Inspektor Carr zweifelt

Hans Hoernig
Inspektor Carr zweifelt

Deutsche Erstausgabe: 1938 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Roman-Bibliothek 82)
239 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1952 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane K 44)
201 Seiten
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1957 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 123)
182 Seiten
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Das geschieht:

Die Polizei der Weltstadt New York ist auch des Abends fleißig. Donald M. Sheringham, Chef der Kriminalpolizei, möchte sich von Sergeant Cartwright über eine Ermittlung gegen Falschmünzer berichten lassen, als dieser vor Sheringhams Tür von drei Schüssen niedergestreckt! Das Gebäude wird umgehend abgeriegelt, sodass sich der Täter noch unter den Anwesenden befinden muss.

Inspektor Clarence Carr nimmt die Ermittlungen auf. Er findet alte und sehr gefährliche ‚Kunden‘ unter den Verdächtigen. Am besten kennt er Bill Montgomery, Chef einer kleinen aber gut organisierten Betrüger- und Erpresserbande, der zum Zeitpunkt des Mordanschlags angeblich einen Diebstahl anzeigen wollte. Yuan Fu Wang, Besitzer einer übel beleumundeten Bar im Chinesen-Viertel und ebenfalls verwickelt in allerlei dunkle Machenschaften, sollte als Zeuge eines Diebstahls vernommen werden. Ted Maggers, ein kleiner Gauner, Schläger und Revolverheld und aktuell auf Bewährung, musste sich wie jeden Tag bei der Polizei melden.

Mit seinem unkonventionellen Assistenten, dem feisten Sergeanten Jimmy Byddle, macht sich Carr an die Beschattung seiner Verdächtigen. Sie alle scheint ein unsichtbares Band zu verbinden. Sind sie an einem gemeinsamen und großen Coup beteiligt, und war Cartwright ihnen auf die Schliche gekommen? Möglicherweise gibt es sogar eine weitere Partei: Als Carr und Byddle eine Villa in der Strand Avenue durchsuchen, werden sie aus dem Hinterhalt beschossen. Dann wird der Schütze niedergeschlagen, die Beamten dadurch gerettet.

Die Beweise mehren sich, dass Carrs Verdächtige keineswegs an einem Strang ziehen. Tatsächlich arbeiten sie hinter den Kulissen sogar gegeneinander. Trotzdem sorgt Carrs Beharrlichkeit für Unmut in New Yorks Unterwelt. Der Inspektor muss erst einen Maschinengewehr-Überfall auf offener Straße überstehen, bis ihm endlich dämmert, dass er seinen Täter an völlig falschen Orten gesucht hat …

Lieber schlecht kopiert als völlig frei erfunden

Polizei gegen Gangster in New York, Verfolgungsjagden in schweren Oldtimern, als Hintergrund-Soundtrack Tommy-Gun-Gewummer, das Ganze spielt im Jahre 1938: also das perfekte Verbrecherdrama, wie wir es aus zahlreichen Romanen und vor allem Kinofilmen dieser Ära kennen? Von wegen. „Inspektor Carr zweifelt“ ist eine Mogelpackung! Keine Zeile entstand in den USA, ein deutscher Verfasser hat sich diese Räuber-und-Gendarm-Pistole ausgedacht.

Das ist nicht so ungewöhnlich wie man vielleicht annimmt. Schon vor dem II. Weltkrieg standen die angelsächsischen Thriller hoch im Kurs bei den deutschen Lesern. Primär waren es die Werke von Edgar Wallace, die begierig verschlungen wurden. Kein Wunder, dass auch weniger populäre Autoren vom Boom profitieren wollten und Kriminalromane verfassten, die an den Orten spielten, die Wallace & Co. so beliebt gemacht hatten. Als hilfreich erwies sich dabei die denkbar einfache, oft mechanische Machart des erfolgreichen Vorbilds, die auch wenig talentierten Nachahmern ihre Chance bot.

Willkommen im Krimi-Märchenland!

Hans Hoernig orientierte sich freilich an den zeitgenössischen Gangster-Krimis. In New York spielt seine Geschichte. Allerdings wird der Name der Metropole (vorsichtshalber) an keiner Stelle genannt; ein erster Hinweis darauf, dass es mit diesem Roman eine besondere Bewandtnis hat. Man muss sich anhand der eingestreuten Straßennamen und Automarken den Schauplatz zusammenreimen. Selbst der Laie erkennt dabei, dass Hoernig wohl niemals in New York gewesen ist. Eigentümlich vage bleibt er, wenn er sich überhaupt einmal auf die Straße wagt. Da ist kein Funken Lokalkolorit; New York ist und bleibt eine Kulisse, eine stilisierte Fantasie-Stadt, die manchmal beinahe surreale Züge annimmt.

Wenig bis gar keine Kenntnisse beweist Hoernig auch bei seinen ohnehin nur rudimentären Versuchen, die Strukturen der New Yorker Polizeibehörden zu berücksichtigen. Auch hier bezieht er sein ‚Wissen‘ offenkundig hauptsächlich aus den Gangsterfilmen Hollywoods, und besonders viel scheint er nicht behalten zu haben.

Verworfenheit in homöopathischer Verdünnung

Dass „Inspektor Carr zweifelt“ steif und unbeholfen formuliert wurde und nicht gerade mit einem genial gestrickten Plot aufwartet, überrascht kaum noch. Nicht nur der gefräßige Sergeant Byddle muss oft die Waffen strecken. Auch dem Leser fallt es schwer, dem überkomplizierten Treiben gleich mehrerer Verbrecherbanden zu folgen, deren Gefährlichkeit und Genialität stets nur Behauptung bleiben, denn tatsächlich drücken sich Hoernigs Gangster nur theatralisch in finsteren Kaschemmen und verfallenen Fabriken herum. Wie sie dort zur Geißel braver Bürger werden konnten, bleibt allemal rätselhaft.

Hoernigs Bemühungen, die Unterwelt von New York ‚authentisch‘ in Szene zu setzen, reizen zum Lachen, wenn man z. B. folgende Nachtclub-Studie liest: „Als ‚Vamps‘ aufgemachte, tiefdekolltierte Dämchen animierten grauhaarige Farmer, die sich vorübergehend in der Stadt aufhielten und deren Brieftaschen den Ernteerlös enthielten … Auf der … Glastanzfläche … tanzten ältliche und noch ältere Damen mit gleißendem Schmuck und noch auffallenderem Körperumfang in den Armen hyperelegant gekleideter Jünglinge, deren innere Hohlheit vergeblich durch das Bemühen verdeckt wurde, Männer von Welt zu spielen.” (S. 94)

So geht das noch einige Zeit weiter: Das ‚gesunde Volksempfinden‘ wettert gegen die Dekadenz der Großstadt, glücklicherweise dargeboten in einer Naivität, die schon den Zeitgenossen aufgefallen sein müsste. Aber andererseits verraten solche und viele andere Passagen (s. auch unten) unfreiwillig viel über die Entstehungszeit dieses Romans.

Sogar Klischees können übertrieben werden

Keine schriftstellerischen Glanztaten gelingen Hoernig mit der Charakterisierung seiner Personen. Sie sind durchweg erschreckend eindimensional. Sowohl Polizisten als auch Gangster spielen Rollen; sie sind ehrenhaft, arbeiten rund um die Uhr, hängen an den Lippen ihrer Vorgesetzten und kennen kein Privatleben oder gar private Probleme bzw. sind tückische Schurken, die voller Wonne nur daran denken, den Vertretern des Gesetzes Schaden zuzufügen. Dass es schwer fällt, „Inspektor Carr zweifelt“ geografisch einzuordnen, liegt übrigens auch daran, dass sich alle Beteiligten geben wie die Bewohner der Operetten-Krimistadt London.

Was „Inspektor Carr zweifelt“ tatsächlich ist – ein Unterhaltungs-Krimi aus Nazi-Deutschland – wird nirgendwo so deutlich wie in der Figur des Yuan Fu Wang, die eindeutig rassistisch – fahlgelb, schwammig, kriecherisch, radebrechend, heimtückisch – dargestellt wird. Allerdings könnte auch dies zeitgenössisch bedingt und ‚nur‘ mit teutonischer Gründlichkeit verstärkt worden sein.

Vorurteile der beschriebenen Art überlebten auch den II. Weltkrieg und die Nazis; „Inspektor Carr zweifelt“ wurde 1957 als „ungekürzte Ausgabe“ (so steht es auf dem Cover) neu aufgelegt. Es scheint sich niemand daran gestört zu haben.

Autor

Tja, da muss der Rezensent passen. Über deutsche Autoren der Zeit vor 1945, die zudem anscheinend zur zweite oder gar dritten Garde ihres Standes gehörten, schweigt sich das Internet weitgehend aus.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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