Es war Mord

Freeman Wills Crofts
Es war Mord

Originaltitel: The Groote Park Murder (London : W. Collins Sons & Co. 1923)
Übersetzung: Werner von Grünau
Deutsche Erstausgabe: 1960 (Kurt Desch Verlag/Die Mitternachtsbücher 38)
208 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Middeldorp, Südafrika: Am Eingang des Dartie-Avenue-Eisenbahntunnels liegt die Leiche von Albert Smith. Ein Zug hat ihn mit seinem Schienenräumer erfasst und in Stücke gerissen. Was zunächst wie ein Unglücksfall oder gar Selbstmord aussieht, wird von Inspektor Vandam schnell als Verbrechen erkannt: In einem Pflanzschuppen des nahen Groote Parks wurde Smith erschlagen und die Leiche anschließend auf die Schienen geworfen.

Der Tote hatte für die örtliche Lebensmittelhandlung Hope gearbeitet. Beliebt war Smith dort nicht, er galt als faul und legte sich gern mit den Kollegen an. Besonders Stewart Crawley, der Geschäftsführer, kann ihn nicht leiden, seit Smith während einer Betriebsfeier seine Braut Marion belästigt hat. Kurz vor seinem Verschwinden hatte Smith nach eigener Auskunft beim Glücksspiel eine große Anzahl wertvoller Diamanten gewonnen; sie wurden bei der Leiche nicht gefunden, sodass zum Mord noch Raub kommt. Systematisch ermittelt Vandam und bringt die wenigen Indizien in einen schlüssigen Zusammenhang. Sie deuten auf Crawley als Täter, der sich zudem bei einer Lüge ertappen lässt. So wird er verhaftet, aber Vandam hat die Rechnung ohne Marion gemacht: Statt sich vom mordverdächtigen Bräutigam abzuwenden, engagiert sie den besten Verteidiger der Stadt. Die Gerichtsverhandlung endet deshalb nicht so, wie es sich die Polizei gewünscht hätte.

Der Mord am Groote Park bleibt ungeklärt. Jahre später bringt der Zufall die wichtigsten der in diesen Fall verwickelten Personen ausgerechnet in Schottland wieder zusammen. Der Mörder, der sich inzwischen sicher wähnte, gerät in Panik. Ein neuer Mordplan wird gesponnen, und er ist mindestens ebenso fein und totsicher wie sein Vorgänger …

Als Gesetz und Verbrechen sich noch Zeit nahmen

Die ‚Jagd‘ nach dem Täter erstreckt sich buchstäblich über die halbe Welt und dauert mehrere Jahre. Doch im Jahre 1923 hatte die Gerechtigkeit diese Muße; die Mühlen der Justiz mahlten vielleicht langsam aber dafür umso gründlicher – und unerbittlicher. Die Hauptsache war, dass dem Recht Genüge geschah. Den Lesern blieb diese beruhigende Gewissheit: Infame Indizienmanipulation und das Legen falscher Fährten nützen dem feigen Mörder nichts. Die zunächst vielleicht verwirrte Polizei nimmt die Spur wieder auf. Der Zufall und die Gunst des Zufalls mögen ein wenig dazu beitragen, aber das Glück ist ja bekanntlich mit dem Tüchtigen; ein Sprichwort, dem Freeman Wills Crofts eindeutig zustimmt.

Mit „Es war Mord“ befinden wir uns in der Frühphase des „Goldenen Zeitalters“ des angelsächsischen Kriminalromans, das nach dem I. Weltkrieg begann und mit dem II. Weltkrieg ausklang. Dies wurde die Ära der „Whodunits“, jener ausgetüftelten Rätselkrimis, die sich immer wieder den eigentlich unmöglichen bzw. perfekten Mord thematisierten. Das Spiel war fair, die Autoren spielten mit offenen Karten. Nicht alle bildeten die Ermittlungen so akribisch ab wie Crofts, doch das aufmerksame Publikum konnte den Schurken gemeinsam mit dem ermittelnden Polizisten oder Detektiv entlarven. Auch „Es war Mord“ erfüllt dieses „Whodunit“-Kriterium; durch ausgiebigen Krimi-Genuss gestählten Leser werden sogar lange vor dem Finale wissen, wer da sein mörderisches Unwesen treibt.

Schritt für Schritt, Stolpern inklusive

Crofts macht auch keinen Hehl daraus, dass sich die Schlinge um einen bestimmten Hals zuzieht. Die Spannung erwächst aus der Tatsache, dass die Indizien lange partout nicht dem Verdacht entsprechen. Der Täter ist nicht nur skrupellos, sondern auch schlau. Dem trägt Crofts Rechnung, indem er den ersten Polizeibeamten scheitern lässt. Nicht Inspektor Vandam in Südafrika, sondern Inspektor Ross in Schottland triumphiert schließlich: Er ist der bessere Ermittler.

Charakterlich ähneln die beiden Männer sich; sie sind typische Crofts-Detektive – pflichtbewusst, arbeitskonzentriert, gründlich. Ein Privatleben wird nicht erwähnt. Man mag es den durchaus langweiligen Beamten gar nicht unterstellen, aber der klassische Krimi ist ohnehin nicht der rechte Platz für entsprechende Auslassungen: Der Einzug der Seifenoper ist eine Errungenschaft des modernen Kriminalromans. Für Crofts gilt das Private nur, wo es die Handlung voranbringt.

Kein Wunder, dass „Es war Mord“ trotz des gemächlichen Tempos eine dichte Geschichte erzählt. Nie gerät dem Verfasser der Plot aus den Augen. Das mag vor allem angesichts der im heutigen Kriminalroman grassierenden Geschwätzigkeit manchmal trocken wirken, ist aber eben auch konsequent. Crofts ließ sich offenbar von seinem ehemaligen Arbeitgeber inspirieren: Seine Romane funktionieren so zuverlässig wie die Lokomotiven der britischen Eisenbahn.

Krimi in zwei Teilen

Dass wir uns in einer gänzlich ‚anderen‘ Krimi-Ära befinden, wird uns gleich mehrfach deutlich. Sehr ungewöhnlich ist beispielsweise die strenge Trennung der Geschichte. Als die Ereignisse in Südafrika ihr Ende gefunden haben, verschwinden die dort angesiedelten Figuren – unter ihnen auch der bisher zentral agierende Inspektor Vandam – aus der Handlung. Neue Figuren ersetzen sie: Der Plot steht bei Crofts eindeutig im Vordergrund. Eine Steigerung der Leserbindung durch Identifikationsfiguren ist für ihn nebensächlich, Sympathie wecken seine Handlungsträger nicht: Crofts ist eindeutig ein Vertreter der „Humdrum School“, wie Krimi-Experte Julian Symons die Konzentration auf den Plot ein wenig boshaft nannte.

Bei aufmerksamer Betrachtung fällt auf, wie wenig exotisch Crofts Südafrika wirkt. In seiner Schilderung könnte es auch eine Grafschaft im Süden Englands sein. Die Realität der Südafrikanischen Union findet mit keiner Silbe Erwähnung. Dass Briten und Buren sich das Land teilen, lässt sich höchstens an einigen holländisch klingenden Namen erkennen. Die Präsenz einer millionenstarken schwarzen Bevölkerung wird gänzlich negiert; sie findet bei Crofts nur in Gestalt eines Hotelportiers und eines Trägers statt.

Ganz anders liest sich der schottische Handlungsstrang. Hier kennt sich Crofts sichtlich aus. Er nimmt sich Zeit  für ausführliche und anschauliche Landschaftsbeschreibungen. Schottland wirkt wesentlich plastischer als Südafrika. Während die Handlung in Afrika statisch blieb, wird sie in Schottland deutlich dynamischer. Der Zeitfaktor wird wichtig. Crofts kann seine Ortskenntnis ausspielen. Das macht sich bei diversen Verfolgungsjagden spannungsförderlich bemerkbar.

Der Stehkragen hält den Mann zusammen

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich eben nicht völlig ungeniert: Als Ehrenmann gibt Stewart Crawley seine Verlobte frei, als er verhaftet wird. Die Konvention verlangt es von ihm. Selbst wenn sich Crawleys Unschuld herausstellen sollte, ist er gesellschaftlich erledigt. Dass Marion sich dem nicht beugt, sondern zu ihrem Bräutigam steht, sorgt für allgemeine Überraschung und wird selbst von Crawley nur teilweise gebilligt.

Als Frau in einer von Männern regierten Welt muss es die erwachsene Marion sich gefallen lassen, dass sie den Anwalt für ihren Bräutigam erst engagieren kann, nachdem dieser sich vergewissert hat, dass der Vater einverstanden ist. Will Marion per Telefon in Männerdomänen einbrechen, muss sie vorgeben, im Auftrag ihres Vaters zu sprechen. Dennoch wird sie sowohl in Südafrika als auch in Schottland zur treibenden Kraft: Marion weiß genau, welche Saiten sie rühren muss, um Väter, Onkels, Polizisten u. a. Würdenträger in Bewegung zu setzen.

Ansonsten ist die Welt noch in Ordnung. Die adlige Oberschicht gibt sich leutselig, die Polizei bleibt respektvoll, der Arbeiter dreht im Gespräch verlegen die Mütze zwischen den schwieligen Händen und zeigt sich denkschwach; jeder kennt seinen Platz in der Gesellschaft. Dies sorgt denn doch für jene nostalgisch-gemütliche Stimmung, die zu einem zünftigen „Golden-Age“-Krimi gehört. Freeman Wills Crofts konnte hierzulande nie die Prominenz zeitgenössischer Krimi-Kollegen wie Agatha Christie oder Dorothy Sayers erlangen. „Es war Mord“ belegt, dass zumindest seine frühen Werke inhaltlich mit denen der berühmten Autorinnen mithalten können. Es ist der „Humdrum“-Faktor, der ihn die Sympathien eines Publikums kostet, das auf Zwischenmenschliches auch im Krimi nicht verzichten mag.

Autor

Freeman Wills Crofts wurde 1879 im irischen Dublin als Sohn eines Arztes geboren. Er wurde Ingenieur und ließ sich im Alter von 18 Jahren von der Belfast Counties Railway anstellen und ausbilden. Dort hatte er mehrere Stellen inne und stieg bis zum stellvertretenden Chefingenieur auf.

Einem Erholungsurlaub nach langer Krankheit schrieb Crofts später die Entstehung seines ersten Romans zu. „The Cask“ (dt. „Die Frau im Fass“) brachte ihm 1920 sogleich den Durchbruch als neuer Stern am Firmament der britischen Kriminalliteratur. Diesen Status konnte er sichern, als er mit „Inspector French’s Greatest Case“ (1924, dt. „Inspektor Frenchs schwierigster Fall“) seinen bekanntesten Helden schuf, der noch viele weitere Fälle lösen sollte.

Im Alter von 50 Jahren konnte Crofts seine Ingenieurstätigkeit aufgeben. Er widmete sich fürderhin der Schriftstellerei. Dabei erwies er sich als durchaus geschäftstüchtig und der Werbung gegenüber aufgeschlossen; „Sudden Death“, ein Inspektor-French-Abenteuer aus dem Jahre 1932, wurde mit 93 versiegelten Finalseiten und einer Geld-zurück-Garantie verkauft, sollte es dem oder der Leser/in gelingen, dem Brechen des Siegels zu widerstehen. Dem Verlag entstand kein Verlustgeschäft.

Seit 1912 war Crofts mit Mary Canning verheiratet. 1928 gehörte er zu den 26 Gründungsmitgliedern des berühmten „Detection Clubs“. 1939 wählte man ihn zum Fellow der Royal Society of Arts. Crofts schrieb bis zu seinem Tod kontinuierlich weiter. Als er 1957 starb, hinterließ er ein Werk, das 37 Romane und Kurzgeschichtensammlungen umfasste.

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