Ins Wasser gefallen

Amber Dean
Ins Wasser gefallen

Originaltitel: Collector’s Item (Garden City/New York : Doubleday [for the Crime Club] 1953)
Übersetzung: Ilka Dierig
Deutsche Erstausgabe: 1961 (Goldmann Verlag/Goldmann Taschen-Krimi 1046)
141 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Zu den weniger bekannten Episoden der Weltgeschichte gehören jene 17 Jahre, die Joseph Bonaparte, Napoleons Bruder und bis zu dessen Sturz (und von dessen Gnaden) König von Spanien, zwischen 1815 und 1832 im US-amerikanischen Exil verbrachte. Finanziell gut ausgestattet lebte er in Bordentown, New Jersey, und führte eine Farm im Staat New York. Das Land erwarb er u. a. vom Siedler Mundy, der sich nicht mit Geld, sondern mit Kannen, Kelchen und Platten aus Gold und Silber bezahlen ließ. Diesen Schatz hütete er in einer Mühle, die unweit des Familiensitzes am Genesee-Fluss stand. Während einer Überschwemmung ging der Schatz 1865 angeblich verloren.

Volkes Stimme und die Wissenschaft wollen dies nicht glauben. Seit jeher suchen Glücksritter nach dem Schatz. Zu ihnen gehörte Philip Lapré, der angeblich für einen Hollywood-Film recherchiert. Mit dieser Lüge konnte er das sonst kaum feststellbare Herz der alten Mercy Mundy erweichen, die aktuell den Familiensitz regiert. Sie hasst Veränderungen, weshalb Haus und Grundstück fast unverändert überdauerten. Auch zahlreiche Dokumente haben sich erhalten, sodass sich Lindsey Adams, ein junger Historiker, eingefunden hat, um auf Joseph Bonapartes Spuren zu forschen.

Er kommt gerade recht, um mit der hübschen Frances, Mercys Nichte, eine Leiche zu entdecken: Lapré hat er sich offensichtlich mit einer alten Muskete in den Kopf geschossen. Über das Motiv herrscht Ratlosigkeit. Sergeant Dirks von der Staatspolizei ist zudem keine Leuchte, sodass sich die Ermittlungen hinziehen. Sie werden erschwert, als sich das Verwalter-Ehepaar Gruber einmischt. Will und Mary wurden offenbar von Dupré bezahlt, damit er sich ungestört auf dem Anwesen umsehen konnte. Allmählich keimt in Adams der Verdacht auf, dass es bei Duprès Tod nicht mit rechten Dingen zuging. Auch frühere Schatzsucher nahmen üble Enden, sodass eine nähere Untersuchung geboten scheint …

„Gold & Silber lieb‘ ich (viel zu) sehr“

Schatz! Ein Wort genügt, um in romantischen Adern den Pulsschlag zu erhöhen. Auch (oder gerade) weniger schwärmerische Zeitgenossen horchen auf, verspricht doch der Fund eines einst sorgfältig verborgenen Hortes schlagartigen Reichtum. Allerdings hat der ursprüngliche Schatzeigner vor den Fund die Suche gestellt, denn selbstverständlich sollte niemand über das stolpern, was der Eigentümer entweder persönlich wieder ausgraben oder bergen lassen wollte. Um dies zu verhindern, wurden Vorkehrungen getroffen. Nur wenige Hortbesitzer gingen so weit, ihren Schatz durch Todesfallen abzusichern. Viel effektiver war ein gut gewähltes Versteck in Kombination mit einem festgeschlossenen Mundwerk.

Nicht selten sorgte trotzdem der Tod dafür, dass Schätze dort blieben, wohin man sie getragen hatte. Verloren ging allerdings primär die Kunde vom genauen Schatzort, während sich das Wissen um die Existenz eines Schatzes besser erhielt. So erging es auch dem (fiktiven) Hort des Joseph Bonaparte, der als profane Entlohnung für einen Landkauf diente. Erst als er in den Besitz der Mundys übergegangen war, begann seine eigentliche Legende: Schätze haben die Eigenschaft, ihre Hüter in den Wahnsinn zu treiben. Nicht nur Smaug, Thorin Eichenschild oder Gollum, sondern auch unzählige andere Pechvögel verfielen einem Leiden, für das es ein eigenes Wort gibt: Goldfieber!

Der Schatz verliert seinen materiellen Wert und wird zu einer fixen Idee. Er muss um jeden Preis vor ‚Dieben‘ geschützt werden. Moral und Gesetz werden zur Nebensache, wobei dies für beide Seiten gilt: Potenziell ebenso gefährlich wie der Hüter wird jener, der den Schatz an sich bringen will. Wehe dem, der zwischen diese Fronten gerät, denn Misstrauen und Paranoia derer, die um den Schatz balgen, nehmen keine Rücksicht auf nicht vom Goldfieber befallene Zeitgenossen: Dies ist die Ausgangssituation für unsere Geschichte, die Autorin Amber Dean entsprechend dramatisch und abrupt mit dem hässlichen Lebensende des Philip Lapré einsetzen lässt.

Der Glanz der Vergangenheit

Alles ist gut, solange Dean den Fokus auf den Mord, den Schatz und die daraus resultierenden Ereignisse und Verwicklungen richtet. Die Autorin war fest verwurzelt in ihrem Heimatstaat New York, dessen Geschichte sie bestens kannte. Deshalb fesselt die Handlung zuverlässig, weil Dean dem Schatz eine ebenso schlüssige wie spannende Herkunftshistorie verschafft. Das Mundy-Anwesen ist außerdem ein inoffizielles Museum mit zahlreichen toten bzw. gefährlichen Winkeln und Verstecken, die vor allem den eifrigen aber im Umgang mit dem Kriminellen (sowie auch sonst) unerfahrenen Lin Adams in Lebensgefahr bringen.

Geschickt lässt Dean einfließen, dass die Faszination an der Geschichte auch eine krankhafte Seite haben kann. Das Verharren in einer als buchstäblich bessere alte Zeit empfundenen Vergangenheit verbirgt womöglich Schlimmeres, das zum Nachteil dessen, der es weckt, plötzlich an die Oberfläche gerät. Wer hinter dem Mord an Dupré – der natürlich nicht selbst Hand an sich legte, wie Dean selbst auf Seite 1 klarmacht – steckt, weiß der Leser bereits lange vor dem eigentlichen Finale. Dieses bleibt nicht der Entlarvung des Täters vorbehalten, sondern schildert mit Hitchcock-ähnlichem Sinn für „suspense“ die verzweifelten Bemühungen des Helden, in einer unterirdischen Kammer zu überleben, die sich allmählich mit Wasser füllt, während Polizei und Heldin sich oberirdisch ahnungslos die Köpfe zerbrechen, wo er denn abgeblieben sein könnte.

Der Fall löst sich im Grunde von selbst. Fortschreitender Wahn lässt den Mörder die notwendige Contenance verlieren. Kriminalistischer Scharfsinn ist kaum erforderlich – glücklicherweise, denn Dean präsentiert keine Figuren, in die sie ihn glaubhaft pflanzen könnte. Der Polizist als Erfüllungsgehilfe des Privatermittlers ist zwar eine bekannte Gestalt der Kriminalliteratur. Doch in unserem Fall ist Lindsay Adams mindestens ebenso schwer von Begriff wie Sergeant Dirks, bei dem der Euro nicht nur Cent für Cent, sondern auch durch Sirup fällt.

Alles rennt, schreit, entrüstet sich

Was uns zum düsteren Kapitel dieser an sich unterhaltsamen Schatzjagd führt: Die Figurenzeichnung ist definitiv kein Pfund, mit dem die Verfasserin wuchern könnte. Nicht Talentarmut liegt dem zu Grunde. Dean formt ihre Figuren absichtlich zu Stereotypen. Auf diese Weise passen sie besser auf die zweite Ereignisebene: „Ins Wasser gefallen“ ist kein simpler Kriminalroman!

Das Herz ist der Autorin ebenso wichtig wie das Hirn; leider, muss jedenfalls dieser Rezensent konstatieren. „Ins Wasser gefallen“ erzählt auch eine Liebesgeschichte – ausführlich und ohne geringste Raffinesse. Stattdessen konstruiert Dean ein simples Dreieck, das aus der Schönen, einem ungeeigneten Bräutigam und einem schüchternen Mr. Right besteht. Hier prasseln die Klischees, die durch das Alter dieses Romans ungünstig verstärkt werden: Frances Mundy ist ‚schon‘ 26 Jahre alt, war selbst sechsmal Brautjungfer, aber noch nie selbst Braut, was ihr – zum Teufel mit der weiblichen Selbstbestimmung! – eine Todesangst vor der drohenden Altjungfernschaft einjagt und sie in die Fänge des Lebemanns Cris Livingston treibt, der – eine schlimme Krimi-Sünde – mit der eigentlichen Handlung rein gar nichts zu tun hat und irgendwann spurlos verschwindet.

Lindsay Adams ist (angeblich) 34 Jahre alt, ein Gelehrter mit fester Stelle aber selbstverständlich ganz „zerstreuter Professor“, der sich in Gegenwart der (nur bedingt begehrenswert geschilderten) Frances in einen stotternden Idioten im faltenschlagenden Anzug und mit dauerverschmierten Brille verwandelt. Schon die erste Begegnung deutet an, wie dieser Teil der Story ausgehen wird. Dean weicht tatsächlich nicht einen Schritt vom Weg ab, sondern zieht stumpf durch, was als Happy-End fest eingeplant ist.

Das glückliche aber dicke Ende kommt

Im Hintergrund lungert das Hillbilly-Höllenpaar Gruber herum, dessen sinnfreies Wirken den Leser zur bekannten Facepalm-Reaktion veranlasst. Entweder schindet Dean hier Seiten, oder sie versucht sich tatsächlich an einer Charakterstudie der ganz besonders schrägen Art.

Ratlos zurück lässt eine Rückblende, die den verstorbenen Philip Lapré als sabbernden Lustmolch zeigt, dem Frances nur aufgrund (angedeuteter) unfairer Tiefschläge entkommt. Später fällt sie gar in Ohnmacht, als sie ein (zugegeben seltener) Blitz der Erkenntnis trifft: Schon 1953 zeigt sich, dass Krimi und „Lady-Krimi“ – der keineswegs gleichbedeutend mit dem Kriminalroman einer Autorin ist! – ähnlich wie Milch plus Zitronensaft im Tee eine klumpige Mischung ergeben.

Die Kürze, das Ambiente und das genannte „Suspense“-Element retten diesen Roman gerade über die Ziellinie. Interessanter ist er als Beispiel für die Krimi-Szene: Jenseits des Klassikers gibt es deutlich mehr Romane, die in erster Linie alt i. S. von altmodisch geworden sind. Auch oder gerade dies verleiht ihnen einen gewissen Reiz, der sich freilich nicht jedem Leser entfalten wird.

Autorin

Amber Dean Getzin wurde am 12. Dezember 1902 in Depew – einer Kleinstadt im US-Staat New York – geboren. 1926 heiratete sie; das Paar zog in den 1930er Jahren nach Rochester (ebenfalls New York) um. Ab 1944 veröffentlichte Getzin unter ihrem Geburtsnamen einen ersten Kriminalroman, dem bis 1973 16 weitere folgten.

Die Kritik schätzt Dean als kriminalliterarisches Leichtgewicht ein. Ihre Plots leiden unter allzu weiblichen ‚Helden‘, die ausgiebig von bösen Vorahnungen gequält werden, gern in Ohnmacht fallen sowie – falls jung – stets Ausschau nach Mr. Right halten: Damit gehört Dean zu den frühen Vertreterinnen der sog. „Lady-Krimis“. In den 1960er und frühen 1970er wurden hierzulande die meisten Dean-Romane veröffentlicht und neu aufgelegt, sodass sie wohl ihr entsprechend aufgeschlossenes Publikum gefunden haben.

Wenn sie nicht selbst schrieb, beriet Dean gern angehende Autoren. Sie galt als ausgezeichnete Gärtnerin, was sie oft in ihre Romane einfließen ließ. Außerdem war sie aktiv in einer Hilfsorganisation, die den in Vietnam kämpfenden US-Soldaten Päckchen mit erbaulichen Inhalten schickte.

Amber Dean Getzin starb nach kurzer Krankheit am 3. Juni 1985 im Alter von 82 Jahren.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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