Monster auf der Couch

Jenny Jägersberg/Mats Strandberg
Monster auf der Couch

Originaltitel: Monster i terapi (2020)
Deutsche Erstausgabe: März 2022 (Penhaligon/Penhaligon Hardcover)
Deutsch von Leena Flegler.
Cover: www.buerosued.de
451 Seiten
ISBN 978-3-7645-3268-0

von Gunther Barnewald


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An sich ist es eine pfiffige Idee, welche die beiden schwedischen Autoren Mats Strandberg und Jenny Jägersberg hatten: Sie legen berühmte literarische ‚Monster‘ (sprich Figuren aus prominenten klassischen Gruselromanen) auf die Couch und tun so, als wären sie ‚Menschen‘, die auf in unsere reale Welt und Zeit gelangt seien, um die Praxis einer jungen Psychotherapeutin aufzusuchen. Dort werden sie befragt, untersucht und behandelt.

Leider hakt dieses Konzept oft sehr, was diesem Lesbarkeit und Unterhaltungswert raubt. Da wäre gleich die erste Frage, warum diese Personen, die alle aus vergangenen Jahrhunderten stammen (Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die Vampirin Carmilla und ihre Geliebte Laura, Dr. Frankenstein und das von ihm erschaffene Wesen plus Frankensteins Ehefrau in spe Elizabeth Lavenza sowie schließlich Dorian Grey), sich ausgerechnet einer Frau anvertrauen. galten Frauen doch zu ihren Zeiten als emotional instabil, triebgesteuert und hysterisch. Dies deuten die Autoren zwar kurz an – Dr. Jekyll führt das Wort -, gehen aber schnell und einfach über das Thema hinweg.

Überhaupt werden viele aus heutiger Sicht verquere Sichtweisen der Vergangenheit einfach ausgespart, damit die Therapeutin möglichst ‚widerstandsfrei‘ (Vorsicht: naseweises Wortspiel!) mit ihren Patienten diskutieren kann. Dabei scheint es dieser oft nur darum zu gehen, die Patienten vom eigenen Standpunkt zu überzeugen, ohne Wert darauf zu legen den Klienten deutlich zu machen, was ihnen eine Verhaltensänderung und eine andere Denkweise bringen könnte.

Selten versetzt sie sich wirklich in die Rollen und Lebensphilosophien ihrer Patienten. Meist folgt sie ihren eigenen Behandlungsmethoden und rät beispielsweise Dr. Jekyll, sich Freunden anzuvertrauen, ohne dies zu begründen oder positive, belohnende Effekte anzukündigen.

Das therapeutische Repertoire der Psychologin scheint eingeschränkt und sehr vorhersehbar zu sein. Dass Dr. Jekyll ‚zufällig‘ mit der Arbeit des jungen Sigmund Freud vertraut ist, erscheint allzu selbstverständlich, obwohl es das therapeutische Gespräch vereinfacht. Doch sollten Freuds Schriften den guten Doktor Jekyll nicht eher verschrecken, da sie ihn als extrem verklemmt und reaktionär outen? Gerade erl würde eher freie Triebbefriedigung oder -entfaltung (vor allem sexueller Natur,) sicherlich fundamental ablehnen.

Hier machen es sich die Autoren eindeutig zu leicht! Robert Louis Stevenson, Joseph Sheridan LeFanu, Mary Wollstonecraft Shelley und Oscar Wilde rotieren wahrscheinlich in ihren Gräbern! Die größte Enttäuschung ist aber die ‚Therapie‘, die recht armselig, karg und einfallslos wirkt; dies vielleicht auch, weil die Klienten allzu schnell nachgeben und einschwenken. Häufigste Intervention der Therapeutin ist die schlichte Verbalisierung emotionaler ‚Zustände“ („Was haben sie dabei gefühlt?“). Weitere Interventionstechniken bleiben Mangelware. Meist schon nach drei Sitzungen hat die Therapeutin alles im Griff und den Patienten geholfen.

In der realen Therapie finden dagegen ausführliche probatorische oder „Kennenlernsitzungen“ statt, um die Anamnese des Patienten zu klären Danach erst schließt sich die eigentliche Therapie an. Die hier geschilderte Analytikerin legt stattdessen in der ersten Sitzung voll los, ohne die Hintergründe zu kennen: Interessanterweise (aber wenig glaubhaft) geben Strandberg und Jägerfeld vor, dass die Therapeutin die ‚literarischen‘ Vorgeschichten ihrer Klienten weiß kaum kennt. Daraus ergeben sich Missverständnisse; so wird Dr. Frankenstein der sexuellen Untreue verdächtigt, während er nur von seiner Verfehlung sprecht, ein menschenähnliches Lebewesen erschaffen zu haben.

Gegen Ende deuten die beiden Autoren an, dass vielleicht die ganze Geschichte nur das Ergebnis einer Psychose der schwangeren Therapeutin ist, was der Idee jedwede Erhabenheit nimmt und das Ganze noch armseliger wirken lässt. Es ist schade um die innovative Grundidee, die liebevolle Ausstattung mit Bildern, die Zeichnungen und die vielen, einfallsreich eingesetzten Schriftarten!

Auch die gute fachliche Erklärung der sechs Stufen der Moralentwicklung nach L. Kohlberg (ein wirklich fundierter und ausgezeichneter wissenschaftlicher Ansatz, der viel zu selten gewürdigt und leider in Schulen nicht gelehrt wird, obwohl man Schüler damit sehr gut beeinflussen könnte, sich selbst moralisch weiterzuentwickeln), eine Entwicklungsstufenskala, die auch naturwissenschaftlichen Überprüfungen standhält (im Gegensatz zur Psychoanalyse), rettet die Geschichte nicht mehr.

Hervorzuheben ist die stilistische Stärke des Buchs, denn trotz der enttäuschenden und unausgegorenen Handlung kann man den Roman bis zum Schluss gut lesen. Die Schwächen sorgen für ein nicht einmal mäßiges Buch, sondern für eine herbe Enttäuschung!

Copyright © 2022 by Gunther Barnewald

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