Levine

Andrew Bergman
LeVine

(LeVine-Trilogie, Bd. 1)

Originaltitel: The Big Kiss-Off of 1944 (New York : Holt, Rinehart & Winston 1974)
Deutsche Erstausgabe: 1985 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 10323)
Übersetzung: Jürgen Bürger
213 S.
ISBN-13: 978-3-548-10323-5

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Das geschieht:

New York 1944: Die USA stehen im II. Weltkrieg, dessen Ende sich mit dem Sieg der Alliierten inzwischen abzuzeichnen beginnt. Zurückgeblieben sind die Alten, Kranken, Versehrten – und Geschäftsleute mit politischen Verbindungen, die lieber dem kleinen Mann in Übersee die blutige und schlecht bezahlte Drecksarbeit überlassen.

Jack LeVine ist ein erfolgloser Privatdetektiv in mittleren Jahren, der wenig vom Leben verlangt und bekommt. Seit einiger Zeit läuft das Geschäft noch schlechter als sonst, sodass er einen Fall übernimmt, den er sonst abgelehnt hätte. Die junge Tänzerin Kerry Lane hat vor Jahren in einigen Pornofilmen mitgespielt. Inzwischen tritt sie in einer Revue des Theaterregisseurs Warren Butler auf und ist erpressbar geworden. Ein Mann namens Carl Fenton fordert Geld für die Herausgabe der Filme, die er sonst dem als Tugendbold bekannten Butler schicken will.

LeVine soll sich mit Fenton treffen. Er findet ihn tot in seinem Hotelzimmer. Kurzes Aufatmen bei Kerry Lane, doch LeVine vermutet richtig, dass es noch einen Partner gibt. Der versucht inzwischen Warren Butler anzuzapfen, der daraufhin ebenfalls LeVine engagiert.

Der Detektiv ahnt Böses: Butler kann keinen triftigen Grund nennen, wieso er gerade ihn angeheuert hat. Auch Kerry verheimlicht ihm einiges. Aber LeVine hat sich in den Fall verbissen. Er macht weiter, zumal die Spur in die höchsten politischen Kreise führt und ein Komplott um die anstehende Präsidentenwahl andeutet. Damit gerät LeVine auf das Radar der Oberliga. Hinter der Fassade von Ehrbarkeit und Bürgersinn geht es hier um Macht und das ganz große Geld. Schnüffler sind hier gar nicht gern gesehen und so zahlt LeVine einen hohen Preis für seine allzu hartnäckige Suche nach der Wahrheit …

Spiel mit der Vergangenheit

„Period Pieces“ – Zeitstücke – nennt man Kriminalromane wie diesen. Sie spielen in vergangenen Epochen, die sie zum einen als attraktive Kulisse mehr oder weniger authentisch rekonstruieren, während sie andererseits ein Verbrechen ins Zentrum der Handlung stellen, das oft nur in der gewählten Vergangenheit einen Sinn ergibt.

Natürlich ranken sich historische Kriminalgeschichten auch um zeitlose Untaten. Der Mord aus Leidenschaft begleitet den Menschen, seit er sich als solcher zu betrachten vermag. Aber auch hier gibt es historisch bedingte Unterschiede, ändern sich mit den Zeiten auch die Sitten.

„LeVine“ ist ein Zeitstück der ehrgeizigen und aufwändigen Art. Um für den Leser glaubhaft eine Verschwörung in höchsten politischen Kreisen zu inszenieren, bedarf es schon einer guten Kenntnis der zeitgenössischen Verhältnisse. Andrew Bergman ist Historiker und Drehbuchautor; eine glückliche Mischung, dank der uns der Verfasser das Jahr 1944 ebenso beiläufig wie eindringlich vor Augen führen kann.

Sünden von damals

Da ist einerseits ein Plot, der harmlos mit der Jagd auf illegale Pornofilmchen startet. Damit konnte man einst in der Tat Karrieren kippen. Schon bald erweitert Bergman die Dimension des Verbrechens. Korruption und Manipulation im Umfeld der anstehenden Präsidentschaftswahlen kommen ans Licht. 1944 ist ein klug gewähltes Datum für diesen Aufhänger. Zuvor oder schon kurz darauf hätte der Plot so nicht mehr funktioniert: Franklin D. Roosevelt war der erste US-Präsident, der drei Perioden (ab 1933) sein Amt ausübte, 1944 sogar ein viertes Mal gewählt wurde aber kurz darauf starb. Seither darf sich ein Präsident nur noch einmal zur Wiederwahl stellen.

Bergman thematisiert unterhaltsam übertrieben aber durchaus korrekt die Intrigen, die im Umfeld der Wahl von 1944 eingefädelt wurden. Der demokratische Reformer Roosevelt entwickelte sich zum scheinbar ewig regierenden Widersacher der Konservativen, die alles daran setzten, dem ein Ende zu bereiten.

Große Kunstfertigkeit legt Bergman an den Tag, wenn er eine Stadt wie New York aufleben lässt. 1944 tobt in Europa und Asien der II. Weltkrieg. Er bestimmt auch im frontfernen Amerika den Alltag. Die kampftauglichen jungen Männer sind im Krieg, zurück bleiben die Untauglichen. Bergman verdeutlicht die Ausnahmesituation dieser Jahre am Beispiel des in den USA beliebten Baseballspiels, das von uralten, halb blinden, einarmigen oder aus anderen Gründen vom Militärdienst aussortierten Sportlerkarikaturen ausgeübt wird.

Rückwärts mit dem Wissen um die Folgen

Witz aber nicht Klamauk ist ein von Bergman mit Geschick eingesetzte Stilmittel, das „LeVine“ von der bloßen Nachahmung eines zeitgenössischen Detektivromans zum eigenständigen Werk erhebt. Zwar ist unser Schnüffler genretypisch hartgesotten, redlich bis zur Selbstverleugnung und verbirgt hinter vordergründigem Sarkasmus und entsprechenden Sprüchen seinen Idealismus. Er ist aber kein Abziehbild klassischer Vorbilder wie Philip Marlowe.

LeVine ist kein Zeitzeuge, sondern eine mit dem historischen Wissen der Gegenwart in die Vergangenheit projizierte Figur. Das ist ein großer Unterschied, denn es ermöglicht quasi die Kommentierung historischer Aspekte. 1944 war ganz und gar keine gute, alte Zeit, wie Bergman zu verdeutlichen weiß. Da ist zum Beispiel der allgegenwärtige Rassismus, hier mehrfach exerziert an der Person LeVines selbst, der als Jude in seiner Zeit politisch korrekt diskriminiert werden darf, dies aber als (traurige) Selbstverständlichkeit zur Kenntnis nimmt.

Offener wird die Macht- und Geldgier der selbst ernannten gesellschaftlichen Eliten gegeißelt. Sehr subtil gehen diese nicht vor, wie LeVine sehr richtig anmerkt, aber das müssen sie auch nicht: 1944 sind die USA weiterhin ein Land im Griff der alten und neuen Räuberbarone, die rücksichtslos ihre egoistischen Ziele auf Kosten der Allgemeinheit verfolgen, dabei nur ansatzweise vom Gesetz gezügelt werden und sich getreu der alten Binsenweisheit, dass das Glück mit dem Tüchtigen ist, im Recht sehen, wenn sie sogar Präsidenten wie Marionetten tanzen lassen.

Frauen befinden sich Anno 1944 ebenfalls in einem Ausnahmezustand. Die Männer befinden sich in Übersee, daheim müssen Amerikanerinnen die Lücken in Handel, Handwerk und Industrie füllen. Siehe da, es funktioniert, sodass sogar uns Lesern der Gegenwart LeVines Gelegenheitsfreundin Kitty durchaus emanzipiert vorkommt.

Kaum mehr als 200 Seiten benötigt Andrew Bergman, um seine auf höchste Wirkung verdichtete Geschichte zu erzählen. Schon damit beschämt er die Quarktreter unter den Krimiautoren, denen er zusätzlich eine Lektion darin erteilt, wie man die Vergangenheit nicht nur als Kulisse missbraucht, sondern ihr nachträgliches Leben einhaucht.

Autor

Andrew Bergman wurde 1945 in Queens, New York, geboren. Eine Berufslaufbahn in den Medien wurde ihm quasi in die Wiege gelegt; sein Vater arbeitete als Redakteur für die „New York Daily News“. Der Sohn besuchte die Binghamton University (US-Staat New York) und studierte amerikanische Geschichte an der University of Wisconsin-Madison. Seine Doktorarbeit schrieb Bergmann 1971 über Filme der US-Depressions-Ära. „We’re in the Money“ gilt noch heute als Standardwerk und wird weiterhin aufgelegt.

1974/75 verfasste Bergman zwei ebenfalls Klassikerstatus erreichende Detektiv-Thriller um den kahlköpfigen P. I. Jacob Levine alias Jack LeVine. Dann ging er nach Hollywood, wo er sich zu einem gefragten Drehbuchautor und bald auch Regisseur mauserte. Er schrieb Bücher zu Filmen wie „Blazing Saddles“ von Mel Brooks (1974, dt. „Is‘ was, Sheriff?“/„Der wilde, wilde Westen“), „Fletch“ (1985, dt. „Fletch – Der Troublemaker“) oder „Soapdish“ (1990, dt. „Lieblingsfeinde – Eine Seifenoper“). Regie führte er u. a. bei „The Freshman“ (1990) mit Marlon Brando, dem Trash-Klassiker „Striptease“ (1996) mit Demi Moore oder „Isn’t She Great“ (2000, dt. „Ist sie nicht großartig?“) mit Bette Midler.

Für sein Werk, das auch zwei Theaterstücke umfasst, wurde Bergman mehrfach ausgezeichnet. 2001 veröffentlichte er nach 25-jähriger Pause einen dritten LeVine-Roman, der von der Kritik wiederum positiv aufgenommen wurde: Das „Striptease“-Filmdesaster von 1996 hatte ihm einen Karriereknick und viel Freizeit beschert.

Andrew Bergman lebt heute in New York City.

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