Im Schatten des Feigenbaums

Michael Pearce
Im Schatten des Feigenbaums

(Mamur-Zapt-Serie, Bd. 10)

(sfbentry)
Originaltitel: The Fig Tree Murder (London : HarperCollins Publishers 1997)
Übersetzung: Peter Pfaffinger
Deutsche Erstveröffentlichung: November 2001 (Diana Verlag/TB Nr. 62/0244)
253 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-19602-5

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Das geschieht:

Kairo, Nordägypten, in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts: Vor dreißig Jahren rief ein vom Thronsturz bedrohter Khedive (so lautet der Titel des Monarchen, der königlich über das Land herrscht) die Briten zur Hilfe. Freudig nutzten diese ihre Chance, ihrem Empire ein Sahnestück einzuverleiben, ohne zuvor einen Großteil der einheimischen Bevölkerung abzuschlachten. Das uralte Wüstenland am Nil hätten sich auch die Franzosen gern unter den Nagel gerissen; in Afrika gehören sie zu den ärgsten kolonialen Konkurrenten, die es tunlichst nicht zu brüskieren gilt. Daher ist Ägypten offiziell keine britische Kolonie; die Regierung lässt sich von den Briten nur ‚beraten‘.

Selbstverständlich weiß jeder um die wahren Verhältnisse. Die Briten halten das Heft fest in der Hand. Die örtlichen Herrscher sind mehr oder weniger Marionetten. Es herrscht zwar Ruhe im Land, aber nationalistische Gruppe schüren immer wieder und seit einiger Zeit verstärkt Unruhen. Dafür zu sorgen, dass diese nie offen ausbrechen, obliegt dem britischen Geheimdienst, der in der ägyptischen Hauptstadt stark präsent ist. Gareth Owen steht ihm vor, ein besonnener Mann, der die komplexen politischen und vor allem religiösen Verhältnisse vor Ort kennt. Offiziell arbeitet er für den Khedive, aber jeder Bürger Kairos weiß, dass tatsächlich der „Mamur Zapt“ – so Owens Amtstitel – das Sagen hat.

Als eines Tages ein einheimischer Arbeiter erschlagen unter einem Feigenbaum an der neuen Eisenbahnstrecke von Kairo nach Heliopolis gefunden wird, fällt dies eigentlich in den Aufgabenbereich der örtlichen Polizei. Doch hinter der Untat werden rasch politische Dimensionen sichtbar, was sogleich den Mamur Zapt auf den Plan ruft. Heliopolis ist eine Stadt, die auf dem Reissbrett entstand und nun gerade gebaut wird. Viel Geld fließt in dieses Großprojekt, das sich später auszahlen soll. Hinter den Kulissen deshalb raufen Geschäftsleute, Spekulanten und Glücksritter aus dem In- und Ausland um die größten Stücke des Kuchens Heliopolis. Dabei ist jeder Anlass willkommen, die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen.

Dummerweise gilt besagter Feigenbaum als Heiligtum der koptischen Christen. Den Moslems ist das heidnische Gewächs ein Dorn im Auge. Der fundamentalistische Scheich Isa nutzt die Gunst der Stunde, den Mord als Warnsignal Allahs darzustellen und gegen die Kopten zu intrigieren. Die Nationalisten bauschen die Untat ebenfalls auf; sie wollen dem belgischen Syndikat schaden, dass die Bahnlinie baut. Sogar die Franzosen mischen sich ein: Der Feigenbaum sei einst der Napoleon-Gattin Eugénie geschenkt worden und daher französisches Eigentum, das geschützt werden müsse, was die Eigentümer aus durchsichtigen Gründen gern persönlich übernehmen würden. Das Durcheinander wird komplettiert durch die Brüder des Ermordeten, die mit Blutrache drohen, diverse Paschas, die im Schatten des Heliopolis-Projekt recht krummen Geschäften nachgehen, die nervös gewordenen britischen Behörden, die um den Frieden (und ihre Vorherrschaft) in Ägypten fürchten, die treuherzige Schlägertruppe des Syndikats und einen hart geprüften Straußenzüchter. Zwischen allen Stühlen steht der Mamur Zapt, der sich fieberhaft bemüht, den Mordfall zu klären, bevor offener Aufruhr losbricht – nur dass den streitenden Parteien dieser Mord inzwischen herzlich gleichgültig geworden ist …

Baumholz als Hebel für Revolutionäre und Gauner

Das vierte in Deutschland veröffentlichte Abenteuer des Mamur Zapt ist tatsächlich schon das zehnte: Leider präsentiert man hierzulande Krimi-Serien oft nach dem Zufallsprinzip. Daran sind die deutschen Krimifreunde schon gewöhnt; wir sind ja selbst schuld, weil wir zu bequem sind, die Originalausgaben zu lesen …

Sei‘s drum; lassen wir uns den Spaß nicht verderben, zumal sich „Im Schatten des Feigenbaums“ auch ohne Kenntnis der Vorgängerbände lesen und genießen lässt. „Spaß“ ist ohnehin ein gutes Stichwort, denn die von Michael Pearce erzählte Geschichte sollte nicht (allzu) ernstgenommen werden. Seinen Roman als einen historischen zu bezeichnen, wäre ein Fehler. Nicht, dass sich Autor Pearce die Welt des kolonialen Ägypten aus den Fingern gesogen hätte: Der Mann weiß, worüber er schreibt, hat er doch die Spätphase dieser politisch so unkorrekten Zeit noch selbst miterlebt: 1933 im ägyptischen Sudan geboren, war er dort später lange Jahre als Lehrer tätig.

Apropos politisch korrekt: Wer auf dieser Schiene durch sein Leben reist, wird keine Freude an diesem Roman oder an der „Mamur-Zapt“-Serie überhaupt haben. Für Pearce ist der Kolonialismus ein simples Faktum, das er wertneutral als Kulisse für farbenfrohe Krimis einsetzt. Folgerichtig sind die britischen Herren Ägyptens keine rassistischen Ausbeuter-Teufel, sondern einfach Männer, die ihren Job tun – mal gut, mal schlecht.

Es ist, wie es (gut oder böse) ist

Gareth Owen ist in Tugendbold-Augen sogar ein beklagenswert sympathischer Charakter: Als Waliser in seiner britischen Heimat quasi selbst als ‚Wilder‘ aufgewachsen und mit den entsprechenden Vorurteilen vertraut, hegt er freundschaftliche Gefühle für die einheimische Bevölkerung seiner neuen nordafrikanischen Heimat. Ihm gefällt es dort, und man versteht ihn. Pearce verbannt die ‚echten‘ Ägypter nicht in Diener- und Märtyrer-Rollen.

Tatsächlich spricht Pearce durch Owen durchaus unangenehme Wahrheiten an: Zwar bevormunden die britischen Herren  die Ägypter und beuten sie aus, aber sie sorgen auf der anderen Seite für geordnete Verhältnisse und Frieden in einem Land, das bisher von ewigen Stammesfehden und Korruption verwüstet wurde. Noch schlimmer: Die Betroffenen erkennen und begrüßen das sogar!

Dabei ist Pearce keineswegs naiv: Die seltsame Mischung aus Begrüßens- und Beklagenswertem, die den Kolonialismus kennzeichnet, ist ihm sehr wohl bewusst: „Der offizielle Herrscher über Ägypten war der Khedive. Dieser hatte eine Regierung, die ihm gegenüber verantwortlich war. Doch seit die britische Armee vor dreißig Jahren eingegriffen hatte, um ihm bei der Niederschlagung einer Rebellion zu helfen, und dann geblieben war, stand hinter jedem Minister ein britischer Ratgeber und hinter dem Khedive der britische Generalkonsul persönlich. Ja, das Regierungswesen war eine Angelegenheit von Schatten – doch was war die Substanz und was der Schatten?“ (S. 17)

Solche Passagen findet man oft in den Romanen der Mamur Zapt-Serie. Gareth Owen selbst ist wie gesagt ein liebenswerter, um Ausgleich bemühter Zeitgenosse – doch ab einem gewissen Punkt vor allem britischer Kolonialbeamter. Als Mitglied des Geheimdienstes steht er sogar in vorderster Front mit denen, die sich in Sachen Fremdherrschaft die Finger besonders schmutzig machen. Mit diesem Zwiespalt kann Owen recht gut leben, aber Pearce verschweigt nicht, dass er damit schrecklich falsch liegen könnte.

Alle kriegen sie ihr Fett weg

Aber man sollte wie gesagt nicht gar zu streng urteilen über die Mamur-Zapt-Geschichten, die wie schon erwähnt primär Unterhaltung in exotischer Umgebung bieten. Pearce liebt irrwitzige Situationen, die er mit großem Geschick und völlig logisch anzufachen weiß. Er scheut vor Übertreibung und sogar Slapstick nicht zurück; hier führt ein eher zufälliger Leichenfund zum bizarren Streit um ein obskures Baumheiligtum, in den sich Vertreter aller einheimischen und ausländischen Behörden, Religionen und Interessengruppen einschalten – und kräftig blamieren. Pearce schont niemanden, weder den arbeitsunlustigen Gleisarbeiter noch den steinzeitfundamentalistischen Scheich, nicht den arroganten Pascha und erst recht nicht die Briten, Franzosen oder Belgier, die sich keineswegs als überlegene Herrenrasse qualifizieren.

Da der Verfasser mit einem gesunden Sinn für echten Humor gesegnet ist, machen seine Geschichten Spaß. Anders als die grässlichen, auf Nostalgie und lustig gequälten, ebenfalls in Ägypten um 1900 spielenden Machwerke der Elizabeth Peters kann man über den wüstentrockenen Witz der Mamur Zapt-Romane wirklich lachen – wohl leider nicht zahlenstark genug, denn während die Peters-Pamphlete regelmäßig neu- und wiederaufgelegt werden, werden dem deutschen Leser die Mamur-Zapt-Romane nach nur vier Bänden seit 2001 vorenthalten, obwohl Pearce die Serie kontinuierlich fortsetzte: keine existenzieller Verlust aber ein trauriger Beleg dafür, dass Qualität sich keineswegs immer durchsetzt.

Autor

Michael Pearce (*1933) wuchs im britisch beherrschten Sudan auf. Er verließ das Land nach einer Ausbildung zum Übersetzer, kehrte aber später als Lehrer dorthin zurück. Seine Kenntnis der russischen Sprache setzte Pearce während des Kalten Krieges für den militärischen Geheimdienst ein.

Herkunft und Berufserfahrung schlagen sich in der schriftstellerischen Karriere nieder. Pearce war bereits Mitte 50, als er seinen ersten Roman veröffentlichte. „The Mamur Zapt and the Return of the Carpet“ war gleichzeitig Start einer bis heute fortgesetzten Serie um den britischen Geheimpolizisten Gareth Owen im kolonialen Ägypten um 1900.

2004 begann Pearce eine zweite Reihe. Stets mit „A Dead Man in…“ beginnend, spielen die Abenteuer von Sandor Seymour, einem Officer in Scotland Yards 1883 gegründeter Special Branch, den das Außenministerium ruft, wenn es gilt, in der politisch turbulenten Ära vor dem I. Weltkrieg Verbrechen in Diplomatenkreisen aufzuklären.

Kurzkritik für Ungeduldige: Im britisch gelenkten Ägypten um 1900 kommt ein Mord diversen opponierenden Gruppen gerade recht, um notfalls gewaltsam politische, wirtschaftliche oder religiöse Interessen durchzusetzen, was eine Aufklärung lebensgefährlich macht … – Auch der 10. Fall des „Mamur Zapt“ bietet weniger Thriller-Spannung als Lokal- und Zeitkolorit, was jedoch als vollständiger Ausgleich funktioniert: lesenswert.

[md]

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