Mord made in England

Cyril Hare
Mord made in England


Originaltitel: An English Murder [GB-Titel] (London : Faber and Faber 1951)/The Christmas Murder [US-Titel] (New York : Mercury Publications 1951)
Übersetzung: Klaus Prost
Deutsche Erstveröffentlichung: Februar 1964 (Rowohlt Verlag/RoRoRo-Thriller 2041)
142 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1993 (Diogenes Verlag/Detebe 22604)
235 S.
ISBN-13: 978-3-257-22604-1

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Das geschieht:

Dieses Weihnachtsfest wird das letzte sein, das die Familie Warbeck mit ihren Freunden in Warbeck Hall verbringen wird. Der einsam gelegene Stammsitz in der englischen Grafschaft Markshire wird nach dem Tod des siechen Lord Warbeck nicht mehr zu halten sein. Steuern und Unterhaltskosten machen ihm den Garaus. Pikanterweise ist der älteste Vetter des Lords mitverantwortlich für den Untergang. Sir Julius Warbeck gehört als Schatzkanzler (= Finanzminister) der Regierung an, die dem Hochadel finanziell die Daumenschrauben ansetzt. Der alte Lord ist Realist und nimmt ihm das nicht übel. Sohn Robert denkt anders. Er ist ein Taugenichts, der sich als „Führer“ der obskuren „Liga für Freiheit und Recht“ einen Namen zu machen sucht.

Ebenfalls unter den Gästen: Lady Camilla Prendergast, die eigentlich mit Robert verlobt ist, aber schon seit längerer Zeit unter fadenscheinigen Vorwänden hingehalten wird und nun dem Treulosen die Pistole auf die Brust setzen will. Mrs. Carstairs hat es auf Sir Julius abgesehen, denn ihr tüchtiger Gatte würde ihn gar zu gern in Pension sehen, um selbst den Ministerposten zu übernehmen. Hinter den Kulissen von Warbeck Hall wirkt seit Jahrzehnten diskret Butler Briggs, der ebenfalls ein ernstes Wort mit Robert reden will; da geht es um sein Töchterlein Susan, auf das offenbar nicht nur Roberts wohlwollendes Auge gefallen ist.

Unabhängige Beobachter des sich anspinnenden Dramas sind Dr. Bottwink, ein deutscher Historiker, und Sergeant Roberts, der Sir Julius bewacht. Seine kriminalistischen Fähigkeiten sind gefragt, als Robert Warbeck während eines turbulenten Weihnachtsessens mit der Ankündigung einer sensationellen Neuigkeit und Zyankali auf den Lippen tot zusammenbricht. Alle Bewohner von Warbeck Hall sind verdächtig. Da das Haus eingeschneit und abgeschnitten ist, muss der Mörder von den Bewohnern gefunden werden. Eile ist vonnöten, denn schon bald wird das nächste Opfer gefunden …

Krimi-Vergnügen mit doppeltem Boden

Was mag ein „Mord made in England“ sein? Hier ist es ein geschicktes (und aus dem Original gerettetes) Wortspiel, das die beiden Ebenen anspricht, auf denen dieser Roman abläuft. Da ist zum einen die bekannte Kulisse des urbritischen Landhauses: vornehm heruntergekommen, einsam, bevölkert von einer Schar einander wenig gewogener Personen, die sämtlich etwas zu verbergen haben. Hier spielt sich das beliebte Drama „Wer ist=s gewesen?“ ab, als es den ersten Mitspieler dahinrafft. Falls diese Form des Thrillers nicht in England erfunden wurde, könnten die Angelsachsen immerhin ein Patent darauf geltend machen.

Cover der dt. Erstausgabe (Sammlung md)

Gleichzeitig verweist die Auflösung – die hier natürlich verschwiegen wird – darauf, dass wir es hier eben nicht mit dem üblichen „Whodunit“ zu tun haben. Während Hare dessen Regeln auf der einen Seite streng beachtet, hebelt er sie auf der anderen mit Geschick und sichtlichem Vergnügen immer wieder aus. Schließlich können die Verbrechen in Warbeck Hall so tatsächlich nur in England geschehen. Sie basieren auf einem der zahllosen Seitentriebe der insularen Justiz, die in Sachen historisch bedingter Verworrenheit womöglich jedes andere Land auf dieser Erde schlägt.

„Mord made in England“ spiegelt (in unterhaltsamer Gestalt) den Kampf zwischen Tradition und Moderne wider. Dieser wird im klassischen Landhauskrimi üblicherweise konsequent ausgeblendet, denn dort herrscht Harmonie in einer ansonsten heilen, der schnöden Realität enthobenen Welt, der die Leserschaft für einige entspannende Feierabendstunden entfliehen möchte. Dass dies auch ohne Kitsch und Kalauer gelingen kann, vermag Cyril Hare souverän deutlich zu machen.

Der alte Lord, sein lotterlebiger Sohn, der allwissende Butler, die schöne Lady, die schwatzhafte Quasi-Lady, der redliche Polizist … Noch längst nicht vollständig ist das Inventar der Figuren, ohne die scheinbar kein britischer Landhauskrimi auskommt. Aber auch hier spielt Hare mit den Erwartungen seiner Leser. Niemand ist, wer er oder sie zu sein scheint. Längst hat die Zeit die nur vordergründig ehrwürdige Gesellschaft eingeholt. Niemand weiß es besser als ausgerechnet der alte Lord Warbeck: Auf Warbeck Hall wird eine morsche Komödie namens „Gute, alte Zeit“ gespielt.

Kein Wunder dass die Darsteller immer wieder aus ihren Rollen fallen. Nicht einmal Briggs kann und will die antrainierte Fassade von Untertänigkeit aufrechterhalten, als der alte Lord, die letzte Verbindung zur Vergangenheit, nicht mehr ist. Schon vorher wurde verdrängt, was nicht sein durfte: Robert Warbeck hat nicht nur die Butlerstochter entehrt, seine Verlobte versetzt, sich mit dem Rest der Familie verkracht, sondern mimt kurz nach dem II. Weltkrieg den Karriere-Faschisten. Kein adliger Knochen steckt in seinem verderbten Leib.

Sir Julius Warbeck ist im Gegensatz zu seinem Vetter, dem Lord, der Sprung ins 20. Jahrhundert besser geglückt. Zum Hochadel will und darf er nicht gehören, sein Amt als Minister sichert ihm die Macht der Gegenwart, welche die Privilegien der Vergangenheit abgelöst hat. Eines hat sich immerhin nicht geändert: Der Minister ist keineswegs klüger als der Lord; Cyril Hare spart nicht mit boshaften Seitenhieben auf die englische Politik.

Des Lesers Stellvertreter

Da die Bewohner von Warbeck Hall in ihrer kleinen Privathölle gefangen sind, bleibt es einem Besucher aus der Fremde überlassen, Licht in die mörderische Dunkelheit zu bringen. Dr. Bottwink ist auf den ersten Blick der typische zerstreute Professor. Allerdings verbergen sich hinter der fast unterwürfigen Höflichkeit ein scharfer Verstand und eine traurige Vergangenheit: Bottwink hat im Konzentrationslager gelitten und reagiert daher besonders allergisch auf Robert Warwicks Anmaßung.

Die holde Weiblichkeit lässt sich erst recht nicht mehr in die ihnen zugewiesenen Landhaus-Krimi-Klischees pressen. Mrs. Carstairs spielt nicht die zweite Geige hinter ihrem Gatten. Stattdessen betätigt sie sich in seiner Abwesenheit als Königsmacherin, die nicht wählerisch in der Wahl ihrer Mittel ist. Lady Camilla ist schon Mitte 20 und immer noch unverheiratet. Das wird sie wohl auch weiterhin bleiben, ohne dass darüber für sie eine Welt zusammenbricht. Sie kommt ganz gut über die Runden und übersteht deshalb die Warbeck-Affäre mit Blessuren, aber ansonsten unbeeinträchtigt.

So ergeht es auch dem Leser, der wieder einmal feststellt, dass ein richtig guter Kriminalroman nicht auf 500 und mehr Seiten aufgeblasen werden muss. Cyril Hare konzentriert sich auf seine Geschichte. Was nicht unbedingt wichtig ist, bleibt angedeutet. Längen gibt es nicht, und eine alte aber ausgezeichnete Übersetzung trägt ihren Teil dazu bei, die Zeitlosigkeit dieses betagten aber keineswegs altersschwachen Krimis zu erhalten.

Autor

Cyril Hare wurde im Jahre 1900 in Mickleham, Grafschaft Surrey, als Alfred Alexander Gordon Clark geboren. Er lernte das Landleben kennen und schätzen, war ein passionierter Jäger und Angler. Clark studierte Jura am New College zu Oxford, und wurde 1924 Anwalt – eine Familientradition. 1933 heiratete Clark Mary Barbara Lawrence. Das Paar ließ sich in Cyril Mansions in Battersea nieder. Clark arbeitete als Jurist u. a. am Hare Court, Temple.

Daneben pflegte Clark seine schriftstellerischen Ambitionen. Nach einigen Sketchen für das „Punch“-Magazin verlegte er sich auf den Kriminalroman, in den er seine Erfahrungen als Jurist einfließen ließ. Als Pseudonym – schließlich war er ein angesehener Mann des Rechtes – wählte er Cyril Hare. Als erster Roman erschien 1937 „Tenant for Death“ (dt. „Ruhige Wohnung mit eigener Leiche“). Seine Helden waren Inspektor Mallett von Scotland Yard und Anwalt Francis Pettigrew. Sie treten in einigen Romanen sogar gemeinsam auf. Nur „An English Murder“ wurde außerhalb dieser beiden Reihen veröffentlicht.

Der Kritik schätzt Hare als kompetenten Handwerker, der das Rad der Kriminalliteratur nicht neu erfunden aber zuverlässig mit in Schwung gehalten hat. Sein Werk blieb schmal. Hare war Zeit seines Lebens Jurist und schrieb nur in der Freizeit. Neun Kriminalromane, ein Kinderbuch („The Magic Bottle“, 1946) und ein Theaterstück („The House of Warbeck“, 1955) erschienen in zwanzig Jahren. Ein Band mit Kriminalgeschichten kam nach Hares frühen, durch die Folgen einer nie ausgeheilten Tuberkulose bedingten Tod im Jahre 1958 heraus.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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