Eskapaden

Walter Satterthwait
Eskapaden

(Phil-Beaumont-Trilogie, Bd. 1)

(sfbentry)
Originaltitel: Escapades (New York : St. Martin‘s Press 1995)
Übersetzung: Ursula-Maria Mössner
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1997 (Haffmans Verlag)
397 S.
ISBN-10: 3-251-00371-2
Neuausgabe: 1999 (Deutscher Taschenbuch Verlag/Dtv Nr. 20284)
475 S.
ISBN-13: 978-3-423-20284-8
eBook: November 2013 (Tb-Verlag)
894 KB
ISBN-13: 978-3-925882-34-0

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Das geschieht:

Schloß Maplewhite in der englischen Grafschaft Devon ist im August des Jahres 1921 Schauplatz eines außergewöhnlichen Ereignisses: Lord Robert Purleigh, der Hausherr, lädt ein zur Séance mit dem berühmten Medium Madame Sosostris. Unter den illustren Gästen: Sir Arthur Conan Doyle, Schriftsteller und geistiger Vater des unsterblichen Sherlock Holmes, privat ein unverbesserlicher und recht leichtgläubiger Anhänger des Okkulten.

Dies trifft auf Harry Houdini, den außergewöhnlich begabten und maßlos von sich eingenommenen Zauber- und Entfesselungskünstler nicht zu. Er kennt die Tricks seiner Kolleginnen und Kollegen. In den letzten Jahren hat er sich verhasst gemacht, weil er falsche Magier und Medien entlarvt. Madame Sosostris‘ Karriere ist Houdini schon lange ein Dorn im Auge; sie will er auf Maplewhite beenden. Houdini ist außerdem auf der Flucht. Chin Soo, ein verärgerter Rivale, hat ihm den Tod geschworen. Houdini wird daher von Phil Beaumont vom Detektivbüro Pinkerton begleitet.

Schloß Maplewhite erweist sich als eigenartiger und gefährlicher Ort. Lord Purleigh mimt den aristokratischen Bolschewiken, der Earl, sein bettlägeriger, seniler Vater, den Feudalherrn mit mittelalterlichen Ansichten (“Auspeitschen!”), seine Tochter gibt sich nymphoman. Sogar das Hausgespenst, das die Gesellschafterin Jane Turner des Nachts in ihrem Zimmer besucht, überrascht mit weltlichen Gelüsten.

Wenig später liegt der alte Earl mit einer Kugel im Kopf tot in seinem Bett. Beaumont mag nicht an Selbstmord glauben. Mit Doyle und Houdini an seiner Seite will er das Rätsel lüften. Dank dieser unkonventionellen Partner beginnen sich die Ereignisse zu überstürzen, bis sie in ein überraschendes Finale münden …

Flair schlägt Mummenschanz

„Eskapaden“ ist ein weniger spannender als unerhört witziger und stimmungsvoller Historien-Krimi. Autor Satterthwait begibt sich damit auf dünnes Eis, das zudem von lauwarmen Schriftsteller-Kolleginnen und -Kollegen gefährlich angetaut wurde, seit sich in diesem Genre richtiges Geld verdienen lässt. Geschichte ist in, wenn sie der Unterhaltung dient, und genauso wird sie in den meisten dieser Romane präsentiert – ohne das geringste Verständnis vom Wesen vergangener Zeichen, als Mittel zu dem einzigen Zweck, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen.

Ganz übel kann es werden, wird der Historien-Roman mit dem sog. Landhaus-Krimi kombiniert. Übeltaten in lauen Sommer- oder kalten Winternächten, lauschige Ermittlungen vor dem offenen Kamin, schnurriges Figurenensemble, und irgendein Paar findet sich im Finale auch immer: Behaglichkeit sollen sie ausströmen, diese „Cozys“, und die feierabendliche Flucht vor der bösen Realität in die Wege leiten.

Zwar arbeitet auch Walter Satterthwait mit allen verhassten Klischees des Genres, deren Reihe er sogar verlängert. Doch wie er sie einsetzt und gleichzeitig lächerlich macht: Das ist die Meisterschaft, die diesen Autoren auszeichnet! Satterthwait findet mit traumwandlerischer Sicherheit den schmalen Grad zwischen historischer Atmosphäre (man könnte sogar von Glaubwürdigkeit sprechen) und ironischer Distanz der modernen Gegenwart. Die Geschichte spielt 1921, aber sie wird viele Jahrzehnte später erzählt. Satterthwait macht daraus gar keinen Hehl und tut gut daran: „Eskapaden“ ist ein eleganter, über die gesamte Distanz unterhaltsamer Lesespaß! Und ausgezeichnet übersetzt ist er auch noch!

Doppelt gebrochene Realität der Vergangenheit

Hier steckt der Teufel in der Regel im Detail. Allzu oft sollen kauzige Charaktere den Leerlauf eines Landhaus-Krimis übertünchen. Bei Satterthwait ergänzen die Figuren eine fein konstruierte, wie geschmiert laufende Story. Harry Houdini ist eine wunderbare Type – der verkörperte Egoismus aber tatkräftig und liebenswert und hinter der Maske des Kraftmenschen immer auch Schwäche und Furcht zeigend. Arthur Conan Doyle steht ihm nicht nach; der strenge Rationalist, der Sherlock Holmes erfand, und der Träumer, der an Feen glaubt, vereint in einer Person – ein Widerspruch, aus dem Satterthwait glänzend Kapital zu schlagen versteht.

Phil Beaumont ergänzt ihn hervorragend. Als US-Amerikaner und Pinkerton-Detektiv verkörpert er den nüchternen Realisten, der unter die standesdünkelhaften Briten fällt, ohne sich deshalb beeindrucken zu lassen. Mit trockenem Sarkasmus und notfalls mit ebensolchen Kinnhaken hält er Freund und Feind auf Distanz. In diesem Zusammenhang gelingen Satterthwait immer wieder wunderbare Aperçus („Mrs. Allardyce war in den Sechzigern und gebaut wie ein Hufschmied, nur weniger zierlich.“), die gleichzeitig die Sprüche der „Hardboiled“-Detektive à la Hammett und Chandler parodieren.

Die Damenwelt profitiert vom gewählten Schauplatz. In den 1920er Jahren begannen sich die strengen Konventionen der viktorianischen Epoche aufzulösen. Satterthwait muss seine überaus aktiven weiblichen Figuren daher nicht der gewählten Ära aufpfropfen. Das fördert die Harmonie des Erzählten, was auch dem historischen Laien auffallen müsste. Trotzdem bleibt zumindest Jane Turner in „Eskapaden“ noch etwas konturenschwach. Das ändert sich, wenn sie in „Maskaraden“, dem zweiten Teil der Serie, als Pinkerton-Detektivin gleichberechtigt an die Seite Phil Beaumonts tritt.

Der Rest der Darsteller bildet eine erlauchte Runde von Exzentrikern, unter denen „Lord Bob“, der marxistisch angehauchte Hochadlige, zweifellos den Vogel abschießt. Sie sind Teil einer Handlung, die ohne Längen an Tempo stetig zunimmt, ohne jemals ins Straucheln zu geraten. Die unterschiedlichen Stränge werden in einem glänzenden Finale zusammengeführt, das zudem als Empfehlung gelten kann, auch zu den nächsten Bänden der Serie zu greifen!

Exkurs: Unser Held im realen Leben

Harry Houdini, König der Magier und selbst stilisiertes Rätsel seiner Epoche, begann sein Leben 1874 als Erich Weiß, Sohn eines Rabbis, im damals österreichisch-ungarischen Budapest. Vier Jahre später wanderte die Familie in die USA aus. Nach dem frühen Tod des Vaters strebte Erich eine Karriere als Bühnenzauberer an. Er nannte sich „Houdini“ (nach Jean-Eugène Robert-Houdin, 1805-1871, Vater der modernen Magie) und entwickelte sich zum wohl besten Entfesselungskünstler und Illusionisten seiner Zeit.

Wie Satterthwait deutlich machen kann, verfügte Houdini nicht nur über ein außerordentliches künstlerisches Format, sondern auch über ein dem entsprechendes Selbstbewusstsein sowie ein enormes Talent für die Selbstvermarktung. Houdini verwandelte sich selbst in ein Markenzeichen, ließ Elefanten verschwinden, spielte in Stummfilmen, bis er als Magier alles erreicht hatte. Ab 1920 nutzte er sein immenses Fachwissen, um Scharlatane und falsche Medien zu entlarven, die vorgaben, mit dem Jenseits in Kontakt zu stehen. Sein größtes ‚Wild‘ erlegte er 1924 mit Mina Crandon, Künstlername „Margery“, eines der bekanntesten (und von Arthur Conan Doyle erbittert verteidigten) Medien ihrer Zeit. Houdini starb früh aber immerhin stilecht: am Halloweentag des Jahres 1926. (Dieser biografische Abriss stützt sich auf diese Website der „American Memory Library of Congress“)

Autor

Walter Satterthwait wurde am 23. März 1946 in Philadelphia geboren. Er hat in New York City, Portland, Afrika, Griechenland, den Niederlanden, England und Frankreich gelebt und als Lexikonvertreter, Korrektor, Barkeeper und Restaurantmanager gearbeitet. Seit seinem ersten Roman „Cocaine Blues“ hat er mehr als ein Dutzend Bücher geschrieben, unter anderem eine fünf Romane umfassende Serie um die Detektive Joshua Croft und Rita Mondragon. Der Autor lebt in Santa Fé. Seit 2007 hat er kein neues Buch veröffentlicht.

Kurzkritik für Ungeduldige: In einem englischen Landschloss findet im Sommer 1921 ein Sèance mit prominenten Gästen statt. Harry Houdini, der Meistermagier, wird von einem mordlüsternen Konkurrenten verfolgt, der ihn auch in England zu finden weiß. Aber auch die Bewohner des Schlosses hüten düstere Geheimnisse, die nicht alle Anwesenden überleben werden … Historischer Krimi mit Spannung, Tempo und viel trockenem Witz, ohne aufgesetzte Landhaus-Pseudo-Romantik, dazu fabelhaft übersetzt: ein trotz des englischen Nebels völlig ungetrübtes Lesevergnügen.

[md]

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