Mit einer Nadel bloß

Cyril Hare
Mit einer Nadel bloß

(Inspektor-Mallett/Francis-Pettigrew-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: With a Bare Bodkin (London : Faber & Faber 1946)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Spiel mit dem Tod“): 1962 (Verlag Kurt Desch/Die Mitternachtsbücher 115)
Übersetzung: Karl Hellwig
172 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1993 (Diogenes Verlag/Detebe 22544)
Übersetzung: Jobst-Christian Rojahn
291 S.
ISBN-13: 978-3-257-22544-0

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Das geschieht:

In diesen Tagen des II. Weltkriegs möchte auch Anwalt Francis Pettigrew seinen Beitrag im Kampf gegen die Nazis leisten. Da er für den Frontdienst denkbar ungeeignet ist, versetzt man ihn in eine Behörde, die Herstellung und Verkauf eines äußerst kriegswichtigen Produktes kontrolliert: die britische Nadel.

Pettigrew wird nach Marsett Bay in einen abgelegenen Winkel der englischen Provinz versetzt, wo in dem ungemütlichen Schloss eines lange verstorbenen Landadligen eine Handvoll verschrobener Männer und Frauen der oben erwähnten Aufgabe nachgeht. Nach Feierabend trifft man sich in einer wenig gastlichen Pension wieder. Die Langeweile regiert, sodass die lebenslustige Witwe Hopkinson mit einem aufregend unanständigen Vorschlag aufwartet: Der Kollege Wood entpuppte sich als Verfasser leidlich bekannter Kriminalromane. Nun soll er eine Geschichte erfinden, in der seine Mitarbeiter als Opfer, Täter und Zeugen auftreten. Als Mörderin wird ausgerechnet die ältliche, psychisch labile Sekretärin Honoria Danville auserkoren.

Pettigrew findet keinen Gefallen an dem seltsamen Spiel. Er freut sich über das unverhoffte Treffen mit einem alten Freund: Inspektor Mallett wurde von Scotland Yard nach Marsett Bay geschickt, um einem Fall von Schwarzhandel nachzugehen. Der erfahrene Ermittler ist deshalb vor Ort, als Miss Danville sterbend in der Teeküche der Nadel-Behörde gefunden wird: Man hat ihr eine lange Nadel in den Leib gerammt. Keiner ihrer Kolleginnen und Kollegen – nicht einmal Pettigrew – kann ein Alibi für den Zeitpunkt eines Mordes nachweisen, für den es keinerlei Motiv gibt. Trotzdem sind sie alle verdächtig und werden von Mallett eingehend verhört. Obwohl dabei sorgsam verborgen gehaltene Vergangenheiten aufgedeckt werden, bleibt der Mord ungeklärt, bis Mallett mit Pettigrews Hilfe auf ein fatales juristisches Detail mit kolossalen Folgen stößt …

Mord wird zu echter Kunst

Über den zur eigenen Kunstform entwickelten „Whodunit“-Krimi britischer Tradition wurde manches Loblied gesungen. Ein logisch konzipierter Plot wird in eine spannende, dazu leicht schwarzhumorige und mit lesertäuschenden Volten angereicherte Handlung gefasst. Besagter Leser wird dennoch über alle relevanten Fakten informiert, sodass er (oder sie) an der Seite des zuständigen Detektivs ermitteln und den Fall mit oder sogar vor ihm lösen können. Hat der Verfasser seinen Job gut gemacht, geht er allerdings mit einer Nasenlänge als Sieger ins Ziel. Dem Leser bleibt der angenehme Trostpreis, intelligent an der Nase herumgeführt worden zu sein.

Kein Wunder, dass der „Whodunit“ beliebt war und ist. Wenig verwunderlich ist aber auch, dass er in den vielen Jahrzehnten seiner Existenz enorme Qualitätsunterschiede offenbart hat. Es haben sich anerkannte Meister/innen des Genres herauskristallisiert. Schon der gelegentliche „Whodunit“-Leser nennt Agatha Christie oder Dorothy Sayers. Das Wissen um die Krimi-Kunst des Cyril Hare bleibt dagegen zumindest hierzulande den Krimi-Spezialisten vorbehalten, während dieser Autor in Großbritannien weiterhin jenen Ruhm genießt, den er trotz seines schmalen Werkes redlich verdient.

„Mit einer Nadel bloß“ bietet in seltener Vollendung alles, was den „Whodunit“ trotz seines relativ schmalen thematischen und inhaltlichen Spektrums nicht nur überleben, sondern auch triumphieren ließ. Die einzige Konzession, die vom Leser des 21. Jahrhunderts gemacht werden muss, ist die Bereitschaft zur Geduld: Der „Whodunit“ benötigt Zeit.

Wer ist wo und wann gewesen?

Auch Honoria Danville sinkt nicht auf Seite 1 tot in der Teeküche zusammen. Als es endlich soweit ist, sind wir über viele Seiten mit dem Schauplatz des Geschehens ebenso vertraut gemacht worden wie mit den Personen, die ihn bevölkern. Der Mord an Miss Danville ereignet isch in einem großen, unübersichtlichen Gebäude. Dennoch wird die simple Teeküche, in der sie ihr Leben aushaucht, zum klassischen von innen geschlossenem Raum, in dem ein ‚unmöglicher‘ Mord geschieht. Dem Genre-Kanon entsprechend ist die Schar der Verdächtigen bekannt. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass der Mörder unter den Männern und Frauen ist, die Hare uns vorstellt; der Verfasser spielt fair.

Eine leichte Variation gestattet er sich: Hare stellt die Verdächtigen nicht als Gruppe dar, die er mit dem ebenfalls geschlossen auftretenden Gesetz konfrontiert. Letzteres tritt zwar in Gestalt von Inspektor Mallett auf den Plan, der indes mit Francis Pettigrew über einen ‚Insider‘ unter den Verdächtigen verfügt. Mallett und Pettigrew sind alte Bekannte und als solche bereits in früheren Romanen von Hare in kriminelle bzw. kriminologische Ereignisse verwickelt worden.

Der Verfasser macht sich seine Arbeit dadurch doppelt schwer, denn er lässt zwei Figuren die Handlung bestimmen und kommentieren. Allerdings kann er seine Leser so völlig legitim zusätzlich verwirren. Erst im Finale bringen Mallett und Pettigrew ihre Deutungsversuche zur Deckung, was endlich den Weg zur Wahrheit öffnet.

Falsche Spuren zu echter Leiche

Damit sich sein Publikum wie zu Hause fühlt, bereitet ihm Hare wie schon erwähnt eine großzügig ausgeleuchtete Bühne. Dabei leistet er sich den Scherz, den eigentlich ernsten Hintergrund humorvoll aufzulösen: „Mit einer Nadel bloß“ spielt in den Jahren des II. Weltkriegs, der England auch an der „Heimatfront“ große Opfer abforderte. Hare, der seinen Roman 1946 veröffentlichte, lässt die historische Realität einerseits einfließen, indem er den Anwalt Pettigrew wie andere brave Bürger ihren Teil zur Kriegführung beitragen lässt. Andererseits lässt er ihn in einer Institution stranden, die prosaischer kaum vorstellbar ist: Eine ganze Behörde ist damit beschäftigt, die Produktion und den Handel mit Nadeln zu verwalten.

Eine solche Einrichtung ist schwer ernst zu nehmen. Gleichzeitig rekonstruiert Hare, der selbst in der Kriegswirtschaft beschäftigt war, mit großem Geschick den Alltag einer Gruppe von Beamten und Angestellten, die in den 1940er Jahren in einer Behörde arbeiten. Das gezeichnete Bild wirkt ähnlich überzeugend wie jener Blick in eine Werbeagentur, den Dorothy Sayers ihre Leser 1933 mit ihrem Lord-Peter-Wimsey-Roman „Murder Must Advertise“ (dt. „Mord braucht Reklame“) werfen ließ.

Nicht spektakulär, sondern raffiniert ist die Auflösung. Als hauptberuflicher Jurist nutzt Hare wieder einmal eine Falte in der britischen Rechtsprechung, die einem gründlich planenden Schurken zum einen eine kriminelle Tat überhaupt erst ermöglicht, während sie ihn zum anderen letztlich ins Stolpern und zum Morden bringt.

Zugegebenermaßen basiert die Entdeckung dieses Auslösers auf einem Zufall. Hare gelingt es jedoch, ihn akkurat in den Handlungsablauf zu integrieren. Außerdem hält er kurz ein, um den Leser begreifen und ihn ‚aufholen‘ zu lassen, bevor das finale Schürzen sämtlicher noch offener Fäden zum Plot-Knäuel beginnt.

Dazu gehört auch der glückliche Ausgang einer britisch unterkühlt wirkenden und den Plot nie beeinflussenden bzw. beeinträchtigenden Liebesgeschichte; nicht nur daran, sondern vor allem an der eleganten Ökonomie einer Handlung, die vor allem Krimi ist und bleibt, sollten sich moderne Krimi-Autoren (und vor allem Autorinnen) ein Beispiel nehmen.

Anmerkung zu einem doppeldeutigen Titel

„Mit einer Nadel bloß“ wurde Miss Danville zu Tode gebracht. Als britischer Feingeist mit klassischer Schulbildung konnte Cyril Hare nicht widerstehen, sein Spiel mit dem gewählten Titel zu treiben. Er hat ihn aus einem der Stücke William Shakespeares – aus dem berühmten Monolog Hamlets („Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage …“), um genau zu sein – übernommen und leicht verändert: Aus „with a mere bodkin“ (= „mit einem Dolche nur“) wurde bei Hare „with a bare bodkin“ (= „mit einer blanken Ahle“).

Der deutsche Titel „Mit einer Nadel bloß“ konserviert eine falsche Übersetzung des genannten Zitats, denn Shakespeares „bodkin“ ist keine Nadel. Tatsächlich wäre sogar ein Leichtgewicht wie Miss Danville kaum mit einer kleinen Nadel umzubringen. Hares „bodkin“ ist eine Ahle oder ein Pfriem, mit dem zu seiner Zeit dicke Aktenbündel durchbohrt wurden, um sie bei Wahrung des Zusammenhalts zur Aufbewahrung mit einer Kordel bündeln zu können. Diese ‚Nadel‘ ist ein beachtliches Instrument und für einen Mord durchaus tauglich.

Autor

Cyril Hare wurde im Jahre 1900 in Mickleham, Grafschaft Surrey, als Alfred Alexander Gordon Clark geboren. Er lernte das englische Landleben kennen und schätzen, war ein passionierter Jäger und Angler. Clark studierte Jura am New College zu Oxford, und wurde 1924 Anwalt. 1933 heiratete Clark Mary Barbara Lawrence. Das Paar ließ sich in Cyril Mansions in Battersea nieder. Clark arbeitete als Jurist u. a. am Hare Court, Temple.

Daneben pflegte er seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Sketchen für das „Punch“-Magazin verlegte sich Clark auf Kriminalromane, in die er seine Erfahrungen als Jurist einfließen ließ. Als Pseudonym – schließlich war er ein angesehener Mann des Rechtes – wählte er Cyril Hare. Als erster Roman erschien 1937 „Tenant for Death“ (dt. „Ruhige Wohnung mit eigener Leiche“). Seien Helden wurden Inspektor Mallett von Scotland Yard und Anwalt Francis Pettigrew. Sie treten mehrfach gemeinsam auf.

Der Kritik schätzt Hare als kompetenten Handwerker, der das Rad der Kriminalliteratur nicht neu erfunden, aber zuverlässig mit in Schwung gehalten hat. Sein Werk ist schmal. Hare blieb Zeit seines Lebens Jurist und schrieb nur in der Freizeit. Neun Kriminalromane, ein Kinderbuch und ein Theaterstück erschienen in zwanzig Jahren. Ein Band mit Kriminalgeschichten kam nach Hares frühem Tod 1958 heraus.

Copyright © 2010/2017 by Michael Drewniok (md)

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