Flugkarte nach Panama

George H. Coxe
Flugkarte nach Panama

Originaltitel: Death at the Isthmus (New York : Alfred A. Knopf 1954)
Übersetzung: Heinz Otto
Deutsche Erstausgabe: 1959 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Große Kriminalromane K 207)
184 Seiten
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1961 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 1047)
171 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Nach schwerer Krankheit hat ihm der Arzt Sonne und Wärme verschrieben. Da kommt Rechtsanwalt Jim Russell aus New York die Einladung eines alten Freundes in die mittelamerikanische Stadt Panama gerade recht. Im Krieg hatte ihm Max Darrow das Leben gerettet. Die alte Schuld löst Russell nun tatsächlich ein: Darrow steckt in Schwierigkeiten. Er hat sich in allerlei dunkle Geschäfte verwickeln lassen und plant sich nun abzusetzen.

Dabei soll ihm Russell helfen – oder besser den Kopf hinhalten. Darrow hat ihn nur gerufen, um ihn ohne sein Wissen Diamanten in die USA schmuggeln zu lassen. Empört will Russell den Verworfenen zur Rechenschaft ziehen; er findet Darrow erschossen in seinem Büro und sieht sich flugs zu einem Verdächtigen befördert.

Davon gibt es allerdings viele, was Polizeidirektor Hector Quesada arges Kopfzerbrechen beschert. Da ist die Sängerin Lola Sinclair, Darrows Ex-Geliebte und von ihm vor einiger Zeit abserviert. Ihr folgte Martina Bascom, gelangweilte Ehefrau eines Majors, die ebenfalls abgeschoben werden sollte; der gehörnte Gatte war Darrow ebenso auf den Fersen wie sein Geschäftspartner Al Foley, den Darrow um viel Geld prellen wollte. Das ist ihm mit dem Vater der jungen Claire Treman schon gelungen, die eigens aus den Vereinigten Staaten angereist ist, um Schulden einzutreiben. Bleibt schließlich noch Oberkellner Louis Castanza, den Darrow aus dem gemeinsam geführten Restaurantgeschäft auszubooten gedachte.

Russell reaktiviert alte US-Pioniertugenden. Außerdem misstraut er wie jeder gute Amerikaner jeglichen ausländischen Behörden. So macht er sich selbst auf die Suche nach dem Mörder. In einer fremden Stadt verursacht er dabei mehr Aufsehen als ihm lieb sein kann, zumal nicht nur der Mörder auf ihn aufmerksam wird. Einige bisher unbekannte, sehr unangenehme ‚Geschäftsfreunde‘ des verstorbenen Max Darrow vermuten, dass dieser vor seiner geplanten Flucht ein Vermögen versteckt hat. Sicherlich hat er seinem Freund Jim davon erzählt, was diesem nach der Polizei nun auch die Gangster von Panama auf den Hals bringt …

Kriminelle Urlaubsstimmung

Die einfachen Geschichten sind (manchmal) die besten. George H. Coxe siedelt einen ganz alten Krimi-Plot – eine Leiche, darum eine überschaubare Gruppe von Verdächtigen, aus der eine/r der oder die Täter/in sein muss – in einer exotischen Kulisse an. Siehe da, es funktioniert, wie und weil es auch Agatha Christie mit „Tod auf dem Nil“ oder „Mord im Orientexpress“ ebenso erfolgreich praktizierte. Seit 1920 verbindet der Panamakanal Atlantik und Pazifik. Die Möglichkeit, sich den Umweg um den südamerikanischen Kontinent zu ersparen, macht diesen Kanal noch heute zu einer der wichtigsten (und lukrativsten) Wasserstraßen der Erde.

Das gewaltige Bauprojekt wurde von den USA organisiert und finanziert, die sich deshalb die Oberhoheit über den Kanal sowie einen Landstreifen längs der Ufer vorbehielten und auch sonst dafür sorgten, dass ihre Stimme im Land gehört wurde. Erst 2000 und nach vielen, manchmal gewalttätigen Streitigkeiten ging der Kanal an die Republik Panama über. Anwalt Russell und Strolch Darrow halten sich 1954 in einer Quasi-Kolonie der USA auf und erwarten ganz selbstverständlich eine Sonderbehandlung.

Die seither verstrichenen Jahrzehnte hüllen das Geschehen in einen nostalgischen Schleier, der (wehmütig?) zurückdenken lässt an eine Zeit, als die Welt noch in Ordnung war = die US-Amerikaner als freundliche Herren der Welt wohlgelitten und die „Eingeborenen“ höflich und dankbar über die Segnungen der Zivilisation waren oder die Frauen Schutz suchten im Schatten der Männer, wie es die Natur ursprünglich vorgesehen hatte.

Womöglich liegt es daran, dass „Flugkarte nach Panama“ hierzulande nur zweimal und zuletzt vor vielen Jahren erschienen ist: Zumindest ein Hauch von Hochmut schimmert deutlich durch, wenn Coxe in ‚Exotik‘ = latinischen Ausschweifungen schwelgt, die vor allem aus Trinken & Tanzen bestehen; weitergehende Frivolitäten verbergen sich höchstens zwischen den Zeilen. Andererseits wurden und werden nicht gerade wenige (Kriminal-) Romane trotz ähnlicher politischer Unkorrektheiten und Herumdrucksereien weiterhin veröffentlicht. Womöglich war es stattdessen die Abwesenheit jenes gewissen Etwas‘, das aus einem alten Krimi einen Klassiker avancieren lässt.

Zuviel des Wiedererkennens

In der Tat lässt das Geschehen vor allem Genre-Routinen erkennen. Auch charakterlich schürft Coxe nicht gerade tief. Den redlichen Jim, die liebliche Claire, den schuftigen Max, die schlampige Lola, den tumben Al, den schlauen Hector, den steifen Major oder den undurchsichtigen Louis nehmen vor unserem geistigen Auge Gestalt an, um sogleich unter vielen anderen Namen mit den Figuren unzähliger Spielfilme und TV-Serien meist mittelmäßiger Qualität zu verschwimmen. Das darf nicht verwundern, denn dem bienenfleißigen Verfasser, der sein Handwerk in den Pulps (s. u.) gelernt hatte, blieb in der Regel wenig Zeit, die er auf Handlungs- und Figuren-Intensität verwenden konnte (oder wollte).

Polizeidirektor Hector Quesada stellt eine erwähnenswerte und erfreuliche Ausnahme dar. Er ist nicht der beinahe erwartete kluge aber latent komische und servile ausländische Charlie Chan-Verschnitt, der sich kollaborativ den amerikanischen Herren unterwirft und dafür freundlich-herablassend behandelt und durch die Vordertüren eingelassen wird, sondern ein alter Fuchs, der sich von seinen Verdächtigen nichts vormachen und nicht einschüchtern lässt.

Nach 150 bis 200 Seiten – je nach Druck – wird der Fall gelöst; eine angenehme Kürze, die im Krimi-Genre leider aus der Mode geraten ist. Selbstverständlich wird die kriminelle Spreu vom Weizen getrennt. Das geschieht im Rahmen eines Finales, das wie schon zuvor dynamisch wirkt, ohne jemals in offene Brutalität auszuarten. Dies war auch deshalb wichtig, weil „Fahrkarte nach Panama“ 1954 auch in Fortsetzungen in der „Chicago Tribune“ erschien; den Zeitungsmarkt bediente Coxe gern und sorgte für stromlinienförmige Unterhaltung, die keinen Leser und damit den Auftraggeber verärgerte. Das sicherte ihm den Unterhalt, ging aber auf Kosten der Originalität, was offenbar für Coxe kein Problem darstellte …

Autor

George Harmon Coxe wurde am 23. April 1901 in Olean, einem Städtchen im Südwesten des US-Staates New York, geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist und in der Werbung. Parallel dazu begann er ab 1922 Jahre Kurzgeschichten zu schreiben. Coxe versuchte sich in vielen Genres und veröffentlichte in den unzähligen „Pulp“-Magazinen dieser Ära. Seinen Durchbruch erzielte er mit einer Serie von Storys um den Polizei-Fotografen Jack „Flash Gun“ Casey, der sich gern als Detektiv versuchte. Diese Geschichten erschienen ab März 1934 im Magazin „Black Mask. Die Leser liebten „Flash Gun“. Zwischen 1943 und 1950 wurde eine Radioshow ausgestrahlt. Hollywood produzierte 1936 und 1938 zwei B-Movies. Unter dem Titel „Crime Photographer“ gab es 1951/52 eine TV-Serie, in der Darren McGavin die Hauptrolle spielte.

Ebenfalls ein Fotograf (sowie in Boston tätig) war Kent Murdock. Coxe gestaltete ihn ein wenig ‚erwachsener‘ und besonnener als Jack Casey und machte ihn 1935 zum Helden seines ersten Romans, der gleichzeitig Start einer ganzen Murdock-Serie war, die bis 1974 fortgesetzt wurde. Daneben schrieb Coxe reihenunabhängige Krimis. Bis in die 1960er Jahre erschien mindestens ein sauber geplotteter Thriller jährlich. Die „Mystery Writers of America“ honorierten dies, als sie Coxe 1964 mit einem „Grand Master Award“ für sein Werk auszeichneten. 1976 verabschiedete sich Coxe mit „No Place for Murder“ – in Deutschland unter dem albernen Titel „Striptease mit Pistole“ erschienen – von seinen Lesern. Am 30. Dezember 1984 ist George H. Coxe im Alter von 83 Jahren in Old Lyme, US-Staat Connecticut, gestorben.

In Deutschland fand Coxe im Goldmann-Verlag ab 1958 eine ihm gewogene Veröffentlichungsplattform, denn seine Romane passten perfekt in das biedere Verlagsprogramm, das ebenso selbstbewusst wie anmaßend so charakterisiert wurde: „Die Auswahl der Kriminal-Romane … ist von besonderem Verantwortungsgefühl bestimmt. So lehnt der Verlag die ‚harten‘ Kriminal-Romane ab. Jedes Goldmann-Buch trägt gewissermaßen den unsichtbaren Garantie-Stempel für Qualität.“ In den folgenden beiden Jahrzehnten wurden die meisten der 63 Coxe-Krimis veröffentlicht bzw. immer wieder neu aufgelegt. Als nach 1976 neue Romane ausblieben, verschwand George H. Coxe nach und nach aus dem Verlagsprogramm. Heute ist sein Name beinahe und in Deutschland vollständig vergessen.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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