Morddeutung

Jed Rubenfeld
Morddeutung

(SigmundFreud-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: The Interpretation of Murder (New York : Henry Holt 2006)
Übersetzung: Tamara Rapp
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2007 (Heyne Verlag)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-26544-8
Neuausgabe: Juli 2008 (Heyne Verlag/TB Nr. 43327)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-43327-4
eBook: März 2009 (Heyne Verlag)
802 KB
ISBN-13: 978-3-641-02356-0

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Das geschieht:

Im August des Jahres 1909 empfangen die Psychoanalytiker Stratham Younger und Abraham Brill im Auftrag der Clark University in New York die europäischen Väter ihrer noch jungen Wissenschaft: Aus Wien besucht sie Sigmund Freud in Begleitung seiner Schüler Sándor Ferenczi und C. G. Jung. Der berühmte Analytiker wird von den wissenschaftlichen Kollegen, die ihn für einen Scharlatan halten, stark angefeindet. Die Einladung in die USA gab Freud die Gelegenheit, dem Streit für einige Zeit aus dem Weg zu gehen und sich unter freundliche Kollegen zu begeben.

Die gelehrte Männerrunde wird durch ein aktuelles Verbrechen herausgefordert. Ein brutaler Serienmörder überfällt junge Frauen hohen gesellschaftlichen Standes, foltert und erdrosselt sie mit einer Seidenkrawatte. Sein letztes Opfer, die 17-jährige Nora Acton, konnte durch Schreie rechtzeitig auf sich aufmerksam machen und wurde gerettet. Der Schock hat allerdings die Erinnerung an die Untat gelöscht. Younger, der selbst zur Highsociety gehört, kann dem Bürgermeister von New York, der persönlich die Ermittlungen in diesem delikaten Fall leitet, die Idee schmackhaft machen, Nora psychoanalytisch zu behandeln und so die Gedächtnisblockade zu lösen. Freud steht ihm beratend zur Seite.

Nora identifiziert George Banwell, einen angesehenen Bauingenieur, als ihren Angreifer. Allerdings gibt es einen zweiten Verdächtigen – den psychisch labilen aber steinreichen Henry Thaw, der vor zwei Jahren den Star-Architekten Stanford White als angeblichen Nebenbuhler erschoss. Für sein Verbrechen musste er sich nie verantworten, sondern führt ein behagliches und kaum bewachtes Dasein in einer luxuriösen Nervenheilanstalt.

Jung will Freuds Lehre durch die eigene Doktrin ersetzen. Das macht ihn zum idealen Strohmann für eine Gruppe mächtiger Männer, die sich gegen den ‚unmoralischen‘ Freud verschwören und ihn mundtot machen wollen. Handfeste Kriminelle, psychisch beschädigte Zeitgenossen und skrupellose Machtmenschen entfachen das Feuer unter einem Kessel, bis dessen Inhalt allen Beteiligten spektakulär um die Ohren fliegt …

Psychoanalyse = Sigmund Freud

Am Anfang stand wohl folgende Idee: Ich interessiere mich für Psychologie und will einen Roman schreiben, der möglichst viele Leser finden soll. Dem Ergebnis gebe ich die Gestalt eines Historienromans, denn dieses Genre ‚geht‘ in der (Unterhaltungs-) Literatur gegenwärtig ausgezeichnet.

Gedacht, getan, und fast selbstverständlich wurde Sigmund Freud zur Hauptfigur dieses Romans, denn selbst wer keine Ahnung vom Wesen der Psychologie hat, kennt die zur Ikone erhobene Gestalt des (alten) Freud mit Silberhaar und Graubart, der am Kopfende seiner Couch sitzt, auf der Patienten (oder Versuchspersonen) ihm liegend berichten, was durch ihre Köpfe geht.

Als Aufhänger für seine Geschichte nutzt Verfasser Rubenfeld geschickt die lückenhafte Quellenlage, die Freuds einzige Reise über den Atlantik recht geheimnisvoll wirken lässt, wenn man gewisse Aspekte taktisch überbetont. Freud selbst äußerte sich nachträglich nur knapp und sehr negativ über seinen Aufenthalt. Die Amerikaner hielt er für „Wilde“, die ihm so arg zu schaffen gemacht hätten, dass er sogar krank geworden sei. Rubenfeld lässt ihn zusätzlich unter den Nachwirkungen einer Serienmord-Ermittlung leiden, die ihn allzu intensiv mit der dunklen Seite der Psychoanalyse konfrontiert: Als Basis für einen Thriller ist das ein guter Ansatz.

Welt im Umbruch

Wobei Serienkiller ebenfalls weiterhin eine feste Größe im Kriminalroman darstellen. Hier muss sich der Täter nicht gar zu verquer und grausam geben. In der Welt von 1909 reicht es vollauf aus, mit Peitsche, Skalpell und Würgeschlips zu ‚arbeiten‘. Rubenfeld bettet seine Geschichte in ihr historisches und soziokulturelles Umfeld ein: In einer auf Form und ‚Anstand‘ fast manisch fixierten Gesellschaft muss das Auftreten eines mörderischen Eindringlings, der die Regeln durchaus bewusst missachtet und damit verächtlich macht, besonders erschreckend wirken. Sexfolter und Mord sind Verbrechen, derer sich nur der Pöbel schuldig macht: Das ist nach Ansicht der Reichen & Mächtigen von 1909 jener Teil der Bevölkerung, mit dem sie, die sich selbst zu besseren Menschen erster Klasse ernannt haben, nichts gemein haben.

Die Realität sieht bzw. sah freilich anders aus. Immer wieder gelingen Rubenfeld Szenen, die davon künden, wie und warum es in New York gärt. Die unterdrückten, schamlos ausgenutzten und rechtlos gehaltenen Männer und Frauen der Unterschicht beginnen aufzubegehren. Sie organisieren sich und streiken, fordern bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. In dieser frühen Phase antwortet das Establishment darauf mit Gewalt. Polizei, Justiz und sogar das Militär werden zu Erfüllungsgehilfen der Mächtigen, die den Geist zurück in die Flasche zwingen wollen.

Dieser Geist speist sich aus vielen Quellen. Der Plot von „Morddeutung“ thematisiert ein allgemeines Unbehagen, das konservative Kreise Anfang des 20. Jahrhunderts erfüllte. Technik, Wissenschaft und Kultur entwickelten sich so rasant, dass die Vertreter alter, bisher unumstößlicher gesellschaftlicher Normen und Grundsätze nicht mehr Schritt halten konnten. Die Psychoanalyse ist ein perfektes Beispiel: Ihre Gegner sahen nicht die Möglichkeiten, sondern fürchteten die Konsequenzen einer Wissenschaft, die Moral, Sitte und Anstand auf biologische und chemische Vorgänge zu reduzieren schien. In einer Ära bemerkenswerter Bigotterie mussten Freuds Thesen mit ihrer Betonung des sexuellen Aspekts der menschlichen Psyche erschrecken und erzürnen.

Angst vor dem Fortschritt

So lässt sich die Konspiration, die Rubenfeld jenseits seiner Serienmörder-Geschichte ersann, auch als Verschwörung der Vergangenheit gegen die Gegenwart (und mögliche Zukunft) deuten. An der Psychoanalyse und ihren Repräsentanten soll ein Exempel statuiert werden. Die Brutalität, mit der honorige Mitglieder des New Yorker Establishments dabei vorgehen, ist durchaus nicht übertrieben: Legendär oder besser berüchtigt ist der zeitgenössische Kapitalismus, dessen Vertreter unter Leugnung jeglicher sozialer Verpflichtungen märchenhafte Vermögen zusammenrafften, auf die lange nicht einmal Steuern erhoben wurden.

Der Kreis schließt sich, wenn wir zu unserem Serienkiller zurückkehren: Hätte er, der von hohem Stand ist, sich darauf beschränkt, die Armen und Rechtlosen abzuschlachten, wäre seine einzige Verpflichtung diejenige gewesen, die sich auch die angesehenen, frommen und hofierten Familienvorstände auferlegten, wenn sie in unzähligen Bordellen ihren Lüsten frönten: Diskretion. Am Beispiel des (realen) Mörders Harry Kendall Thaw lässt Rubenfeld auch diese historische Ungerechtigkeit in seine Geschichte einfließen.

Rubenfeld erzählt also nicht nur eine Geschichte mit Sigmund Freud als Mörderjäger; leider, muss man sagen, denn während ihm seine Rekonstruktion einer historischen Ära bemerkenswert gut gelingt, übertreibt er es mit seiner Historie der frühen Psychoanalyse. „Morddeutung“ wirkt wie ein Crashkurs zum Thema. Wir erfahren sehr – und zu – genau, wie diese Wissenschaft Anno 1909 funktionierte. Ausgedehnte und detailfreudig erläuterte Sitzungen drücken immer wieder auf das Tempo. Rubenfeld kann sich nicht überwinden, sein Fachwissen zum Wohle der Handlung zu unterdrücken bzw. auf einen der Handlung angemessenen Umfang zu beschränken. Das führt zu einem sehr komplexen aber auch komplizierten Plot, der im Finale breit und umständlich aufgelöst werden muss. Zudem thematisiert Rubenfeld den historischen Bruch zwischen Freund und C. G. Jung zu ausgiebig. Zwar tarnt er das, indem er ihn in das Geschehen integriert, doch das Auseinanderdriften zweier grundsätzlicher Auffassungen wirkt dennoch überstrapaziert und verläuft letztlich im Sande.

Detektiv am Kopfende der Couch

Ebenso reizvoll wie schwierig ist das Auftreten realer Personen in einem fiktiven Geschehen. Sigmund Freud ermittelt psychoanalytisch gegen einen grausamen Serienkiller: Das ist zweifellos ein Stoff, der seine Leser findet. Der reale Freud hat sich durchaus zu zeitgenössischen Kriminalfällen geäußert. Selbst detektivisch aktiv ist er freilich nicht geworden. Als eifriger Autor hat Freud aktiv am Selbstbild des genialen Analytikers mitgearbeitet; menschliche Eitelkeit (oder Eifersucht) war ihm keineswegs fremd. Weil er eine schon zu Lebzeiten legendäre Figur war, schrieben außerdem viele Wegbegleiter, Zeitgenossen und später Biografen über ihn. Kurz gesagt: Es gibt mehr als ein Freud-Profil, auf das Jed Rubenfeld zurückgreifen konnte.

Er entschied sich, das klassische Genie-Bild mit jenen kritischeren Tönen zu mischen, die nach Abflauen der größten Freud-Verehrung vernehmlicher wurden. Rubenfeld schildert Freud als scheinbar großzügigen Lehrer und Mentor, der allerdings auf seiner Platzhirsch-Position in der Psychoanalyse besteht. Man versteht ihn, weil er für seine Wissenschaft kämpfen und manche Demütigung und Niederlage einstecken musste. Freud wurde einerseits hart und andererseits starr, was jenseits wissenschaftlicher Differenzen zu seinem Bruch mit C. G. Jung führte.

Die Frage, ob Rubenfeld mit ‚seinem‘ Freud den realen Zeitgenossen schildert, zielt in die falsche Richtung. Dieser Freud ist ebenso Romanfigur wie Stratham Younger, der den Chronisten unserer Geschichte gibt und dort aktiv wird, wo Freud als handelnde Figur absurd gewirkt hätte – so lässt der Verfasser Younger u. a. in den Fluten des Hudson River nach einem wichtigen Beweisstück tauchen und sich in die schöne aber verdächtige weibliche Hauptfigur verlieben.

Weniger gut ist Rubenfeld das Dreieck Nora Acton – George Banwell – Clara Banwell gelungen. Erneut ist es der zu stark betonte psychologische Aspekt, der diesen Figuren klischeehaft wirken lässt. Vor allem Nora bleibt nur die Rolle des Opfers in Rehgestalt. Rubenfeld versucht sie als typische Repräsentantin der weiblichen Oberschicht darzustellen, deren Mitglieder in einer von Vätern und Ehegatten beherrschten Welt fast rechtlos waren und zu parieren hatten. Leider ist Nora gar zu süß und unschuldig; das eine macht sie langweilig, das andere verdächtig, und gemeinsam lässt es den schwer verliebten Younger wie einen Trottel dastehen: weitere Klischees, welche die Kluft verbreitern, die zwischen dem Krimi und seiner psychoanalytischen Rahmenhandlung klafft.

Mörderjagden der alten Schule

Die medizinischen Fach- und Grundsatzgespräche lassen sich freilich problemlos überspringen. Rubenfeld findet immer wieder interessante und ungewöhnliche Schauplätze – die in letzter Sekunde glückende Flucht aus dem vom Bösewicht überfluteten Senkkasten ist zwar schon wieder ein Klischee, aber eines, das funktioniert.

Jed Rubenfeld ist mit seinem Debüt ein Roman gelungen, der zwar diverse Schwächen offenbart, die wichtigste Voraussetzung jedoch erfüllt: Er unterhält. Zu diesem Zweck wurde und wird die wahre Historie permanent instrumentalisiert. Sigmund Freud hat dieses Schicksal schon mehrfach erfahren; der Schriftsteller Nicholas Meyer ließ ihn 1974 in „The Seven-Percent-Solution“ (dt. „Kein Koks für Sherlock Holmes“/“Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud“) gar an der Seite von Sherlock Holmes ermitteln. (Freud hätte es wohl amüsiert; angeblich war er ein leidenschaftlicher Leser von Kriminalromanen.)

Autor

Jed Rubenfeld (*1959) studierte zunächst an der Princeton University und später an der Harvard Law School Jura. Seinen Abschluss machte er 1986; gleichzeitig studierte er Kunst und Literatur an der Juilliard School of the Performing Arts. Ab 1986 arbeitete Rubenfeld für eine Anwaltskanzlei in New York. Später wurde er ein Assistent des Staatsanwaltes in New York. Außerdem lehrte er an der Duke University School of Law als Gastdozent. 1990 wechselte Rubenfeld gänzlich in die Lehre und ging als Dozent zur Universität Yale, wo er 1994 zum Professor ernannt wurde. Sein Spezialgebiet ist das Verfassungsrecht, das er nicht nur in Yale, sondern u. a. als Gastdozent der Stanford University School of Law lehrt.

Bereits während seiner Studienzeit in Princeton beschäftigte sich Rubenfeld mit Sigmund Freud. Dieses Wissen floss 2006 in seinen Romanerstling „The Interpretation of Murder“ (dt. „Morddeutung“) ein, der den berühmten Vater der modernen Psychoanalyse während eines (realen) USA-Aufenthaltes 1909 als Berater in einem (fiktiven) Mordfall präsentiert. Dem erfolgreichen Debüt ließ Rubenfeld – der keineswegs hauptberuflicher Schriftsteller, sondern weiterhin Jurist und Dozent ist – 2010 eine ähnlich erfolgreiche Fortsetzung folgen.

Mit seiner Familie lebt und arbeitet Jed Rubenfeld in New Haven im US-Staat Connecticut.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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