In einer seltsamen Stadt

Laura Lippman
In einer seltsamen Stadt
(Tess-Monaghan-Serie, Bd. 6)

Originaltitel: In a Strange City (New York : William Morrow 2001)
Übersetzung: Gerhard Falkner u. Nora Matocza
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2002 (Rotbuch Verlag)
396 S.
ISBN-13: 978-3-434-53106-7

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Das geschieht:

Drei Rosen und eine halbe Flasche Cognac legt er in der Nacht zum 19. Januar am Grab des Schriftstellergenies Edgar Allan Poe nieder: der „Poe-Toaster“, der auf diese Weise seines Idols zuverlässig seit einem halben Jahrhundert gedenkt. Die ganze Stadt Baltimore im US-Staat Maryland weiß von diesem Grabbesucher, der es dennoch geschafft hat anonym zu bleiben. Inzwischen ist es für Poe-Enthusiasten Sitte, ihn bei seinem Gang zu beobachten.

Auch Privatdetektivin Tess Monaghan ließ sich dieses Mal von ihrem jungen Lebensgefährten Edgar Allan Ransome, genannt Crow, hierzu überreden. Sie hat erst seit kurzer Zeit eine besondere Beziehung zu Poe. In ihrem Büro ist ein seltsamer Mann aufgetaucht, der sie engagieren wollte, dem Grabbesucher die Maske vom Gesicht zu reißen. Dieser habe ihn bei einem Geschäft betrogen, behauptet der angebliche Antiquitätenhändler John P. Kennedy.

Auf dieses undurchsichtige Geschäft hat sich Monaghan nicht eingelassen. Später stellt sich in der Tat heraus, dass es diesen Mr. Kennedy gar nicht gibt. Zu diesem Zeitpunkt würde die Detektivin ihn freilich gern finden, denn Poes Grab tauchen in der genannten Januarnacht gleich zwei Besucher auf, wobei einer dem Gewehrschuss eines unbekannten Attentäters zum Opfer fällt: Der junge Kellner Bobby Hilliard ist das Opfer.

Warum musste er sterben? Tess Monaghan nimmt sich des Falls an. Zur Polizei – hier in Gestalt des blasierten Inspektors Rainert – hegt sie wenig Zutrauen. Außerdem irritiert es sie, dass sie neuerdings seltsame Nachrichten und mysteriöse Geschenke erhält – Rosen, Kognak und Briefe mit Versen von Poe. Monaghan folgt dessen historischen Spuren durch Baltimore und erkennt, dass sich jemand berufen fühlt, Poe in der Gegenwart zu ‚vertreten‘ – mit gezogener Waffe …

Mehr Heute als Gestern

Genie und Tragik, Dekadenz und Düsternis: Begriffe, die einem unwillkürlich in den Sinn kommen, fällt der Name Edgar Allan Poe (1809-1849). Der frühe Meister des Grauens, dessen Privatleben noch weitaus erschreckender war als seine literarischen Visionen, ist zur Chiffre für grotesken Gaslicht-Grusel geworden. Davon macht sich Laura Lippman erfreulicherweise frei. Poe ist für sie ein klug gewählter Einstieg in einen ansonsten modernen Detektiv-Thriller.

Baltimore und Poe – es liegt einfach zu nahe, um ungenutzt zu bleiben! Lippman griff diese Anregung aber erst auf, als ihre Heldin Tess Monaghan bereits fünf Abenteuer hinter sich gebracht hatte. Sie besitzt folglich schon eine eigene Chronik und benötigt Poe nur noch, um ein paar Leser mehr zu ködern. Ansonsten geht Lippman eigene Wege. Ihre Sprache ist modern, frei von Poeschen Arabesken. Hier und da gibt es Zitate, die aber nicht aufdringlich das eigentliche Geschehen überwuchern. Tess Monaghan ist eine Frau von Heute. In dieser Gegenwart lebt und arbeitet sie. Das lässt uns Lippman niemals vergessen.

So entsteht ein ganz und gar im Hier und Jetzt angesiedelter Krimi; zwar mit viel Lokalkolorit, das sich freilich ebenfalls nicht ausschließlich um Poes Baltimore rankt. Monaghans modernes Baltimore ist genauso interessant. Die Stadt nimmt vor dem geistigen Auge des Lesers Gestalt an, ohne dass Lippman Handlung durch eine plumpe Sightseeing-Tour ersetzt, wie das hierzulande der sogenannte Regionalkrimi allzu gern exerziert. Stattdessen treffen wir seltsame, vor allem aber ganz normale Leute, die letztlich profane Geldgier eint. Edgar Allan Poe ist im 21. Jahrhundert eben auch ein Mythos geworden, aus dem sich finanzieller Gewinn ziehen lässt. Ihn selbst hätte das wohl nicht schockiert; er hätte höchstens darüber geklagt, dass er dabei wieder einmal leer ausgeht.

Klischeekoffer bleibt im Schrank

Arm ist sie aber einsam oder niedergeschlagen ganz und gar nicht: Mit Tess Monaghan hat Laura Lippman mit einigen Privatdetektiv-Klischees gebrochen. Es macht sich gar nicht schlecht: Diese Schnüffelfrau ist nicht nur glücklich verbandelt, sondern auch Teil einer großen Verwandtschaft, die ebenfalls rollenuntypisch keine Rotte verdrehter Schreckgestalten bildet, sondern der Heldin mit Rat und Tat zur Seite steht. Vor allem typisch ist Monaghan vergleichsweise aufsässig, ohne sich dabei von der Schlechtigkeit der Welt niederdrücken zu lassen. Sie hat ihre Nische gefunden und ist zufrieden darin. Aus dieser Sicherheit heraus geht sie gern an ihre Arbeit. Zumindest eine klassische Front steht hier: Mit der Polizei liegt sie im Dauerclinch. Ungewöhnlich ist Monaghans wortreich und sarkastisch ausgedrückte Abneigung den modernen Medien gegenüber; hier gelingen Autorin Lippman viele schöne Bosheiten, denen man gern zustimmen mag.

Das Privatleben der Tess Monaghan kreist zu einem guten Teil um ihren deutlich jüngeren Partner Crow. Dessen Existenz erschöpft sich hauptsächlich darin, als ideales Mannsbild (fürsorglich, treu, verständnisvoll, gut im Bett etc.) im Hintergrund zu wirken. Indes ist es erfreulich einen ‚Frauenkrimi‘ zu lesen, in dem der Mann nicht automatisch in die Rolle des Schweins und/oder Kindskopfes gedrängt wird. In diesem Zusammenhang halten sich daher auch die „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“-Kalauer in erfreulichen Grenzen. Stattdessen gibt es neben dem abstoßenden und unfähigen Rainer oder dem widerwärtigen TV-Moderator Yeager ganz selbstverständlich auch eine unsympathische und ziemlich unfähigen Privatdetektivin oder eine übereifrige Aktivistin, deren politisch korrekte Aktivitäten wenig Nutzen aber viel Verdruss erzeugen.

Womöglich war gerade dieser Verzicht auf durchaus beliebte „Lady-Thriller“-Klischees ein Grund dafür, dass nur vier Romane um Tess Monaghan ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, obwohl die Serie weiterhin fortgesetzt wird. Lieber greift man hierzulande auf die Stand-Alone-Romane der Autorin zurück, der pseudo-biblische Dumm-Titel wie „Denn mein ist deine Seele“ übergestülpt werden, um sie für das Heer derjenigen Leser/innen erkennbar zu machen, die „Psycho-Thriller“ mit den end- und ziellosen Querelen privatgefrusteter Ermittler gleichsetzen.

Autorin

Geboren wurde Laura Lippman 1959 in Atlanta, US-Staat. Georgia. 1965 zog die Familie nach Maryland. Später studierte Laura Journalismus. 1981 fing sie beim „Tribune Herald“ in Waco, Texas, an. Zwei Jahre später 1983 wechselte sie zum „San Antonio Light“ in – genau – San Antonio.

1989 kam Laura Lippman nach Baltimore zurück und wurde als Redakteurin für die Morgenzeitung „The Baltimore Sun“ tätig. Dabei machte sie nach eigener Auskunft ähnliche Erfahrungen wie Tess Monaghan, die 1997 das Licht der literarischen Welt erblickte und ihrer geistigen Mutter ermöglichte, sich als freie Schriftstellerin die Brötchen zu verdienen – selbstverständlich in Baltimore.

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