108). Diese Eigenschaft führt zu ständigen Missverständnissen, die den Erpresser an den Rand der Verzweiflung und den Leser zum Lachen bringen.

Ford scheut Konflikte und ist harmoniesüchtig. Doch unter Druck geht er wider Erwarten nicht endgültig unter. „Auch der Wurm krümmt sich“, geht es ihm durch den Kopf. Ausgerechnet der Erpresser bringt ihn dazu, über sein Leben und seine Arbeit nachzudenken. Die Folgen sind fatal, denn es macht ihn endgültig unberechenbar. Weniger leicht durchschaubar schildert Hull Dr. Anstruther. Er scheint zwar ebenfalls Opfer zu sein, gehört aber auch zur kopfstarken Gruppe der Verdächtigen.

Mein Club ist meine Spielwiese

Mit großem Geschick gelingt es dem Verfasser, nach und nach sämtliche vorgestellten Clubmitglieder in Verdacht zu bringen. Erst im weiteren Verlauf gerät so etwas wie ein Detektiv in die Handlung. Er hat sich selbst ernannt und bleibt als solcher vor allem aktiv, weil Ford ihm nicht Einhalt gebieten kann. Dieser lässt ihn auch deshalb gewähren, weil Anwalt Cardonnel eine wichtige Forderung erfüllt: Er gehört zur ‚Familie‘ des Whitehall-Clubs und muss deshalb daran interessiert sein, diesen nicht in Misskredit zu bringen.

Allerdings ist Cardonnel ein unsicherer Kandidat. Befriedigt er seinen Ehrgeiz oder versucht er, seine Täterschaft zu verschleiern? Der Leser wird nach Hulls Willen lange nicht schlau aus diesem Mann, dessen Treiben zudem jeglicher detektivischer Logik Hohn zu sprechen scheint. Dabei beruft sich Cardonnel ausdrücklich auf Sherlock Holmes als Vorbild. Er gleicht ihm primär in der Schaffung von Chaos, dem plötzlich und wider Erwarten eine präzise Rekonstruktion des Tatgeschehens entspringt.

Auf Seite 98 geschieht etwas Unerwartetes: Hull gibt den Mörder preis. (Sein Name soll hier natürlich verschwiegen werden.) Er wird Teil eines Dreiecks, dessen andere Spitzen Ford und Cardonnel bilden. Nunmehr treiben diese drei Männer ihre Pläne voran, wobei ihnen der Schurke stets einen Schritt voraus ist. Allerdings bringt ihn die Sprunghaftigkeit seiner Gegner zunehmend in Schwierigkeiten. Durch die daraus und aus dem  gegenseitigen Belauern resultierende Unsicherheit erhält und steigert Hull die Spannung.

Mein Club ist mir trotz allem heilig

Mit unerhörter Raffinesse seziert Hull den Club-Körper, den er zudem als Schauplatz eines Verbrechens präsentiert, das sich so nur in einem englischen Club abspielen kann. Verblüffend und sympathisch ist dabei die Tatsache, dass Hull die Institution Club zwar humorvoll durch den Kakao zieht aber niemals bösartig bloßstellt. Whitehall ist ein Hort exzentrischer Gestalten, die man nicht trotz, sondern wegen ihrer Schrullen sympathisch findet. Hull versteht das Wesen des Humors, den er britisch trocken, nur vorgeblich harmlos und deshalb umso unwiderstehlicher serviert:

„Tatsächlich ist bis zum heutigen Tag noch nie festgestellt worden, [wer einen Club leitet]. Vielleicht sind es am Ende in Wahrheit die Pagen, die einzigen Menschen, die eine genügend kurze Zeit in der Institution tätig sind, um Ehrgeiz zu bewahren. Es gab, so wird erzählt, sogar einmal einen Jungen, der eine Telefonnachricht korrekt übermittelte. Doch er kündigte, ging zum Königlichen Nachrichtencorps und tat nie wieder etwas Derartiges.“ (S. 60)

Spannung und Witz ergänzen einander meisterhaft, weil ein talentierter Schriftsteller wie Richard Hull sich ihrer bedient. In der Tat hat der Leser an den pointiert zugespitzten Schilderungen des Club-Alltags ebenso große Freude wie am Entwurf einer Kriminalgeschichte, die ein für die Zeit bzw. das Genre ungewöhnliches Verständnis für die Psychologie des Verbrechens erkennen lässt: Der Täter materialisiert sich nicht nur in seinen Taten. Hier hat jemand die Gelegenheit, seinem Hang zum Bösen zu frönen, und er folgt ihm – einfach und ohne schlechtes Gewissen, aber stets unter Berücksichtigung des Unterhaltungsfaktors: „Außerdem war Arsenik solch ein Allerweltsgift. Jedermann wusste Bescheid über Arsenik. Es war nichts Neues, nichts Geistvolles, nichts Witziges an Arsenik.“ (S. 113) Weshalb der Täter sich etwas Exotischeres einfallen lässt.

Muss noch erwähnt werden, dass die Auflösung der Vorgeschichte vollauf gewachsen ist? „Es bleibt unter uns“ ist ganz große Krimi-Kunst – so trügerisch leichtfüßig, dass nur harte Arbeit hinter dem Ergebnis stehen kann. Deshalb stellt sich erst recht die Frage, wieso dieser großartige Krimi in Deutschland erst einmal und dann nie wieder veröffentlicht wurde. Immerhin nahm sich ein (leider anonym bleibender) Übersetzer dieses Werkes an, der seinen Feinheiten bzw. subtilen Bosheiten gewachsen war. Für die Jäger antiquarischer Krimis sei hiermit die Saison eröffnet: Es lohnt sich!

Autor

Richard Hull, der als Richard Henry Sampson am 6. September 1896 in London geboren wurde, zählt zu den ‚mittelgroßen Unbekannten’, die der angelsächsische Kriminalroman in seiner klassischen „Goldenen Ära“ vor dem II. Weltkrieg hervorbrachte. Sampson schrieb nur in seiner Freizeit; er war Soldat, nahm als Offizier am I. Weltkrieg teil, blieb bis 1929 in der Armee und kehrte im II. Weltkrieg in den Militärdienst zurück. In den 1930er Jahren und dann wieder ab 1945 arbeitete er als Wirtschaftsprüfer und gründete eine eigene Kanzlei.

Sampson war ein leidenschaftlicher Krimifreund. Besonders beeindruckt hatte ihn der Roman „Malice Aforethought“ (1931; dt. „Vorsätzlich“) von Francis Iles (= Anthony Berkeley Cox, 1893-1971). Drei Jahre später veröffentlichte Sampson unter dem Pseudonym Richard Hull „The Murder of My Aunt“ (dt. „Der Mord an meiner Tante“), sein Buchdebüt, das von Kritik und Leserschaft gleichermaßen enthusiastisch aufgenommen wurde.

Hull beherrschte die Regeln des „Whodunit“ perfekt, beugte sie aber eben so leicht, dass es sein Publikum nicht abschreckte sondern anzog. So betrachtete er die Figur des Mörders nicht nur als (Schach-) Figur auf dem Brett seines Krimispiels, sondern bemühte sich um eine für seine Zeit ungewöhnliche psychologische Betrachtungsweise. Auch der Verbrecher besitzt eine Persönlichkeit und Gefühle, es lässt nicht kalt, wenn ihn die Gerechtigkeit erwischt. Dabei wahrt der Verfasser Distanz durch einen typisch britischen, d. h. staubtrockenen Humor, der die Hull-Romane jenseits aller Nostalgie sehr vergnüglich lesbar bleiben ließ.

Nach dem II. Weltkrieg setzte Hull zwar seine schriftstellerische Arbeit fort, doch seine Werke wurden von der Kritik nun als „konventionell“ abgestempelt. Sie griffen auf alte Ideen zurück und waren düsterer, ernsthafter im Ton. Hull beendete seine Krimi-Karriere 1953. Dem Genre blieb er eng verbunden und unterstützte seine berühmte Kollegin Agatha Christie in jenen Jahren, in denen sie als Präsidentin dem „Detection Club“ – einer Vereinigung britischer Kriminalschriftsteller der „alten Schule“ – vorstand (1958-1976). Als Hull 1973 starb, waren seine Kriminalromane weitgehend vergessen. Sie gelten dennoch als Meilensteine, und zumindest die frühen Werke hätten eine (Wieder-) Entdeckung hierzulande verdient.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Tod bei Tisch

Mord bei 45 Touren

Ruhige Wohnung mit eigener Leiche

Schnitzeljagd

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.