Ins Leben zurückgerufen

Reginald Hill
Ins Leben zurückgerufen

(Dalziel-&-Pascoe-Serie, Bd. 13)

Originaltitel: Recalled to Life (London : HarperCollins 1992)
Übersetzung: Xenia Osthelder
Dt. Erstveröffentlichung (geb.): Juni 2004 (Europa Verlag)
384 S.
ISBN-10: 3-203-78011-9
Neuausgabe: August 2008 (Knaur Verlag/TB Nr. 62757)
528 S.
ISBN-13: 978-3-426-62757-0
eBook: Februar 2012 (Knaur Verlag)
648 KB
ISBN-13: 978-3-426-41477-4

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Das geschieht:

1963 starb auf dem Landsitz von Lord Ralph Mickledore Pamela, Gattin des US-amerikanischen Diplomaten James Westropp, durch einen Schrotschuss in die Brust. Als Täter identifizierte der mit dem Fall beauftragte Superintendent Tallantire Sir Ralph höchstpersönlich, der mit der Verstorbenen ein Verhältnis unterhielt. Mickledore fand für seine Bluttat eine Komplizin: Cecily Kohler, das Kindermädchen der Westropps, war angeblich ebenfalls die Geliebte des Lords und diesem hörig.

Sir Ralph wurde kurz vor der Abschaffung der Todesstrafe 1964 gehängt. Noch unter dem Galgen hatte er seine Unschuld beteuert. Cecily Kohler verbüßte eine lange Haftstrafe. Nie gelang es, die ganze Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, denn unter den Gästen befanden sich an dem verhängnisvollen Wochenende auf Mickledore ein Minister, zwei hochrangige Diplomaten sowie ein reicher und spendabler Geschäftsmagnat – Männer, die alle Hebel in Bewegung setzten, sich aus dem Ermittlungsverfahren zu stehlen.

Nach vielen Jahrzehnten wird Cecily Kohler begnadigt: Sie und Sir Ralph wurden Opfer eines Justizirrtums. Den Fehler beging offenbar Tallantire. Das bringt dessen besten Schüler und Freund auf den Plan: Als junger Polizist war Andrew Dalziel, heute Chief Superintendent der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire, an der Mickledore-Untersuchung beteiligt. Er will den Ruf des inzwischen verstorbenen Vorgesetzten retten. Außerdem spürt er, dass etwas faul ist: Schon wieder mischen sich hohe Politik und Geheimdienst in den Fall. Wichtige Ermittlungsdokumente verschwinden. Dalziel werden berufliche Konsequenzen angedroht, wenn er sich einmischt. Der überredet seinen Stellvertreter Peter Pascoe zur Unterstützung. Der Ermittlungen bringen Dalziel in die USA und Pascoe unter die Elite Englands, die viel zu verlieren hat und nicht gewillt ist, sich wie normal sterbliche Bürger dem schnöden Gesetz zu unterwerfen …

Das Beste zweier Welten

Ein Adelssitz auf dem Land, bevölkert von elitären Herren, ihren Gattinnen und zahlreichen Bediensteten. Es wird gespielt, gejagt – und gemordet. Die Polizei kommt ins Haus und ermittelt den Täter, der im Rahmen einer Zusammenkunft aller Verdächtigen in der Bibliothek demaskiert wird. Kommt uns das nicht sehr bekannt vor? Agatha Christie, Margery Allingham und 1001 andere Kriminalschriftsteller haben mit der Variation dieses Plots lebenslange Karrieren realisiert und ein eigenes Genre kreiert: den „Whodunit“ („Wer ist’s gewesen?“), dessen ganz große Ära etwa mit dem II. Weltkrieg verblasste aber niemals endete.

Heute ist der „Whodunit“ beliebter denn je, gilt er doch als Genre-Nische, in der die eher dem nostalgischen Krimispaß verbundenen Leser/innen Platz nehmen. Sie verabscheuen das reale Verbrechen und seine literarische Bearbeitung und lassen sich lieber in eine Welt kauziger Herzöge, knorriger Offiziere, kichernder Dienstmädchen und gewitzter Detektive versetzen, in der auf der letzten Seite stets die Gerechtigkeit siegt und mindestens einmal geheiratet wird.

Doch dieser „Whodunit“ ruht auf einem soliden Fundament realer Vergangenheit, die seinen Erfolg ausmacht. England war (und ist) eine Klassengesellschaft, die einer schmalen Oberschicht die Macht garantierte, während sich die Minderprivilegierten in ihr Schicksal fügten und sich führen ließen.

Verlockungen und Privilegien der Macht

1963 wurde England von der Profumo-Affäre (Minister der Krone schläft mit einem Freudenmädchen, das auch einen hohen Sowjet-Offizier zu seinen ‚Kunden‘ zählt) erschüttert. Zum Entzücken der Presse und zum Entsetzen der Bürger gerieten die Ermittler in ein Dickicht aus Korruption, Amtsmissbrauch und sexuellen Exzessen, die sowohl das Kabinett als auch das Königshaus zu einen schien. Es bedurfte vieler illegaler Machenschaften seitens der Betroffenen, um in Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst eine ganze Kette von Skandalen zu vertuschen. Einige Sündenböcke wurden dabei geopfert.

Reginald Hill führt uns mit „Ins Leben zurückgerufen“ vor Augen, dass zwischen der historischen Realität und ihrer literarischen Interpretation eine gewaltige Lücke klaffte. Deshalb verfasste er, der sich mit beidem vorzüglich auskennt, einen Thriller, der diese schließt. Das Ergebnis ist ein weiterer Höhepunkt der ohnehin großartigen Krimiserie um Andrew Dalziel und Peter Pascoe.

Hills Oberschicht lässt ihre angebliche geistige Überlegenheit vollständig vermissen. Stattdessen beschäftigt sie sich damit, unter Ausschluss der lästigen Öffentlichkeit um Macht und Geld zu schachern. Gedeckt und sogar unterstützt wird sie dabei von der Polizei und vom Geheimdienst, deren obere Ränge sich dafür im Randbereich der Mächtigen aufhalten und deren gnädig zugeworfenen Brosamen picken dürfen, aber noch immer dem Dienstvolk gleichgestellt bleiben.

Die Solidarität mit der eigenen Klasse wird von der selbst ernannten Elite oft beschworen. Dass sich niemand daran hält, muss zuerst der unselige Lord Mickledore erfahren, der noch mit der Schlinge um den Hals darauf wartet, von „den Jungs“ gerettet zu werden, um dann in der stolzen Gewissheit, als echter Gentleman seinen Mund gehalten zu haben, in den Tod zu gehen. Der Ehrenkodex der Oberschicht dient jedoch nur dem eigenen Erhalt. Notfalls wird das schwächste Mitglied der Herde geopfert.

Daran hat sich an der Wende zum 21. Jahrhundert wenig geändert. Die Drahtzieher müssen inzwischen unauffälliger agieren, aber ihr Netzwerk steht weiterhin. Es hat sich sogar entwickelt. Dalziel stellt fest, dass es bis in die USA reicht: Geld & Macht sprechen eine internationale, grenzüberschreitende Sprache.

Dicker Mann mit vielen Kanten

Andrew Dalziel ist eine wahrlich prägnante Figur der Kriminalliteratur. Immer wieder lässt uns Verfasser Hill neue Seiten an ihm entdecken. Unter der Schutzschicht aus Fett und Dreistigkeit verbirgt sich ein messerscharfer Geist. Das war uns bekannt, aber nun lernen wir außerdem, dass Dalziel ein geschickter Intrigant und nicht nur rücksichtslos, sondern unbarmherzig sein kann, wenn es seinem persönlichen Sinn für Gerechtigkeit entspricht.

Meisterhaft hält Hill die Balance zwischen Ernst und Humor. Man weiß zwar, dass sich hinter Dalziels groben Scherzen mancher kriminalistische Schachzug verbergen kann. Trotzdem überrascht er uns immer wieder, wobei Hills Talent für Hakenschläge in der Handlung zum Tragen kommt. „Ins Leben zurückgerufen“ ist in dieser Beziehung womöglich ein bisschen zu kompliziert geraten. Bis zur letzten Zeile bleibt die Ungewissheit, was sich 1963 tatsächlich ereignet hat. Immer neue Interpretationen, Sackgassen und Lügen werden aufgetischt, bis die Verwirrung nahezu komplett ist – und bleibt.

Dalziel in Amerika ist ein nur bedingt gelungenes Experiment. Dieses Land ist selbst für den unwiderstehlichen Superintendent zu groß, obwohl er sich wacker bemüht, Spuren in den „Kolonien“ zu hinterlassen. Dennoch haben wir vielleicht einige „Ein-Engländer-in-New-York”-Scherze zu viel gehört, um über diese noch in Gelächter auszubrechen.

Peter Pascoe muss sich dieses Mal mit einer Nebenrolle begnügen. Seine Eheprobleme sollen ihn präsent halten, aber sie sind wenig fesselnd, sondern eher lästig geraten. Ellie Pascoe, ihr bonsaimarxistisches Eifertum und der Kontrast zu einer daran zunehmend weniger interessierten Gegenwart bieten keinen besonderen Unterhaltungswert mehr.

Die Opfer der Großen

Dass Hill politisch eher links orientiert ist, weiß er in seiner Schilderung der Schicksalsgefährten von Mickledore wesentlich eleganter in die Handlung zu integrieren. Die Arroganz der Macht wird beißend überzeugend geschildert. Viele Spitzen gegen das zum Zeitpunkt der Niederschrift (1992) noch sehr präsente England der Margret Thatcher und das ‚Abkoppeln‘ politisch und wirtschaftlich ‚unprofitabler‘ Gesellschaftsgruppen fallen. Hill urteilt hier bitter und sieht England in einer nicht wirklich gebrochenen Entwicklung, welche die Vergangenheit von 1963 mit der Gegenwart von 1992 verbindet und auch die Zukunft bestimmen wird: Das Establishment lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen, auch wenn es sie dem einfachen Bürgervieh von der Scheibe kratzen muss.

Viel Mühe hat sich Hill mit der Figur der Cecily Kohler – geformt nach Christine Keeler, der realen Auslöserin des Profumo-Skandals – gegeben. Wer ist diese Frau, muss man sie als unschuldiges Justizopfer bemitleiden? Ist sie doch schuldig und einfach nur manipulativ und geschickt darin, das Gegenteil zu suggerieren? Alles ist möglich, aber nichts trifft wirklich zu. Dem Leser fällt es – so hat es Hill geplant – außerordentlich schwer, zu einem Urteil zu kommen. Kohler ist ein undurchschaubares Mirakel, gleichzeitig zerbrochen und hart geworden durch jahrzehntelange Haft. Sie ist Opfer und Täterin gleichzeitig. Was das bedeutet, vermag uns Hill mit überraschender Empfindsamkeit, aber ohne Gefühlsdusel nahe zu bringen.

Autor

Reginald Hill wurde 1936 in Hartlepool im Nordosten Englands geboren. Drei Jahre später zog die Familie nach Cumbria, wo Reginald seine gesamte Kindheit verbrachte. Später studierte er an der University of Oxford und arbeitete bis 1980 als Lehrer in Yorkshire, wo er auch seine beliebte Reihe um die beiden Polizisten Andrew Dalziel und Peter Pascoe ansiedelte.

Deren Abenteuer stellen nur eine Hälfte von Hills Werk dar. Der Schriftsteller war fleißig und hat insgesamt mehr als 40 Bücher verfasst: nicht nur Krimis, sondern auch Historienromane und sogar Science Fiction. Einige Thriller erschienen unter den Pseudonymen Dick Morland, Charles Underhill und Patrick Ruell.

Erstaunlich ist das trotz solcher Produktivität über die Jahrzehnte gehaltene Qualitätsniveau. Dies schlug sich u. a. in einer wahren Flut von Preisen nieder. Für „Bones and Silence“ (dt. „Die dunkle Lady meint es ernst“ bzw. „Mord auf Widerruf“) zeichnete die „Crime Writers‘ Association“ Hill mit dem begehrten „Gold Dagger Award“ für den besten Kriminalroman des Jahres 1990 aus. Fünf Jahre später folgte ein „Diamond Dagger“. Reginald Hill lebte mit seiner Frau Pat in Cumbria. Dort ist er am 12. Januar 2012 den Folgen einer schweren Krankheit erlegen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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