Küss mich, Tod

Mickey Spillane
Küss mich, Tod

(Mike-Hammer-Serie, Bd. 6)

Originaltitel: Kiss Me, Deadly (New York : E. P. Dutton & Co. Inc. 1952)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Die verlorenen Schlüssel“): 1953 (Amsel Verlag/Amsel-Kriminal-Roman 41)
Übersetzung: Dietrich Bogulinski
248 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (gekürzt u. unter dem Titel „Rhapsodie in Blei“): 1966 (Heyne Verlag/Heyne Krimi 1201)
Übersetzung: Werner Gronwald
156 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (ungekürzt u. unter dem Titel „Rhapsodie in Blei“): 1990 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/8071)
Übersetzung: Walter Ahlers
254 S.
ISBN-10: 3-453-04192-5
Neuausgabe: 1999 (Rotbuch Verlag/Rotbuch Krimi 1105)
Übersetzung: Lisa Kuppler
262 Seiten
ISBN-13: 978-3-434-54009-0

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Das geschieht:

Auf einsamer Landstraße springt dem Privatdetektiv Mike Hammer, unterwegs zurück nach New York, nachts eine schöne Frau vor den Wagen. Berga Torn trägt nur einen Trenchcoat, ist gerade aus einer Irrenanstalt entsprungen und wird von der Mafia verfolgt. Davon ahnt Hammer nichts, als er sich ritterlich der Dame annimmt. Leider sind Bergas Häscher nahe; sie stellen Hammer eine Falle und schlagen ihn zusammen. Hilflos muss er beobachten, wie die Männer seine Anhalterin beim missglückten Versuch eines Verhörs zu Tode foltern. Mit der Leiche setzen sie ihn in den Wagen und stürzen ihn in einen Abgrund.

Nur knapp kommt Hammer mit dem Leben davon. Noch im Krankenhaus verhört ihn die Polizei in Gestalt seines alten Freundes Pat Chambers von der Mordkommission. Wesentlich härter nimmt ihn allerdings das FBI in die Mangel. Berga Torn war ein wichtige Kronzeugin, die vor dem Kongress gegen den Mafiaboss Carl Evello aussagen sollte. Als dessen ehemalige Geliebte hatte sie einiges gesehen, über das sie besser hätte schweigen sollen. Evello ist ein mächtiger Mann, der von korrupten Politikern gedeckt wird: ein Gegner, mit dem man sich besser nicht anlegt, wie Freund Chambers und Velda, Hammers tüchtige und allzeit willige Sekretärin, den angeschlagenen Detektiv warnen.

Aber in Mike Hammers Kopf setzt seit jeher etwas aus, wenn er dem Bösen zu begegnen meint (was etwa dreimal pro Stunde vorkommt). Berga Torn hatte sich ihm anvertraut und wurde ermordet. Das betrachtet Hammer als persönlichen Affront. Die Mafia hasst er zudem sogar noch mehr als normale Gangster, feiste Geldsäcke, verlogene Politiker, Schwule, emanzipierte Frauen oder Falschparker.

Sein blindwütiger Einmann-Feldzug trägt Hammer mitten in die Reihen des organisierten Verbrechens. Er provoziert offen Evello und seine Schergen, die er ganz ernsthaft mit Stumpf und Stiel auszulöschen plant. Sollte ihm dabei jemand in die Quere kommen – umso besser, denn ein Mike Hammer im Krieg kennt kein Pardon, keine Gnade; er schlägt und schlachtet und überlässt es Gott oder dem Teufel, anschließend um seine Opfer zu streiten …

Schießen, fragen, unterhalten

Angesichts der gerade skizzierten Handlung dürfte mancher Leser diese Kapitelüberschrift für einen Euphemismus halten. So zu denken hieße allerdings über ein von zeitgenössischen Kritikern und Tugendbolden tief ausgefahrenes Gleis zu rumpeln, ohne einen eigenen Weg in das psychotische Universum von Mike Hammer & Mickey Spillane, dieser beiden Brüder im (Un-) Geiste, zu (ver-) suchen.

Sicherlich lassen sich die Hammer-Romane als rotziger, spätpubertärer, krankhafter, spekulativer und für den schnellen Dollar heruntergeschriebener Mist klassifizieren. So hat man es nicht nur hierzulande fast ein halbes Jahrhundert getan. Die hehre Literaturkritik und der gesunde Menschenverstand gingen die übliche Zweckehe ein. Das Ergebnis: blindreflexiges Spillane-Beißen bei maximaler Ignorierung des Originals.

Aber wieso konnte dieser Autor 200 Millionen Bücher verkaufen und zu einem der auflagenstärksten Kriminalschriftsteller aller Zeiten werden? Waren und sind Spillanes Leser sämtlich dumpfbirnige, gewaltgeile Rednecks? Wie kann es dann angehen, dass die „Mystery Writers of America“, die Organisation der US-Krimiautoren, Mickey Spillane 1995 für sein Lebenswerk und seine Verdienste um das Genre den „Grand Master“ verliehen haben? Sind die US-Amerikaner hirnleere Anhänger der Gewalt? Das ist zu simpel, da muss also doch etwas mehr sein!

Zum Kern durchstoßen

Dass die Mike Hammer-Romane im Rotbuch Verlag Ende der 1990er Jahre zum ersten Mal seit langer Zeit gut übersetzt und ungekürzt wieder veröffentlicht wurden, hat das Interesse an Spillane neu aufleben lassen. „Küss mich, Tod“ ist zwar nicht die erste (sondern die sechste) Hammer-Geschichte, aber hier gibt es außerdem den genialen Film von Robert Aldrich (1954, dt. „Rattennest“), der zusätzlich unter Beweis stellt, dass unter dem wüsten Getümmel eine gute Geschichte steckt.

Zweifellos tritt hier dennoch der seltene Fall ein, dass der Film das Buch in Sachen Originalität und Qualität um Längen schlägt. Schwierig war das nicht, denn „Küss mich, Tod“ ist in der Tat ein auf den grellen Effekt und alle niederen Instinkte ausgerichtetes Stück Kriminalliteratur. Auf der anderen Seite hat dieser Roman eigene, seltsame Qualitäten. Spillanes Räuberpistole entsetzt weniger durch ihre vordergründig-spekulative, rohe Gewalt – die soll gleichzeitig Leser locken und Tugendbolde schocken. Sie fesselt durch die schiere Wucht ihrer ungefilterten Bösartigkeit.

Hier gibt es vielleicht Erklärungen aber keine Entschuldigungen für jene, die gegen die Lex Hammer verstoßen. Diese steht höher als jede polizeiliche, juristische oder politische Autorität; sie haben sich gegen GOTT versündigt, und zwar den des Alten Testaments, für den nichts als die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gilt. Im Zeitalter der Ökonomie übernimmt Hammer zusätzlich (und gern) zur Rolle des Richters die des Henkers: „Küss mich, Tod“ ist auch ein delirierender Rachetraum der im Leben zu kurz Gekommenen, Dummen, Dumpfen, denen Mickey Spillane durch Mike Hammer endlich (scheinbar) eine Stimme gibt.

Dazwischen erstaunen immer wieder lyrische, fast poetische Stimmungsbilder, die einen durchaus fähigen Autoren enttarnen, der zynisch die ihm ergebene Klientel verrät: Spillane hat immer wieder betont, primär für Geld zu schreiben und deshalb alle einschlägigen Klischees zu bedienen. Aber er konnte (oder wollte) nicht verbergen, dass er mehr von seinem Handwerk verstand, als ihm die Kritik zugestehen mochte.

Ein Name ist Programm

Mike Hammer: Vigilant, Psychopath, Rassist, Kommunistenfresser, Schläger und Sadist; reaktionär bis in die Knochen, ultra-rechts und faschistoid. Aber Spillanes Welt ist kein Ort für Weichlinge, und nur Hammer hat den Mumm, sie vom Abschaum zu reinigen. Einfache Lösungen für die Probleme der Welt wünschen sich viele Leser nach Feierabend. Stellvertretend für sie, die der Horror vor einer Welt eint, in der Kriminelle – zu denen sich naseweise Frauen, nicht-weiße Minderheiten, die laxe & Steuergelder veruntreuende Obrigkeit, langhaarige Kriegsdienstverweigerer und sonstige Sündenböcke gesellen, die für das eigene Unvermögen und Versagen verantwortlich gemacht werden können – ihr Unwesen treiben, zieht Hammer in die Schlacht. Sein alter Kumpel Pat Chambers würde zwar gern mittun, aber er ist bei der Polizei und damit an schnöde Regeln gebunden, über welche die Schurken nur lachen. Aber Hammer kriegt sie alle, denn so vertiert, pervers und brutal können sie gar nicht sein, um seinem Zorn zu widerstehen!

Dafür gibt’s für den wackeren Streiter viel Blei und Blut, aber das ficht ihn nicht an, sondern macht ihn nur wütender. Geld ist für Hammer nicht so wichtig; er verteidigt lieber die Gerechtigkeit, wie er sie definiert. Dafür schätzt oder fürchtet man ihn; es ist ihm einerlei. Rückendeckung gibt ihm der treue Pat, für‘s Herz gibt es immer schöne Frauen, die Supermacho Hammer schmachtend zu Willen sind. Aber Vorsicht: Der liebt irgendwie die feurige Velda, die freudig dreißig oder vierzig Jahre darauf wartet, dass sie ihr Mike endlich zum Traualtar führt, und bis dahin gern den Rock auch in der Öffentlichkeit lüpft, wenn ihr Geliebter es wünscht. Frau sollte aber – sogar wenn hübsch – nicht gegen die Lex Hammer verstoßen, denn sonst endet sie wie jeder x-beliebigen Strolch mit einer Kugel Kaliber .45 im Bauch (Mikes Markenzeichen).

Ansonsten bevölkern Opfer, vor allem aber Schwächlinge und Lumpen Hammers Universum. Wie mit ihnen, die ihr Schicksal selbst herausgefordert haben, umzuspringen ist, führt er uns auf knapp 270 Seiten vor. Das ergibt wahrlich keine ausgefeilte Handlung aber immerhin einen konsequenten Amoklauf, der den Leser wahlweise mit Weltschmerz & Brummschädel oder mit wutleer gekotztem & angenehm beruhigtem Magen zurücklässt.

Anmerkung:

Die deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Die verlorenen Schlüssel“) wurde wie so viele Spillane-Romane von der Bundesprüfstelle auf den Index jugendgefährdender Schriften gesetzt. Spätere Nachauflagen wurden in der ‚entschärft‘, um diese geschäftsschädliche Maßnahme zu vermeiden. Die damit einhergehende Bevormundung der nur theoretisch mündigen Leserschaft wurde im Dienst der guten Sache, d. h. der Schaffung eines geistig & moralisch sauberen deutschen Volkes  – die seither sichtlich gewaltige Fortschritte gemacht hat – gern in Kauf genommen.

Autor

Frank Morrison „Mickey“ Spillane, geboren am 9. März 1918 in Brooklyn, New York: ein Selfmademan nach US-Geschmack, aus kleinen Verhältnissen stammend, in 1001 miesen, unterbezahlten Jobs malochend, doch mit dem amerikanischen Traum im Herzen und nach allen Mühen den gerechten Lohn – Geld, Ruhm, Geld, Anerkennung und Geld – einstreichend.

Vorab stand ein Intermezzo im II. Weltkrieg, in dem Spillane angeblich als Fluglehrer und aktiver Kampfflieger tätig war; die Beweislage ist freilich dünn. Eine Beschäftigung als Comic-Zeichner ist dagegen belegt. 1946 ins Zivilleben zurückgekehrt, machte sich Spillane voller Elan an den Durchbruch. Er berücksichtige alles, was gegen den zeitgenössischen Sittenkodex verstieß, und schrieb in neun Tagen „I The Jury“ (1947, dt. „Ich, der Richter“), das erste Abenteuer des raubeinigen Privatdetektivs Mike Hammer, dessen Name Programm war. Der erhoffte Aufruhr war genauso heftig wie der Verkaufserfolg. Spillane ließ seinem Erstling weitere Hammer-Brachialwerke folgen und wurde ein reicher Mann.

Für einige Jahre hielt er sich schriftstellerisch zurück, fuhr Autorennen, arbeitete als Zirkusartist und gründete eine Filmgesellschaft. Hier gönnte er sich den Spaß, Mike Hammer in dem B-Movie „The Girls Hunters“ (1963, dt. „Der Killer wird gekillt“/„Die Mädchenjäger“) höchstpersönlich zu mimen. In den 1960er und 70er Jahren wurde Spillane wieder aktiver. Mit dem Geheimdienst-Söldner „Tiger Man“ schuf er sogar einen noch grobschlächtigeren Charakter als Mike Hammer. Aber die Kritik verschweigt gern, dass Spillane auch als Jugendbuch-Autor hervortrat. Für „The Day the Sea Rolled Back“ wurde er 1979 mit einem „Junior Literary Guild Award“ ausgezeichnet.

1971 hatte Spillane die Hammer-Serie beendet, sie aber 1989 unter dem erhofften Mediendonner wieder aufleben lassen. Natürlich war Hammers große Zeit längst vorüber; Brutalität und Menschenverachtung gehörten inzwischen zum normalen Unterhaltungsgeschäft. Aber der böse Bube erwies sich als zäh, kehrte 1996 in „Black Alley“ (dt. „Tod mit Zinsen“) noch einmal zurück und überlebte sogar Spillanes Tod am 17. Juli 2006: Ab „The Goliath Bone“ (2008) lässt Max Allan Collins Hammer weiterhin kräftig in der Verbrecherwelt aufräumen.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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