Mordakte Kasino

S. S. van Dine
Mordakte Kasino

(Philo-Vance-Serie, Bd. 8)

Originaltitel: The Casino Murder Case (New York : Charles Scribner’s Sons 1934/London : Cassell & Co. 1934)
Deutsche Erstausgabe [unter dem Titel „Der Tod im Kasino“]: 1935 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Roman-Bibliothek 13)
Übersetzung: Hans Herdegen
223 S.
Neuausgabe: Mai 2009 (Fischer Verlag/Fischer Crime Classic 18467)
Übersetzung: Leni Sobez
191 S.
ISBN-13: 978-3-596-18467-5

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Der aktuelle Fall des Privatermittlers Philo Vance beginnt mit einem anonymen Brief. Sein unbekannte Verfasser (oder ist es eine Verfasserin?) kündigt düster Mord & Totschlag in einer renommierten Familie aus New York City an: Die Llewellyns gehören zum alten Geldadel der Stadt. Unter der Fuchtel von Mrs. Anthony Llewellyn, der Matriarchin des Clans, residieren feudal aber nicht glücklich in der Familienvilla:

– Richard Kinkaid, Bruder der Hausherrin; vom Vater wurde er weitgehend enterbt und ist deshalb auf die Einkünfte seines allerdings lukrativen Spielkasinos angewiesen.
– Lynn Llewellyn, Sohn derselben; seiner Mutter ist er beinahe ödipal ergeben, den Onkel hasst er. Besessen arbeitet er an einem System, mit dessen Hilfe er die Kasinobank sprengen und Kinkaid demütigen will.
– Amelia Llewellyn, Lynns Schwester; sie dilettiert als Künstlerin und beginnt sich zu einer gelangweilten, zynischen Jungfer zu entwickeln.
– Virginia Vale, Lynns Gattin; der ehemalige Varieté-Star wird von der Schwiegermutter terrorisiert und fühlt sich auch sonst – und mit Recht – unwillkommen in ihrem ‚Heim‘.
– Morgan Bloodgood, Kinkaids Spielaufseher und Chefcroupier, ist ein undurchsichtiger Mann, der Amelia den Hof macht und sich deshalb oft in der Familienvilla aufhält.
– Dr. Allan Kane plant offenbar Ähnliches und lässt sich deshalb ebenso eifrig dort blicken.

Die Lunte am familiären Pulverfass brennt, und Vance ist gewarnt. Mit seinem Sekretär und John F.-X. Markham, dem Distrikt-Anwalt von New York, betritt er dennoch zu spät die Szene: Als das Trio Kinkaid in seinem Kasino aufsucht, werden sie Zeugen, wie Lynn nach einem hohen Roulette-Gewinn vergiftet zusammenbricht. Während sein Leben knapp gerettet werden kann, stirbt daheim Gattin Virginia durch ein weiteres Gift-Attentat. Sie bleibt nicht das letzte Opfer des unheimlichen Mörders sein, der seine Taten so geschickt plant, dass nicht einmal Vance das Gift identifizieren kann, mit dem getötet wird. Doch der Detektiv holt bald auf – und erregt dadurch die Aufmerksamkeit des Killers, der zu dem Schluss kommt, dass nur ein Dreifachmord ihm (oder ihr) einen endgültigen Sieg bescheren kann …

„The bigger they come …“

Die 1930er Jahre waren keine gute Zeit für den Kriminalschriftsteller S. S. van Dine. Berühmt war er mit klassischen „Whodunits“ geworden, die dem Genre zwar keine neuen Impulse gaben, es aber auf manchmal geniale Weise ausloteten und interpretierten. Die ersten sechs Philo-Vance-Romane gehören nach Ansicht der Literaturkritik zum Kanon der ewigen Klassiker.

„Mordakte Kasino“ ist kein ’schlechter‘ Roman. Eigentlich setzte van Dine die Vance-Reihe fort, wie er sie begonnen hatte: In abgeschlossenen Räumen – dem Familiensitz der Llewellyns bzw. dem Kinkaidschen Kasino – und in Anwesenheit einer namhaft gemachten Schar potenzieller Verdächtiger geschehen diverse Morde. Dieses Mal kommt Gift zum Einsatz, ein Instrument, das nicht die direkte Anwesenheit des Täters erfordert. Das ist nicht nur heimtückisch (und unsportlich), sondern erschwert auch die Ermittlungen erheblich, zumal das dieses Mal zum Einsatz kommende Mittel sich nicht nachweisen zu lassen scheint.

Van Dine stellt – ‚vertreten‘ durch Philo Vance – sein einschlägiges Wissen über in Mörderkreisen ‚beliebte‘ Gifte unter Beweis. Mit dem möglichen Einsatz „Schweren Wassers“ wird die Palette um ein bizarres Mittel erweitert. Aber van Dine, der Hintertürchen in einem Krimi verdammte, findet letztlich zu einer logischen und gleichzeitig überzeugenden Auflösung zurück.

Grundsätzlich wird „Mordakte Kasino“ dadurch zum Vance-Krimi, wie wir ihn kennen und schätzen. Die Vorbehalte rühren womöglich aus dem Wissen um die Skepsis der Kritik (s. o.) her, denn die Lektüre ist durchaus unterhaltsam. Nüchtern und sachlich beschreibt van Dine Schauplätze, legt Indizien offen, hält uns an der Leine, wie wir es wünschen, wenn wir miträtseln möchten, wer hinter den Morden steckt. Auch das große Finale lässt an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Die letzten Rätsel werden vor dem Lauf des entsicherten Revolvers enthüllt, die der Täter auf den Detektiv richtet.

„… the harder they fall“

So sollte man sich das Vergnügen an diesem alten oder sogar altmodischen Krimi nicht verderben lassen. Dass S. S. van Dine unter die Räder eines sich drastisch verändernden Publikumsgeschmacks geriet, liegt viele Jahrzehnte zurück. Wie Lars Schafft in einem seiner beiden ausführlichen Nachworte beschreibt, wurde van Dine zum prominenten Opfer des „Hard-Boiled“-Krimis. Harte Jungs mit großkalibrigen Knarren übernahmen in den 1930er Jahren das Ruder. Die neuen Stars des Genres hießen Raymond Chandler oder Dashiell Hammett. Der Ton wurde rau und war (scheinbar) der Wirklichkeit abgelauscht. Die künstliche und isolierte Welt des Philo Vance (der in „Mordakte Kasino“ gerade mit der Abfassung einer wissenschaftlichen Monografie über sumerische Töpferei beschäftigt ist) erschien – zumal angesichts der Weltwirtschaftskrise mit ihren politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verwerfungen – überkommen und lächerlich.

Lars Schafft beschreibt die für van Dine dramatischen Folgen. Dieser schrieb ausschließlich Philo-Vance-Romane, die sein Auskommen sicherstellten, zumal Hollywood zuverlässig die Filmrechte erwarb. Mit „Mordakte Kasino“ begannen die Verkaufszahlen einzubrechen. Van Dine blieb notgedrungen bis zum bitteren Ende seinem Detektiv treu, doch vermutlich ersparte ihm sein relativ früher Tod im Jahre 1939 eine ernsthafte Finanzkrise.

Die „Mordakte Kasino“ in Deutschland

Auch in Deutschland war van Dine mit seinen Vance-Romanen erfolgreich. Sie wurden regelmäßig und schnell übersetzt, bis das „Dritte Reich“ dem in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre einen Riegel vorschob. „Mordakte Kasino“ erschien als „Der Mord im Kasino“ 1935 im Goldmann-Verlag; diese Ausgabe wurde 1951 erneut aufgelegt.

Die aktuelle Ausgabe basiert indes auf einer neu übersetzten Fassung des Jahres 1974, die nicht nur gekürzt ist, sondern sich auch recht altmodisch liest. Dies wird freilich erst im Vergleich mit den ungekürzten und neu übersetzten Vance-Romanen deutlich, die zwischen 1987 und 2003 in der „Kriminal-Bibliothek“ des DuMont-Verlags erschienen. Deren Einstellung machte weiteren Neuausgaben ein Ende, sodass der Leser, der nicht zum Originaltext greifen möchte, zu Recht froh sein darf, auf den Fischer-Crime-Classic-Band zurückgreifen zu können, der als Boni gleich zwei informationsreiche Nachworte des „Krimi-Couch“-Chefredakteur Lars Schafft enthält, der einerseits über „Mordakte Kasino“ als Wendepunkt im van Dineschen Schaffen schreibt und andererseits einige oft vergessenen Meister des frühen US-amerikanischen Kriminalromans vorstellt.

„The Casino Murder Case“ als Film

Philo Vance gehörte in den frühen 1930er Jahren zu den Detektiven, die nicht nur literarisch, sondern auch im Film zu Ruhm gelangten. Hollywood griff gern auf van Dine zurück, zumal die Umsetzung nicht kostenintensiv war und kalkulierbar blieb: In dieser Ära der Geschichte wurden Filme wie am Fließband produziert. Da die großen Studios selbst Kino-Ketten besaßen, war gewährleistet, dass auch B-Movies ihr Publikum fanden.

„The Casino Murder Case“ wurde 1935 vom Routinier Edwin L. Marin (1899-1951) inszeniert. Seinen Namen wird man in den Hollywood-Annalen höchstens als Fußnote finden; Marin gehörte zum Heer jener Regisseure, die in erster Linie für ihre Fähigkeit bekannt (und von ihrem Arbeitgeber geschätzt) wurden, Filme möglichst rasch, problemfrei und im Budgetrahmen zu realisieren. „The Casino Murder Case“ ist deshalb ein B-Movie reinsten Wassers, das wohl ein wenig zu originalgetreu der Romanvorlage folgte, um erfolgreich zu werden: Es gab keine Romanze, und der Krimi-Plot war keineswegs fesselnd genug, um dies auszugleichen. Da half es wenig, dass Florence Ryerson und Edgar A. Woolf das Drehbuch schrieben; vier Jahre später schrieben sie am Buch zum ewigen Klassiker „Der Zauberer von Oz“ mit Judy Garland in der Hauptrolle mit.

Die Schauspieler gehörten zum Stammpersonal des Metro-Goldwyn-Mayer-Studios. Mit Paul Lukas (1891-1971) war die Hauptrolle trotzdem durchaus ansprechend besetzt; im Verlauf seiner mehr als 50-jährigen Karriere zeigte sich Lukas als gewandter Schauspieler, auch wenn es zu echtem Starruhm nie reichte. Aus der Schar der übrigen Darsteller ragen Rosalind Russell und Leo G. Carroll heraus, die freilich erst später bekannt wurden.

Autor

S. S. Van Dine wurde als Willard Huntington Wright am 15. Oktober1888 in Charlottesville, Virginia, geboren. Er besuchte diverse Colleges und schließlich die renommierte Harvard University. Dort wurde er als bester Student in den Fächern Anthropologie und Ethnologie ausgezeichnet. 1907 wechselte Wright in die Literaturredaktion der „Los Angeles Times“ und schrieb Kritiken zu Büchern und Theaterstücken. Ab 1915 arbeitete Wright als Kunst- und Musikkritiker. Daneben verfasste Wright eine Reihe von Büchern über Kunst, Literatur und Musik, die in Fachkreisen als Standardwerke galten. 1916 entstand auch ein erster Roman.

1925 wurde Wright krank. Zwei Jahre ans Bett gefesselt, vertiefte er sich in das Studium sämtlicher bis dato erschienener Kriminalromane. Was er las, missfiel ihm meist, und er beschloss, dem Genre höchstpersönlich Logik und Klasse einzuhauchen. Diese Fassung der Wrightschen Biografie wird immer noch gern nacherzählt; die Wahrheit ist profaner: Der gelehrte Mann war seiner Leidenschaft für Alkohol und Drogen erlegen und darüber arbeitslos und pleite geworden.

„The Benson Murder Case“ (dt. „Der Mordfall Benson“) markiert den Auftritt des reichen, unabhängigen, hochintelligenten Privatgelehrten und Amateurdetektivs Philo Vance. Um seine wissenschaftliche Reputation zu schützen – so streng waren die Sitten einst – wählte Wright vorsichtshalber ein Pseudonym als Verfassernamen: Van Dyne war der Name seiner Großmutter mütterlicherseits.

Philo Vance schlug buchstäblich ein. Binnen kurzer Zeit war Wright finanziell saniert und konnte im Luxus leben wie sein Detektiv. Er hütete zunächst seine Identität, die schließlich doch gelüftet wurde, als Wright sich literaturwissenschaftlich auch dem Krimi widmete und u. a. Gebote für seine schreibenden Kollegen formulierte, die sämtlich einen nachvollziehbaren Plot einforderten.

Wright schrieb insgesamt zwölf Philo Vance-Romane, die sämtlich verfilmt wurden. Auch für das Radio wurden sie bearbeitet. Seinen Reichtum genoss Wright in vollen Zügen. Als er am 11. April 1939 in New York City an einem Herzanfall starb, belief sich sein Erbe auf gerade noch 13.000 Dollar.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de

Titel bei Booklooker.de

Der Mordfall Drachen

Der Mordfall Terrier

Der Mordfall Canary

Der Mordfall Skarabäus

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.