Im Labyrinth der Lilien

Sargon Youkhana
Im Labyrinth der Lilien

List/Ullstein Buchverlage, Berlin, 1. Auflage: 10/2007
TB, historischer Kriminalroman, 978-3-548-60800-6, 414/895
Titelgestaltung von Roland Eschlbeck & Kornelia Bunkofer und HildenDesign, München unter Verwendung eines Motivs von Pieter Gerritsz van Roestraten/Johnny Van Haeften Ltd., London/The Bridgeman Art Library
www.list-taschenbuch.de
www.hildendesign.de

(sfbentry)

Frankreich um 1670. Der junge Adlige Antoine de Montagnac fällt bei Philippe d’Orleans, dem Bruder des Sonnenkönigs, in Ungnade und muss den Hof verlassen. Überraschend wird er nach einigen Wochen unter einem Vorwand zurückgeholt, denn Louis XIV wünscht, dass Antoine als geheimer Ermittler tätig wird:

Henriette Stuart, die Schwägerin des Königs, wurde ermordet, und es ist denkbar, dass Philippe die Finger im Spiel hat. Wer als der einstige Günstling des Witwers wäre besser dazu geeignet, sich in dessen exzentrischen Kreisen umzuhorchen?

Antoine nimmt den Auftrag an, da er sich danach sehnt, wieder in Paris zu weilen, und das in Aussicht gestellte Einkommen ist auch nicht zu verachten. Begleitet wird er von der zehnjährigen Marie, die das Gespräch zwischen ihrem Herrn und dem Polizisten Desgrez belauscht hatte und sich ihr Stillschweigen auf diese Weise erkaufte. Maries größter Wunsch ist es, einmal Louis XIV zu sehen, der in den Augen des einfachen Volkes fast einem Gott gleichkommt.

Schon bald erweist sich Marie, die sich als Junge verkleidet hat, als sehr nützlich, denn sie ist eine unauffällige Beobachterin und sieht viele Dinge klarer als ihr eitler Herr, der lange braucht, um zu begreifen, dass er lediglich benutzt wird. Beide befinden sich in größter Gefahr, da sie dem Täter schon näher gekommen sind, als sie auch nur ahnen. Marie schleicht sich heimlich in das Haus von Athénais de Montespan, der Favoritin von Louis XIV, um den Zwerg Hippolyte zu treffen, wird ertappt – und soll sterben…

Sargon Youkhana arbeitet als Autor für verschiedene TV-Serien und legt nun mit „Im Labyrinth der Lilien“ (Fleur de Lys, stilisierte Lilie = Wappen der franz. Könige seit 1179) seinen ersten historischen Kriminalroman vor, der Auftakt einer ganzen Reihe sein soll.

Als Setting für seinen Debütband wählte er den glamourösen Hof des Sonnenkönigs, einen Ort der Intrigen, der Liebe, des Leides – und des Todes. Dabei konzentriert er sich mit seinen Schilderungen auf das Leben der Reichen und Mächtigen, die in schillernder Herrlichkeit prassten und bizarre Orgien feierten, während das einfache Volk darbte und der Willkür der Oberschicht ausgeliefert war.

Der Kontrast zwischen diesen Welten wird jedoch nur angedeutet, denn Antoine ermittelt in den vornehmen Salons und Bordellen, und auch Marie hat nur vorübergehend Kontakt zu jenen, die in Armut vor sich hin vegetieren. So schafft der Autor ein opulentes Gemälde jener Zeit, das vom Leben im Überfluss einiger weniger geprägt wurde.

Die Protagonisten sind durchaus sympathisch, wobei besonders gefällt, wie differenziert der Autor vor allem Antoine darstellt, der in den Augen Maries als gemeiner, mitunter boshafter Herr auftritt, dem sie doch vertraut, den sie vielleicht auch ein bisschen mag, während Antoine sich selber als attraktiver, eloquenter Edelmann sieht, der ein gewisses Image zu wahren hat, sich aber um seine Leute kümmert.

Marie ist ein aufgewecktes Mädchen, das die richtige Portion Frechheit besitzt, um überall durchzukommen.

Desgrez erscheint als verknöcherter, überaus loyaler Polizist, der letztlich durch seine Integrität in einen Zwiespalt gerät.

Madame de Montespan wird als skrupellose Intrigantin beschrieben, die ihre Boshaftigkeit an Wehrlosen wie Hippolyte demonstriert und die eigentlich schon zu eindimensional negativ dargestellt wird, um wirklich zu überzeugen.

Die übrigen Personen haben mehr oder minder große Rollen als Statisten inne.

Die Geschichte selber ist in erster Linie ein historischer Roman mit viel dichterischer Freiheit und erst an zweiter Stelle ein Krimi. Antoines Recherchen verblassen neben den vielen Intrigen, die angedeutet, aber nicht näher ausgeführt werden, weil sie für die Handlung nicht relevant sind. Er geht seinem Auftrag mit mehr Glück als Verstand nach, denn entweder erhält er versteckte Hinweise oder Marie hilft ihm durch eine Beobachtung weiter; es wäre aber auch zu unglaubwürdig gewesen, wenn ein Genuss süchtiger Lebemann im Handumdrehen zu einem Hercule Poirot oder Richter Di mutiert wäre.

Konsequent kreist Antoine die Hauptverdächtigen ein, die höchste Positionen bekleiden oder einflussreiche Gönner haben. Als er den Fall gelöst hat, erlebt Antoine eine böse Überraschung, obwohl er mit der Wankelmütigkeit seinesgleichen hätte rechnen müssen.

Der Roman hat ein offenes Ende, das insofern befriedigt, dass es realistisch ist: Die Beteiligten an dem Mord erhalten, wenn auch nicht sofort, die gerechte Strafe, und es besteht Hoffnung, dass die Hauptfiguren sich retten können. Vermutlich wird der Autor in „Die Affäre Königsmarck“, das für Januar 2009 angekündigt ist, das Garn weiter spinnen.

Sargon Youkhana verliert trotz aller Einschübe und Erklärungen niemals den roten Faden. Sein routinierter Stil wird auch keinen Moment langweilig, so dass man Antoine und Marie gern bis zum Ende folgt, dessen Auflösung man nach und nach zu erahnen beginnt.

Manche Szene oder Wortwahl fällt schon mal deftiger aus, doch bewegt sich alles in einem angemessenen Rahmen. Pikanterweise interessiert sich Antoine für hübsche Männer, doch wird auf explizite Beschreibungen verzichtet. Für eine Romanze lässt die Handlung auch nicht viel Raum, zumal das Buch ein Krimi und keine Liebesgeschichte sein will.

Ob man nun ein Freund historischer Sittengemälde ist oder den historischen Krimi schätzt, man kommt auf jeden Fall auf seine Kosten und hat viel Vergnügen an der kurzweiligen Lektüre, die ein Ermittlerteam der etwas anderen Art bietet und damit frischen Wind in das Genre bringt.

Auf den nächsten relativ in sich abgeschlossenen Band Sargon Youkhanas darf man schon gespannt sein. (IS)

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